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die dinge mit den augen des blinden sehers

Archiv für die Kategorie ‘Orgel’

Humorgelkonzert

Verfasst von theiresias am 21. Februar 2009

Orgel der Stadtkirche Durlach mit Feuerwerk (Montage)

Es wird zu wenig gelacht, insbesondere in sakralen Räumen. Besonders schlimm scheint Theiresias dieser Umstand in Baden zu sein. Was helfen da Choräle wie „Der Gottesdienst soll fröhlich sein.“ Solch Ermahnung stört die/den gemeineN GottesdienstbesucherIn an sich überhaupt nicht, dafür ist die Angelegenheit schließlich zu ernst.

Machen Sie da mal einen Witz über Kirchenlieder („Wie lautet das Lied aller Nassrasierer?“ „Oh Haupt voll Blut und Wunden.“); Sie ernten nur finstere Blicke und Ihre Exkommunikation wird sofort in Angriff genommen.

Man kann daher grandiose innerkirchliche Humor- und Unterhaltungsinitiativen nicht oft genug rühmen und möchte sie so manchem Gesellen gerne verordnen.

Unterhaltung auf höchstem Niveau wird heute Abend erneut in der Stadtkriche Durlach geboten. „Heiter bis rauschend“ wird die Musik auf der 250 Jahre alten Stumm(/Goll)-Orgel vorgetragen. Nach einem Blick in das Programm bekommt Theiresias den Verdacht, dass Bezirkskantor Johannes Blomenkamp in diesem Jahr ein noch gewaltigeres musikalisches Feuerwerk veranstalten möchte als im letzten Jahr.

Unbedingte Hörempfehlung!

21. Februar 2009, 20:00 Uhr, Ev. Stadtkirche Durlach

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Vegetarische Musik zum Erntedank

Verfasst von theiresias am 27. September 2008

Momente der Musik im Gottesdienst

Sonntag, 05. Oktober 2008 um 10:00 Uhr in der Ev. Kirche Hohenwettersbach.

Flyer „Vegetarische Musik zum Erntedank“ (PDF)

Was heißt denn eigentlich vegetarische Musik? – Oder: Wie erklären sich die Titel der beiden Ragtimes?

Um es kurz zu machen: Auf diese Fragen gibt es keine Antworten, aber wunderschöne Mythen umkreisen sie. So soll an einem heißen Sommernachmittag der Musikalienhändler John Stark auf der Suche nach einer Erfrischung in den stickigen Maple Leaf Club in Sedalia eingekehrt sein. Hier servierte man ihm nicht nur ein kühles Getränk, sondern erfrischte auch sein Gemüt mit einem Stück Klaviermusik. Begeistert redete Stark auf den jungen farbigen Pianisten ein, diese Musik müsse bekannter, also gedruckt, werden.

Kleine Wörter- und Stadtkunde

  • maple (engl.) – Ahorn
  • leaf (engl.) – Blatt
  • pineapple (engl.) – Ananas
  • root beer (engl.) Wurzelbier, alkoholfreies Erfrischungsgetränk
  • Sedalia, Stadt in Missouri, USA

Doch sind die äußeren Umstände dieser Legende höchst fragwürdig. Existierte der Maple Leaf Club überhaupt schon und wenn ja, warum hatte er Nachmittags geöffnet? Gesichert ist nur, dass Stark 1998 oder 99 den Maple Leaf Rag veröffentlichte und an dessen Komponisten, Scott Joplin, 1 Cent pro Kopie und Extratantiemen für jede neue Auflage zahlte. Gesichert ist auch, dass Joplin über Jahre im Maple Leaf Club Klavier spielte. Ob der Club damit aber auch zum Namensgeber für das berühmteste Stück der amerikanischen Klavierliteratur wurde, ist zu bezweifeln.

Und weil sei so schön ist, sei in der Webedition dieses Textes noch eine zweite Legende um die Publikation des berühmten Ragtimes genannt. Diesmal begegnen sich Joplin und Stark nicht im Maple Leaf Club. Ort der Handlung ist diesmal Starks Büro. Anwesend Starks Sohn, der sich folgendermaßen zu erinnern vorgibt:

Als Scott das erste Mal den Maple Leaf für Herrn Stark spielte, schüttelte dieser den Kopf und sagte: „Zu schwierig. Keiner wird das Stück spielen können.“ Joplin antwortete: „Wenn ich jetzt sofort auf der Straße vor ihrer Haustür jemanden finde, der ihn spielen kann, würden sie ihn dann veröffentlichen?“ Das würde er, entgegnete Stark. Scott lief raus und kam mit einem kleinen Negerjungen, der vielleicht 14 Jahre alt war oder so, zurück. Der Kleine setzte sich ans Klavier und spielte den Maple Leaf, gerad vom Blatt, ohne jeden Makel. Stark haute sich auf die Schenkel und rief: „Ich werde das Stück herausbringen.“ Was er zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Der Junge konnte nicht einmal Noten lesen. Scott hatte ihn aus Kansas City mitgebracht und in Monate lang unterrichtet und in die Komplexität des Stückes eingewiesen.

