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die dinge mit den augen des blinden sehers

Archiv für die Kategorie ‘Politik’

“Die Bundesrepublik attackiert niemanden mit Viren und Würmern.”

Geschrieben von theiresias - 17. Juni 2011

„Die Bundesrepublik attackiert niemanden mit Viren und Würmern.“, sagte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich gestern im Interview mit dem Deutschlandfunk. Ich glaube dem Mann! Nicht, weil ich auf einmal an das Gute im Politiker glaube. Das tue ich so wenig, wie ich alle Politiker von vornherein für schlechte Menschen halte. Ich vermute, dass die Bundesrepublik Deutschland schlicht und ergreifend technisch dazu nicht in der Lage ist. Was hatte man Beispielsweise in der Bloggosphäre und sonst überall im Netz Angst vor diesem Bundestrojaner. Ein kurzer Tweet des Journalisten Peter Welchering entzauberte den Moloch. Bei dessen Entwicklung griffen die vom Steuerzahler geförderten Software-Spezialisten auf einen Exploit aus dem Jahr 2006 zurück.

Wie frisch mag da wohl das Wissen der 10 Experten sein, die sich nun um die digitale Verteidigung kümmern?

Natürlich Geheimsache!

 

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Mein unpatriotischer Tag

Geschrieben von theiresias - 18. Juni 2010

07:00 Uhr: Der Deutschlandfunk weckt mich (wie üblich). Staune, was die Koalition heute alles durch den Bundestag winken will. U. a. einen der radikalsten Eingriffe in die plurale Begabtenförderung. Verdöse die Presseschau. Ging unter anderem um die mögliche rot-grüne Regierung in Nordrhein-Westfalen.

07:15 Uhr: Schrecke hoch. Es wird ein Interview mit Edmund Stoiber angekündigt. Über was? Ah, Fußball. Passt, rhetorisch bewegt er sich ungefähr auf dem Niveau der Nationalelf.

07:16 Uhr: Geht los (Audio, Transkript). Stoiber ist hörbar gut drauf. Ja, er hat nichts mehr zu befürchten. Er preist die Professionalität der Truppe und mahnt vor dem Gegner. Dann schießt er mit Namen der serbischen Mannschaft nur so um sich (hier und da ein “öh”), damit man weiß: Er IST ein Experte. Christoph Heinemann beteuert, man wolle ja nicht über Politik sprechen, aber mit welcher Mannschaft ließe sich denn die Regierungskoalition vergleichen?
Stoiber: “Ja, das ist natürlich schwierig. Ich würde mal sagen, wir haben ja gestern ein Spiel gesehen, wo wir doch erstaunt waren, wie aus elf Superspielern in Frankreich doch keine richtige Mannschaft gebildet werden konnte. Das ist dem Trainer nicht gelungen. Ich will jetzt keine direkten Vergleiche ziehen …”
Heinemann: “Haben Sie aber gerade!”

Staune, wie souverän der DLF inzwischen mit der Sendezeit klotzt. Da faselt man minutenlang über Fußball nur um aus berufenem CSU-Mund zu erfahren, dass die Regierung eine Gurkentruppe ist. Nun ja, großes Kabarett.

08:00 Uhr Während des Frühstücks höre ich die Zeit. In einer vorgeblich positiven Kritik, wird Christa Wolf runtergeputzt. Kann man machen, aber wozu? Die Autorin war mir bis heute relativ egal, jetzt ist sie mir unsympathisch. Dann erklären sie noch, warum die Truppe von und zu Guttenberg immer noch nicht hasst und fragen nach den Rechten der Rechten.

08:30 Uhr Soll ich als guter Deutscher, gleich nebenher Phönix laufen lassen und mir die Debatte reinziehen. Ach nein, dann schaff ich nichts.

10:00 Uhr: Mein Musikalienhändler ruft an und teilt mit, die bestellten Noten seien da. Ich plane eine erste perfide unpatriotische Aktion für die Mittagszeit.

10:30 Uhr: Verfluche gerade das Notensatzprogramm, und zwar laut, die Nachbarn sollen schließlich auch was davon haben, als das Fernsprechgerät erneut läutet: “Bist Du einer, der sich auf das Ereignis heute Mittag freuet, oder einer, der es kaum erwarten kann, dass der ganze Zauber vorbei ist?” – “Letzteres.” – “Und tschüss!”

