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die dinge mit den augen des blinden sehers

Archiv für die Kategorie ‘Songs of Praise’

Kleinigkeiten zum Wieder- und Neuentdecken

Verfasst von theiresias am 20. Juni 2009

Sonntag, 21. Juni 2009, 10:00 Uhr, Evangelische Kirche Hohenwettersbach

Songs of Praise

Zdeněk Fibich (1850 – 1900)
Rej blažených (Reigen der Seligen), op. 56 Nr. 3
aus dem Zyklus Studien nach Bildern, Komposition zum gleichnamigen Bild von Fra Giovanni Angelico da Fiesole, bearbeitet für Orgel von Wolfgang Stockmeier

Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)
Kleines Präludium und Fuge in B-Dur
BWV 560

Grenzenlose Kunst

Der Reigen der Seligen des tschechischen Komponisten Zdeněk Fibich erscheint in einem Zyklus namens Studien nach Bildern. Als Quelle der Inspiration dient dem Komponisten gemalte Bilder. Mit dieser Praktik ist Fibich alles andere als ein Einzelgänger. Erinnert sei nur an die Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgski. Ihre Stoffe finden Komponisten jedoch nicht nur in der Malerei, literarische Texte dienen ebenso als Vorlage. So entstanden zu einer Menge von Dramen Schauspielmusiken. Exemplarisch sei an Mendelssohns Musik zu Shakespeares Ein Mittsommernachtstraum erinnert (darin u. a. der berühmte Hochzeitsmarsch).

Die Musik wiederum kann auch Inspiration für andere Kunstrichtungen, z. B. die Literatur, sein. Thomas Bernhard verarbeitet beispielsweise in dem Stück Die Macht der Gewohnheit die Aufführung des berühmten Forellenquintetts von Franz Schubert, Klaus Mann widmet der Symphonie Partetique Peter Iljitsch Tschaikowskis einen ganzen Roman, und in seinem Doktor Faustaus fasst Thomas Mann ganze, nie komponierte, Werke in Worte.

Dabei ist beispielsweise die Musik zu bzw. über ein Bild mehr als dessen Verwandlung in Töne. Wie sollte diese auch funktionieren? Das neue Medium eröffnet gewissermaßen neue Perspektiven.

Der Reigen der Seligen

Wie Fibich das Bild Das jüngste Gericht Fra Giovanni Angelicos kennenlernte, ist unbekannt. Und warum beschränkte er sich insbesondere auf einen Teil daraus, nämlich den Reigen der Seligen? Auf jeden Fall folgt er damit einer Unterteilung, die die Kunstwelt getroffen zu haben scheint, in dem sie insbesondere den rechten und manchmal den oberen Teil des Bildes gewissermaßen ausblendet und das verbleibende Bild als Reigen der Seligen bezeichnet, welches wiederum Teil des Bildes Das jüngste Gericht sei.

Das Jüngste Gericht

Ein Grund, warum der Komponist sich nur mit dem Reigen befasst, mag darin liegen, dass in diesem der musikalische Grundstein schon gelegt ist. Für den Reigen als musikalische Form ist entscheidend, dass die Motive kurz und prägnant sind und wiederkehren, sodass bei der tänzerischen Ausführung jedem Motiv eine Tanzfigur zugeordnet werden kann. Allerdings muss eingeräumt werden, dass der Komponist mit den Wiederholungen doch etwas sparsam umgeht. Eine Volkstanzgruppe würde hier sicherlich zum erneuten Spiel auffordern, da das Stück gerade wenn die Tänzer in Schwung kommen schon wieder vorüber ist.

Dabei lässt Fibich keine Gelegenheit aus, die Tänzer in Schwung zu bringen. Mit jedem Themenwechsel verbindet er eine Tempo- bzw. Interpretationsanweisung. Da soll der Pianist beispielsweise eine Sequenz zunächst langsamer und leise, wie von einem Chor gesungen spielen (meno mosso, quasi coro), bei ihrem zweiten Auftreten ist sie dann majestätisch und im Eingangstempo vorzutragen (maestoso ma in tempo).

In seiner Orgelbearbeitung verzichtet Wolfgang Stockmeier auf einige dieser Spielanweisungen. Auch die meisten der Crescendi und Decrescendi, wodurch sich die Klavierkomposition quasi in stetiger Wallung befindet, übernimmt Stockmeier nicht. Crescendi und Decrescendi (das allmähliche Lauter- und Leiserwerden während des Spiels) können auf der Hohenwettersbacher Orgel sowieso nicht gespielt werden. Hierfür fehlt ein so genannter Schweller. Dabei handelt es sich um Lammelen, die vor den Pfeifen montiert werden. Über ein Pedal können die Lamellen stufenlos geöffnet bzw. geschlossen werden.