(Zitiert nach Edward A. Berlin: The King of Ragtime. Scott Joplin and His Era, New York und Oxford 1994.)

Auch diese humoreske Episode hat gewaltige Schönheitsfehler. Was motivierte Joplin dazu, einen Jungen Monate Lang zu unterrichten, in von Kansas nach Sedalia zu bringen, um ihn dann ein neues Stück bei einem ihm gänzlich unbekannten Mann vorspielen zu lassen, der Musikalienhändler, aber bis dato kein Verleger war.
Abschließend wird sich die Frage, wie Komponist und Verleger zusammenkamen, wohl nicht klären lassen.

Doch zurück zum Titel. Woher kommt dieser denn nun?

Vermutlich verdanken sowohl der Club wie auch das Musikstück ihren Namen dem gleichen Umstand: In Sedalia waren zu dieser Zeit Ahornbäume allgegenwärtig. Warum nicht einen Nachtclub und eine Komposition nach ihren Blättern benennen?

Titelblatt der Erstausgabe des Pine Apple Rags

Titelblatt der Erstausgabe des Pine Apple Rags

Pine Apple Rag

Im Falle des Pine Apple Rags ist die Titelfrage nicht so kompliziert. Das Deckblatt der Erstausgabe lässt keinen Zweifel offen: Dieses Stück ist eine Hommage an die Frucht. Immer wieder neigen Komponisten dazu, ihren Werken Titel zu geben, die eine erfrischende Frucht oder gar ein Erfrischungsgetränk beinhalten. Letztes Jahr spielte ich zum Erntedank auf dem Klavier den Root Beer Rag von Billy Joel. Und auch dieses Werk weist sich explizit als Ragtime aus. Wodurch wirken Ragtimes aber so erfrischend oder aufheiternd?

„The King of Ragtime Writers“

Solche Titel werden einem Komponisten oft durch Freunde oder Verehrer(innen) gegeben. Darauf wartete Joplin nicht. Ganz bescheiden nannte er sich selbst „König der Ragtime-Komponisten“ und druckte dies auf die Titelblätter seiner Kompositionen (s.o.).

Der Ragtime

Eine Melodie „raggen“ bedeutet, ihren Rhythmus zu verändern. Aus einem Viervierteltakt wird ein Walzer oder umgekehrt. Dies ist aber nur die einfachste Variante. Viel interessanter ist es, die musikalischen Schwerpunkte zu verschieben. In jeder Taktart werden bestimmte Zählzeiten betont. So klatscht die/der Durchschnittsdeutsche zu einer Melodie im Viervierteltakt immer auf die erste und die dritte Zählzeit. Hier liegen die mitteleuropäisch traditionellen Schwerpunkte dieses Taktes. Und genau an dieser Schraube drehten die Erfinder des Ragtimes. Auf einmal kam die Betonung knapp zu spät oder sogar knapp zu früh. Um diese Abweichung von der Norm hervorzuheben, legten die Komponisten jedoch Wert darauf, dass jedem Werk ein ganz einfacher – also den Zuhörerinnen und Zuhörern bekannter – Rhythmus zugrunde liegt. Somit trat vor dem Hintergrund der alten europäischen Musiktradition der damals neue und fremde Rhythmus besonders hervor. In der Musik vereinten sich am Ende des 19. Jahrhunderts damit zwei Kulturkreise, die sich manchmal auch im heutigen Amerika noch mit Misstrauen und Abscheu beäugen. Diese Kulturleistung war zweifelsohne das Verdienst der afroamerikanischen Ragtime-Musiker. Das ist nicht ganz unbedeutend wenn man berücksichtigt, dass der Ragtime von den Amerikanern als erste eigene Musikgattung betrachtet wurde. Bis dahin erklang in der „Neuen Welt“ nur Musik aus dem „alten Europa“. Was sollte auch anderes an einem Ort erklingen an dem sich lauter europäische Auswanderer tummelten. Das Kulturell Neue entstand aus der Unterdrückung. Ohne die afrikanischen Rhythmen ist der Ragtime der ganze Jazz, Rock und Pop etc. etc. nicht denkbar.

