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die dinge mit den augen des blinden sehers

Archiv für die Kategorie ‘Prosa’

Loefl-Test-Examen

Verfasst von theiresias am 11. Oktober 2008

Wenn irgendein Fernsehsender in Zukunft YoghurtexpertInnen braucht (man denke nur an die chinesische Milchkrise), sollte dieser unbedingt Krokowski fragen. Ja der Yoghurt scheint diese sympathischsten aller kreativ Verrückten wirklich sehr zu beschäftigen. Sehr lobenswert findet es Theiresias, dass Krokowski das Thema nun populärwissenschaftlich angeht und den Loefl-Test ausschreibt. Dieser lautet wie folgt:

Aufgabe im Loefl-Test: „Schreiben Sie ein Essay (ca. 300 Wörter) über folgende Frage: ,“Ist es besser, den Yoghurt mit einem großen oder mit einem kleinen Loefl zu essen?“

Folgenden Beitrag reicht Theiresias hiermit ein:

Yoghurt wird in verschiedenen Gefäßen unterschiedlicher Größe angeboten. Die Öffnungen dieser Gefäße weisen wiederum unterschiedliche Größen auf. Wir unterscheiden fortan zwischen Klein- und Großgefäßen. Das Kleingefäß ist der gemeine allseits bekannte Yoghurtbecher. Bei den Großgefäßen gibt es das Ökoglas mit kleiner Öffnung und den bösen Kunststoffbecher mit größerer Öffnung. Ferner muss in Rechnung gestellt werden, dass Yoghurt nicht ausschließlich aus dem Behältnis verzehrt wird, in dem er der geneigten GenießerIn dargeboten wird. In einigen Fällen, wenn beispielsweise mit Cornflakes vermischt, genießt man die erfrischende Milchspeise aus einem tiefen Schälchen.

Der gemeine Loefl – auch Löffel geschrieben – ist ein äußerst populäres Verzehrswerkzeug, das es in verschiedenen Varianten gibt. Der kleinste Loefl ist vermutlich der Probenloefl, mit dem in der Regel Fäkalproben genommen werden, die der Ärztin bzw. dem Arzt zu überreichen sind. Mit dem Teeloefl, wird der Tee umgerührt, der Zuckerloefl steckt im Zuckertöpfchen. Unter seiner Zuhilfenahme entnimmt der/die gemeine KulinarikerIn Zucker aus dem Töpfchen und gibt diesen in Tee oder Kaffee. Zum Umrühren ist der dieser spezielle Loefl nicht bestimmt. Ein besonderer Loefl ist der Eierlöffel. Oft ist er aus Plastik, bei Spießern aus Perlmutt. Alle diese Loefl gehören zur Familie der kleinen Loefl. Dabei ist die Familie nicht mit dem Exemplar des kleinen Loefls zu verwechseln, wobei es sich um ein Werkzeug handelt, mit dem vorwiegend Desserts verzehrt werden.

Dies vorausgesetzt, scheint der kleine Loefl zum Yoghurtverzehr prädestiniert zu sein. Allerdings ist beim gemeinen kleinen Loefl der Stiel derart kurz, dass er im Yoghurtglas und im großen Yoghurtbecher versinkt. Daher empfiehlt sich bei diesen Gefäßen auf den ersten Blick die Wahl des großen Loefls. Allerdings ist auch der Gefäßöffnungsradius zu berücksichtigen. Beim Plastikbecher ist dieser in der Regel so groß, dass im Becher bequem mit dem großen Essgerät agiert werden kann. Beim Yoghurtglas fällt er jedoch klein aus. Daher ist das Umfüllen der Masse in ein Schälchen empfehlenswert, worauf man angesichts der Menge zum großen Loefl greift. Ist ein Schälchen nicht zur Hand (Studierendenhaushalt etc.) sollte sich der/die YoghurtfetischistIn zum langstieligen kleinen Loefl greifen, der sich bequem im Eiscafé stehlen lässt. [343 Wörter]