Dafür klingt die Orgelbearbeitung an manchen Stellen voller und gewaltiger, da Stockmeier die Bassstimme in das Pedal auslagert und konsequenterweise noch um eine Oktave nach unten verlegt. Vielfalt wird in der Orgelversion durch häufiges Wechseln der Register erreicht. Gewissermaßen wird der Reigen der Seligen dadurch farbenfroher.

Die kleinen Präludien Bachs …

… sind nicht von Bach, jedenfalls wenn man einigen MusikwissenschaftlerInnen glauben mag. Letztendlich spielt es aber auch keine Rolle. Weiterhin werden Generationen von OrgelschülerInnen mit diesen Stücken ihre ersten ernsthafteren Gehversuche bestreiten. Insbesondere auf den nebenamtlich besetzten Orgelbänken sind die kleinen Präludien dadurch oft zu hören. Allerdings hat jedeR OrganistIn so ihre Vorlieben und einige Stücke fallen dabei so ziemlich unter den Teppich. So wird beispielsweise das letzte der acht Präludien in B-Dur von vielen OrgellehrerInnen gern gemieden, bedarf es doch einer gewissen Finger- und Fußfertigkeit (Pedalsolo) zu Beginn des Stückes. Ein weitaus schwerwiegenderes Argument gegen dieses Stück ist freilich, dass es großartige Unterhaltungsmusik ist.

Höchste Zeit, es also im Rahmen dieser musikalischen Reihe aus der Mottenkiste zu kramen und meinem Orgellehrer ein spätes Schnippchen zu schlagen.

Das Präludium beginnt durchaus typisch. Schnelle Läufe über das gesamte Orgelmanual, die danach mit den Füßen bis in den Bassbereich fortgesetzt werden. Das Hauptthema wird jetzt groß und kräftig mit Harmonien ausgestattet und über verschiedene Tonstufen gejagt. Ende des Präludiums. Die Fuge präsentiert ein schmissiges Thema im Dreivierteltakt. Der Schluss des Themas ist so gewählt (Quart- und Quintsprünge), dass sich bereits mit dem Hinzutreten der zweiten Stimme lustig springende Akkorde ergeben. Mit allen vier Stimmen gerät dies zu einer Musik, die sich ebenfalls mit Fug und Recht als ein „Tanz der Glückseligen“ bezeichnen darf.

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Georg Philipp Telemann: „Was ist mir doch das Rühmen nütze?“

Verfasst von theiresias am 14. Februar 2009

Sonntag, 15. Februar 2009 um 10:00 Uhr in der Evangelischen Kirche Hohenwettersbach

Georg Philipp Telemann (1681 – 1767)
Was ist mir doch das Rühmen nütze (2. Kor 12, 1-9)
Kantate zum Sonntag Sexagesimä für Singstimme, Traversflöte und Basso continuo

Songs of Praise

Kalrsruhe hört Telemann!
Logo des Badischen KonservatoriumsUnter diesem Motto erklingt neunmal in diesem Krichenjahr eine Solo-Kantate aus dem Zyklus Der Harmonische Gottesdienst von Georg Philipp Telemann; jeweils in einer anderen Gemeinde des Kirchenbezirks. Wir KirchenmusikerInnen werden dabei tatkräftig von SchülerInnen des Badischen Konservatoriums unterstützt, welche die Instrumentalstimmen übernehmen.

Wenn die Kantate in der kleinen Dorfkirche in Hohenwettersbachn erklingt, so geschieht dies ganz im Sinne der vom Komponisten ursprünglich beabsichtigten Weise. Werfen wir hierzu einen Blick auf das Titelblatt der Erstausgabe des Harmonischen Gottesdienst aus dem Jahr 1725/26.

Titelblatt des der Erstausgabe des Harmonischen Gottesdienst

Dort heißt es:

Harmonischer
Gottes-Dienst
oder
geistliche
C A N T A T E N
zum allgemeinen Gebrauche/
welche/
zu Beförderung so wol
der Privat – Haus-
als öffentlichen
Kirchen – Andacht/
auf die gewöhnlichen Sonn- und fest-täglichen
Episteln durchs ganze Jahr
gerichtet sind,
und aus einer Singe-Stimme bestehen / die entweder von
einer Violine, oder Hautbois, oder Flöte traverse, Flüte à bec,
nebst dem Generalbasse, begleitet wird;
Auf eine leichte und bequeme Ahrt also verfasset / daß nicht
allein die, so zur Aufführung der Kirchenmusic gesezet sind, und vor allem
diejenigen / so sich nur weniger Gehülfen darben zu bedienen haben / solche musisch gebrau-
chen können / sondern auch denen zur geistlichen Ergeblichkeit / die ihre Haus-Andacht musikalisch
zu halten pflegen / wie nicht weniger allen / die sich im Singen / oder im Spielen
auf gedachten Instrumenten üben / zur Erlangung
mehrerer Fähigkeiten;
In die Music gebracht, und zum Druck befördert
von
Georg Philipp Telemann