Ragtime mit Hand und Fuß

Heute halten viele sicherlich das Klavier für „das klassische Ragtimeinstrument“. Dies liegt schlicht und ergreifend daran, dass diese Musik inzwischen fast ausschließlich auf dem Klavier gespielt wird. In den Anfangszeiten wurde sie aber vor allem durch Bands und kleinere Orchester vorgetragen, da sie vorwiegend in Tanzlokalen o. ä. erklang.
Getreu dem Motto „Meine Orgel sie ist ein Orchester“ des französischen Romantikers Charles Marie Widor (1844 – 1937) bewegen wir uns also sogar ein wenig back to the roots, wenn zum Erntedank zwei der bedeutendsten Ragtimes auf der Orgel erklingen.

Tonträgerempfehlung

Wer die beiden Ragtimes einmal im Original auf dem Klavier hören und weitere kennen lernen möchte, dem empfehle ich folgende charmante und mitreißende Interpretation:

Scott Joplin: Piano Rags
Alexander Peskanov, Klavier
erschienen bei NAXOS

Außerdem bietet die Orgel den Vortragenden einen entscheidenden Vorteil: Die Basstöne können mit den Füßen gespielt werden. Dem Pianisten ist solches Glück nicht vergönnt. Er muss die waghalsigsten Sprünge in teilweise rasanten Tempi mit der linken Hand vollführen. Nicht zu vergessen, dass die rechte Hand dabei. rhythmisch gewissermaßen gegen den Strom schwimmt. Dieses Problem bleibt dem Organisten erhalten. Daher ist es tatsächlich wichtig, dass sich meine rechte Hand nicht darum kümmert, was die linke Hand und die Füße machen.

Weitere Materialien zum Ragtime und Joplin im Netz

  • Im Connexions-Projekt, einem freien Internetportal für Lehrmaterialien finden sich zwei knappe doch prägnante Kurse zum Thema Ragtime und zur Person Joplins, deren Lektüre ich nur empfehlen kann. Leider liegen sie nur in englischer Sprache vor. Vielleicht fühlt sich ja jemand zur Übersetzung berufen.
  • Für diejenigen, die Klavier spielen und denen es jetzt in den Fingern juckt: Einige der Ragtimes Joplins, auf deren Erstausgaben inzwischen kein Copyright mehr liegt, können in hervorragender Edition aus dem Mutopia-Projekt geladen werden. Der Pine Apple Rag ist momentan leider noch nicht verfügbar.

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Barock- oder Popmusik?

Verfasst von theiresias am 16. September 2008

Auftakt zur Reihe Songs of Praise. Momente der Musik im Gottesdienst

Momente der Musik im gottesdienst

Johann Pachelbel (1653 – 1706)
Canon per 3 Violini e Basso
in der Bearbeitung für Orgel von Frank E. Brown

Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)
Jesus bleibet meine Freude
aus der Kantate Herz und Mund und Tat und Leben, BWV 147, arrangiert für Orgel

Sonntag, 21.09.2008 um 10:00 Uhr während des Gottesdienstes in der Ev. Kirche Hohenwettersbach.

Kanon in D

Egal ob „Kuschel-Klassik“ oder „Die größten Barockhits“, ein Werk darf auf Compact Discs dieser Art nicht fehlen: der berühmte Kanon von Johann Pachelbel in D-Dur. Pachelbel schrieb dieses Werk, wie Sie dem Originaltitel entnehmen können, eigentlich für drei Violinen, die durch eine kleine Orgel bzw. ein Cembalo und Bassinstrument begleitet werden. In dieser Besetzung wird die berühmte Weise jedoch heute höchst selten aufgeführt.
Es gibt Arrangements für Klavier, Orchester, Posaunenchor und selbstverständlich auch für die Orgel. Allen diesen Bearbeitungen ist gemein, dass sie den eigentlich sehr gut hörbaren Kanon kaschieren, da sie die ursprünglichen Stimmen nicht streng auf die anderen Instrumente übertragen. Vielmehr bemühen sich die Bearbeiter, die musikalischen Effekte und die eingängige Harmoniefolge aufzugreifen und den Zuhörerinnen und Zuhörern auf dem Silbertablett zu servieren.
Frank E. Brown, in dessen Bearbeitung für Orgel das Stück am 21. September erklingt, geht noch einen Schritt weiter. Er macht die Melodie überhaupt erst „Kuschel-Klassik-tauglich“. Dazu lässt er seine Bearbeitung mit langen Akkorden beginnen, die – langsam vorgetragen – nahezu romantisch anmuten. Aus ihnen heraus entwickeln sich ganz zaghaft die für das Barock eigentlich typischen Figuren. Und trotzdem ist das Stück, egal von wem und wie es bearbeitet wurde, immer eindeutig wieder zu erkennen. Dies liegt an der eingängigen Bassfigur, die vom Beginn bis zum Schluss wiederholt wird (Ostinato). Zudem liegt es auch an der einfachen, jedoch eingängigen, Harmoniefolge, die unweigerlich mit dieser Basslinie verbunden ist. Und so wundert es nicht, dass die offensichtlich ansprechenden Harmonien auch bei anderen Komponisten zu finden sind. Händel verwendet sie in einem seiner Orgelkonzert, Mozart lässt die drei Knaben in der Zauberflöte auf diese Harmoniefolge singen und die Filmkomponisten greifen sie auf, wann immer es ihnen an eigenen Einfällen mangelt, also oft. Und somit reifte der Kanon in D über die Jahre sogar zum dritten „Hochzeitsmarsch“.


