Noch heute, da ich die Ereignisse niederschreibe, schaudert es mich. Denn war ER nicht anwesend, in dieser Stunde dieser ärgsten bedrückender Dunkelheit, sollte nicht gar seine eisigen Finger im Spiel gehabt haben? Und wer war es, der ihn rief? Ich war es. Indem ich mich der Worte und der Stimme zweier Verstorbener bediente, ließ ich ihn real werden und sein schmutziges Handwerk führen. Mit Blitz und Donner fuhr er herauf und versetzte Karlsruhe in Finsternis.
Doch alles der Reihe nach. Ich schaltete den künstlichen Ventus aus, löschte die Lichter über Klaviaturen und Pedalklaviatur, verbrachte die Notenblätter mit der wunderbaren Musik Elgars in Den Raum gegenüber der Sakristei und steckte mir die Ohrhörer in beide Ohren. Und dann geschah das Verhängnisvolle. „Weistu was so schweig.“ Wer sprach da? Nein, das waren nicht einfach nur die Worte Thomas Manns, die Gert Westphal zum klingen brachte. Aus ihnen sprach ER, der Fürst der Hellen, Beelzebub, der Schleppfuss, der Meister der dunklen Kräfte. Sprach nicht zu Adrian Leverkühn, dem Doktor Faustus, sondern sprach leibhaftig zu mir. „Weistu was so schweig.“ In die Welt hatte ich ihn intoniert, indem ich Westphal diese Worte in einer Kirche lesen ließ. Sprach es und löschte das Licht, schlagartig verlosch der große Kronleuchter, es folgte die elektrischen Laternen in den Gassen Rintheims. Straßenzug um Straßenzug versank in Finsternis und Unwissenheit. Ja Unwissenheit, denn auch die modernen Kommunikationsmittel versagten den Dienst, denn sie bedürfen des elektrischen Stromes. Keines dieser mobilen Fernsprechgeräte das in den Händen seines Besitzers noch irgend einen Sinn ergab. Denn wer durch die Luft über Kilometer hinweg sprechen will, der reitet doch nur auf dem Schweif der Elektrizität. Unwissenheit machte sich breit, Unwissenheit darüber, das ER mit einem Blitz in ein Umspannwerk gefahren war und dort so einiges in Flammen aufgehen ließ. Ich trat auf den dunklen Kirchplatz und verschloss die schwere Kirchentür; einmal, zweimal drehte ich den Schlüssel in dem alten schwergängigen Schloss. „Sprich nur deutsch! Nur fein altdeutsch mit der Sprache heraus, ohn’ einzige Bemäntelung und Gleißnerei. Ich versteh es. Ist gerad recht meine Lieblingssprache. Manchmal versteh ich überhaupt nur deutsch.“ Deutsch, deutsch, deutsch, so lag er mir in den Ohren, meiner Muttersprache bediente er sich, feierte sie gar als seine Lieblingssprache, die Sprache der Schlechten und Schlächter. Ihn zum schweigen zu bringen, sah ich mich außer Standes. Ein Druck auf den Stop-Schalter hätte dies vermocht. Wer je in seinen Bann fällt der bleibt dort, bis ER das Gespräch beendet, oder ein guter Engel sich der armen befallenen Kreatur erbarmt. Doch alle Engel erzittern vor dem gefallenen Engel und so ist man einsam, allein gelassen. Ich schreibe allein, indes allein war ich keinesfalls, um mich herum traten Leute aus den Häusern, und teilten einander mit, dass es auch ihnen an Strom mangele. „Heijo, des isch überall, vielleicht ganz Karlsruh.“ Ich hörte dieses alles, während sich in meinen Ohren der geniale Tonkünstler mit dem genialen Scheusal um Genialität stritt. Vierundzwanzig Jahre reichen, künstlerischen Schaffens, das war der Gegenstand des Gespräches.
