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die dinge mit den augen des blinden sehers

Früher war auch schon viel Bürokratie

Posted by theiresias - 12. September 2016

Nach einem wunderbaren Telefonat, im Zuge dessen wir auf so Fragen kamen, wie das bei mir damals mit dem schulischen Sportunterricht gehandhabt wurde, hat mich die Neugier gepackt und ich habe einmal das alte digitale Archiv meiner ab der Oberstufe sämtlichst am PC abgefassten Aufschriebe zu Schulzeiten durchforstet. Der Antrag, mit dem ich mich, gerade volljährig geworden, in der Jahrgangsstufe 11 des Sportunterrichts entledigte, ist unwiederbringlich verloren. Ungeheuer erheitert hat mich aber das Material, das damals wohl noch abzufassen war, um den so genannten „Nachteilsausgleich“ und den Einsatz zweier Personalcomputer während des Abiturs zu regeln und genehmigen zu lassen. In Bürokratie muss ich mir trotz einiger sprachlicher Unzulänglichkeiten ein „sehr gut“ ausstellen. Müssen das die inklusiv beschulten Abiturienten heute eigentlich auch noch alles selber regeln?

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Musik mit Migrationshintergrund

Posted by theiresias - 12. August 2015

Titelgrafik Songs of Praise

Titelgrafik Songs of Praise

John Loeillet (1680 – 1730)
Sonate für Altblockflöte und Basso continuo, g-Moll

Sonntag, 16. August 2015, 9:30 Uhr
Ev. Kirche Hohenwettersbach
Naomi Nordblom, Flöten,
Johann Christoph Haake, Orgel

Das Begriffspaar Musik und zugehöriger Nationalität ist essentieller Bestandteil vieler Konzertprogrammen und -kritiken. Dvoraks Symphonie aus der neuen Welt klinge in Wahrheit tschechisch und deutsche, englische und französische Romantik sind tunlichst voneinander abzugrenzen. Komponisten schienen jedoch nie so ganz geneigt zu sein, sich mit dieser Eingrenzung abzufinden. So sahen sich die, die über Musik schreiben, schon früh genötigt, Zugeständnisse zu machen. J. S. Bach gestand man seine französischen und englischen Suiten, ein Italienisches Konzert usw. usf. zu. Dabei ist es nicht immer nur das Klangbild und der Charakter des Werkes, die über dessen Nationalität entscheiden. Dvoraks achte Symphonie heißt banal die englische, weil er sich zuvor mit seinem angestammten Verleger verkracht hatte und das Werk in England veröffentlichte.

Ein besonders schwieriger Falls ist natürlich Georg Friedrich Händel. Blieb der doch glatt in Großbritannien hängen und machte fortan englische Musik. Kurz und gut: MusikerInnen halten sich selten an Nationalgrenzen. Komponiert und musiziert wird dort, wo die Rahmenbedingungen für das eigene Schaffen (insbesondere die Wertschätzung und Bezahlung) günstig sind. Mit dem heute gebräuchlichen Vokabular müssen wir daher sehr vielen Künstlerinnen und Künstlern einen Migrationshintergrund bescheinigen. Insbesondere deutsche MusikerInnen waren und sind sehr migrationsfreudig.

Wie klingt Musik mit Migrationshintergrund?

Einfach und mitreißend, anrührend und herausfordernd; wie jegliche gute Kunst. Und doch scheint es angesichts nicht einhaltender öffentlich zur Schau gestellter Hasstiraden gegen Menschen, in deren Pass nicht „Bundesrepublik Deutschland als Geburtsland eingetragen ist, geboten, gerade dass vorzuführen. Und weil ja bei den Angsthasen von Pe-, Ka-, und sonstewasGIDA früher bekanntlich alles besser war, wäre natürlich ein Programm mit ganz altem Zeug besonders wünschenswert … z. B. Barock.
Händel, Vivaldi, Telemann sind u. a. die Vertreter die, wir uns für unsere Musik mit Migrationshintergrund gewählt haben. Leider fehlt uns derzeit die selbe, um das Ganze aufzuführen, zudem migriert ein Teil der Ausführenden gerade für ein par Monate nach London; ausgerechnet dahin, wo Händel hängen blieb!.

Doch so ganz ungehört soll unsere Musik mit Migrationshintergrund doch nicht bleiben. Daher wählten wir ein Stück aus unserem Programm, dass sich gut als Vor- und Nachspiel für einen Gottesdienst eignet.
Die Sonate g-Moll von John Loeillet schwankt zwischen hinreißenden Schwelgereien und heiterem Allegro. Für die/den geneigteN HörerIn mag sie ein wenig wie ein großer Dialog zwischen Flöte und Begleitinstrument klingen. Die Bassstimme antwortet immer auf das Thema der Flöte. Mal wörtlich, mal leicht abgewandelt oder gar umgekehrt. Das New Grove Dictionary of Music beschreibt diesen Stil als konservativ, allerdings englisch konservativ. Und das von einem gebürtigen Flamen.

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Hoch- und tiefbegabt

Posted by theiresias - 10. August 2015

Darf man heute noch lernbehindert sagen? Vermutlich nicht. Deswegen ist Rico tiefbegabt. Ein Begriff mit dem in seinem Umfeld niemand etwas anfangen kann. Folglich muss er ihn ständig erklären. Dafür kann er mit vielen Begriffen ebenfalls nichts anfangen. Fleißig lernt er sie und schlägt sie im Lexikon nach. Seine mangelnde Geschwindigkeit beim Denken macht er durch Mut und Beharrlichkeit wett. Denn wer soll sonst seinen hochbegabten Freund Oskar aus den Fängen von Mister 2000 retten?

Pflichtlektüre für alle, die sich berufen fühlen, ständig über „Inklusion“ zu palabern und vermittels der Anwendung dieses Unworts doch nur beweisen, dass sie in diesem Bereich eigentlich nichts zu sagen haben, weil sie nämlich das Reden darüber gar nicht beherrschen.

Lest Steinhöfel … der kann das!

Andreas Steinhöfel:
Rico, Oskar und die Tieferschatten
CARLSEN Verlag
ISBN: 978-3-551-55353-9 

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Hulra!

Posted by theiresias - 5. Juni 2015

Hulra! = Holunder-Radler. Man nehme in einen Halbliter-Krug so viel Holunderblüten-Sirup, dass dieser mit Aqua-Minerale aufgegossen einem nicht zu süß, aber auch nicht zu fad erscheine. Vor dem Ausprobieren des alkoholischen Getränkes muss man also zunächst sein optimales Mischungsverhältnis beim Holunder-Soda erforschet haben. Auf den Sirup gebe man zunächst ein herbes 0,3 l Pils; am Besten Rohlinck, zur Not tut’s aber auch Barre Bräu oder Hatz. Herforder Pils? – Keiner will’s! Hardcore-Bier-Trinker nehmen natürlich Export. Meiner Meinung nach aber Bier-Esoterik. Großbrauereien sind generell bäh! Den verbleibenden leeren Raum im Krug gieße man mit kräftig prickelndem Mineralwasser auf. Sorgfalt ist natürlich auch auf die Blütenpracht zu legen.
Sicherheitshinweis: Alkoholkonsum kann dazu führen, dass Sie komische Rezepte auf Ihre Internetseite schreiben.

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Fritzchen an den Mai

Posted by theiresias - 18. Mai 2015

Text: Christian Adolf Overbeck
Melodie: Wolfgang Amadeus Mozart 
Arrangement: Johann Christoph Haake

Noten zum freien Download: Fritzchen an den Mai (PDF), Stand 2015-05-18
(Für den Download bitte rechts klicken.)

Lizenz: 
Creative Commons Lizenzvertrag
Fritzchen an den Mai von Johann Christoph Haake ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.
Beruht auf dem Werk unter http://www.liederlexikon.de/lieder/komm_lieber_mai_und_mache/editiond.