PS: Eigentlich ist die Loefl-Frage piep-Wurst-egal. Theiresias entzellophaniert den Becher (egal ob klein oder groß, Gläser lehnt er ab) und schlürft die schleimige Masse immer direkt aus dem Becher; nach Möglichkeit auf Ex. Der Becher wird somit zum Loefl. Den Resten wird man mit dem schlimmen Finger Herr. Oder man bietet sie dem nächsten Vierbeiner an. Da Krokowski diesen aber mit Zurückhaltung begegnet, eröffnet sich ihr diese Möglichkeit nicht.

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Individuelle Freiheit durch zwei Maß Bier

Verfasst von theiresias am 17. September 2008

Als Theiresias hörte, dass man auch mit zwei Maß Bier intus ein Fahrzeug führen könne, erkannte er den Grund, warum ihm bis dato der segensreiche Individualverkehr verwehrt worden war. Sogleich entschloss er sich zum Selbstversuch: Er begab sich zum Wirt seines Vertrauens, ließ sich unter dem Vorwand, er trage die schweren Lebensmittelkisten aus dem Auto in die Wirtschaft, er sei ja noch jung, als Stammgast sei das doch Ehrensache, die Wagenschlüssel reichen und bestellte den ersten von vier Halben. Nach jedem Getränk holte er eine der mit Köstlichkeiten gefüllten Kisten aus dem Großhandel, die doch definitiv für ihn als Schreibtischtäter zu schwer waren. Nach dem vierten Halben zahlte er nicht, ging zum Auto, setzte sich ans Steuer und wunderte sich über sich selbst. Für einen blutigen Fahranfänger mit nur einem Auge und einem Visus jenseits von Gut und Böse auf dem anderen kriegte er das mit dem Anlassen und rückwärts Ausparken spitze hin. Unter Zuhilfenahme des Bürgersteigs und diverser Gegenstände wie Fahrräder, Blumentöpfe und Begrenzungspfähle tastete sich der frisch gebackene Autofahrer vor zur B36, die er nie erreichen sollte. Direkt vor dem Polizeirevier Rheinstetten raste er, mit inzwischen Tempo 77, geradeaus durch den Kreisverkehr, wodurch seine Fahrt beendet wurde. Der wachhabende Beamte, der das Schauspiel durch das Fenster des Dienstzimmers betrachtet hatte, eilte herbei und öffnete die Tür. Er erkannte den Mann, der sonst mit weißem Stock zur Straßenbahnhaltestelle wandelt, sofort und machte ein ehrlich verblüfftes Gesicht. Theiresias versuchte ihm die Rahmenbedingungen seines Experimentes zu erläutern und musste doch feststellen, dass einem gegenüber der Polizei Politikerworte rein gar nichts nützen. Derweil lief der Beamte zur Höchstform auf und bekam seine moralischen 10 Minuten: Wenn er Theiresias, der ja gar nicht so heiße, jetzt einen Menschen überfahren hätte, oder gar ein Kind. Wolle er, Theiresias, ewig mit dieser Schuld leben?
Aber Theiresias war zu betrunken, um dem Mann folgen zu können.

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Mit dem Hellenfürst durch das finstere Karlsruhe