„Jesu, Joy of Man’s Desiring“

Unter diesem Titel veröffentlichte die britische Pianistin Myra Hess im Jahr 1926 die Klavierbearbeitung eines Chorals aus der Bach-Kantate Herz und Mund und Tat und Leben. Sie ahnte vermutlich nicht, zu welcher Popularität sie dem Choral damit verhelfen sollte. Über die Jahre folgten unzählige weitere Bearbeitungen. Diese führten dazu, dass Jesus bleibet meine Freude uns allen irgendwie im Ohr klingt, wir die ganze Kantate hingegen nur so gut kennen, wie wir andere Bach-Kantaten kennen. Der getragene Choral mit der kunstvoll gearbeiteten Oberstimme, die effektreiche harmonische Wendung im Mittelteil, all das bildet das Rüstzeug, um die Bearbeitung für das unter Organisten gängige Oxford Book of Wedding Music zu prädestinieren. Deshalb trägt sie bei mir neben Mendelssohns, Wagners und Pachelbels „Hochzeitsmärschen“ den Arbeitstitel „Hochzeitsmarsch Nr. 4“.

Um das Stück auf dem kleinen Instrument der Firma Oberlinger aufzuführen, muss ich ein wenig in die Trickkiste greifen. Normalerweise ist es hilfreich, zwei Klaviaturen zu haben. Auf dem einen Manual erklingt der Choral, auf dem anderen die Oberstimme, mit den Füßen wird das tragende Bassfundament musiziert. Da unsere Orgel nur über ein Manual verfügt, hat der Orgelbauer eine sehr beschränkte Möglichkeit vorgesehen, um auch Werke aufzuführen, die eigentlich für zweimanualige Orgeln geschrieben wurden:
Das Register Gedackt 8′ kann genau in der Mitte der Klaviatur geteilt werden. Der Organist kann also entscheiden, ob nur die untere Hälfte der Töne, die obere Hälfte oder alle Töne erklingen sollen. Wählt man das Register Gedackt 8′  nur für die obere Hälfte der Klaviatur und nimmt das Register Sesquialter hinzu, dass bei uns nur für die obere Hälfte der Klaviatur gebaut wurde, dann entsteht mit den restlichen gezogenen Registern tatsächlich der Eindruck, als verfüge unsere Orgel urplötzlich über zwei Klaviaturen. Leider kann dieser Trick nur für wenige Kompositionen genutzt werden.

Flyer zum Download (PDF)

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Große romantische Fantasie und Fuge über „Das schönste Land in Deutschlands Gauen“

Verfasst von theiresias am 11. März 2008

Wo auch immer dies liegen mag. Wie angekündigt, reichte ich Wolfgang Seifen das Badener Lied zur Improvisation während seines Konzertes am 08. März in der Stadtkirche Durlach ein. Erst im Zuge dieser Besprechung stellte ich während der Lektüre im Historisch kritischen Liederlexikon fest, dass meine Einreichung keinesfalls korrekt war, denn das Badener Lied ist nicht nur ein Badener Lied. Es ist auch ein Sachsen, Bayern, Pfälzer, Schwaben Lied. Aktuell findet es allerdings nur noch in Baden Verwendung. Was zu bedauern ist, denn der poetisch am schönsten gearbeitet Text ist die sächsische Urversion. Bayern und Baden brachten dann nur noch diverse Verschlimmbesserungen. Denn abartigsten literarischen Hirnerguss leisteten sich 1951 ein oder einige Badener, der oder die sehr wohl wissen, warum sie anonym bleiben. Lieferten sie doch eine reaktionäre, demokratiefeindliche und antisemitische Textvariante ab. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das Kroch.“ (Bertolt Brecht).
Wie gut, dass angesichts dieses Negativbefundes, das Lied und auch die Melodie eine soweite über die Grenzen der damaligen Kleinstaaten hinweggehende Tradition hat.