Die „einfache Ahrt“ hindert Telemann nicht, effektreiche Musik zu komponieren.  Hierzu reduziert er zunächst  das Textmaterial radikal. Nicht erst durch die Vertonung, sondern bereits durch die Texteinrichtung findet eine Interpretation der ursprünglichen Verse statt. Die Konstruktion des Textes ist derart archetypisch, dass man diese in jedem Deutschbuch im Kapitel zum Barock abdrucken könnte. Sobald die ersten beiden Zeilen verklungen sind, ist das thematische Programm nahezu in Gänze bekannt:

Was ist mir doch das Rühmen nütze?
Bloß meiner Schwachheit rühm’ ich mich.

Auch musikalisch bleibt kein Zweifel daran offen, dass in dieser Kantate gewissermaßen das Lob der Schwachheit besungen wird. Deren positive Konnotation inszeniert Telemann indem er die eigentlich in Moll gehaltene
Arie bereits nach wenigen Takten zur Dur-Parallele wendet.
Lapidar gesprochen folgt danach alles, was wir aus dem Barock kennen (und doch auch irgendwie schätzen): Im Mittelteil wird der „eitle Stolz“ verflucht. Vanitas soweit das Ohr hört. Die Flöte, die bis zu diesem Punkt mit der Singstimme unisono lief, beschießt den Stolz mit spitzen Pfeilen in Form kleiner 16tel Noten.

Nach der Eingangsarie zieht sich die Flöte zunächst komplett zurück. Im Mittelpunkt des folgenden Rezitativs und des anschließenden Ariosos steht das Bibelwort. Dessen Inhalt wird dem durch die Eingangsarie gesetzten Thema gemäß angeglichen:

Wer bist du, Mensch, und was sind deine Gaben,
die wir zudem nicht eigentümlich haben
und die der Herr uns mehr geliehen als gegeben?
Willst Du dich deren überheben?
Soll dich ein andrer Mensch mehr preisen, mehr erhöhn’?
Als man doch von dir hört und als wir an dir seh’n?
Nur Schwachheit fühlst du ja so inn- als äußerlich
und dieser rühme dich!
Wirft sich vor Gott die Demut nieder,
ach, seine Huld erhebt sie wieder.
Erhebe du nur auch dich selber nicht!
Bleib immer schwach und klein,
so wirst du stark und groß in Gottes Augen sein.
Er wird den Mangel selbst zu deinem Vorteil fügen.
Und hör’, wie weislich, liebreich, prächtig er zu dir spricht:

Das Arioso übernimmt aus dem eigentlichen Bibeltext einen Vers unverändert, da hier Gottes Wort direkt wiedergegeben wird. Offensichtlich wollte Telemann nicht des Höchsten Copyright verletzen.

„Lass dir an meiner Gnade g’nügen;
denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Dramaturgisch bildet diese Gnadenzusage den Höhepunkt der Kantate. In der letzten Nummer dem Siritoso erwächst daraus die Conclusio: „Gottes Kraft erhebt die Schwachen“. Die Flöte tritt hinzu. Diesmal nicht unisono mit der Gesangsstimme, vielmehr im Dialog mit dieser. Der Solist übernimmt das musikalische Motiv, welches von der Flöte vorgestellt wird. Immer wieder fällt der Sänger in das Spiel der Flöte ein und umgekehrt, um letztendlich in effektreichen Intervallen wieder zusammen zu finden. Das Cello vollführt derweil einen ganz eigenen Freudentanz.

