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die dinge mit den augen des blinden sehers

Archiv für die Kategorie ‘Musik’

Die Ehre Gottes aus der Natur

Verfasst von theiresias am 16. September 2009

Mit diesem Titel eines Liedes nach Texten Christian Fürchtegott Gellerts von Ludwig van Beethoven ließe sich das am 20. September um 18:00 Uhr im Ökumenischen Gemeindezentrum Bergwald stattfindende Benefizkonzert wohl am trefflichsten überschreiben.

Matthias Widmaier (Tenor) und sein Bruder Martin Widmaier (Professor für Klavier) werden ein facettenreiches Programm aus geistlichen und weltlichen Liedern von Haydn, Beethoven und Schubert präsentieren. Zudem wird Martin Widmaier zwei Klavierstücke zu Gehör bringen, die – in Anlehnung an ein rennomiertes Festival – mit Fug und Recht als Raritäten der Klaviermusik bezeichnet werden dürfen. So führen Schuberts Impromptus aus dem Nachlass noch immer ein Schattendasein. Erklingen wird das zweite in Es-Dur. Mit dem zweiten Klavierstück greift Martin Widmaier das bereits vorher vorgetragene Schubertlied Du bist die Ruh erneut auf und lässt es in einer Transkription für Klavier (solo) von Franz Liszt erneut erklingen.

Benefizkonzert
zugunsten neuer Musikinstrumente für den Kindergarten Schalom, Bergwald
Sonntag, 20. September 2009, 18:00 Uhr
Im Ökumenischen Gemeindezentrum Karlsruhe-Bergwald

Matthias Widmaier, Tenor
Martin Widmaier, am neun Bechstein-Klavier des Gemeindezentrums

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Musikwarnung: Hochzeit in Moll

Verfasst von theiresias am 12. August 2009

Frage: Wie viele der Ehen, deren kirchliche Schließung Theiresias musisch betreute, wurden bereits wieder geschieden? Erhebungen konnte Theiresias bis jetzt nicht anstellen, die Frage scheint ihm jedoch berechtigt. Eine Musikerin bzw. ein Musiker muss sich unbedingt fragen, ob das Erzeugnis seines Handwerks denn wirklich erfreut, wie ja bei solchen Anlässen beabsichtigt.
Zumal die musikalische Gestaltung einer kirlichen Trauung wiederum den Kirchenmusiker, vermutlich auch die Kirchenmusikerin, überhaupt nicht erfreut. Deutsche Paare sind was die Musikauswahl bei Ihrer Trauung angeht stereotyp fixiert. Wenn es ganz schlimm kommt, sind beide Hochzeitsmärsche (Wagner und Mendelssohn) zu spielen. Gesungen werden in der Regel folgende Lieder: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, Großer Klotz wir hobeln Dich, Herr Deine Liebe ist wie Gras und Mäusespeck und Danke für diesen guten Morgen (in diversen Umdichtungen, die dann schonmal bis zu sieben Strophen umfassen). Lieder, die nicht generell schrecklich oder schön sind, deren Text aber immerhin etwas schönes freudiges beinhaltet, so dass die Melodien recht schmissig dahinzuspielen sind. Es ist ihnen durchaus nicht abzusprechen, dass sie sämtlichst die Qualitäten gut gearbeiteter Gassenhauer aufweisen. Dies wissend, hat die geneigte Kirchenmusikerin bzw. der geneigte Kirchenmusiker den status quo zu akzeptieren.

Nun erfreuen sich aber seit gefühlten Ewigkeiten auch die Gesänge der Bruderschaft in Taizé ungebremster Beliebtheit. Einfach gehaltene 4stimmige Gesänge, deren Harmonik mal abgesehen von einigen effektvollen Doppeldominanten gepaart mit so manchen Vorhalten und gewürzt mit schwülstigen Quartsechstakkorden grundständige Kadenzmuster nicht überwinden. Viele dieser Gesänge wirken meditativ bis einschläfernd (sicherlich eine Geschmacksfrage), was dadurch bestärkt wird, dass sie so lange zu wiederholen sind, bis sie sich den Singenden in die Synapsen eingebrannt haben. Doch auch diesen Gesängen will Theiresias ihren effektvolle Schnulzigkeit zugestehen, ja sie sind dafür sogar zu loben. Die Musiker in Taizé sind gewissermassen the kings of Spiritual Easy Listening in Europe. Nun gehört ja Theiresias zu den RadiohörerInnen, „die Easy Listening nicht auf die leichte Schulter nehmen“. Folglich lauscht er, wann immer möglich, Götz Alsmanns allmontäglicher Radiosendung (20:05 Uhr, WDR 4, Go Götz Go). Somit ist es für ihn natürlich eine Binsenweisheit, dass Moll die besser Easy-Listening-Tonart ist. Überrascht es da, dass etliche der von den Kings of Spiritual Easy Listening verfassten Songs, sich dieses Modus und seiner reichhaltigen Möglichkeiten bedienen? Man sollte es diesen Meistern nicht vorwerfen.

Ist aber nun Moll die geeignete Klangfarbe für eine Kirchliche Trauung? Was bedeutet dies für die Ehe. Langeweile schon vor dem verflixten siebten Jahr? Scheidung durch musisch intendierte Traurigkeit vorausbestimmt?