Dieser ewig anonymen Melodie setzte Seifen in seinem Konzert mit einer großen Fantasie im romantischen Stil und einer ebenfalls romantischen Fuge ein Denkmal. Spannend und mitreißend, die harmonischen Grenzen des Volksliedsatzes befolgend, doch häufiger sprengend, entrang der „Tastenhengst“ (Heinz Erhard) der gering versammelten Zuhörerschaft ein erstauntes Raunen nach dem anderen. Dabei forderte er die Zuhörer heraus, indem er ihnen das ganze Thema erst mal rund fünf Minuten vorenthielt und immer nur den Liedanfang bearbeitete. Wie eine Erlösung dann das erste Trio mit der Melodie vom Anfang bis zum Schluss. Danach kein Halten mehr: Akustisch, harmonisch, dynamisch, spieltechnisch … trieb der Organist dieses Thema durch alle Stimmen und viele Register in vielfältigen Variationen an die diversen musikalischen Grenzen. Widmete er sich zu beginn der Fantasie ausgiebig der ersten Zeile der Melodie, wurde der Schluss der Melodie in Form des Anfang des Refrains in der Fuge gewürdigt. Allerdings nicht ganz im Original. Aus Dur wurde Moll und das Thema der Fuge war geboren.

Auch wenn die Fantasie einen Großteil des Konzertes beanspruchte, erklangen natürlich noch andere Stile und Themen. Seifen eröffnete seine Darbietungen mit einer barocken französischen Suite über den Choral Wir danken dir Herr Jesu Christ und bearbeitete hiernach verschiedene Choräle in filigranen und graziösen Barockimprovisationen.
Zum Schluss intonierte er eine große romantische Orgelsymphonie französischer Bauart über Themen wie Bachs Toccata und Fuge d-Moll, Mozarts Kleine Nachtmusik und Der Mond ist aufgegangen. Dieses Thema griff er auch in seiner Zugabe auf, umspielte es mit zwei kunstvoll gearbeiteten Stimmen, behielt diesen Stil bei und entließ sein begeistertes Publikum mit dem Abendlied Ade nun zur guten Nacht.

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Drauflos gespielt

Verfasst von theiresias am 6. März 2008

Wolfgang Seifen improvisiert an der Stumm/Goll-Orgel der Stadtkirche Durlach

Die Improvisation ist eine musikalische Tugend. Doch wer ist heute schon tugendhaft? Zumal das freie Fantasieren über ein vorgegebenes Thema nicht gerade trivial ist. Je sicherer eine Musikerin bzw. ein Musiker das Instrument beherrscht, je vertrauter sie oder er mit Stilen und Formen der Musik ist, desto erfolgversprechender ist das ganze Unternehmen.
Doch technische und stilistische Brillanz sind keine Garanten für meisterhafte Improvisation. Das Ausschließliche Spiel notierter Musik kann letztendlich sogar dazu führen, dass Musikerinnen und Musiker fantasielos werden. Musikpedaginnen und -pedagogen beklagen daher auch die Herangehensweise des heutigen Instrumentalunterrichts. Hier gewöhne man vor allem Kindern etwas ab, worüber sie eigentlich verfügen: Die Gabe der Fantasie und des „Drauflosspielens“. Später müsse der erwachsene diese Fertigkeit mühsam wiedererwerben.

Seit jeher ist die Orgel ein Instrument, das zum Improvisieren gerade zu einläd. Dank der vielen Klangfarben und großer dynamischer Spektren – vor allem der mittleren bis großen Instrumente – sind dem Musiker hier sehr weite Grenzen gesetzt. Dazu muss die Organistin bzw. der Organist sehr genau wissen, was für ein Instrument sie oder er unter den Fingern hat.

Wolfgang Seifen an der Schuke-Orgel des Gewandhauses Leipzig

Davon kann man bei Wolfgang Seifen sicherlich ausgehen. Er ist nicht nur langjähriger Organist, der weltweit konzertierte, zudem unterrichtet er die Kunst der Improvisation auch noch an der Universität der Künste in Berlin. Über sein weiteres Schaffen informiere sich die geneigte Leserin im Lebenslauf des Organ-Allrounders.
Am kommenden Samstag hat Seifen die Stumm/Goll-Orgel der Durlacher Stadtkirche unter den Fingern, ein für seine Verhältnisse sicherlich sehr kleines Instrument, aber weiterhin mein Lieblingsinstrument im Kirchenkreis Karlsruhe. Wie bei solchen Konzerten üblich, liegt die Programmgestaltung beim Publikum. Alle Besucherinnen und Besucher können vor dem Konzert Vorschläge einreichen, mit denen sich Seifen improvisatorisch auseinandersetzen soll.