Die Kantaten aus dem Harmonischen Gottesdienst ähneln sich in Form und Aufbau. Trotz ihrer minimalistischen Bauform und Ausstattung sind sie graziös gearbeitet und bringen für MusikerInnen und HörerInnen einige Leckerbissen mit sich. Telemann selbst deklarierte sie, wie oben gelesen, u. a. als Musik für den Hausgebrauch. In der Postpostmoderne erwächst daraus die Frage nach der Verfügbarkeit der Kantaten als Tonträger oder Notenmaterial. Es gibt diverse Einspielungen, die aber meistens nicht komplett sind und somit vielleicht im Telemannschen Sinne zur „Hausandacht“ nicht taugen. Meinen Geschmack treffen die meisten davon nicht. Zum Selbstmusizieren besteht hingegen reichlich Gelegenheit. Im Bärenreiter-Verlag sind diverse Ausgaben des Zyklus erschienen. Wer es gern historisch mag, dem sei unbedingt ein Blick in die digitalisierte Erstausgabe empfohlen, welche von der Dänschen National Bibliothek zur freien Verfügung bereit gestellt wird.

Für Bewohner aus Karlsruhe & Hinterland besteht natürlich noch mehrmals die Gelegenheit, eine Kantate im Gottesdienst zu hören. Alle kommenden Termine finden Sie unter www.kirchenmusik-karlsruhe.de.

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Orgelmusik von Dietrich Buxtehude

Verfasst von theiresias am 25. Oktober 2008

Sonntag, 02. November 2008 in der Evangelischen Kirche Hohenwettersbach

Dietrich Buxtehude
Nun lob, mein Seel, den Herren
BuxWV 214

Präludium und Fuge G-Dur
BuxWV 147

Flyer (PDF)

Im Jahr 1705 reist ein Organist und Komponist von Arnstadt (Thüringen) nach Lübeck. Das Besondere an dieser Reise: Der Musiker legt die über 400 Kilometer zu Fuß zurück. Er scheut keine Mühen, um sein musikalisches Vorbild Dietrich Buxtehude zu hören und bei ihm Unterricht zu nehmen.

Buxtehude zählte damals zu den bekanntesten und virtuosesten Organisten und Komponisten. Sein Werk umfasst Gesangs- und Orgelkompositionen. Nach seinem Tod im Jahr 1707 wurde er jedoch schnell vergessen. Bis man über 100 Jahre später auf die Wanderung des Arnstädter Musikers aufmerksam wurde, der niemand Geringeres als Johann Sebastian Bach war. Zudem fand man zahlreiche Überlieferungen, die von der Bewunderung Bachs für den Lübecker Musiker zeugten. Dies führte zwangsläufig dazu, dass sich die Musikwissenschaft für Buxtehude interessieren musste; im Nachhinein betrachtet ein Glücksfall.

Die Orgelstücke Buxtehudes sind im Gegensatz zu denen Bachs für den Hörer klarer strukturiert. Präludium und Fuge bilden eine Einheit, die nicht getrennt werden kann, und dach hat jeder Teil dieser Einheit einen ganz eigenen Charakter. Ein Stück, das mit „Präludium“ überschrieben ist, kann neben einem Präludium aus mehreren Fugen und Zwischenspielen bestehen. Dabei gibt es ruhige und zierliche Passagen, aber auch breite oder rasende Abschnitte. Aus dem Wechselspiel dieser vielfältigen Stile entsteht die meiner Meinung nach im Barock spannungsreichste Orgelmusik.

Das Wechselspiel ist auch entscheidend für die Intonation zu Nun lob, mein Seel, den Herren. Dieses Werk könnte man auch als melodische Unterhaltung bezeichnen. Hat eine Stimme das Thema vorgestellt, greift eine andere es wenig später ein paar Töne höher oder tiefer wieder auf und übergibt danach an die nächste Stimme. Zeitweilig unterhalten sich nur die oberste und die unterste Stimme, dann fallen die anderen wieder mit ein, solange bis die gesamte Melodie des Chorals auf das Vielfältigste „gesungen“ wurde. Im Gegensatz zu Bach, dem die Arnstädter vorwarfen, er spiele so viele falsche Töne, funktionieren Buxtehudes Choralbearbeitungen noch in einem überschaubaren harmonischen Rahmen.

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Finanzkrisenmusik?

Verfasst von theiresias am 17. Oktober 2008

Nachdem ich für das Erntedankfest vegetarische Musik fand und diese, am 05. Oktober 2008 aufführte, frage ich mich, derweil ich das Mutopiaproject durchstöbere, ob ich jetzt auch Musik zur Finanzkrise bingen sollte. Hat die Kirche da nicht eine moralisch/ethische Aufgabe? Gilt diese auch für den Organisten/Pianisten einer Gemeinde? Ein Stück habe ich schon gefunden: den Wall Street Rag von Scott Joplin.

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Vegetarische Musik zum Erntedank

Verfasst von theiresias am 27. September 2008

Momente der Musik im Gottesdienst

Sonntag, 05. Oktober 2008 um 10:00 Uhr in der Ev. Kirche Hohenwettersbach.