„Komm lieber Mai und mache die Bäume wieder grün.“ Dieser Text von Christian Adolf Overbeck erfreute sich bei Komponisten einiger Beliebtheit. Vor Mozart verzeichnet das Liederlexikon noch zwei andere Vertonungen. Letztendlich hat sich aber das Mozartsche Klavierlied mit Anklängen an den letzten Satz seines letzten Klavierkonzerts durchgesetzt. Allerdings ist bereits in seiner Vertonung die erste Textfassung in Vergessenheit geraten, obwohl sie ohne Verrenkungen mit der Melodie korrespondiert hätte. Frauke Schmitz-Gropengießer mutmaßt in ihrem eingangs referenzierten Artikel, etwaige Streichungen und Verknappungen seien der „Anzüglichkeit“ dieses Textes geschuldet. Aus heutiger Perspektive gibt dieser Text dem Lied die Würze, die es vor dem Hinscheiden ins Schnulzenreich bewahrt. Das originale Klavierlied von Mozart ist für Kinder sicher nett, ich wollte ein wenig mehr Schwung. 

 

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Der Roman zur Debatte #regrettingmotherhood

Posted by theiresias - 22. April 2015

Siebenhunderttausend Damen können nicht irren. Siebenhunderttausend Mal verkaufte sich Lori Nelson Spielmanns Roman Morgen kommt ein neuer Himmel allein in der Bundesrepublik Deutschland. Und das sind nur die  Druck- und Ebook-Exemplare. Der Argon-Verlag möchte auch ein wenig vorn der Torte „Belletristik Bestseller Nr. 1 / 2014“ mitessen und legte ein Hörbuch nach. Mit Anja Stadlober fand man zudem eine sehr gute Besetzung für dieses Sujet.  Der Grundton ihrer Lesung ist ein wenig wehleidig und doch irgendwie zupackend.

Denn nichts anderes bleibt der Roman-Heldin Brett Bohlinger übrig. Ihre abgöttisch geliebte Mutter verstirbt an Krebs als Brett gerade mal 34 Jahre alt ist und somit noch gar nicht richtig im Leben steht. Im vollen Bewusstsein ihres jugendlichen Unvermögens rechnet sie damit, das zig millionenschwere Familienunternehmen zukünftig zu leiten. Natürlich hat sie davon keine Ahnung und natürlich ist sie die Einzige, die ihre Mutti wirklich geliebt hat. Deswegen liegt sie heulend in deren Bett, während unten die vollkommen beschäuerte Restfamilie versammelt ist. Und weil die Paarung dieser schrecklichen Umstände so schwer und erdrückend ist, kippt sich unser nun auch schon etwas gealtertes Girlie in der Eröffnungs-Szene erstmal eine 700-$-Pulle Champagner  in die nichtsnutze Birne.
Doch die Firma bekommt nicht Brett sondern deren blöde Schwägerin. Brett erbt eine Liste mit Lebenszielen, die sie zu allem Überfluss während ihrer Pubertät selbst zu Papier gerotzt hat und von der sie nun so gar nichts mehr wissen will. Darauf stehen so flauschige Dinge wie ein Köter und ein Zosse. Aber auch Gutes wollte sie – naiv wie sie war – einmal vollbringen. Letztendlich wollte sie sich dann noch in den richtigen verlieben und mit dem Thema – Sie ahnen es – lag mir Stadlober den ganzen Rest der Romanlesung andauernd in den Ohren.
Ein junger Anwalt, der glücklich/unglücklich eine ältere Frau liebt, soll die Erlangung der Ziele überwachen. Immer, wenn seiner Meinung nach ein Ziel erreicht ist, bekommt die dumme Brett einen Brief von Mutti in einem rosafarbenen Umschlag.

Kürzen wir das ab: Brett erlangt fast alle Ziele. Eines wird ihr von unserem Anwalt erlassen. Sie wird eine Lehrerin, hilft gesellschaftlich vernachlässigten Menschinnen, bekommt das Sorgerecht für das Baby einer Nebenfigur, die dankenswerterweise zu diesem Zwecke aus dem Roman durch Hinschied abtritt, nennt einen Lastrami (Landstraßenmischung) ihr eigen … und verliebt sich in den Richtigen. Jedenfalls erfährt man nichts Gegenteiliges, da auch jeder noch so schöne Roman einmal sein Ende finden muss. Alles weitere lesen wir dann im Gedicht Danach von Kurt Tucholsky.

Für all dies findet Felicitas von Lovenberg in ihrer Besprechung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung weitaus wohl gewähltere Worte und gibt doch vor, nicht zu verstehen, warum ein Roman, der ihrer Meinung nach eine Banalität nach der anderen präsentiere, alles behaupte, aber nichts schildere und gearbeitet sei wie ein „Schnittmuster“ aus einer Frauenzeitschrift so erfolgreich sein könne. Vielleicht macht der Kritikerin Ihr eigenes Fazit Angst: „Was Brett Bohlinger angeht, hat Spielman weniger eine Romanfigur geschaffen als eine perfekte Projektionsfläche für universelle Sehnsüchte. Den diffusen Wunsch, eine bessere, glücklichere und, ja, gern auch betuchtere Ausgabe seiner selbst zu sein, dürften jedenfalls viele mit Brett Bohlinger teilen.“ 
Vielleicht sind die Sehnsüchte nicht universell sondern ganz zeittypisch und die Figur der Brett Bohlinger ist mehr als nur eine Projektionsfläche. Ihr wird ein Teil dessen ermöglicht, was viele Frauen derzeit unter dem Hashtag #regrettingmotherhood formulieren: Das Leben zurückgeben und an dem Punkt, wo Madame glaubt, es lief alles schief, noch mal neu ansetzen. Das Paradoxe an dieser „Debatte“: Im Großen und Ganzen geben die Beteiligtinnen an, mit sich und ihren Leben inklusive Kindern zufrieden zu sein, aber wenn sie die Gelegenheit hätten, würden sie es anders machen … Diesem Phänomen geht Birgit Kelle in ihrem Beitrag Werdet endlich erwachsen! nach und argumentiert an Hand eines eigenen Erlebnisses schlüssig, dass dies nicht nur ein weiblicher Wunsch sei. Man müsse wohlmöglich demnächst auch mit dem Hashtag #regrettingfatherhood rechnen.

In gewisser Hinsicht bekommt Brett diese Chance: Zwar gibt sie nicht ihre Mutterschaft (weil noch nicht vorhanden) zurück, aber ihr verpfuschtes Ü30-Dasein kann sie aufgeben und die Weichen in ihrem Leben neu stellen. Wenn sie alles richtig macht und ganz lieb ihre Liste abarbeitet, hat sie auch weiterhin einen Arsch voll Kohle. Kinder werden nicht selbst gemacht. Das wohlige Mama-Gefühl stellt sich durchaus ein, wenn man ein Baby aus seinem Elendsdasein herausadoptiert. Nachdem Neustart ist das Leben perfekt. Alle Fehler sind beseitigt, nein noch besser: verziehen. Allein, es bleibt Roman-Heldinnen vorbehalten, Ihr Leben zurückzugeben. 

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Die Bahn kommt nicht, vielleicht

Posted by theiresias - 17. April 2015

Schon wieder Streik? Ich habe ja schon bei der letzten Auseinandersetzung zwischen der Weselsky-Truppe und der Bahn mal nachgesehen, ob das Aussperren de jure noch ein erlaubtes Streikinstrument ist. Es ist. Damals wäre es meiner Meinung nach angebracht gewesen. Die Bahn hat einfach ein Händchen dafür, uns Charismatiker übelster Fasson zu bescheren, die wir einfach nicht loswerden, egal ob Chefetage oder MitarbeiterInnenvertretung. Vielleicht muss man, wenn man in der Art abhängig vom ÖPNV ist wie ich, sich doch mal in einer der Fahrgastorganisationen einbringen. Ich möchte nicht nur stänkern, sondern sachorientiert(!) und zielgerichtet hinlangen. Was gibt’s denn da alles außer Pro-Bahn. Irgendjemand aus der werten LeserInnenschaft irgendwo dabei?