Hier mein Vorschlag: Das „Bad’ner-Lied“, Stil: Marsch und Fuge

Konzerttermin: Samstag, 08. März um 20:00 Uhr
Ort: Stadtkirche Durlach

 

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Einladung

Verfasst von theiresias am 1. März 2008

Happy Birthday, werte Prinzessin, heißt es morgen in der Kirche „Zum Guten Hirten“ in Karlsruhe Rintheim. Keine Angst ich lebe hier jetzt keine reaktionären Wirrungen aller Martin Mosebach aus und fordere die Rückkehr zu alten liturgischen Formen und die Wiederauferstehung des Adels. Ich rede von keinem politischen, sondern von musikalischem Adel. Die Königin der Instrumente ist die Orgel, weil sie mit ihren vielen Registern und Spielmöglichkeiten ein Klangspektrum erstrahlen lässt, dass kaum ein anderes Instrument in dieser Vielfalt bietet.

Doch wieso schreibe ich von einer Prinzessin? Ja darf man denn angesichts eines zweiten Geburtstag überhaupt schon von einer Königin reden?

Und überhaupt, das von der Firma Vier im Jahr 2006 erbaute Instrument in Rintheim ist eher klein und bescheiden, erzielt in diesem Kirchenraum aber eine große Wirkung.

Das behaupte ich nicht nur, sondern möchte zusammen mit zwei Kolleginnen und einem Kollegen morgen (02. März 2008) um 18:00 Uhr den Beweis antreten.

In einer kleinen Abendmusik stellen wir die Möglichkeiten des Instrumentes vor. Dabei wird es sowohl solistisch mit barocker und romantischer Orgelmusik, als auch als Begleitinstrument für Flöte und Singkreis zu hören sein.

 

Vier-Orgel in Rintheim

Ich werde kleine romantische Kompositionen von Edward Elgar spielen, die in der Bundesrepublik nahezu unbekannt sein dürften. Unter dem Titel „Vesper Voluntaries“ legte Elgar neun kleine Musiken für die Abendmesse vor, von denen ich sieben spielen werde. Im Stil sind sie höchst unterschiedlich. Eine große breite romantische Introduktion, kleine Humoresken, leicht dahin säuselnde Motive und ruppige Bässe, nicht zu vergessen die im Sechsachteltakt dahin schwelgende Schlussnummer. Das interessante an den Stücken ist, dass sie u.a auch für kleinere Instrumente geschrieben wurden. Elgar machte gewissermaßen aus der Not eine Tugend. Er selber verfügte über ein relativ kleines Instrument, was ihn letztendlich dazu brachte, das Orgelspiel aufzugeben. Die Vesper Voluntaries schrieb er daher so, dass sie sowohl auf kleinen Instrumenten (sogar mit einem Manual und ohne Pedal!), als auch auf großen Instrumenten vorgetragen werden können. Bis heute ist mir keine derart raffinierte Notation unter die Augen gekommen (was in diesem Fall nicht an meinen Augen liegen dürfte). Für den Organisten bieten die Stücke aber auch viele Freiräume. Welche der „Vorschläge“ Elgars übernehme ich? Welche Motive arbeite ich an welcher Stelle durch Verlagerung auf das zweite Manual besonders heraus? Das sind nur einige der Fragen, die die Komposition mit sich bringt. Mein erster Vorschlag am Sonntagabend. Zu dieser Abendmusik möchte ich Sie, werte Leserinnen und Leser, die Sie in Karlsruhe oder Umgebung wohnen, recht herzlich einladen. Der Eintritt ist übrigens frei. Die Kirche „Zum Guten Hirten“ finden Sie in der Rintheimer Hauptstraße.

