Erwachsenenorgelpe[ä]dagogik vom Feinsten in der Stadtkirche Durlach
In einem kleinen Schaukasten nahe der Kirchentür steht gut lesbar das Thema der Predigt des kommenden Sonntags angeschlagen: „Was ist die Hölle?“ Mit Kreide hat ein Unbekannter darunter geschrieben: „Komm und höre unseren Organisten!“
Die Wahrnehmung der Kunst des Orgelspielens ist wahrlich nicht gerade die beste. Der regelmäßige Kirchgänger hadert ebenso regelmäßig mit der emsigen nebenamtlichen Organistin bzw. dem Organisten, weil sie zu laut, zu leise, zu schnell zu langsam und überhaupt falsch spielt, die Konfis finden Choräle generell zum Abgewöhnen, und berücksichtigt man den schlechten Zustand mancher Instrumente, möchte man sogar zustimmen. Wie kam Mozart dazu von der „Königin der Instrumente“ in einem Brief an seinen Vater zu schreiben?
Orgelmusik kann auch pure Freude, gar Schabernack, sein. Sie bietet mehr als dahinkriechende Fugen oder schrille, weil falsch registrierte, Choralbegleitungen. Eine Toccata kann ganz humoresk, quasi zum Schmunzeln sein und der Tango ist der Orgel so wenig fremd, wie die Musik Bachs dem Akkordeon. All dies und vieles mehr bewies am 02. Februar Johannes Blomenkamp, Kantor an der Stadtkirche Durlach und Bezirkskantor in der Region Karlsruhe.

Die meisten der dargebotenen Stücke waren dem Kenner nicht unbekannt. Aber war denn der Kenner der Hauptadressat? Sicherlich musste er nicht vor der Tür bleiben und auf das Köstlichste unterhalten wurde er durch die lebendigen Interpretationen Blomenkamps allemal. Doch bei Lichte betrachtet war dies kein Konzert für den Orgelliebhaber an sich, sondern für den Interessierten Zuhörer, dem es ziemlich egal ist, ob Widor Bach richtig interpretierte oder seine Ansichten im Lichte der historischen Aufführungspraxis Kokolores sind. Hauptsache es gefällt. Und es gefiel, daran liess das Publikum keinen Zweifel, das dem Organisten mit Standing Ovation dankte und ihm begeisterten Beifall entgegenfliegen ließ.
Eine gelungene Auswahl
Und worin lag die Begeisterung? Zunächst einmal wäre die Auswahl der Stücke zu nennen, die Blomenkamp darbot. Den Auftakt bildeten zwei filigrane und graziöse Stücke von Robert Jones. Eine Toccatina – also eine kleine bzw. zierliche Toccata – als Exposition für das Ganze: Gewagte Tempi, dabei keinen noch so schnellen Lauf scheuend mit dem Hang zum Unerwarteten, z.B. ein ganz leiser feiner Schluss, und immer ein Stück weit neben der Spur, die man auch Erwartungshaltung nennen könnte.
So ganz aus dem Rahmen fiel auf den ersten Blick das dritte Stück auf dem Programmzettel. Stand auf den Plakaten und Handzetteln noch „Variationen über die britische Nationalhymne“, scheute sich Blomenkamp nicht den eigentlichen Titel der Variationen über „Heil Dir im Siegerkranz“ von Johann Christian Heinrich Rinck auf den Programmzettel zu drucken. Bereits im Vorfeld des Konzertes rief dies einiges verwirrtes und empörtes Murren hervor, dessen Verursacher beschämt schweigen mussten, nachdem Blomenkamp einen kleinen Abriss zu Text, Melodie und deren Kontext geliefert hatte. „Heil Dir im Siegerkranz“ wählte der der Deutsche Kaiser von 1871 bis 1918 als Kaiserhymne, von einer Nationalhymne kann nicht im entferntesten die Rede sein. Insbesondere süddeutsche Kreise begegneten dem Lied skeptisch. Andere wiederum störte es, das der Text auf die Melodie der britischen Nationalhymne geschrieben worden war, sie versuchten vergeblich, eine andere Melodie zu etablieren. Lange bevor das Lied quasi offiziellen Status erlangte schrieb Rinck seine Variationen darüber. Weit über die Grenzen Europas hinaus, fand die Melodie Freunde, sogar in einem afrikanischen Land wurde sie zeitweilig als Hymne intoniert. Es muss also die Melodie, keinesfalls der deutsche Text, gewesen sein, die die Menschen begeisterten und nichts anderes behandeln ja auch die Variationen für Orgel. Und sie hätten ja auch „etwas Erhebendes“, so Blomenkamp. Bleibt zu notieren, dass der deutsche Text und dessen kaiserliche Verwendung zumindest im Durlach Konzert, wenn nicht überhaupt, lediglich eine winzige historische Posse blieb.