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Das Theiresiasweb als Elternportal

Posted by theiresias - 8. April 2015

Das Theiresiasweb als Ratgeberseite für junge Eltern? Mit welcher Legitimation? 

„Das Schönste an Kindern, 
hat Goethe gesacht,
das ist die Nacht,
in der wir sie gemacht.“

Mit diesen wenigen Zeilen von Jürgen von der Lippe ist auch mein Erfahrungs-Horizont zum Thema nahezu umfassend beschrieben. Tortzdem will eine junge, engagierte und in meiner Einbildung gut aussehende Autorin bei den Recherchen zu Ihrem Baby-Ratgeber-Ebook ausgerechnet im Theiresiasweb fündig geworden sein. In welchem Artikel, dazu schweigt sie lieber. Ob ich bereit sei ihr gratis Ebook zu verlinken. Aber selbstverständlich.
Denn das ist ja das Geile bei der Search Engine Optimization (SEO), dass sich vollkommen fremde Wesen gegenseitig verlinken. Hat natürlich was von Orgie im virtuellen Raum. Aber ich bin ja nicht prüde.
Außerdem: Auch junge Eltern sollen meine Qualitätsseite als solche empfinden und auf dieser all den esoterisch einfühlsamen Pfaden, die ihr Elternglück fördern mögen, folgen können. Zudem bin ich ein Liebhaber von Texten, die für mich überhaupt keine Relevanz haben, immerhin lese ich auch Bestseller. 

Und in dieser Liga spielt die Seite auf jeden Fall, wenn mir erklärt wird, wie sie durch Himbeerblütentee besonders fruchtbar wird. Heißt natürlich für mich, dass ich das Getränk bei der Verhütung künftig mit abchecke.

Deshalb lesen Sie bitte von vorn bis hinten www.bambiona.de. Äußerst angenehm ist, dass die unter Umständen real etwas ekligen Angelegenheiten der gesamten Kinderkriegerei (Pipi, Kacka usw.) blümerant umschifft werden. Stilistisch liegt hier also der Vergleich zu Fifty Shades of Grey nahe. Um mit Douglas Adams zu sprechen: Die Seite ist „mostly harmless”. 

PS: Wer’s natürlich krass will, die/der zappe lieber gleich zu den unzähligen Mama-Kanälen auf Youtube. Das ist dann aber nicht mehr seichte Unterhaltungs-Literatur, sondern knallharter investigativer Bürgerinnen-Journalismus.
 

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Musesscore: Quelloffener Notensatz wird erwachsen

Posted by theiresias - 26. März 2015

Notensatz-Systeme sind wie eine liebe Gewohnheit: Man legt sie nicht so einfach ab. Schließlich möchte man sich beim Arrangieren (vermutlich beim Komponieren noch viel mehr) nicht gedanklich mit der Bedienung des Notenpapiers, sondern mit der Musik befassen.
Als ich mir 2009 einen Betriebssystemwechsel verordnete, blieb ich beim Notensatz meiner alten Software (in neuer Version) treu, auch wenn die auf dem neuen System nicht lief und somit auf eine virtuelle Maschine umziehen musste. Mit dem drohenden Supportende für Windows XP machte ich mich ende 2013 jedoch erneut auf die Suche und landete letztendlich bei MuseScore. Gründe:

  • Bedienung fast ausschließlich über Tastatur möglich (aber nicht zwingend!).
  • What you see is what you get – Es wäre für mich auch denkbar, ein mit Auszeichnungssyntax zu bedienendes Satzsystem wie Lilypond zu benutzen. Allerdings möchte ich wie eingangs erwähnt gerne beim Arrangieren über Musik nachdenken und nicht über die Bedienung des Notenpapiers. Trotzdem ist Lilypond beachtenswert und für reine Satzaufgaben auf jeden Fall einem WYSIWYG-Editor vorzuziehen. Das beweist beispielsweise das Mutopia Projekt.
  • Hierarchisches Vorlagenkonzept für Grafik und Text.
  • Weitreichende Skalierbarkeit der Partituren mit dem Spatium als Grundeinheit.
  • Sowohl Software als auch Format sind quelloffen. Selbst wenn MuseScore einmal nicht mehr weiter entwickelt werden sollte, können etwaige Nachfolgerprojekte die Dateien höchstwahrscheinlich lesen.
  • Deutsche Oberfläche und deutsches Handbuch (im Musik-Jargon gibt es doch zahlreiche ortsspezifische Eigenheiten).
  • Keinerlei Restriktion bei Partiturgrößen etc. Kommerzielle Anbieter sind dazu übergegangen, Profi und Nichtprofi-Versionen zu stricken.

Nun fügte es sich, dass ich gestern direkt nach dessen Erscheinen mit MuseScore 2.0 eine kleine Begleitstimme zu gegebenem c. f. notiert und mit Akkordsymbolen ausgezeichnet habe. Erster Eindruck: Die Grafik-Engine scheint komplett überarbeitet. Die Text-Stilvorgaben funktionieren zuverlässiger und Änderungen werden im Gegensatz zu Version 1.3 sofort sichtbar. Falsch finde ich es, dass die Entwickler hier immer noch nicht den Zugriff auf die System-Schriftpalette gewähren, was sicherlich der plattformübergreifenden Konzeption geschuldet ist (wobei Scribus das schon lange kann), aber den Zugriff auf feiner abgestufte Schriftschnitte wie „Semibold“ und „Extralight“ verwehrt. Gerade für Liedtexte wäre z. B. der Schnitt „Condensed“ durchaus von Interesse. Schwächen hat die 2.0 auch bei den Tastaturkürzeln auf dem Mac. Da war man in 1.3 bereits weiter. Hier gibt es zahlreiche Kollisionen mit Mac OS. Trostpflaster: Alle Hotkeys lassen sich in einem zentralen alphabetisch sortierten Dialog anpassen.

Gut gelungen ist die komplette Neugestaltung der Programmoberfläche. Nur erfahrene NutzerInnen sehen, dass hier auf die Qt-Bibliothek gesetzt wird. Auf Mac OS ist das größtenteils gelungen. Insbesondere die angepassten Farben und die dezente farbliche Hervorhebung der aktuellen Position sind bei der Arbeit hilfreich. Die Symbolleisten geben dezent aber deutlich Feedback über den gerade gewählten Modus, die derzeit eingestellte Tonlänge und die Stimme, in der man gerade editiert. Die neuen Soundfonts klingen angenehm. Ich habe mir angewöhnt die via Tastatur eingegebene Note direkt wiedergeben zu lassen. Das vermeidet z. B. Vorzeichenfehler, weil man direkt merkt, wenn das, was man denkt, nicht dem entspricht, was man hört.

Für aufwendigere Projekte dürften die frei konfigurierbaren Arbeitsflächen von Interesse sein. Ein Profi-Feature ist sicherlich auch das Verlinken von Noten. Damit ist es theoretisch denkbar, komplett dynamische Stimmauszüge eben nicht mehr zu generieren, sondern gewissermaßen mitlaufen zu lassen. Ändert der Verfasser die Gesamtpartitur, ändern sich auch automatisch die betroffenen Stimmauszüge, ohne dass sie neu erzeugt werden müssten. Das glaube ich aber alles erst, wenn ich es probiert habe …

Viel entscheidender als die vielen Neuen Features, Popmusiker und Gitarristen werden mir hier zurecht widersprechen, da sich gerade hier viel getan hat, sind für mich die Stabilisierung und das Feinabstimmen des vorhandenen Systems. Kinderkrankheiten wie die schlechte Bedienbarkeit der Textstile wurden erfolgreich kuriert. Musesscore ist Capella bereits jetzt weit voraus, Sibelius und Finale sollten sich sehr warm anziehen. Unter Linux dürfte Musescore derzeit der einzig ernst zu nehmende WYSIWYG-Noteneditor sein.