13:20 Uhr: Breche zu meiner perfiden unpatriotischen Aktion auf. In der Bahn platzgenommen, schalte ich das Rundfunkgerät ein.

13:40 Uhr: 0:0 Doch mehr Betrieb in der Fußgängerzone als ich dachte.

13:45 Uhr: Betrete die Notenabteilung. Gähnende Leere. Ein Verkäufer bemüht sich aus dem Seitenraum. Nenne meinen Namen und den bestellten Artikel. “Finde ich nicht. Wann haben sie denn bestellt?” “Sie haben angerufen, die Noten seien da.” Sein Kollege eilt hinzu und macht sich am PC zu schaffen. “Maximal fünf Kunden im Laden und wir müssen auf dem Posten sein.” Vuvuzelas klingen aus den Aktivlautsprechern. Er hat sich einen Stream ergoogled. “Der kommt aus dem Irak. Na, dann hat es sich ja doch gelohnt, dass wir da rein sind.” – Wir? – Der mich Bedienende: “Ja mit abhören und so kennen die sich aus.” – He? – Ich werde die zur Ansicht bestellten Noten von vorne bis hinten durchlesen. Hauptsache es dauert und ich halte sie bei der Arbeit.

14:20 Uhr: Jetzt wird es mir zu doof. Zahle und entschwinde in die Bib. Ruhe. Herrlich. Wenn doch jeden Tag ein Länderspiel wär’. Hier kann ich leider niemanden ans Arbeiten bringen. Sind sowieso alle auf dem Posten.

14:50 Uhr: Im Drogeriemarkt stehen meine Chancen besser. Beschäftige fünf Mitarbeiterinnen mit meinen Einkäufen. Vielleicht waren die eh nicht scharf auf Fußball?

15:13 Uhr: Wieder in der Bahn und Empfängnisgerät eingeschaltet. Serbien führt mit einem Tor. Die Radiokommentatoren preisen die deutsche Mannschaft keines Wegs. Die Abwehr ist laut Kommentatoren quasi die Christa Wolf des Fußballs. Die deutsche Mannschaft müsse noch viel lernen. Wundere mich: Sollte Stoiber sich geirrt haben? Unvorstellbar. Nehme mir vor, im Netz später nach einem alten Schlager zu suchen. Der Text geht in etwa so: “So ein Quatsch, so ein Quatsch / da rennen zweiundzwanzig Männer durch den Matsch. / An den Ball zu kommen ist der höchste Zweck, / und wer ihn hat, der wirft ihn wieder weg.”

15:45 Uhr: Durchsage der Verkehrsbetriebe in allen Bahnen. Einer der Abzweige in der Innenstadt muss gesperrt werden, wegen eines Unfalls mit einem Auto-Korso.
Ich beschließe, den Widerstand aufzugeben. Werde nur noch versuchen, sicher in meine vier Wände zu kommen. Die Straße ist zu radikal.

15:55 Uhr: Daheim.

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Die Spinne im Netz

Geschrieben von theiresias - 24. August 2009

Während des NS-Rgimes war er einer der Kommentatoren der Nürnberger Rassengesetze. Ein paar Jahre später saß er auf einem der bedeutendsten Posten in der jungen Bundesrepublik. Hans Werner Globke war Staatssekretär im Bundeskanzleramt und die rechte Hand Kanzler Adenauers. Wie war es möglich, dass jemand, der damit unzweifelhaft der Ermordung und Deportation unzähliger Menschen den Weg bereitete, bereits wenige Jahr nach der Bankrotterklärung des menschenverachtenden Staates wieder oben auf war?
Die Autoren Jürgen Bevers und Bernhard Pfletschinger begeben sich in ihrem Feature Die Spinne im Netz auf eine biographische Spurensuche. Ihre sorgfältig audiocollagierten Recherchen beantworten jedoch mehr als die oben skizzierte Frage. Das Faszinierende ist, dass die beiden Autoren so wenig wie möglich als gegeben voraussetzen und ihr biographisches Feature am Punkt Null beginnen. Mit akribischer Genauigkeit, sprachlicher Prägnanz und punktgenauem O-Ton-Einsatz legen sie nicht nur dar, dass Globke Mitautor des Kommentars der Rassegesetze war, sondern klären auch, welche Aufgaben er in dieser Funktion genau übernahm. Dabei wird die historische Bedeutung des Kommentars nicht nur auf irgendeine Weise behauptet, sondern kontrovers vermessen.
Mit gängigen Erklärungsmustern geben sich Bevers und Pfletschinger nicht zu frieden. Weder wenn sie detailversessen den Weg Globkes ins NS-Innenministerium beschreiben, noch bei der Markierung seines Weges ins Bundeskanzleramt. So erzählen sie ganz nebenbei einen Teil der Geschichte der konservativen Parteienlandschaft vor 1933 und nach 1945.

