Und er weiß nicht, ob da jetzt was schlimm dran ist.

Theiresias näherte sich dieser seltsamen Kiste, die während der Hörspieltage im Foyer des ZKM weilte, und fragte sich, was dieses Ding, das so ein wenig nach mobilem Passbildautomaten ausschaut, wohl genau macht? Aus dem Inneren schallte Musik, die extrem nach Porno klang, was Theiresias beurteilen kann, so dass Theiresias auch auf den Gedanken kam, ob es nicht ein mobiles Pornokino sein könnte, was Theiresias nicht beurteilen kann. Derweil Theiresias in seinem Geist nach etwaigen Religionsfetischen suchte, jedoch keine fand, verschwand eine junge Dame hinter dem Vorhang. Rein akustisch änderte sich nichts und kurz darauf verließ sie den Gebetomaten wieder. Da müsse man 50 Cent einwerfen, teilte sie mit, sie habe aber kein Kleingeld. Ob sie helfen könne, fragte sie, vermutlich durch den weißen Stock veranlasst. Nein, er käme allein zurecht, antwortete in einem Anfall von Hybris Theiresias, nicht ahnend, wie falsch er liegen sollte. Er verschwand hinter dem Vorhang und nahm auf einem kleinen Metall/Plastikhöckerchen Platz. Vor ihm ein Touchscreen auf dem zu lesen war, man müsse hier 50 Cent einwerfen und könne dann aus einer Unmenge (genaue Zahl ist Theiresias entfallen) von Gebeten auswählen, die man sich dann fünf Minuten anhören könne. Um danach weiter zu hören müsse man, im aktuellen Fall also Theiresias, weitere fünfzig Cent einwerfen. Über dem Monitor waren zwei verhältnismäßig riesige Lautsprecher montiert, aus denen auch die Pornomusik kam. Sollte der Gebetomat also floppen, könnte man ihn ohne weiteres in ein mobiles Pornokino umwandeln. Das Problem wäre allerdings, dass die Geräusche aus dem Pornomaten ja ungehindert auch außerhalb zu hören sind. Also so ganz privat, wie in der Zeitungsbeilage zu den Hörspieltagen behauptet, wäre die Sache wohl nicht. Theiresias suchte nun nach dem Geldschlitz, fand ihn aber nicht. Er fand eine Vorrichtung mit Hebel, rechts des Bildschirms, worin man offensichtlich die 50 Cent versenken sollte, war aber beim besten Willen nicht in der Lage, genau dies zu tun. Vollkommen unaccesable dieser Gebetskasten, dachte der blinde Seher. Touchscreen und unverständlicher Geldschlitz; diese moderne Kunst ist sehbehindertenfeindlich, beschloss er. Trotzdem fummelte er weiter an dem Ding herum und bereute nun das erste Mal, die Hilfe der freundlichen Dame abgelehnt zu haben. Auf der anderen Seite, wie hätte das funktionieren sollen? Der Schlitz rechts des Touchscreens, der Vorhang links. Hätte man die Kabine nacheinander betreten, wäre da nicht das künstlerische Erlebniskonzept zerstört worden? Hätte Theiresias Platz genommen und sie hätte sich über ihn drüber gelehnt; möglich ja, aber wie hätte das ausgesehen, dazu bei der Musik? Wäre es bei so einem spirituellen Ausstellungsstück nicht gar Blasphemie gewesen?
Und überhaupt, warum soll man sich Gebete anhören? Nein, Theiresias wird selber weiter beten und insbesondere im Falle der Fürbitten, bei denen alle zum Mitmachen aufgefordert sind, zu Höchstformen auflaufen. Unvergessen seine Fürbitten für schwule Priester, grüne Atomkraftbefürworter und die oversexte but underfuckte Jugend.
An der ZKM-Bar angelangt, bestellte sich Theiresias frustriert sein Sehergedeck (Apfelschorle und Latte macchiato). Neben ihm die junge Frau. Wie es gewesen sei? Theiresias erklärt ihr sein Scheitern. Sie bedauert aufrichtig und blickt ihn an. Er stellt fest, dass 15 Prozent links und Amaurose rechts für einen gescheiten nonverbalen Flirt entschieden zu wenig sind und überlegt ihr noch mal schnell den weißen Stock zu zeigen, hält das dann aber für zu penetrant und beschließt stattdessen, sich selbst demnächst in seine kuriosen Fürbitten einzuschließen.