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Diese Kirche ist ein HotSpot

Posted by theiresias - 7. Januar 2015

Kostenloses W-LAN in der Kirche, um so die Gotteshäuser zu füllen. So lautet, vermutlich verkürzt, der Vorschlag von Musical-Komponist Andrew Lloyd Webber. Dieses Ansinnen ist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung immerhin einen Feuilleton-Schnipsel wert. Ist die Technik erst einmal da, findet sich auch die Anwendung, so ein alter Nerd-Grundsatz. Wäre es denn in der Tat nicht wunderbar, wenn wir die Liedtexte den schwachsichtigen GottesdienstbesucherInnen aufs Smartphone oder Tablet beamen könnten? Anderes Beispiel: Während eines Improvisations-Konzerts stimmt das Publikum in Echtzeit via Web-App darüber ab, in welchem Stil in den nächsten zwei Minuten improvisiert werden soll. Der resp. die Musizierenden wissen, wenn sie beginnen, noch nicht, wohin die Reise geht. Das ist Kultur vom Feinsten.

Das sind aber vor allem Luftschlösser. Die Tragödie begönne dann schon an der Eingangstür. Lauter Geeks mit mindestens drei Mobil-Betriebssystemen in zehn unterschiedlichen Versionen stürmen das Gotteshaus. Und während die MusikerInnen gerne mit dem Improvisationskonzert begönnen, ist die versammelte Christenheit damit beschäftigt, sich in das W-LAN mit mit dem klangvollen Namen „Highway to haven“ einzuklinken, das aber seinerseits ob des Ansturms schon längst „to hell“ gegangen ist, weil es nun mal nicht reicht, für 500 technikverliebte, unmusikalische W-LAN-Schnorrer einen lausigen Accesspoint unter die Kirchendecke zu tackern. Und da weder KantorIn noch PfarrerIn Elektrotechnik oder Informatik im Beifach studiert haben, können sie da jetzt auch nix machen. Jetzt meldet sich ein überambitionierter nebenberuflicher Kirchenmusiker zu Wort, der kenntnisreich doziert, vermutlich plätte das Funkmikrophon das W-LAN, immerhin sende die Anlage ebenfalls im 5 GHz Bereich und baue dort pro Mikrophon gleich vier Funkstrecken auf. Als er die gleiche Anlage für seine Dorfkirche erworben habe, habe ihm der Verkäufer zugesichert, das Teil fege jedes W-LAN vom Platz. Am Ende ihrer technisch christlichen Gedultsamkeit droht die Oberhirtin unserem Besserwisser nun ebenfalls mit einem Platzverweis, den sie höchstpersönlich durch Tritt in seinen breiten Allerwertesten aussprechen werde, würde er nicht endlich schweigen oder konstruktiv zur Verbesserung der W-LAN-Llage beitragen.

Schließlich muss das Konzert ganz ohne W-LAN beginnen. Die Konzertbesucher rufen den improvisierenden OrganisteInnen einfach ordinär und profan ihre Wünsche entgegen, was auch ganz prima funktioniert. Nur einmal droht die Veranstaltung zu kippen, als sich ein untersetzter Besucher mit fettigem Haar die Filmmusik zu „Schlüpferstürmer” wünscht. Mit der Generation Youtube hat man sich auch die Generation Youporn ins Gotteshaus geholt. Ein kulturell etwas versierterer Porno-Konsument sekundiert: „Das ist diese Mondschein-Sonate von diesem Blinden.“ „Der war taub”, murrt die Frau an den Tasten, greift dann aber ruckzuck in dieselben und überspielt die peinliche Situation. 

Epilog: Im Jahr 2018 kommen mehrere Mobilfunkanbieter weltweit auf die bahnbrechende Idee, ihre Kunden fortan nicht länger zu gängeln. Für rund 25 € resp. 25 $ im Monat, kann man sich 25 GB Datenvolumen in den inzwischen hervorragend ausgebauten LTE-Netzen kaufen. Kostenloses W-LAN interessiert keinen mehr, nicht einmal das öfter  etwas hinterherhinkende Christentum. So manche Pastorin und mancher Pastor stellt sich jedoch die verzweifelte Frage, wie man diese Drecksinvestition aus dem vierten Quartal 2015 endlich abschreiben kann.

 

 

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Flötenkonzert I – Orgel Kreativ 2014

Posted by theiresias - 14. September 2014

Manche Gewohnheiten werden einem ja lieb. So treffen sich nun zum vierten Mal in Folge ein Teil der Karlsruher nebenamtlichen Organistinnen und Organisten. Das machen wir einmal jährlich; gewissermaßen Betriebsausflug. Allerdings könnte man uns auf den ersten Blick vorwerfen, das wir dabei nicht gerade originell sind. Im Gegensatz zu anderen Betriebsfeiern, die ja im wesentlichen darauf hinaus laufen, dass man irgendwo hinfährt, um sich extraterritorial mehr als ein wenig zu betrinken, machen wir einfach das, was wir jeden Sonntag machen: Orgel spielen. Die Veranstaltung beginnt am 26. September um 20 Uhr und dauert, solange sie eben dauert. Schon zum dritten Mal haben wir dieses Jahr wieder eine Orgel, von der die meisten von uns sonst nur zu träumen wagen. Halt, das ist falsch: Dieses Jahr haben wir in der Ev. Stadtkirche am Karlsruher Marktplatz gleich zwei solcher Orgeln.

Die programmatische Grundidee des Festivals besticht in ihrer Konsequenz durch Einfachheit: Jede und jeder macht, das was ihr oder ihm gefällt, maximal 30 Minuten. Dabei darf man sich auch einen Gast mitbringen, die oder der mit einem musiziert. Natürlich ist der Gast, so wie Musik in der Regel nunmal funktioniert, dann eigentlich SolistIn. 

Ich habe, wie bereits im Juni, erneut die Freude, die Flötistin Naomi Nordblom begleiten zu dürfen. Auf dem Programm stehen eine Bearbeitung für Flöte und Orgel und eine bis jetzt nicht publizierte Originalkomposition für diese Besetzung.
Johann Christian Heinrich Rincks Flöten Konzert habe ich vor einigen Jahren schon einmal mit Heidrun Paulus in Hohenwettersbach aufgeführt und im Zuge dessen bereits darüber geschrieben.  Für die diesjährige Aufführung haben wir allerdings empfindlich in das verwendete Arrangement eingegriffen und einige Verschlimmbesserungen der Bearbeiter gegenüber dem Original zurückgenommen. Insbesondere leuchtet mir nicht ein, warum hier im Orgel-Tutti-Part (also ohne Flöte) wohl als Vereinfachung gemeinte Eingriffe durchgeführt wurden, zumal diese Eingriffe die thematisch motivierte Linienführung zerstören. 

Als zweites Werk erklingt der im Jahr 2013 komponierte Whistle Walk von Wolfram Graf. Ein pfiffiges rauschendes Stück Musik, das vielleicht die schönste Form der Heiterkeit feiert, nämlich die leise, vielleicht etwas introvertierte oder in sich gekehrte. Dabei schwebt das Stück sowohl über einem konkreten Zeitmaß, als auch einer harmonischen Grundierung. In den geerdeten Rhythmus schleicht sich immer wieder der 7/8 Takt und drängt vorwärts, kein Dur oder Moll kommt in seiner reinen Form vor und doch ist das jeweilige tonale Zentrum stets deutlich zu hören. Und weil das ganze Stück Gefahr läuft, wie ein leiser Windhauch all zu schnell vorbei zu wehen, hat Graf wohl gut daran getan, den ersten Satz da capo zu komponieren. 