Doch Lob gebührt nicht nur der journalistischen Recherche und der Konzeption des Featuretextes, sondern auch dessen radiophoner Umsetzung durch den Regisseur und Redakteur des Westdeutschen Rundfunk Wolfgang Bauernfeind.
Dabei beginnt das Feature kurios und nahezu verharmlosend. Während die Sprecher beschrieben, wie ein Mann ins Bundeskanzleramt einzieht, den einige seiner Zeitgenossen für einen der schlimmsten Nazis halten, erklingt dazwischen leichtfüßige Easy-Listening-Musik, der typische Klang der 1950er Jahre. Ausdruck einer politisch-öffentlichen Scheißegal-Haltung?
Der Featuretext verfolgt die These, dass Globke insbesondere durch sein Wirken im Hintergrund enorme Bedeutung zukommt. Diese These wird 1:1 akustisch umgesetzt. Ob Adenauer, zeitgenössische Radiobeiträge oder andere Teilnehmer des öffentlich-plitischen Geschehens. Ihre Stimmen treten mit seltenen Ausnahmen hörbar hinter der Person Globkes zurück und verhallen.

Dieses Feature gehört sicher zu den hervorragendsten Produktionen des Jahres 2009.

Jürgen Bevers und Bernhard Pfletschinger

Die Spinne im Netz

Adenauers Staatssekretär Hans Maria Globke

Regie: Wolfgang Bauernfeind

Produktion: Westdeutscher Rundfunk, 2009

Ausstrahlung: Montag, 24. August 2009, 20:05 Uhr, WDR 5

Danach hier für eine Woche zum Download

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Ich gratuliere …

Geschrieben von theiresias - 5. November 2008

… nicht etwa Barack Obama zur gewonnen Präsidentschaftswahl. Nein, ganz ehrlich, ich hatte ja gehofft, diese Obamanie sei so ein Wahlkampfding gewesen. Aber was da heute morgen aus dem Radio strömte, war eigentlich schier unerträglich, schleimig, gefühlsduselig, zum Widerkäuen. “Das ist ein Amerika, das wir bis jetzt nicht gesehen haben”, meinte beispielsweise Rainer Bütikofer im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Da glotzte ich dann doch etwas blöd (was ja nicht schlimm ist, wenn man allein lebt), denn bis jetzt hat man von Barack Obama hier zu Lande doch nur Wahlkampf gesehen. Und das sich an Amerika, also allen Amerikanern, jetzt quasi über Nacht was geändert haben soll, das will man den Amerikanern nun auch irgendwie nicht wünschen.
Aber zurück zu meiner Gratulation: Ich gratuliere natürlich Krokowski zur gewonnenen Wette. Werde mich direkt dem Erlernen des vereinbarten Textes hingeben. Nachdem ich Obamas Siegesrede in Ausschnitten gehört habe, Frage ich mich, wie sich die Verse vorgetragen mit Obama-Habitus machen würden?

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Tsunami über Deutschland

Geschrieben von theiresias - 26. September 2008

Eine Mediensatire zum Kugeln aus dem Jahr 2007, die 2008 gehört noch viel lustiger ist.