Pes, Pedis, Pädagogik
Soviel zum ersten „pädagogischen“ Höhepunkt des Tages. Ein zweiter und gleich im doppelten Wortsinn folgte wenige Augenblicke später. Pes ist lateinisch und heißt zu deutsch Fuß. Von diesem Wort leitet sich auch das Fremdwort Pedal ab, das beim Orgelspiel eine entscheidende Rolle spielt und dem Johannes Matthias Michel seine „Variationen über ein Thema von Paganini für Pedal solo“ widmete. Bis zu vier Töne gleichzeitig muss der Organist hier nur mit den Füßen anschlagen. Die Hände müssen in den Schoß oder sonst wohin gelegt werden. Oft verstecken sich die mit dem Pedal gespielten Töne in der jeweiligen Komposition, hier wurde gezeigt, was sich mit zwei Füßen alles veranstalten lässt und das geht über das alberne Rumgehampel in der ja irgendwie allen bekannten Toccata und Fuge d-moll Johann Sebastians weit hinaus. Es sollte daher nicht verwundern, wenn irgendeine Kirchenmusikergewerkschaft demnächst Kilometergeld verlangt.
Musik für Spießer?
Neben dem Großen, Graziösen fand auch das Kleine, mancher mag behaupten Spießige, der Musik seine Beachtung in diesem karnevalistischen Rundumschlag. Zu Haydns Zeiten begann man damit sogenannte Musikautomaten zu bauen. Kleine Orgeln mit wenigen Pfeifen, die automatisch gespielt wurden. Die zu spielenden Töne waren auf eine Rollwalze gestanzt oder in eine Lochkarte geritzt. Töne gab es wenige, man musste Platz, also Pfeifen (vielleicht auch Geld) sparen und so lag die Herausforderung für den Komponisten darin, mit wenig Material große Wirkung zu erzielen. Blomenkamp beschränkte das Material ebenfalls auf ein Sanftes 8-Fuß-Register der großen Stumm/Goll-Orgel und spielte „Fünf kleine Stücke für eine Flötenuhr“ von Josef Haydn.
Aus dem Takt
Leider sind zwei musikalische Ausreißer zu beklagen. Vermutlich durch einige Fehlgriffe am Anfang irritiert, geriet der Organist beim Spiel des Maple-Leaf-Rag von Scott Joplin in der Bearbeitung für Orgel von Gabriel Dessauer im wahrsten Sinne des Wortes völlig aus dem Takt, so dass fast alle rhythmischen Pointen unbemerkt vorbeirauschten. Ich muss jedoch bemerken, dass ich, wäre ich überhaupt in der Lage solche Literatur zu spielen, dieses Stück mit absoluter Sicherheit auch verrissen hätte, angesichts der Tatsache, das die Pedal-Paganini-Variationen folgten, aus purem Lampenfieber sozusagen. Ich will dem Durlacher Kantor hier aber keinesfalls irgendwas unterstellen. Außerdem muss die geneigte Konzertbesucherin ein Misslingen schon mal in Kauf nehmen. Niemand ist ein Perfektionist im eigentlichen, sondern stets nur im anstrebenden Sinne. Übergehen wir daher einfach den Tanz aus der Nussknackersuite, bei dem es letztlich auf das präzise schnell hintereinander Anvisieren der zu spielenden Akkorde ankommt. Wie viele Jäger kamen schon ohne Sonntagsbraten nach Hause, dabei hätten sie nur einen einzigen Schuss präzise abgeben müssen.
Letztendlich konnte man sich doch wieder bequem zurück lehnen und der „Suite gothique“ lauschen, den tragenden Linien des Chorals nachhängen, zum Menuett vergnügt mit der Wimpern zucken, die Augen schließen und im dritten Satz nach Notre Dame verführen lassen, um dann bei der Toccata zu dem Schluss zu kommen: „Tempo gewagt, aber großartig.“ Und damit erfüllt sich im Schluss, was in der Exposition angelegt war. Ein geschlossenes Drama im besten Sinne, mit komödiantischem Schluss, der zwar keine Hochzeit, aber eine musikalische Hoch-Zeit war. Als Zugabe Tango mit den Füßen.