Frau Nordblom und ich werden voraussichtlich gegen 20:30 Uhr beginnen. Es lohnt sich aber bestimmt, schon auf 20:00 Uhr zu kommen. Denn das ist das wunderbare an unserem Betriebsausflug: Wir nehmen alle Kunden für umsonst mit. Herzliche Einladung!

Die Projektseite: www.orgelkreativ.de 

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Musikstreaming – Ein Abgesang

Posted by theiresias - 10. September 2014

Eine Bibliothek mit über 20 Millionen Musiktiteln; so lautet eines der vielen Versprechen der Musik-Streaming-Anbieter. Das Kalkül: Da ist doch für jeden etwas dabei. Soweit ist das auch richtig. Noch bevor der Marktführer Spotify  in Deutschland seine Dienste offerierte, begann ich bei seinem deutschen Konkurrenten Simfy Musik zu hören. Ich schätzte die Möglichkeit, mir einen Titel mehrmals anhören zu können, ohne die Platte kaufen zu müssen. Auch war es möglich, mehrere Interpretationen eines Stückes zu vergleichen. Es gefiel  mir, eigene Playlists zusammen zu stellen, z. B. alle meine Lieblingstitel einer bestimmten Sängerin auf einen Fingerzeig. Über zwei Jahre war die Musik-Konsum-Welt in Ordnung. Einiges gab es nicht im qualitativ hochwertigem Streaming-Angebot. Hier kaufte ich weiterhin die CDs. Anfang 2014 begann dann die Streaming-Flucht der Labels, die die Interpreten verlegen, denen ich gerne lausche, darunter u. a. Georg Kreisler und andere mit noch unbekannteren Namen. Eine Playlist nach der anderen war auf einmal wertlos. In anderen Fällen – insbesondere bei den so genanten Major – Labels ist nicht nachvollziehbar, welcher Künstler es wann mit welchen Alben in den Streaming-Katalog schafft und welcher nicht. Wieso kann man einige Alben des Pianisten Roberto Prosseda via Streaming hören, andere nicht? Die so genannte „Fachpresse“ (u. A. FAZ, Technik und Motor) kolportiert, das Finanzierungsmodell sei derart undurchsichtig und komplex, dass man es nicht erklären könne. Das dem nicht so ist beweisen die Journalisten des Heise-Verlags in Ihrem Youtube-Channel (ca. ab Minute 34). Hier wird sehr genau erklärt, wie das Geld wohin fließt. Außerdem wird ein alternatives Finanzierungsmodell vorgestellt, bei dem die Majors nichts verlieren, aber die kleineren Labels immerhin etwas abbekommen würden, da rund 30 % des Gesamtkuchens einfach anders verteilt würden. 

Letztendlich untermauern dieses Darstellungen meine Entscheidung, ab Ende des Jahres nicht mehr „Streaming-Kunde“ zu sein. Außerdem hat es beispielsweise Simfy binnen zweier Jahre nicht geschafft, das unterbrechungsfreie Abspielen von Alben anzubieten, was bei klassischer Musik einfach sein muss und was wirklich technisch kein großer Aufwand wäre.  Ein weiterer Fall von „Bullshit made in Germany“.

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LVC-04: Eloquent Breadcrumps

Posted by theiresias - 16. Juni 2014

Episode in englischer Sprache. Episode in English

Coverbild des LowVisionCast

 

Blinden-Leitsysteme sind in Deutschland an großen Kreuzungen, Straßenbahnhaltestellen o. ä. inzwischen fast eine Selbstverständlichkeit. Dass man in der Provinz manchmal nicht weiß, welchem Zweck sie gelten, sei hier einmal außer Acht gelassen. Wann immer eine Straße saniert oder eine Straßenbahnhaltestelle gebaut wird, werden sie installiert. Sobald man sich jedoch in Gebäude begibt, ist dann oft Schluss, insbesondere wenn es sich um ein privat finanziertes Objekt, wie ein Einkaufszentrum oder eine Bank handelt. Unter einem Leitsystem wird in unseren Breiten meist ein taktiles System verstanden, das in der Regel am einfachsten mit dem Langstock benutzt wird.

Einen anderen Weg beschreitet das israelische Unternehmen Step-Hear. Sobald man ein Gebäude betritt, in dem das System installiert ist, meldet sich das eigene Smartphone oder ein kleiner Empfänger, den man wie eine Armbanduhr am Handgelenk trägt. Mittels Empfänger oder Smartphoneapp fordert man nun mit einem Tastendruck Informationen an, die aus einem kleinen Lautsprecher erklingen, der irgendwo direkt in der nähe hängt.

  • Wie funktioniert das System im Detail?
  • Welche Varianten der Orientierung in Gebäuden und an öffentlichen Plätzen bietet es?
  • Welche Technik steckt dahinter?
  • Wie wird es installiert und angepasst?
  • Welche Kosten kommen auf den Betreiber zu?

Über diese und andere Fragen sprach ich mit Ohad Berman während der SightCity 2014.

Download LVC04_Eloquent Breadcrumps.mp3, ca. 17,5 MB


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Der LowVisionCast ist auf diversen Podcast-Portalen gelistet und kann auch über diese und/oder deren zugehhörigen Player bezogen werden:

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Lieder ohne Worte – Worte ohne Lieder

Posted by theiresias - 12. Juni 2014

So, 29. Juni 2014, 10:30 Ökumenisches Gemeindezentrum Bergwald. Musik von J. C. F. Bach und den Geschwistern Mendelssohn u. a. Gedichte von Ziegler, Goethe und Kästner u. a. Naomi Nordblom (Flöten) Johann Christoph Haake (Klavier) und Michael Endle (Gedichtvortrag)

Vielleicht waren zu keiner Zeit Gedichte so erfolgreich wie heute, dabei werden sie wenig gelesen. Ein Verleger, der einen Lyrikband evtl. gar mit einem neuen Dichter herausbringt, muss es sich gefallen lassen, dass ihn die Branche für verrückt erklärt. Und doch begegnen uns Gedichte sobald uns ein Popsong entgegenschallt, was ja nahezu unvermeidbar ist. Damit sind sie allgegenwärtig, denn ein Song ohne Text, also ein ihm zugrunde liegendes Gedicht; undenkbar.

Weit gefehlt. Rein instrumentale Liedbearbeitungen sind zumindest in der Kirchenmusik schon seit den alten Meistern gang und gäbe. Sehr vielen Kompositionen für Orgel liegt ein Choral zu Grunde. Auch Volksweisen haben nicht erst seit der Klassik Musiker stets aufs Neue fasziniert. Sie versteckten Lieder in Sonaten und Sinfonien und trieben in Variationen ihr musikalisches Spiel mit ihnen.
Die Geschwister Fanny und Felix Mendelssohn Bartholdy überlegten sich während ihrer gemeinsamen musikalischen Ausbildung, ob es nicht denkbar sei, Lieder ganz ohne Textgrundlage zu komponieren. Allein durch ihre Tongestalt sollten sie ihre durch die Überschrift festgelegte programmatische Wirkung entfalten. Wie klingt ein Jagdlied, ein Venetianisches Gondellied oder der Monat Juni? Wie kann ein Instrumentalist ein Duett „singen“? Durch die Publikation der Kompositionen Felix unter dem Titel Lieder ohne Worte gelangte der Großteil dieser Werke und der Begriff ins öffentliche Bewusstsein. Inzwischen konnten auch viele Kompositionen Fannys gedruckt werden.
Dass zuvor andere Komponisten von diesen Fragen umgetrieben wurden, kann man an Johann Christoph Friedrich Bachs (1738 – 1795) Sonate d-Moll für Flöte und Cembalo beobachten. Den zweiten Satz schreibt er in weiten Teilen als Rezitativ, also dem aus Oratorium und Barockoper stammenden Erzählbericht. Vorgetragen wird dieser Erzählbericht nicht etwa von der Flöte, sondern vom Klavier. Dreht man die durch die Mendelssohns erfundene Gattungsbezeichnung Lieder ohne Worte einmal um, dann lassen sich ähnliche Fragen aber auch an Gedichte stellen: Wie klingt ein Duett, das nie vertont wurde, welche Begriffe macht sich ein Gedicht von einer Sonate? Und überhaupt, wie hält es die Dichterin mit der Musik?