Eine dunkle Sturmwolke nähert sich von der Ostsee der Bundesrepublik Deutschland und rast gnadenlos auf Berlin zu. Ein kleines Kuhdorf fiel ihr bereits zum Opfer, als das ARD Krisen Center in Berlin endlich mit der Berichterstattung beginnt und das laufende Hörspiel den ach so wichtigen aktuellen Ereignissen zum Opfer fällt.
Zunächst schaltet man zum Reporter vor Ort, der aber anstatt zu reportieren kuriose Meldungen, die ihm auf Zetteln zugesteckt werden, ungefiltert in den Äther plappert. Es folgen die Nachrichten. Ihr einziges Thema: Die Sturmwolke. Nach diesen fiktiven drei Minuten der Ruhe bringt das ARD Krisen Center die mediale Walze ins Rollen. Die ersten Politikerstatements, vermeintliche Experten.
Die ersten Gerüchte kommen auf. Live verkündet irgend ein verkappter Wissenschaftler, Ursache des akustischen Tsunamis seien geheime Experimente der NATO mit sogenannten Schalldruck-Bomben. Es folgen Dementis und Empörung. Der gerade aus dem Amt verschiedene Ministerpräsident Stoiber fordert den sofortigen Abbruch der Experimente. Die Bundespolitik beharrt darauf, es sei ein natürliches Phänomen, ein anderer Experte, natürlich mit Professorentitel, bestätigt diese Haltung.
Und dann zeigt der öffentlich rechtliche Journalismus mal so richtig, was er drauf hat. Als Fuchs Spürpanzer an den Ort des Geschehens geschickt werden, wittert der Comoderator direkt den Einsatz der Bundeswehr im Inneren. Aufrichtig enttäuscht berichtet daraufhin der Außenreporter, die Panzer wären, nachdem sie die Wolke dreimal umfahren hätten, wieder verladen worden. Zurück ins Studio, wo der in Fragen der Innen- und Verteidigungspolitik vertraute Redakteur darauf beharrt: “Dieser Vorfall wird ein politisches Nachspiel haben.” Aber genug des Inhalts. Nur noch kurz, was Ihnen entgangen ist, wenn Sie die Ausstrahlung gestern Abend auf 1 LIVE versäumten und die voraussichtlichen Wiederholungen auf anderen Wellen verpassen werden: Die Live-Reportage eines ORF-Reporters aus dem Inneren des Tsunamis unter Verlust seines Lebens, 235 teilweise ertaubte Bundeswehrsoldaten, den Untergang Berlins und des Rests der Welt.
Und glaubt man, die HörspielmacherInnen sind mit ihrem Repertoire am Ende, legen sie erst so richtig los. Dabei ist das mediale Instrumentarium keineswegs aus der Luft gegriffen. Es begegnet uns täglich ob im Radio oder Fernsehen. Was hier in der Fiktion praktiziert wird, ist auditiver Realismus, der in seiner konkreten Darbietung zur Karikatur wird. Autor und Regisseur Heiner Grenzland macht sich gar nicht erst die Mühe, Namen für seine Figuren zu erfinden. Die Bundeskanzlerin heißt Merkel, der Verteidigungsminister Jung usw. usf. Die Handlung, in die er die literarischen Alter-Egos der zeitgeschichtlichen Personen versetzt, ist so absurd und auf hohem Niveau bekloppt, dass er sich diesen von manchem Betroffenen sicherlich als schändlich empfundenen Fehltritt ohne Probleme erlauben kann. Die Absurdität der Handlung bewirkt ferner, dass Hörerinnen und Hörer ihr Ohrenmerk auf gängige politische und mediale Gepflogenheiten richten. Theiresias brach beispielsweise in schallendes Gelächter aus, als vom “Landeskommando der Bundeswehr” die Rede war. Auch die Multiplikation einer Einzelmeinung zu einer öffentlichkeitswirksamen These lässt sich neben ganz vielen anderen Dingen an diesem Hörspiel nachvollziehen. Prompt schwebten Theiresias die Bilder des drohenden Weltuntergangs vor Augen, der durch ein schwarzes Loch herbeigeführt werden sollte, welches wiederum durch die Inbetriebnahme des neuen Teilchenbeschleunigers am CERN verursacht würde. So verkündete es jedenfalls vor ein paar Wochen ein chaotischer Chaostheoretiker, der aber kein ausgewiesener Physiker, sondern Metaphysiker …. öhhhhh …. Chemiker der Professur nach ist. Alle fanden diese Idee des Weltuntergangs so geil, dass sie dem verwirrten alten Mann extra viel Sendezeit einräumten.

In Grenzlands Hörspiel geht die Welt übrigens tatsächlich unter und wird – quasi im Epilog – wieder besiedelt.

Unbedingte Hörempfehlung, wenn es irgendwann mal wieder gesendet wird.