Flyer „Vegetarische Musik zum Erntedank“ (PDF)

Was heißt denn eigentlich vegetarische Musik? – Oder: Wie erklären sich die Titel der beiden Ragtimes?

Um es kurz zu machen: Auf diese Fragen gibt es keine Antworten, aber wunderschöne Mythen umkreisen sie. So soll an einem heißen Sommernachmittag der Musikalienhändler John Stark auf der Suche nach einer Erfrischung in den stickigen Maple Leaf Club in Sedalia eingekehrt sein. Hier servierte man ihm nicht nur ein kühles Getränk, sondern erfrischte auch sein Gemüt mit einem Stück Klaviermusik. Begeistert redete Stark auf den jungen farbigen Pianisten ein, diese Musik müsse bekannter, also gedruckt, werden.

Kleine Wörter- und Stadtkunde

  • maple (engl.) – Ahorn
  • leaf (engl.) – Blatt
  • pineapple (engl.) – Ananas
  • root beer (engl.) Wurzelbier, alkoholfreies Erfrischungsgetränk
  • Sedalia, Stadt in Missouri, USA

Doch sind die äußeren Umstände dieser Legende höchst fragwürdig. Existierte der Maple Leaf Club überhaupt schon und wenn ja, warum hatte er Nachmittags geöffnet? Gesichert ist nur, dass Stark 1998 oder 99 den Maple Leaf Rag veröffentlichte und an dessen Komponisten, Scott Joplin, 1 Cent pro Kopie und Extratantiemen für jede neue Auflage zahlte. Gesichert ist auch, dass Joplin über Jahre im Maple Leaf Club Klavier spielte. Ob der Club damit aber auch zum Namensgeber für das berühmteste Stück der amerikanischen Klavierliteratur wurde, ist zu bezweifeln.

Und weil sei so schön ist, sei in der Webedition dieses Textes noch eine zweite Legende um die Publikation des berühmten Ragtimes genannt. Diesmal begegnen sich Joplin und Stark nicht im Maple Leaf Club. Ort der Handlung ist diesmal Starks Büro. Anwesend Starks Sohn, der sich folgendermaßen zu erinnern vorgibt:

Als Scott das erste Mal den Maple Leaf für Herrn Stark spielte, schüttelte dieser den Kopf und sagte: „Zu schwierig. Keiner wird das Stück spielen können.“ Joplin antwortete: „Wenn ich jetzt sofort auf der Straße vor ihrer Haustür jemanden finde, der ihn spielen kann, würden sie ihn dann veröffentlichen?“ Das würde er, entgegnete Stark. Scott lief raus und kam mit einem kleinen Negerjungen, der vielleicht 14 Jahre alt war oder so, zurück. Der Kleine setzte sich ans Klavier und spielte den Maple Leaf, gerad vom Blatt, ohne jeden Makel. Stark haute sich auf die Schenkel und rief: „Ich werde das Stück herausbringen.“ Was er zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Der Junge konnte nicht einmal Noten lesen. Scott hatte ihn aus Kansas City mitgebracht und in Monate lang unterrichtet und in die Komplexität des Stückes eingewiesen.

(Zitiert nach Edward A. Berlin: The King of Ragtime. Scott Joplin and His Era, New York und Oxford 1994.)

Auch diese humoreske Episode hat gewaltige Schönheitsfehler. Was motivierte Joplin dazu, einen Jungen Monate Lang zu unterrichten, in von Kansas nach Sedalia zu bringen, um ihn dann ein neues Stück bei einem ihm gänzlich unbekannten Mann vorspielen zu lassen, der Musikalienhändler, aber bis dato kein Verleger war.
Abschließend wird sich die Frage, wie Komponist und Verleger zusammenkamen, wohl nicht klären lassen.

Doch zurück zum Titel. Woher kommt dieser denn nun?

Vermutlich verdanken sowohl der Club wie auch das Musikstück ihren Namen dem gleichen Umstand: In Sedalia waren zu dieser Zeit Ahornbäume allgegenwärtig. Warum nicht einen Nachtclub und eine Komposition nach ihren Blättern benennen?

Titelblatt der Erstausgabe des Pine Apple Rags

Titelblatt der Erstausgabe des Pine Apple Rags

Pine Apple Rag

Im Falle des Pine Apple Rags ist die Titelfrage nicht so kompliziert. Das Deckblatt der Erstausgabe lässt keinen Zweifel offen: Dieses Stück ist eine Hommage an die Frucht. Immer wieder neigen Komponisten dazu, ihren Werken Titel zu geben, die eine erfrischende Frucht oder gar ein Erfrischungsgetränk beinhalten. Letztes Jahr spielte ich zum Erntedank auf dem Klavier den Root Beer Rag von Billy Joel. Und auch dieses Werk weist sich explizit als Ragtime aus. Wodurch wirken Ragtimes aber so erfrischend oder aufheiternd?