Eine weitere Spielart der Konzertstunde wird sein, jeweils Gedichte und Musik zu einem bestimmten Schlagwort antreten und ihre eigene Wirkung entfalten zu lassen. Die Einlassungen Heinz Erhardts zu seinem dümmlichen Ritter Fips haben mit dem Ritterdasein sicherlich genau so wenig zu tun, wie Mittelalter-Märkte mit dem Mittelalter. Welche Töne bietet da die aktuelle Popmusik?
Michael Schütz (* 1963) wählt die hohe Blockflöte und das Klavier als Material, um König Artus Tafelrunde (King Arthurs Round Table) in diesem Jahrtausend erneut zu versammeln.

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LVC-03: An Apple a day keeps the doctor away

Posted by theiresias - 1. Juni 2014

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Seit einigen Jahren gibt es im Hause Apple weitreichende Accessibility-Funktionen ab Werk. Funktionen für Lernbehinderte oder Hörbehinderte sind genauso selbstverständlich wie ein Zoom mit Hard- und Softcursorverfolgung für Sehbehinderte und ein umfangreicher Screenreader für Blinde. Accessibility wird in Cupertino anscheinend als Teil eines Betriebssystem verstanden, nicht als zusätzliche Funktion.
Bei der Benutzung der Hilfstechnologie beschreitet Apple dabei eigene Wege und kümmert sich z. B. nicht um gängige Screenreader-Benutzungsmodelle. Ob der Weg, den Apple einschlägt, innovativ ist, scheint mir eine der vielen Apple-Glaubensfragen. Zunächst einmal ist er lediglich anders.

Als Wegbegleiter offeriert Jürgen Fleger seine Dienste. Über den Einstieg in die Apfel- und Eierwelt und sein Schulungskonzept habe ich mit ihm während der SightCity 2014 gesprochen.

Weiterführende Links zu Angesprochenen Bereichen:

LVC03_An apple a day.mp3, Download ca. 23 MB

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Den Blinden gehört die Barrierefreiheit …

Posted by theiresias - 23. Mai 2014

Ein Plädoyer für den geweiteten Blick

Derzeit beschäftige ich mich in den Abendstunden damit, eine Internetseite, die entstand als das Internet laufen lernte, auf den derzeitigen Stand der Technik und Kommunikation zu bringen. Ich gehöre zu den komischen Vögeln, denen so was Spass macht. Insbesondere die Wahl des geeigneten Content Management Systems (CMS) und das updaten meiner Hyper Text Markup Language (HTML) und Cascading Style Sheet (CSS) -Kenntnisse ist ein recht spassiges Unterfangen.

Bei so etwas wirft man natürlich den ein oder anderen Blick in diverse Fachbücher. Das sind meistens 900-Seiten-Wälzer, die aber gegenüber der Methode Suchmaschine den Vorteil haben, dass man in ihnen auch das findet, was man zu suchen nicht bedachte.

Den blinden Seher freut es zunächst einmal, das wirklich in keinem Buch, das ich aufschlug, das Thema Barrierefreiheit fehlt. Das, was da steht, ist dann aber lediglich eine Farce. Denn es sind stets die Blinden die für die Behinderten Pars pro Toto argumentativ vereinnahmt werden. Das führt dann dazu, dass viele Webseiten für Screenreader optimiert werden, aber prinzipiell dann eben doch nicht barrierefrei sind. Das fängt bei unser einem an: Eine Website, die ein Screenreader prima lesen kann, fällt bei mir durch, wenn grauer Text auf weißem Hintergrund oder ähnlich blasses zu zur Darstellung verwendet wird. Flad Design = Bad Design; was die ganzen Design-Heinis und -Heininnen schnell begriffen hätten, wenn sie das erste Wort des Terminus mal ins Deutsche übersetzt hätten …

Zudem muss die Seitenstruktur von jeglicher Art von assistiver Software erkannt werden. Es gibt dann nämlich noch die Menschen, mit motorischen Einschränkungen, die ganz ohne Tastatur, Maus oder gar Patsch-Screen durchs Netz driften.

Zu schreiben wäre auch über das weite Feld der potentiellen Seiten-BesucherInnen mit Hörbehinderung. Auf deren Bedürfnisse kann nämlich teilweise nicht allein durch die Befolgung „simpler“ Webstandards eingegangen werden. Entscheidet man sich mit der Außenwelt über einen Videoclip zu kommunizieren, dann ist dieser zu untertiteln und die Untertitel müssen auffindbar sein.

Aber Andere wäre auch noch viel zu sagen …

Das geht praktischen nicht, zumal diese Wälzer ja eh fett sind. Daher fordere ich es auch nicht. Wenn man aber als Behindertenkarte nur Blind-Dame und Blind-Bube zieht, dann kann bei diesem Spiel im Endeffekt niemand gewinnen, weil Barrierefreiheit im (Web)Design dann durch Argumentation auf ein Minimum heruntergefahren wird. Die WAI-ARIA bietet einen soliden Werkzeugkasten um Barrierefreiheit zu etablieren. Manches daraus hat Einzug in diverse CMS erhalten. Wer diesen Werkzeugkasten benutzt schafft die Voraussetzung, dass wirklich alle Besucher der Internetpräsenz angesprochen werden. Umgekehrt: Wer Webstandards und praktisch Orientierte Design-Richtlinien missachtet, schließt immer gleich ein par Leuten die Pforten zur Internetpräsenz, höchst wahrscheinlich sogar einigen, die man unbedingt erreichen wollte.

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LVC-02: Produktfinder

Posted by theiresias - 20. Mai 2014

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Ob eine Packung Nudeln oder das beim Möbelgroßhändler erstandene Regal; fast auf allen Produkten findet sich irgendwo ein Strichcode. Im Großlager helfen diese Strichcodes dabei, die Artikel zu sortieren und an der Kasse kann der Computer mit Hilfe dieser vielen kleinen Striche den richtigen Preis in Rechnung stellen.
Schon vor vielen Jahren gab es die Idee, den Barcode auch dafür zu benutzen, Produktinformationen in auditiver Form für Blinde und Sehbehinderte zugänglich zu machen. Anwendungsszenarien existieren mehrere:

  • Im Warenhaus: Beim Einkaufen kann ich ein Produkt an den Scanner halten und erfahre, was ich in der Hand halte, wie viel es kostet und was die Datenbank noch so hergibt (z. B. Inhaltsstoffe bei Lebensmitteln).
  • Küchenregal: Sollte ich einmal nicht mehr wissen, in welcher Reihenfolge ich die Dosen mit Pfirsichen, Erbsen und passierten Tomaten ins Küchenregal gestellt habe, laufe ich einmal mit dem Scanner daran entlang und bin wieder im Bilde.
  • Kleiderschrank: Ich habe drei Hemden im Schrank, die exakt gleich geschnitten sind. Allein, eines ist rot, das andere blau und das dritte grün. Auf jedes klebe ich nun ein waschfestes Etikett mit einem Strichcode und bringe danach dem Produktscanner bei, womit er es hier zu tun hat. usw. usf.