Verfasst von theiresias am 1. Februar 2008

Noch heute, da ich die Ereignisse niederschreibe, schaudert es mich. Denn war ER nicht anwesend, in dieser Stunde dieser ärgsten bedrückender Dunkelheit, sollte nicht gar seine eisigen Finger im Spiel gehabt haben? Und wer war es, der ihn rief? Ich war es. Indem ich mich der Worte und der Stimme zweier Verstorbener bediente, ließ ich ihn real werden und sein schmutziges Handwerk führen. Mit Blitz und Donner fuhr er herauf und versetzte Karlsruhe in Finsternis.
Doch alles der Reihe nach. Ich schaltete den künstlichen Ventus aus, löschte die Lichter über Klaviaturen und Pedalklaviatur, verbrachte die Notenblätter mit der wunderbaren Musik Elgars in Den Raum gegenüber der Sakristei und steckte mir die Ohrhörer in beide Ohren. Und dann geschah das Verhängnisvolle. „Weistu was so schweig.“ Wer sprach da? Nein, das waren nicht einfach nur die Worte Thomas Manns, die Gert Westphal zum klingen brachte. Aus ihnen sprach ER, der Fürst der Hellen, Beelzebub, der Schleppfuss, der Meister der dunklen Kräfte. Sprach nicht zu Adrian Leverkühn, dem Doktor Faustus, sondern sprach leibhaftig zu mir. „Weistu was so schweig.“ In die Welt hatte ich ihn intoniert, indem ich Westphal diese Worte in einer Kirche lesen ließ. Sprach es und löschte das Licht, schlagartig verlosch der große Kronleuchter, es folgte die elektrischen Laternen in den Gassen Rintheims. Straßenzug um Straßenzug versank in Finsternis und Unwissenheit. Ja Unwissenheit, denn auch die modernen Kommunikationsmittel versagten den Dienst, denn sie bedürfen des elektrischen Stromes. Keines dieser mobilen Fernsprechgeräte das in den Händen seines Besitzers noch irgend einen Sinn ergab. Denn wer durch die Luft über Kilometer hinweg sprechen will, der reitet doch nur auf dem Schweif der Elektrizität. Unwissenheit machte sich breit, Unwissenheit darüber, das ER mit einem Blitz in ein Umspannwerk gefahren war und dort so einiges in Flammen aufgehen ließ. Ich trat auf den dunklen Kirchplatz und verschloss die schwere Kirchentür; einmal, zweimal drehte ich den Schlüssel in dem alten schwergängigen Schloss. „Sprich nur deutsch! Nur fein altdeutsch mit der Sprache heraus, ohn’ einzige Bemäntelung und Gleißnerei. Ich versteh es. Ist gerad recht meine Lieblingssprache. Manchmal versteh ich überhaupt nur deutsch.“ Deutsch, deutsch, deutsch, so lag er mir in den Ohren, meiner Muttersprache bediente er sich, feierte sie gar als seine Lieblingssprache, die Sprache der Schlechten und Schlächter. Ihn zum schweigen zu bringen, sah ich mich außer Standes. Ein Druck auf den Stop-Schalter hätte dies vermocht. Wer je in seinen Bann fällt der bleibt dort, bis ER das Gespräch beendet, oder ein guter Engel sich der armen befallenen Kreatur erbarmt. Doch alle Engel erzittern vor dem gefallenen Engel und so ist man einsam, allein gelassen. Ich schreibe allein, indes allein war ich keinesfalls, um mich herum traten Leute aus den Häusern, und teilten einander mit, dass es auch ihnen an Strom mangele. „Heijo, des isch überall, vielleicht ganz Karlsruh.“ Ich hörte dieses alles, während sich in meinen Ohren der geniale Tonkünstler mit dem genialen Scheusal um Genialität stritt. Vierundzwanzig Jahre reichen, künstlerischen Schaffens, das war der Gegenstand des Gespräches.
