Es gibt Bauwerke, die sind so trist, dass das Wort mausgrau zu ihrer Beschreibung der reinste Euphemismus ist. Eine noch blümerantere Verklärung lautet „Zweckbau“. Zweckbauten entstanden ab der Wirtschaftswunderzeit, bis in die 70er Jahre. Da das Geld so reichlich vorhanden war, wurde am laufenden Meter gebaut, was offensichtlich bedingte, dass den ArchitektInnen die Zeit zum Nachdenken fehlte.
Gerade bei Kirchens entstand so mancher Zweckbau, den man dann Gemeindehaus oder Gemeindezentrum nannte.
Heute steht man vor der schwierigen Aufgabe, diese Räume mit Leben zu füllen. Blumenschmuck wirkt Wunder und ohne heimische KünstlerInnen, die die schalen Wände mit Kunstwerken behängen, wäre die Gemeinde vermutlich schon in kollektive Depressionen verfallen. Auf diese visuellen Reize versteht sich Theiresias – gewissermaßen von Natur aus – nur sehr schlecht. Seine Welt ist der Klang und darum wurde er als Organist der Ev. Kirchengemeinde Hohenwettersbach/Bergwald in diesem Metier tätig. Im musischen Bereich war die Situation zumal weitaus katastrophaler.
Im Gemeindesaal befanden sich zwei – sagen wir mal – Musik-Kisten. Eine wurde Orgel geheißen und hätte jeden Komponisten klassischer Horrorfilmmusik auf das Höchste erfreut, die zweite Kiste war ein Klavier, das in Wildwestfilmen sicherlich gute Dienste gleistet hätte. Somit fand Theiresias offene Ohren, als er vorschlug, man möge beide Kisten doch bitte durch ein anständiges neuwertiges Klafünf ersetzen.
Heute ist das Geld bei Kirchens knapper, was wiederum gut für die Architektur sein könnte. Allerdings bedeutet das auch, dass man Spenden sammeln muss. Das neue Instrument wurde zu 100% aus Spenden finanziert. Planten die Verantwortlichen und Theiresias noch mit einer Indienstnahme des neuen Instruments zum 01. Advent 2009, belehrten uns die Wildwest- und Horrorfilmmusik-geschädigten Gemeindeglieder eines Besseren. Somit nehmen wir unser neues Instrument bereits am 14. Juni 2007 in Dienst. Allen Spenderinnen und Spendern ein herzliches Dankeschön!
Was darf es sein?
Die Anforderungen an das neue Instrument waren schnell aufgeschrieben. Ein Flügel schien von vornherein eher unpraktisch. In der kleinsten Variante des Gemeindesaales (er kann erweitert werden) würde selbst ein Stutzflügel zu viel Platz einnehmen. Trotzdem sollte es möglich sein über das Instrument herüber schauen zu können, um beispielsweise einen Chor zu leiten. Ein Instrument höher als 1,16 m war also tabu. Trotzdem soll das neue Schmuckstück vor allem klanglich etwas unter der Haube haben. Theiresias legte bei der Auswahl also insbesondere auf ein weites dynamisches Spektrum Wert, das heißt, der Unterschied zwischen dem leisesten Pianissimo und dem kräftigsten Fortissimo sollte möglichst groß sein. Dieser Faktor ist noch leicht spielend zu erfahren. Weitaus schwieriger ist die Frage, zu beurteilen, wie sich der Klang im Raum ausbreitet, wie lange ein Ton nachklingt, sprich, wie präsent er ist.
Eine Menge anderer Fragen waren zu klären: Welcher Wald musste für das Instrument sein Holz lassen, mit welcher Hände Arbeit und zu welchem Lohne wurde das Instrument erbaut. Es ist nun doch etwas komisch, für die Hungernden in aller Welt zu sammeln und dann ein Produkt zu kaufen, das in dieser Hinsicht über so manchen Zweifel nicht erhaben ist. Viele Kirchengemeinden scheint dies indes jedoch nicht zu stören. Hauptsache ein Flügel, aber schön billig bitte, für die Hungernden sammeln wir est wieder am nächsten Sonntag.
Lang die Rede, kurz der Sinn: Das verantwortliche Gremium entschied sich für einen meiner drei Vorschläge: Bechstein Academy 116.
Das Wesen eines Klaviers in zwei Minuten. Oder: „Führen Sie mal vor, was wir da gekauft haben.“
An reichlich Klavierliteratur herrscht nun wahrlich kein Mangel. Doch nun möchten die geneigten SpenderInnen und ZuhörerInnen ja möglichst schon mit dem ersten Ton das gesamte Potenzial des Instrumentes erhören. Außerdem will Theiresias endlich einmal mit dem Vorurteil aufräumen, es gebe keine Klaviermusik für den sacralen Gebrauch. Daher wundert es nicht, dass er das Stück, welches am Sonntag nach der Widmung erklingen wird, ausgerechnet in einem Orgelband fand.
Wolfgang Stockmeier (Herausgeber des Bandes) legt hierin eine Bearbeitung eines kleinen Klavierstückes des tschechischen Komponisten Zdeněk Fibich (1850 – 1900) vor. Den Reigen der Seligen tanzen die Glücklichen, die beim Jüngsten Gericht (so der Name eines Bildes von Fra Angelico da Fiesole) direkt in den Himmel dürfen. Dieses Bild bearbeitet der Zeitgenosse Smetanas und Lehrer Franz Lehars in seinem Klavierzyklus Studien nach Bildern (op. 56). Die Komposition lebt durch surreale Harmonik, eine weite und sensible Dynamik und beide Varianten des Sechsertaktes. Sprich: Einen simplen Walzer tanzen die Engel im Himmel nicht. Das möge sich mancher Komponist so genannter neuer Lieder mal hinter die Ohren schreiben.
Der Vortrag dieses Stücks am 14. Juni bildet den ersten Teil eines Double-Features. Eine Woche später wird Theiresias die Orgelbearbeitung des Reigens im Rahmen der Songs of Praise zu Gehör bringen.
Wie kann man einer Gesellschaft die Fähigkeiten eines neuen Instrumentes noch vorführen? Ganz einfach, man bietet etwas dar, das nun wirklich jede und jeder im Ohr hat, quasi einen Entertainer, z. B. den von Scott Joplin.
Von diesem Stück existieren ungezählte Varianten, die meistens nur zu dem Behufe erschaffen wurden, dem Vortragenden das Spielen zu vereinfachen, oder manchmal gar zu ermöglichen. Auf solche Kinkerlitzchen wird sich Theiresias natürlich nicht einlassen, am 14.06 lautet sein Motto: „Nur original ist legal!“