Tsunami über Deutschland
Hörspiel von Heiner Grenzland
Regie: der Autor
Produktion: RBB, 2007

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Individuelle Freiheit durch zwei Maß Bier

Geschrieben von theiresias - 17. September 2008

Als Theiresias hörte, dass man auch mit zwei Maß Bier intus ein Fahrzeug führen könne, erkannte er den Grund, warum ihm bis dato der segensreiche Individualverkehr verwehrt worden war. Sogleich entschloss er sich zum Selbstversuch: Er begab sich zum Wirt seines Vertrauens, ließ sich unter dem Vorwand, er trage die schweren Lebensmittelkisten aus dem Auto in die Wirtschaft, er sei ja noch jung, als Stammgast sei das doch Ehrensache, die Wagenschlüssel reichen und bestellte den ersten von vier Halben. Nach jedem Getränk holte er eine der mit Köstlichkeiten gefüllten Kisten aus dem Großhandel, die doch definitiv für ihn als Schreibtischtäter zu schwer waren. Nach dem vierten Halben zahlte er nicht, ging zum Auto, setzte sich ans Steuer und wunderte sich über sich selbst. Für einen blutigen Fahranfänger mit nur einem Auge und einem Visus jenseits von Gut und Böse auf dem anderen kriegte er das mit dem Anlassen und rückwärts Ausparken spitze hin. Unter Zuhilfenahme des Bürgersteigs und diverser Gegenstände wie Fahrräder, Blumentöpfe und Begrenzungspfähle tastete sich der frisch gebackene Autofahrer vor zur B36, die er nie erreichen sollte. Direkt vor dem Polizeirevier Rheinstetten raste er, mit inzwischen Tempo 77, geradeaus durch den Kreisverkehr, wodurch seine Fahrt beendet wurde. Der wachhabende Beamte, der das Schauspiel durch das Fenster des Dienstzimmers betrachtet hatte, eilte herbei und öffnete die Tür. Er erkannte den Mann, der sonst mit weißem Stock zur Straßenbahnhaltestelle wandelt, sofort und machte ein ehrlich verblüfftes Gesicht. Theiresias versuchte ihm die Rahmenbedingungen seines Experimentes zu erläutern und musste doch feststellen, dass einem gegenüber der Polizei Politikerworte rein gar nichts nützen. Derweil lief der Beamte zur Höchstform auf und bekam seine moralischen 10 Minuten: Wenn er Theiresias, der ja gar nicht so heiße, jetzt einen Menschen überfahren hätte, oder gar ein Kind. Wolle er, Theiresias, ewig mit dieser Schuld leben?
Aber Theiresias war zu betrunken, um dem Mann folgen zu können.

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Die schweigende Mehrheit redet

Geschrieben von theiresias - 24. Januar 2008

Sind die Braunen bereits in der Mitte der Gesellschaft angekommen?

Wer diese Frage qualifiziert beantworten möchte, der muss erst einmal die Mitte der Gesellschaft suchen und benennen. Repräsentiert die Bild-Zeitung diese Mitte? Meiner Meinung nach ja. Ob es mir nun gefällt oder nicht, dieses Blatt wird (trotz sinkender Zahlen) von sehr vielen Bundesbürgerinnen und Bundesbürgern „gelesen“. Viele greifen darauf zurück, da sie ein Mehr an Information nicht wahrnehmen wollen oder können. Das wichtigste ist unterstrichen und Unterhaltung, Herz-Schmerz und eine ordentliche Priese Sex ist auch dabei. Diesen Status Quo muss mann nicht hinnehmen, die Bekämpfung dessen darf jedoch nicht dazu führen, die gesellschaftliche Bedeutung des Blattes zu vernachlässigen und es nicht dementsprechend ernsthaft in aktuelle Diskurse zu integrieren.

Nach dem Auftritt Eva Herrmanns in der Gesprächsrunde Kerners (ZDF) ärgerte das Blatt seine Leserinnen und Leser. Während der Rest des Blätterwaldes die selbst ernannte Mutter der Nation in Schutz nahm, man vermutete einen bewusst provozierten Skandal und schrieb von öffentlicher Hinrichtung, fand die Bild-Zeitung keine schützenden Worte für die Antiemanze. Das ärgerte vor allem das zahlende Publikum. Bis zu 400 Zuschriften erreichten die Redaktion tägliche. Die Bildzeitung als Forum?

Ja, meint der Historiker Wolfgang Wippermann. 2000 dieser Zuschriften hat er sich sehr genau angesehen und entdeckt etwas neues. Eine „schweigende Mehrheit“ rede auf einmal. Und was da geredet wird ist wirklich erschreckend: unverblümter Antisemitismus, Fremden- und Minderheitenhass.

Das DLF-Magazin des Deutschlandfunks hat Wippermanns Ergebnisse in einem Beitrag zusammengestellt. Die schweigende Mehrheit kommt hier auch zu Wort, was kaum erträglich, doch daher um so nötiger ist.

 

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