Ich entschloss mich, in Richtung der Elektrischen zu laufen, entfaltete den Langstock, es klackte viermal schnell hintereinander, und ging – rein äußerlich – in aller Seelenruhe meines Weges. Die Dunkelheit schreckt mich nicht, sie ist mir vertraut, ein guter Freund, der alle meine verbleibenden Sinne aktiviert, sie herausfordert. Ganz sicher tastete ich mich an Gerüsten und parkenden Automobilen vorbei, überwand jede Bordsteinkante mühelos, wie auch sonst. Dieser Zustand unterschied sich für mich wirklich kaum von der zivilisierten, der künstlich erhellten Dunkelheit unserer Tage. Das bischen künstliche Licht reicht mir eh nie aus, im Gegenteil es blendet, stört die geringe Restsehkraft, irritiert; es ist eigentlich überflüssig. Meinen Weg beschritt ich also sicherer denn je, locker vor mich hin pendelnd, vergnüglich hätte ich ein Lied vor mich hinpfeifen mögen, wäre da nicht ER gewesen. „Was für ein Unsinn! Was für einen intelligenten Unsinn du redest! Es ist recht, was auf gut altdeutsch Aberwitz heißt. Und so künstlich!“
Es entbehrte nicht einer gewissen Komik. Ich schritt im Gebiet der evangelischen Gemeinde „Zum Guten Hirten“ auf dem Hirtenweg und in den Ohren liegt mir der olle Deubel. Vor mir auf einmal Licht. Das lies mich sogar meinen Begleiter für einen Moment vergessen. In der elektrischen brannte Licht. Ich blinzelte umher, doch der Rest lag in Finsternis. Ich bestieg das Fahrzeug, nahm auf einer Holzbank platz und lauschte. Nicht nur ihm, sondern auch den Menschen um mich herum. Wirres Fragen, was los sei. Ein terrorischtischer Anschlach? Über das Funkgerät meldete sich die Verkehrsleitstelle und teilte uns Fahrgästen mit, das ganz Karlsruh ohne Strom sei. Die Stadtwerke versuchten allerdings, Bezirk für Bezirk wieder mit Elektrizität zu versorgen, man bat um Verständnis und rief dazu auf, die Ruhe zu bewahren. Danach war mir nun bei weitem nicht zu Mute, denn die allgemeine Aufregung und die verzweifelten Fragen im Funkverkehr kommentierte mein gebeten ungebetener Begleiter durch die Stimme Westphals mit einem höhnischen Lachen.
„Natürlich ist Spengler ein Esmeraldus.“ Und Ackermann, Bush, Schäuble, die Namen derer, die mit IHM im Bunde sind rissen nicht ab, lethargisch hing ich auf der Bank während der Bahnchef, Peter Hartz, verschiedene Aufsichtsräte und Vorstände vor meinem Auge auf und ab wanderten. Alle des Teufels, so simpel ist der Casus. Wie zur Bestätigung ruft ER mir zu: „Mein lieber, man hat immer eine Menge Genossen.“ Roland Koch, Gerhard Schröder, Otto Schilly, Gysi, die ganze Blase alle sind sie des Teufels und wieder wich meine Aufmerksamkeit von IHN, denn mir kommt die fixe Idee, das sie dereinst für den hier verzapften Schmu herüben schmoren, in eisigen Körpern, um der Hellen Flammen über sich ergehen zu lassen. Was für ein Hokuspokus zweifelte ich noch, um dann über das gesamte Gesicht zu strahlen: Doch es gibt einen Beweis für die Existenz der Hölle, sie ist, wie alles was mit dem Glauben zu tun hat, literarisch. Heine sprach von der Hölle des Dante, die Hölle der Schriftsteller, in Worte gehüllt gegen das ewige Vergessen. Alle diese Scheusale suchen die Öffentlichkeit, sonnen sich im medialen Glanze und wandern mit etwas Geschick der Autoren geradezu an den mit IHM vereinbarten Ort, auf immer und ewig. Amen.
Noch immer redet Westphal, aber ER ist fort, entlarvt, bloßgestellt. Das scheint er nicht zu mögen. Das Medium versagte sich ihm durch Erkenntnis.
Nach und nach kehrt das Licht wieder, die Gefriertruhen springen wieder an, Aufzüge nehmen wieder Fahrt auf und die ängstliche Ungewissheit weicht übergeschäftiger Panik. Ich bin mir sicher, mein Begleiter hat seine Freude daran. Aber er schweigt, der Schachzug, der sein Amüsement ins Rollen brachte, machte ihm – was meine Gesellschaft angeht – letztendlich den Garaus. Der Strom in den Batterien meines Abspielgerätes war bis auf den letzten Rest verbraucht.

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