Ich entschloss mich, in Richtung der Elektrischen zu laufen, entfaltete den Langstock, es klackte viermal schnell hintereinander, und ging – rein äußerlich – in aller Seelenruhe meines Weges. Die Dunkelheit schreckt mich nicht, sie ist mir vertraut, ein guter Freund, der alle meine verbleibenden Sinne aktiviert, sie herausfordert. Ganz sicher tastete ich mich an Gerüsten und parkenden Automobilen vorbei, überwand jede Bordsteinkante mühelos, wie auch sonst. Dieser Zustand unterschied sich für mich wirklich kaum von der zivilisierten, der künstlich erhellten Dunkelheit unserer Tage. Das bischen künstliche Licht reicht mir eh nie aus, im Gegenteil es blendet, stört die geringe Restsehkraft, irritiert; es ist eigentlich überflüssig. Meinen Weg beschritt ich also sicherer denn je, locker vor mich hin pendelnd, vergnüglich hätte ich ein Lied vor mich hinpfeifen mögen, wäre da nicht ER gewesen. „Was für ein Unsinn! Was für einen intelligenten Unsinn du redest! Es ist recht, was auf gut altdeutsch Aberwitz heißt. Und so künstlich!“
Es entbehrte nicht einer gewissen Komik. Ich schritt im Gebiet der evangelischen Gemeinde „Zum Guten Hirten“ auf dem Hirtenweg und in den Ohren liegt mir der olle Deubel. Vor mir auf einmal Licht. Das lies mich sogar meinen Begleiter für einen Moment vergessen. In der elektrischen brannte Licht. Ich blinzelte umher, doch der Rest lag in Finsternis. Ich bestieg das Fahrzeug, nahm auf einer Holzbank platz und lauschte. Nicht nur ihm, sondern auch den Menschen um mich herum. Wirres Fragen, was los sei. Ein terrorischtischer Anschlach? Über das Funkgerät meldete sich die Verkehrsleitstelle und teilte uns Fahrgästen mit, das ganz Karlsruh ohne Strom sei. Die Stadtwerke versuchten allerdings, Bezirk für Bezirk wieder mit Elektrizität zu versorgen, man bat um Verständnis und rief dazu auf, die Ruhe zu bewahren. Danach war mir nun bei weitem nicht zu Mute, denn die allgemeine Aufregung und die verzweifelten Fragen im Funkverkehr kommentierte mein gebeten ungebetener Begleiter durch die Stimme Westphals mit einem höhnischen Lachen.
„Natürlich ist Spengler ein Esmeraldus.“ Und Ackermann, Bush, Schäuble, die Namen derer, die mit IHM im Bunde sind rissen nicht ab, lethargisch hing ich auf der Bank während der Bahnchef, Peter Hartz, verschiedene Aufsichtsräte und Vorstände vor meinem Auge auf und ab wanderten. Alle des Teufels, so simpel ist der Casus. Wie zur Bestätigung ruft ER mir zu: „Mein lieber, man hat immer eine Menge Genossen.“ Roland Koch, Gerhard Schröder, Otto Schilly, Gysi, die ganze Blase alle sind sie des Teufels und wieder wich meine Aufmerksamkeit von IHN, denn mir kommt die fixe Idee, das sie dereinst für den hier verzapften Schmu herüben schmoren, in eisigen Körpern, um der Hellen Flammen über sich ergehen zu lassen. Was für ein Hokuspokus zweifelte ich noch, um dann über das gesamte Gesicht zu strahlen: Doch es gibt einen Beweis für die Existenz der Hölle, sie ist, wie alles was mit dem Glauben zu tun hat, literarisch. Heine sprach von der Hölle des Dante, die Hölle der Schriftsteller, in Worte gehüllt gegen das ewige Vergessen. Alle diese Scheusale suchen die Öffentlichkeit, sonnen sich im medialen Glanze und wandern mit etwas Geschick der Autoren geradezu an den mit IHM vereinbarten Ort, auf immer und ewig. Amen.
Noch immer redet Westphal, aber ER ist fort, entlarvt, bloßgestellt. Das scheint er nicht zu mögen. Das Medium versagte sich ihm durch Erkenntnis.
Nach und nach kehrt das Licht wieder, die Gefriertruhen springen wieder an, Aufzüge nehmen wieder Fahrt auf und die ängstliche Ungewissheit weicht übergeschäftiger Panik. Ich bin mir sicher, mein Begleiter hat seine Freude daran. Aber er schweigt, der Schachzug, der sein Amüsement ins Rollen brachte, machte ihm – was meine Gesellschaft angeht – letztendlich den Garaus. Der Strom in den Batterien meines Abspielgerätes war bis auf den letzten Rest verbraucht.