„The King of Ragtime Writers“

Solche Titel werden einem Komponisten oft durch Freunde oder Verehrer(innen) gegeben. Darauf wartete Joplin nicht. Ganz bescheiden nannte er sich selbst „König der Ragtime-Komponisten“ und druckte dies auf die Titelblätter seiner Kompositionen (s.o.).

Der Ragtime

Eine Melodie „raggen“ bedeutet, ihren Rhythmus zu verändern. Aus einem Viervierteltakt wird ein Walzer oder umgekehrt. Dies ist aber nur die einfachste Variante. Viel interessanter ist es, die musikalischen Schwerpunkte zu verschieben. In jeder Taktart werden bestimmte Zählzeiten betont. So klatscht die/der Durchschnittsdeutsche zu einer Melodie im Viervierteltakt immer auf die erste und die dritte Zählzeit. Hier liegen die mitteleuropäisch traditionellen Schwerpunkte dieses Taktes. Und genau an dieser Schraube drehten die Erfinder des Ragtimes. Auf einmal kam die Betonung knapp zu spät oder sogar knapp zu früh. Um diese Abweichung von der Norm hervorzuheben, legten die Komponisten jedoch Wert darauf, dass jedem Werk ein ganz einfacher – also den Zuhörerinnen und Zuhörern bekannter – Rhythmus zugrunde liegt. Somit trat vor dem Hintergrund der alten europäischen Musiktradition der damals neue und fremde Rhythmus besonders hervor. In der Musik vereinten sich am Ende des 19. Jahrhunderts damit zwei Kulturkreise, die sich manchmal auch im heutigen Amerika noch mit Misstrauen und Abscheu beäugen. Diese Kulturleistung war zweifelsohne das Verdienst der afroamerikanischen Ragtime-Musiker. Das ist nicht ganz unbedeutend wenn man berücksichtigt, dass der Ragtime von den Amerikanern als erste eigene Musikgattung betrachtet wurde. Bis dahin erklang in der „Neuen Welt“ nur Musik aus dem „alten Europa“. Was sollte auch anderes an einem Ort erklingen an dem sich lauter europäische Auswanderer tummelten. Das Kulturell Neue entstand aus der Unterdrückung. Ohne die afrikanischen Rhythmen ist der Ragtime der ganze Jazz, Rock und Pop etc. etc. nicht denkbar.

Ragtime mit Hand und Fuß

Heute halten viele sicherlich das Klavier für „das klassische Ragtimeinstrument“. Dies liegt schlicht und ergreifend daran, dass diese Musik inzwischen fast ausschließlich auf dem Klavier gespielt wird. In den Anfangszeiten wurde sie aber vor allem durch Bands und kleinere Orchester vorgetragen, da sie vorwiegend in Tanzlokalen o. ä. erklang.
Getreu dem Motto „Meine Orgel sie ist ein Orchester“ des französischen Romantikers Charles Marie Widor (1844 – 1937) bewegen wir uns also sogar ein wenig back to the roots, wenn zum Erntedank zwei der bedeutendsten Ragtimes auf der Orgel erklingen.

Tonträgerempfehlung

Wer die beiden Ragtimes einmal im Original auf dem Klavier hören und weitere kennen lernen möchte, dem empfehle ich folgende charmante und mitreißende Interpretation:

Scott Joplin: Piano Rags
Alexander Peskanov, Klavier
erschienen bei NAXOS

Außerdem bietet die Orgel den Vortragenden einen entscheidenden Vorteil: Die Basstöne können mit den Füßen gespielt werden. Dem Pianisten ist solches Glück nicht vergönnt. Er muss die waghalsigsten Sprünge in teilweise rasanten Tempi mit der linken Hand vollführen. Nicht zu vergessen, dass die rechte Hand dabei. rhythmisch gewissermaßen gegen den Strom schwimmt. Dieses Problem bleibt dem Organisten erhalten. Daher ist es tatsächlich wichtig, dass sich meine rechte Hand nicht darum kümmert, was die linke Hand und die Füße machen.