Viele bis jetzt am Markt befindliche Lösungen haben ganz unterschiedliche aber gravierende Mankos:

  • Der zu hohe Anschaffungs-Widerstand autarker resp. geschlossener Systeme.
  • Die Smartphone-Applikation ist nicht zu 100 % mit dem Screenreader benutzbar.
  • Die App setzt auf die Smartphonekamera. Deshalb muss die Anwenderin resp. der Anwender den Barcode direkt ins Visier nehmen
  • Workflow: Zur Benutzung muss man sowohl Smartphone, externen Scanner und Produkt in Händen halten.

Tom Erdel und Julian Iriogbe arbeiten beide als Lehrer an Sehbehinderten Schulen. Iriobge ist zudem Mobilitätstrainer. Die beiden initiierten das Projekt BarcodeTranslator. Sie wollen eine App für das iPhone entwickeln, die 100 %ig mit VoiceOver benutzbar ist. Als Scanner soll ein am Markt etabliertes Gerät zum Einsatz kommen, das aber ebenfalls bequem in die Hosentasche passt. Das Komplettsystem soll dann letztendlich allein mit den Tasten des Scanners bedient werden können, so dass man nur ein Gerät in der Hand hält.

Als erste Quelle für die Produktinformationen fungiert die EAN Produktdatenbank, die auch offline verwendet werden kann.

Die App soll voraussichtlich ab Mitte Juni 2014 im Appstore von Apple verfüggbar sein.

Während der SightCity 2014 berichtete Julian Iriogbe mir von seinem Projekt.

LVC02_Produktfinder.mp3 (Download, ca. 10 MB)

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LVC – 01: Klangwunderkiste

Posted by theiresias - 18. Mai 2014

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Die Webbox 2, produziert vom niederländischen Hersteller Solutions Radio stellt sehr viele auditive Informationen aus dem Internet vermittels einer kleinen Kiste zusammen, die sich anfasst wie ein Retro-Radio. Ohne Rechner oder Smartphone liefert die kleine Holzkiste Internetradio, Podcasts, Hörzeitschriften, einige Hörfilme und ausgewählte Nachrichten über die Internetleitung ins Haus. Die Firma Technik für alle bereitet das deutschsprachige Angebot auf und vertreibt die Box in einem Abo-Modell. Firmeninhaber Nils Prause zeigte mir die Box samt ihrem deutschsprachigem Angebot auf der SightCity 2014.

Zum abonnieren des LowVisionCasts mit einem Podcatcher wie beispielsweise iTunes oder Instacast benutzen Sie bitte folgende Adresse:
http://feeds.feedburner.com/lowvisioncast
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PS: Ein direkter Eintrag im iTunes-Store und in anderen Podcastverzeichnissen erfolgt nach dem Erscheinen der ersten „echten“ Episode. Coming soon …

LVC01-Klangwunderkiste.mp3, Download ca. 19 MB

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LVC-00 – Pilot: Worum es gehen wird

Posted by theiresias - 13. Mai 2014

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LVC00-Pilot-Worum es gehen wird.mp3, 9,9 MB (Downloadlink)

Im Low Vision Cast finden Sie Berichte, Gespräche und Kommentare, die in den unendlichen Weiten des Themenuniversums Sehbehinderung anzufinden sind. Dazu gehören allgemeine Trends oder kontroverse Diskussionen aus der Szene, interessante Selbsthilfegruppen und/oder vergleichbares in den sozialen Medien. Insbesondere möchte ich mich um Hilfsmittel und Hilfstechnologien kümmern. Hoffentlich immer in der Haltung, dass alles, was ich toll finde, anderen eventuell gar nicht hilft, und dass ein Hilfsmittel, das mir suspekt erscheint, anderen das liebste Hilfsmittel auf Erden sein kann. Wobei der Begriff Hilfsmittel in seiner abstraktesten Form zu verstehen ist. Ich werde hier keine Pseudo-Tests und Verrisse oder Lobhudeleien abhalten. Obwohl es vermutlich oft um konkrete Produkte gehen wird, sollen mich letztendlich u. a. folgende Fragen leiten:

  • Wem könnte es nützen?
  • Wie könnte man es einsetzen?
  • Wie könnte man dieses oder ein ähnliches Problem anders lösen?

Auch wenn ich mich im Netz und in den sozialen Medien, indem ich das Pseudonym Theiresias benutze, als „blinder Seher“ ausgebe, sei hier zu Protokoll gegeben: Ich bin hochgradig sehbehindert, aber nur auf einem Auge blind. Vieles von dem, was hier zu hören sein wird, ist hoffentlich auch für Vollblinde interessant. Reine Blindenhilfsmittel werden hier allerdings nicht behandelt. In den Fußstapfen derjenigen Sehbehinderten, die das regelmäßig mit fatalem Erfolg im Podcast zelebrieren, möchte ich mir nicht auch noch die Füße brechen. Eigentlich hoffe ich sogar, dass man nicht erst einen Sehvermögen weniger 20 % braucht, um den kommenden Episoden lauschen zu mögen.

Edit 2014-05-15:
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Was gehet uns das an?

Posted by theiresias - 30. März 2014

Diesen Artikel habe ich für das Programmheft der Aufführung der Matthäus-Passion am 30. März 2014, 17 Uhr, in der Stadtkirche Durlach verfasst.
Die hier wiedergegebene Fassung enthält Verweise zu den verwendeten Materialien.

Die Vielseitigkeit und Vielschichtigkeit von Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion lädt dazu ein, die Leidensgeschichte Christi auf mannigfaltige Art hörend zu erleben. Ein geniales, komplexes Musikgebilde, das seine Komplexität nicht manieriert zur Schau stellt, sondern vermittels dieser jede und jeden seiner unzähligen HörerInnen mit unterschiedlichen Erlebnis- und Erfahrungshorizonten auf eine eigene Weise anrührt.
Das macht natürlich eine Einführung in das Werk überflüssig, denn Bachs „Große Passion“ spricht aus sich selbst für sich selbst. Andererseits darf Kunst zu einer persönlichen Entdeckungsreise einladen. Auf dieser geht es nicht darum, endgültig abzustecken, was Komponist oder Textdichter mit ihrem Werk gemeint haben. Nein, so leid es mir tut, den wahren Bach werden Sie auch in Durlach nicht finden.

Warum aber ist es immer wieder die Grablegung durch Joseph von Arimathia und die damit verbundene beschwingte Bass-Arie, die mich schaudernd hoffen lässt? Weshalb verweilen andere gedanklich bei der vom Solosopran vorgetragenen Verteidigungsrede „Er hat uns allen wohlgetan“ und der folgenden Arie? Ist es allein die Tatsache, dass Bach und sein Textdichter Picander hier gewissermaßen einen anonymen Zeugen in das Matthäus-Evangelium einfügen? Oder liegt es an der zurückhaltenden Instrumentierung der Arie ohne Bass und Orgel mit sanften Holzblasinstrumenten? Diese Fragen stellen heißt zunächst, sich über den eigenen Standpunkt zum Werk Klarheit zu verschaffen und Ursachen für eigene Empfindungen zu ergründen. Im Gespräch mit anderen mag daraus ein Austausch werden, der weit über die Bedeutung der Musik hinaus reicht. Diese Fragen stellen heißt aber auch, dass man sich sehr schnell in eine analytische Auseinandersetzung mit der Matthäus-Passions begibt, denn: Was „gehet meiner Seele nah“? Ein weiterer Grund für solches Tun sei noch benannt: Bachs Matthäus-Passion gehört zu den Werken der Musikgeschichte, die u. a. Kunststile, Personen und Glaubensrichtungen geprägt haben. Der junge Felix Mendelssohn Bartholdy hat nichts als eine Partitur vor Augen und wird von dieser Musik, die ja folglich nur in seinen Gedanken existiert, derart mitgerissen, dass er die Aufführung in der Berliner Singakademie im März 1829, die ein maßgeblicher Bestandteil der Bach-Renaissance ist, gegen den Widerstand seines Lehrers durchsetzt (Lit. 1 s. u.). Solche Geschichten sind inzwischen untrennbar mit dem Werk verbunden. Sie gehören zu dessen Aura. Diese zu erforschen, kann uns dabei helfen, eine historisch bedingte Distanz zum Werk teilweise zu überbrücken. Deshalb weiter im Text.