Wer die Vesper Voluntaries gerne in Gänze hören möchte, der sei auf den Gründonnerstag verwiesen. An diesem werde ich alle neun Stücke während des Gottesdienstes an „meiner“ Orgel in Hohenwettersbach spielen. Dieses Instrument ist einmanualig, ich habe mir aber schon einiges überlegt, um Elgars Kompositionen interessant klingen zu lassen. Denn wozu hat der Mensch zwei Füße. Weiteres zu diesem Abendgottesdienst folgt in der Karwoche …

 

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„Heiter bis Rauschend“

Verfasst von theiresias am 6. Februar 2008

Erwachsenenorgelpe[ä]dagogik vom Feinsten in der Stadtkirche Durlach

 

In einem kleinen Schaukasten nahe der Kirchentür steht gut lesbar das Thema der Predigt des kommenden Sonntags angeschlagen: „Was ist die Hölle?“ Mit Kreide hat ein Unbekannter darunter geschrieben: „Komm und höre unseren Organisten!“

Die Wahrnehmung der Kunst des Orgelspielens ist wahrlich nicht gerade die beste. Der regelmäßige Kirchgänger hadert ebenso regelmäßig mit der emsigen nebenamtlichen Organistin bzw. dem Organisten, weil sie zu laut, zu leise, zu schnell zu langsam und überhaupt falsch spielt, die Konfis finden Choräle generell zum Abgewöhnen, und berücksichtigt man den schlechten Zustand mancher Instrumente, möchte man sogar zustimmen. Wie kam Mozart dazu von der „Königin der Instrumente“ in einem Brief an seinen Vater zu schreiben?

Orgelmusik kann auch pure Freude, gar Schabernack, sein. Sie bietet mehr als dahinkriechende Fugen oder schrille, weil falsch registrierte, Choralbegleitungen. Eine Toccata kann ganz humoresk, quasi zum Schmunzeln sein und der Tango ist der Orgel so wenig fremd, wie die Musik Bachs dem Akkordeon. All dies und vieles mehr bewies am 02. Februar Johannes Blomenkamp, Kantor an der Stadtkirche Durlach und Bezirkskantor in der Region Karlsruhe.

 

Orgel der Stadtkirche Durlach mit Feuerwerk (Montage)

Die meisten der dargebotenen Stücke waren dem Kenner nicht unbekannt. Aber war denn der Kenner der Hauptadressat? Sicherlich musste er nicht vor der Tür bleiben und auf das Köstlichste unterhalten wurde er durch die lebendigen Interpretationen Blomenkamps allemal. Doch bei Lichte betrachtet war dies kein Konzert für den Orgelliebhaber an sich, sondern für den Interessierten Zuhörer, dem es ziemlich egal ist, ob Widor Bach richtig interpretierte oder seine Ansichten im Lichte der historischen Aufführungspraxis Kokolores sind. Hauptsache es gefällt. Und es gefiel, daran liess das Publikum keinen Zweifel, das dem Organisten mit Standing Ovation dankte und ihm begeisterten Beifall entgegenfliegen ließ.

 

Eine gelungene Auswahl

Und worin lag die Begeisterung? Zunächst einmal wäre die Auswahl der Stücke zu nennen, die Blomenkamp darbot. Den Auftakt bildeten zwei filigrane und graziöse Stücke von Robert Jones. Eine Toccatina – also eine kleine bzw. zierliche Toccata – als Exposition für das Ganze: Gewagte Tempi, dabei keinen noch so schnellen Lauf scheuend mit dem Hang zum Unerwarteten, z.B. ein ganz leiser feiner Schluss, und immer ein Stück weit neben der Spur, die man auch Erwartungshaltung nennen könnte.

So ganz aus dem Rahmen fiel auf den ersten Blick das dritte Stück auf dem Programmzettel. Stand auf den Plakaten und Handzetteln noch „Variationen über die britische Nationalhymne“, scheute sich Blomenkamp nicht den eigentlichen Titel der Variationen über „Heil Dir im Siegerkranz“ von Johann Christian Heinrich Rinck auf den Programmzettel zu drucken. Bereits im Vorfeld des Konzertes rief dies einiges verwirrtes und empörtes Murren hervor, dessen Verursacher beschämt schweigen mussten, nachdem Blomenkamp einen kleinen Abriss zu Text, Melodie und deren Kontext geliefert hatte. „Heil Dir im Siegerkranz“ wählte der der Deutsche Kaiser von 1871 bis 1918 als Kaiserhymne, von einer Nationalhymne kann nicht im entferntesten die Rede sein. Insbesondere süddeutsche Kreise begegneten dem Lied skeptisch. Andere wiederum störte es, das der Text auf die Melodie der britischen Nationalhymne geschrieben worden war, sie versuchten vergeblich, eine andere Melodie zu etablieren. Lange bevor das Lied quasi offiziellen Status erlangte schrieb Rinck seine Variationen darüber. Weit über die Grenzen Europas hinaus, fand die Melodie Freunde, sogar in einem afrikanischen Land wurde sie zeitweilig als Hymne intoniert. Es muss also die Melodie, keinesfalls der deutsche Text, gewesen sein, die die Menschen begeisterten und nichts anderes behandeln ja auch die Variationen für Orgel. Und sie hätten ja auch „etwas Erhebendes“, so Blomenkamp. Bleibt zu notieren, dass der deutsche Text und dessen kaiserliche Verwendung zumindest im Durlach Konzert, wenn nicht überhaupt, lediglich eine winzige historische Posse blieb.