Weitere Materialien zum Ragtime und Joplin im Netz

  • Im Connexions-Projekt, einem freien Internetportal für Lehrmaterialien finden sich zwei knappe doch prägnante Kurse zum Thema Ragtime und zur Person Joplins, deren Lektüre ich nur empfehlen kann. Leider liegen sie nur in englischer Sprache vor. Vielleicht fühlt sich ja jemand zur Übersetzung berufen.
  • Für diejenigen, die Klavier spielen und denen es jetzt in den Fingern juckt: Einige der Ragtimes Joplins, auf deren Erstausgaben inzwischen kein Copyright mehr liegt, können in hervorragender Edition aus dem Mutopia-Projekt geladen werden. Der Pine Apple Rag ist momentan leider noch nicht verfügbar.

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Barock- oder Popmusik?

Verfasst von theiresias am 16. September 2008

Auftakt zur Reihe Songs of Praise. Momente der Musik im Gottesdienst

Momente der Musik im gottesdienst

Johann Pachelbel (1653 – 1706)
Canon per 3 Violini e Basso
in der Bearbeitung für Orgel von Frank E. Brown

Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)
Jesus bleibet meine Freude
aus der Kantate Herz und Mund und Tat und Leben, BWV 147, arrangiert für Orgel

Sonntag, 21.09.2008 um 10:00 Uhr während des Gottesdienstes in der Ev. Kirche Hohenwettersbach.

Kanon in D

Egal ob „Kuschel-Klassik“ oder „Die größten Barockhits“, ein Werk darf auf Compact Discs dieser Art nicht fehlen: der berühmte Kanon von Johann Pachelbel in D-Dur. Pachelbel schrieb dieses Werk, wie Sie dem Originaltitel entnehmen können, eigentlich für drei Violinen, die durch eine kleine Orgel bzw. ein Cembalo und Bassinstrument begleitet werden. In dieser Besetzung wird die berühmte Weise jedoch heute höchst selten aufgeführt.
Es gibt Arrangements für Klavier, Orchester, Posaunenchor und selbstverständlich auch für die Orgel. Allen diesen Bearbeitungen ist gemein, dass sie den eigentlich sehr gut hörbaren Kanon kaschieren, da sie die ursprünglichen Stimmen nicht streng auf die anderen Instrumente übertragen. Vielmehr bemühen sich die Bearbeiter, die musikalischen Effekte und die eingängige Harmoniefolge aufzugreifen und den Zuhörerinnen und Zuhörern auf dem Silbertablett zu servieren.
Frank E. Brown, in dessen Bearbeitung für Orgel das Stück am 21. September erklingt, geht noch einen Schritt weiter. Er macht die Melodie überhaupt erst „Kuschel-Klassik-tauglich“. Dazu lässt er seine Bearbeitung mit langen Akkorden beginnen, die – langsam vorgetragen – nahezu romantisch anmuten. Aus ihnen heraus entwickeln sich ganz zaghaft die für das Barock eigentlich typischen Figuren. Und trotzdem ist das Stück, egal von wem und wie es bearbeitet wurde, immer eindeutig wieder zu erkennen. Dies liegt an der eingängigen Bassfigur, die vom Beginn bis zum Schluss wiederholt wird (Ostinato). Zudem liegt es auch an der einfachen, jedoch eingängigen, Harmoniefolge, die unweigerlich mit dieser Basslinie verbunden ist. Und so wundert es nicht, dass die offensichtlich ansprechenden Harmonien auch bei anderen Komponisten zu finden sind. Händel verwendet sie in einem seiner Orgelkonzert, Mozart lässt die drei Knaben in der Zauberflöte auf diese Harmoniefolge singen und die Filmkomponisten greifen sie auf, wann immer es ihnen an eigenen Einfällen mangelt, also oft. Und somit reifte der Kanon in D über die Jahre sogar zum dritten „Hochzeitsmarsch“.


„Jesu, Joy of Man’s Desiring“

Unter diesem Titel veröffentlichte die britische Pianistin Myra Hess im Jahr 1926 die Klavierbearbeitung eines Chorals aus der Bach-Kantate Herz und Mund und Tat und Leben. Sie ahnte vermutlich nicht, zu welcher Popularität sie dem Choral damit verhelfen sollte. Über die Jahre folgten unzählige weitere Bearbeitungen. Diese führten dazu, dass Jesus bleibet meine Freude uns allen irgendwie im Ohr klingt, wir die ganze Kantate hingegen nur so gut kennen, wie wir andere Bach-Kantaten kennen. Der getragene Choral mit der kunstvoll gearbeiteten Oberstimme, die effektreiche harmonische Wendung im Mittelteil, all das bildet das Rüstzeug, um die Bearbeitung für das unter Organisten gängige Oxford Book of Wedding Music zu prädestinieren. Deshalb trägt sie bei mir neben Mendelssohns, Wagners und Pachelbels „Hochzeitsmärschen“ den Arbeitstitel „Hochzeitsmarsch Nr. 4“.

