www.theiresiasweb.de

die dinge mit den augen des blinden sehers

Archiv für die Kategorie ‘Theater’

Wenn ein Titel nicht einlöst, was er verspricht

Verfasst von theiresias am 13. November 2008

Wer auf uralte Sexpointen und schnelle Theaternummern steht, der/dem seien die Penis-Monologe empfohlen.

In der Regel tut ein Kritiker nicht schlecht daran, seine LeserInnen über den Gegenstand der Kritik kurz zu informieren. Selten fiel Theiresias das so schwer wie heute. Es geht irgendwie ums ficken, dabei sind sowohl Heteros als auch Homos von der Partie, sprich der Quotenschwule und auch eine Quotentranse. Eine Story im eigentlichen Sinne ist nur schwer zu erkennen, was ja kein zwingendes Kriterium für gutes Theater sein muss.

Der Aufhänger des Stücks und sein dramatischer Rahmen ist die folgende Situation: Eine Wissenschaftlerin tritt auf und verkündet vermittels karikierender Grafiken dem Publikum, dass sowohl die Spermienquantität als auch -qualität nachgelassen habe, dies für die Menschheit bedrohlich sei und sich folglich der Mann an sich neu definieren müsse. Die räumliche Situation im Studio des Sandkorn-Theaters verleitet dazu, die Grenzen von Akteuren und ZuschauerInnen zu überwinden und weil es ja nicht etwa reicht, dass die Wissenschaftlerin mitten unter uns steht und uns als SeminarteilnehmerInnen begrüßt, sollen wir alle dreimal Penis sagen. Eine Performance, die gleich schief geht, was vielleicht auch daran liegt, dass in den zwei Minuten vorher bereits so viele Kalauer aus den Comedyshows der letzten zehn Jahre abgerufen wurden, man folglich erst mal überlegen möchte, ob man tatsächlich an diesem Stück teilnimmt und sich nicht doch besser aufs Zuschauen beschränkt. Was nun folgt, hat den Anspruch großes modernes Broadwaytheater zu sein. Da wechselt Bühnenspiel mit Puppenspiel, Videoeinspieler mit Gesangsnummern, in sämtlichen Permutationen. Da kommen alle Pimmel sämtlicher männlicher Figuren zu Wort und haben ihr eigenes Wesen. Der Wissenschaftsmetapher folgend werden vier Herren beobachtet, die unterschiedlicher und stereotyper nicht sein könnten. Ein prolliger und derber Trucker, ein zurückgezogener Programmierer, der romantische Intellektuelle und der schwule Lehrer. Sie und ihre Geschlechtsorgane sind Teil der live ablaufenden Studie und gleichzeitig Objekt der Belehrung. Immer wenn die Pimmel zu Wort kommen sollen, ziehen sich die Schauspieler das Oberteil dergestalt über den Kopf, dass durch die dann inwendig gestreckten Arme der Eindruck eines überdimensionalen Gliedes entsteht. Die Kleidung ist dem entsprechend auf der Rückseite ausstaffiert.
Wann immer ein Wort, ein Bild oder eine Situation dazu verleitet, wird ein passendes Lied gesungen oder große Literatur zitiert. Die Musiken und Texte, auf die Autorin Nici Neiss zurückgreift, sind aber allesamt inzwischen so verbraucht, dass allein dadurch das Stück einen schrecklich altbackenen Touch bekommt. Da müssen Erich Kästners „Kerls“, die einst auf den Bäumen gehockt haben, herhalten, wenn es um männliche Imponierrituale geht, und Thomas Manns Passage vom kleinen Hanno Buddenbrook, der, derweil er minimalste Improvisation am Klavier betreibt, doch eigentlich nur onaniert, wird derart überspitzt vom quotenschwulen Lehrer vorgetragen, dass nun auch der letzte Vorstadtprovinzler verstanden haben dürfte, worum es hier geht. Natürlich muss danach noch darauf hingewiesen werden, dass Mann ja auch schwul gewesen sei.

Dieses ganze Stück ist überdreht, nie leise oder gemächlich, quasi dauererigiert. Es treibt sich dabei von einem Höhepunkt zum andern. Dramaturgisch wird hier alle zwei Minuten abgewichst.
Dabei verliert es den Fokus auf formalästhetischer wie inhaltlicher Ebene. Dass man sich, wenn man den Penis zum Protagnisten eines Schauspiels macht, mit allgemeinen sexuellen Fragen auseinandersetzt, ist ja zu erwarten. Nici Neiss verliert sich aber in der 90er-Jahre-Ratgeberrhetorik à la „Warum Männer besser Auto fahren und Frauen nicht einparken können“. Der Penis ist nur höchst selten ureigener Gegenstand des Interesses, wenn etwa die Professorin erklärt, wie das männliche Organ funktioniert, es vermittels Medikamente und anderer Stimulantien erigiert werden kann und dazu überdrehte Utensilien (Staubsauger) und lustige Bildchen hervorzaubert. Ständig wechselt das Medium. Dabei versuchen sich die Agierenden daran, die vorproduzierten Videoeinspieler in die Handlung zu integrieren. Auf der einfachsten, nämlich rhythmischen, Ebene scheitert dies bereits. In einem Video wackelt irgend ein Stereotyp äußerst rhythmisch mit dem Kopf. Dazu wird eine der unzähligen und unhörbaren Musiknummern gegeben. Vielleicht wäre es sehr lustig, wenn der Mann auf dem Video jetzt im Takt mit dem Kopf wackelt, der schwule Lehrer (gleichzeitig Pianist) tut ihm diesen Gefallen aber nicht.

Es ließe sich noch viel zusammen reihen, aber da will Theiresias der dramaturgischen Gesamtheit der Penis- Monologe nicht auf den Leim gehen.
Nur eines noch: Es gibt in diesem Stück nicht einen einzigen Monolog.

Penis-Monologe von Nici Neiss
mit Nici Neiss, Frank Landua, Gideon Rapp, Frank D. Sollmann und Markus Kapp
Regie: Matthias Hermann
am Sankorn-Theater in Karlsruhe
Weitere Aufführungen u.a. am 15.11., 03.12, 17.12 und 29.12.2008, jeweils um 20:15 Uhr

Veröffentlicht in Karlsruhe & Hinterland, Kritik, Literatur, Theater | Verschlagwortet mit : , , , | 2 Kommentare »