 

Pes, Pedis, Pädagogik

Soviel zum ersten „pädagogischen“ Höhepunkt des Tages. Ein zweiter und gleich im doppelten Wortsinn folgte wenige Augenblicke später. Pes ist lateinisch und heißt zu deutsch Fuß. Von diesem Wort leitet sich auch das Fremdwort Pedal ab, das beim Orgelspiel eine entscheidende Rolle spielt und dem Johannes Matthias Michel seine „Variationen über ein Thema von Paganini für Pedal solo“ widmete. Bis zu vier Töne gleichzeitig muss der Organist hier nur mit den Füßen anschlagen. Die Hände müssen in den Schoß oder sonst wohin gelegt werden. Oft verstecken sich die mit dem Pedal gespielten Töne in der jeweiligen Komposition, hier wurde gezeigt, was sich mit zwei Füßen alles veranstalten lässt und das geht über das alberne Rumgehampel in der ja irgendwie allen bekannten Toccata und Fuge d-moll Johann Sebastians weit hinaus. Es sollte daher nicht verwundern, wenn irgendeine Kirchenmusikergewerkschaft demnächst Kilometergeld verlangt.

 

Musik für Spießer?

Neben dem Großen, Graziösen fand auch das Kleine, mancher mag behaupten Spießige, der Musik seine Beachtung in diesem karnevalistischen Rundumschlag. Zu Haydns Zeiten begann man damit sogenannte Musikautomaten zu bauen. Kleine Orgeln mit wenigen Pfeifen, die automatisch gespielt wurden. Die zu spielenden Töne waren auf eine Rollwalze gestanzt oder in eine Lochkarte geritzt. Töne gab es wenige, man musste Platz, also Pfeifen (vielleicht auch Geld) sparen und so lag die Herausforderung für den Komponisten darin, mit wenig Material große Wirkung zu erzielen. Blomenkamp beschränkte das Material ebenfalls auf ein Sanftes 8-Fuß-Register der großen Stumm/Goll-Orgel und spielte „Fünf kleine Stücke für eine Flötenuhr“ von Josef Haydn.

 

Aus dem Takt

Leider sind zwei musikalische Ausreißer zu beklagen. Vermutlich durch einige Fehlgriffe am Anfang irritiert, geriet der Organist beim Spiel des Maple-Leaf-Rag von Scott Joplin in der Bearbeitung für Orgel von Gabriel Dessauer im wahrsten Sinne des Wortes völlig aus dem Takt, so dass fast alle rhythmischen Pointen unbemerkt vorbeirauschten. Ich muss jedoch bemerken, dass ich, wäre ich überhaupt in der Lage solche Literatur zu spielen, dieses Stück mit absoluter Sicherheit auch verrissen hätte, angesichts der Tatsache, das die Pedal-Paganini-Variationen folgten, aus purem Lampenfieber sozusagen. Ich will dem Durlacher Kantor hier aber keinesfalls irgendwas unterstellen. Außerdem muss die geneigte Konzertbesucherin ein Misslingen schon mal in Kauf nehmen. Niemand ist ein Perfektionist im eigentlichen, sondern stets nur im anstrebenden Sinne. Übergehen wir daher einfach den Tanz aus der Nussknackersuite, bei dem es letztlich auf das präzise schnell hintereinander Anvisieren der zu spielenden Akkorde ankommt. Wie viele Jäger kamen schon ohne Sonntagsbraten nach Hause, dabei hätten sie nur einen einzigen Schuss präzise abgeben müssen.

Letztendlich konnte man sich doch wieder bequem zurück lehnen und der „Suite gothique“ lauschen, den tragenden Linien des Chorals nachhängen, zum Menuett vergnügt mit der Wimpern zucken, die Augen schließen und im dritten Satz nach Notre Dame verführen lassen, um dann bei der Toccata zu dem Schluss zu kommen: „Tempo gewagt, aber großartig.“ Und damit erfüllt sich im Schluss, was in der Exposition angelegt war. Ein geschlossenes Drama im besten Sinne, mit komödiantischem Schluss, der zwar keine Hochzeit, aber eine musikalische Hoch-Zeit war. Als Zugabe Tango mit den Füßen.

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