Um das Stück auf dem kleinen Instrument der Firma Oberlinger aufzuführen, muss ich ein wenig in die Trickkiste greifen. Normalerweise ist es hilfreich, zwei Klaviaturen zu haben. Auf dem einen Manual erklingt der Choral, auf dem anderen die Oberstimme, mit den Füßen wird das tragende Bassfundament musiziert. Da unsere Orgel nur über ein Manual verfügt, hat der Orgelbauer eine sehr beschränkte Möglichkeit vorgesehen, um auch Werke aufzuführen, die eigentlich für zweimanualige Orgeln geschrieben wurden:
Das Register Gedackt 8′ kann genau in der Mitte der Klaviatur geteilt werden. Der Organist kann also entscheiden, ob nur die untere Hälfte der Töne, die obere Hälfte oder alle Töne erklingen sollen. Wählt man das Register Gedackt 8′  nur für die obere Hälfte der Klaviatur und nimmt das Register Sesquialter hinzu, dass bei uns nur für die obere Hälfte der Klaviatur gebaut wurde, dann entsteht mit den restlichen gezogenen Registern tatsächlich der Eindruck, als verfüge unsere Orgel urplötzlich über zwei Klaviaturen. Leider kann dieser Trick nur für wenige Kompositionen genutzt werden.

Flyer zum Download (PDF)

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Momente der Musik im Gottesdienst

Verfasst von theiresias am 16. September 2008

Unter dem Titel Songs of Praise. Momente der Musik im Gottesdienst werde ich künftig in der Ev. Kirchengemeinde Hohenwettersbach/Bergwald in unregelmäßigen Abständen „besondere Musikhäppchen“ anbieten.

Momente der Musik im gottesdienst

Was macht nun aber Musik besonders?
Dies kann sowohl ihr Bekanntheits- wie auch Unbekanntheitsgrad sein. Ferner wird Anfang Oktober Musik erklingen, die man vielleicht nicht in einem Gottesdienst erwartet. Unter dem Titel Vegetarische Musik zum Erntedank werden Ragtimes von Scott Joplin zu Gehör kommen, die auf der Orgel eigentlich überhaupt nichts zu suchen haben.
Dabei soll die Musik den üblichen liturgischen Raum einnehmen: Vorspiel und Nachspiel oder Einleitungen zu Chorälen. Nur sehr selten wird eine Ausnahme diese Regel bestätigen, wenn beispielsweise am 15. Februar 2009 Schülerinnen und Schüler des Badischen Konservatoriums die Telemann-Kantate Was ist mir doch das Rühmen nütze? musizieren werden.

Mit kleinen Faltblättern und den Ausführungen auf meiner Internetseite möchte ich gewissermaßen etwas Salz in die musikalische Suppe streuen, um so dem Gehörten die letzte Würze zu geben und den Appetit anzuregen.

Der Titel Songs of Praise (Lieder des Lobes) ist keineswegs mein Lieblingsanglizismus. Er verweist auf eine äußerst populäre Musikreihe im britischen Fernsehen. Seit den 1960er Jahren treten hier wöchentlich Leihenmusikerinnen und -musiker wie auch Profis auf, die ihre liebsten geistlichen Werke zu Gehör bringen. Wie jede erfolgreiche Fernsehserie brauchten auch die Songs of Praise eine charakteristische Titelmusik. Sie wurde vom britischen Komponisten Robert Prizeman (*1952) verfasst und wurde wiederum so berühmt, dass Prizeman ausgehend von dem Orchesterstück eine Toccata for Organ erarbeitete. Diese wird während der Gottesdienstes in Hohenwettersbach nie erklingen, da sie of der kleinen Oberlinger-Orgel nicht gespielt werden kann. Sie wäre aber eine prima Titelmusik für ein Abschlusskonzert – quasi der ersten Staffel – in einem der umliegenden Bergdörfer, in deren Kirchen gar wunderschöne moderne und historische Orgeln zu hören sind.

Die jeweils nächste Ausgabe wird spätestens eine Woche vor Beginn im Gottesdienst abgekündigt. Zu diesem Zeitpunkt liegen auch die Faltblätter aus, die nebst zusätzlichen Informationen auch über diese Seite abgerufen werden können. Die Gottesdienste in Hohenwettersbach beginnen jeweils um 10:00 Uhr. Eine abweichende Zeit wird hier ggf. bekannt gegeben.

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