Begleiten wir einen Augsburger Gymnasiasten in eine Aufführung vor hundert Jahren. Viele Jahre später wird er über diesen Konzertbesuch schreiben: „Schon als Junge, als ich die Matthäuspassion in der Barfüßerkirche gehört hatte, beschloß ich, nicht mehr so wo hinzugehen, da ich den Stupor verabscheute, in den man da verfiel, dieses wilde Koma, und außerdem glaubte, es könne meinem Herzen schaden“. Aber der „Stupor“ hat den jungen Silbendrechsler wohl doch nachhaltiger beeindruckt. In einer seiner frühesten Balladen zitiert er wörtlich aus der Matthäus-Passion („gen Abend. Als es kühl ward“), lässt die Geschichte zudem noch „am siebten Tage … um die neunte Stunde“ (Lit. 2) spielen und die Beteiligen eine Art Abendmahl zelebrieren. Dieser Dichter wird später eine Dramenform entwickeln, bei der ein Erzähler quasi wie ein Evangelist aus der Handlung heraustritt. In seinen Stücken wird es Songs oder Choräle geben. Bertolt Brecht wusste vermutlich genau, warum er die Nachwelt über das Datum seines Besuchs der Passion im Unklaren ließ und einen falschen Ort angab. Dem Leiter der Bertolt-Brecht-Forschungsstätte Augsburg Jürgen Hillesheim ist es ein Anliegen, die musikalischen Bezüge in Brechts Werk, insbesondere zur Matthäus-Passion Bachs, freizulegen. Im Zuge dieser Arbeit berichtet er in der Augsburger Allgemeinen Zeitung vom 29. März 2014, dass dieser literarhistorische Konzertbesuch exakt vor hundert Jahren in St. Anna stattfand. (Lit. 3)

Ein literarischer Blick lohnt allemal. Bach fand in den Texten zu seiner oratorischen Passion, die musikalisch so viel Neues, zuvor Ungehörtes und Unglaubliches hervorbrachte, eine reichhaltige Quelle der Inspiration. Der Passionsbericht nach Matthäus ist an sich schon ein ästhetischer Glücksfall. Die Figurenrede – wenn man den Kommentatoren glauben mag in dieser Ausführlichkeit eine neutestamentarische Besonderheit (Lit. 4) – ermöglicht ja überhaupt erst die Dramatisierung. Hinzu treten die 16 Choralstrophen, die zwischen 1525 und 1656 gedichtet wurden. Die meisten stammen von Paul Gerhardt. Bach lässt dabei den Chorälen ihre jeweils zeittypischen sprachlichen Eigenheiten, da die Lieder dem Publikum ohnehin bekannt waren. Sie werden von der Forschung gerne als Reflexion oder Kommentar aufgefasst. An einigen Stellen wäre es aber auch denkbar, sie als Figurenrede zu hören (z. B. „Ich will hier bei dir stehen“ und „Erkenne mich mein Hüter“). Ich empfehle, sie als integralen Bestandteil des Gesamttextes zuzulassen und dann zu erleben, welche Funktion der jeweilige Choral in dieser Interpretation und damit in Ihrer persönlichen Hörsituation einnimmt. Große Literatur ist mehrdeutig.
Die verbleibenden Texte besorgte Christian Friedrich Henrici, (1700 – 1764), der sich selbst Picander (verdeutschet Elstermann) nannte. Sein Verdienst liegt darin, eine dritte Sprachebene in das divergente Textgefüge einzupassen. Zweihundert Jahre vor Brecht verwebt er in der dialogischen Dichtung „Ach! nun ist mein Jesus hin!“ (Eingangschor zum zweiten Teil) wenige eigene Worte mit Versen aus dem Hohen Lied und erschafft so ein neues Gedicht. Joachim Kreutzer weist in den 1990er Jahren darauf hin, dass Picander ein exzellenter literarischer Handwerker war, der Bach fehlerfreies Material lieferte (Lit. 5). Weit vor Goethe und Schiller schuf er Texte von einer rhythmischen und syntaktischen Qualität, die seinerzeit ihresgleichen suchten. Jede Hebung, jede Senkung war der Vertonung dienlich.

Aber still, die Silbe sei der Punkt, an dem ich schweigen will. Verlieren wir uns nicht ins Klein-Klein, denn mehr als einem Hauch der Aura der Matthäus-Passion wollte ich nicht nachspüren. Bevor es losgeht, lesen wir eine Mahnung aus der wunderbaren musikwissenschaftlichen Packungsbeilage Emil Platens: „Hinsichtlich der Einstellung des Publikums scheint sich allerdings in den letzten Jahrzehnten die Aufmerksamkeit der Hörer, angeregt durch eine verstärkte Diskussion interpretatorischer Fragen in Konzert- und Schallplattenkritik, mehr vom Was auf das Wie der Darbietung verlagert zu haben.“

Mein Behandlungsvorschlag zu dieser Diagnose für InterpretInnen und ZuhörerInnen; musizieren und hören wir nach der Methode Bach:

Soli Deo Gloria!

Johann Christoph Haake,
Rheinstetten im März 2014

Dieser Text ist lizenziert unter einer Creative Commons, Namensnennung, Weitergabe unter gleichen Bedingungen, 4.0, Internationale Lizenz.

Literaturangaben

  1. Die derzeit vermutlich aktuellste Darstellung bei R. Larry Todd: Felix Mendelssohn Bartholdy. Sein Leben – Seine Musik, Stuttgart 2008/2009, S. 196 – 230.
  2. Bertolt Brecht: Ballade von des Cortez Leuten (u. a. in: Ders.: Die Gedichte, hg. von Jan Knopf, Frankfurt am Main, 2000, S. 65 f.)
  3. Im Herbst 2014 wird Hillesheim bei Rombach einen Band zur Bach- Mozart- und Wagner-Rezeption bei Brecht veröffentlichen. Bis dahin sei auf folgenden Band verwiesen: Jürgen Hillesheim: Bertolt Brechts Hauspostille. Einführung und Analysen sämtlicher Gedichte, Würzburg 2013, S. 149 ff.)
  4. Zum Textkorpus der Passion vergleiche Emil Platen: Johann Sebastian Bach – Die Matthäuspassion. Entstehung, Werkbeschreibung Rezeption, Kassel 1997, S. 35 – 72.
  5. Hans Joachim Kreutzer: Johann Sebastian Bach und das literarische Leipzig der Aufklärung. In: Ders.: Obertöne. Literatur und Musik, Würzburg 1994, S. 9 – 40.
    Eine eingehende formal-ästhetische Untersuchung zur Dichtung Picanders fehlt meiner Meinung derzeit. Es sagt viel über den gegenwärtigen Zustand der Literaturwissenschaft, dass diese dem Mann bis heute seine erotischen Schriften vorhält. Hier ein erhellender Aufsatz, der zudem ein bis dato nahezu verschollenes Werk Picanders wieder in Gänze in Druck bringt: Rüdiger Otto: Ein Leipziger Dichterstreit. Die Auseinandersetzung Gottscheds mit Christian Friedrich Henrici. In: Manfred Rudersdorf (Hg.): Johann Christoph Gottsched in seiner Zeit. Neue Beiträge zu Leben Werk und Wirkung, Berlin/New York 2007.

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