Verstehen Sie Theiresias nicht falsch: Natürlich darf es auch in einem Traugottesdienst ruhige und meditative Momente geben, die durchaus mit den Gesängen aus Taizé gestaltet werden können.
Solange jedoch die Frage ungeklärt ist, welchen Einfluss die Kirchenmusik auf die Beständigkeit der Ehe hat, rate ich von Taizé am laufenden Meter ab. Es ist nicht auszuschließen, dass diese Art der musikalischen Gestaltung zu nachhaltigen, bleibenden, trennenden und somit teuren Umständen führen kann.

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Wise Guys – sinfonisch

Verfasst von theiresias am 10. Juli 2009

Schuster bleib bei Deinen Leisten! Das hätte man den Wise Guys am Liebsten zugerufen, als man an Fronleichnam der ersten Nummer ihres Konzertes Wise Guys sinfonisch lauschte, das die fünfte Welle des Westdeutschen Rundfunks in der Sendereihe Streng öffentlich in Auszügen ausstrahlte. Diese erste Nummer ist, um es zu überspitzen, Männerchor mit Streichersoße. Allerdings greift dieser erste Eindruck zu kurz und der Schreiber täte sehr vielen, wenn auch nicht allen, Beteiligten unrecht. Übrigens können Sie, geneigteR LeserIn, sich selbst einen Eindruck verschaffen, und zwar wenn am 11. Juli 2009 um 20:05 Uhr auf WDR 4 das gesamte Konzert vom 21. März 2009 ausgestrahlt wird.

Zum Konzept des Konzerts: Einige der Wise Guys-Songs wurden für sinfonisches Orchester umarrangiert. Also überspringen wir in dieser kleinen Vorausschau einmal die Nummern, die das Vokalensemble ohne diesen Klangapparat bestritt.

Nach dem dürftigen Einstieg braucht es leider eine Weile, bis die gemeinsam vorgetragenen Stücke wirklich vom Hocker reißen (die Zeitangaben beziehen sich auf die an Fronleichnam ausgestrahlte Sendung). So liefert die Formation zunächst einmal eine Version des Alla Turcas aus Mozarts Klaviersonate in A-Dur KV 331 ab, die so stumpfsinnig und effekthascherisch ist, dass sie – zumindest im Radio – zur Peinlichkeit geriert. Hinter der Stimmakrobatik, die das Vokalensemble mit ihrer Adaption des Root Beer Rags von Billy Joel einst lieferte, bleibt dieses dahingeschmierte Arrangement bei weitem zurück.
Zum Misserfolg der Konzerteröffnung trägt aber auch die Aufnahmeleitung und die Tontechnik dieser Veranstaltung bei. Man muss mutmaßen, dass die Erwähnten vorher kaum ein Album der Gruppe gehört haben. Dann hätten sie nämlich festgestellt, dass ihre Kunst auf das Äußerste gefragt gewesen wäre.

Den Charme der Wise Guys-Alben macht meiner Meinung nach der betonte Einsatz der digitalen Klangmanipulation aus. Hier wird bei der Abmischung und beim Mastering mindestens genau so genial Musik gemacht, wie bei der Aufnahme des Rohmaterials.
Das gelingt grob auch in diesem Live-Mitschnitt, aber nur bei den Nummern ohne Orchester. Musizieren beide Klangkörper gemeinsam, muss man bestimmte Teile des Gesangs regelrecht suchen. Geschickte Finger an den Gainreglern und geringfügige Manipulationen im Frequenzbereich – insbesondere bei den tiefen Stimmen – hätten hier Wunder wirken können.

Um so mehr ist es anzuerkennen, dass alle beteiligten MusikerInnen diese widrigen äußeren Umstände musizierend überwinden und mit dem Lied König fit erstmalig überzeugen können.
Ein wahrhafter Höhepunkt des Abends ist sicherlich ein Potpurri aus angeblich 20 Hts des Vokalensembles, welches allein durch das Rundfunkorchester vorgetragen wird. Lieder ohne Worte im Schnelldurchlauf, die obwohl ihres Textes beraubt, den Kenner immer wieder schmunzeln lassen, da ihr jeweiliger Charakter durchaus erhalten bleibt. Am plakativsten offenbart sich dies in dem frechen Bläsersatz zum kabarettistischen Gassenhauer Kinder (Album Klartext). Diese Vorlage verwandeln dann beide Klangkörper gemeinsam gewissermaßen zum Finale, indem das Potpurri in den Song Jetzt ist Sommer (Album Ganz weit vorne) mündet.

Trotz einiger Startschwierigkeiten auf jeden Fall ein zu empfehlender Konzertmitschnitt.

Wise Guys – sinfonisch
Wise Guys und Rundfunkorchester des Westdeutschen Rundfunks unter Heribert Feckler
MItschnitt vom 21. März 2009
Samstag, 11. Juli 2009, 20:05 Uhr, WDR 4

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Fundsache: Lang Lang und Ballerspiele

Verfasst von theiresias am 1. April 2009

Manchmal findet Theiresias Zeitungen, die er als Informationssüchtiger natürlich umgehend liest. So auch vor ein paar Tagen in der S-Bahn. Dort lag das lokale Verdummungsblättchen, das mit einer kleinen Meldung die Leserschaft darüber unterrichtete, der Starpianist Lang Lang habe alle gewaltverherrlichenden Spiele von seiner Spielekonsole gelöscht. Die habe der Künstler früher gespielt, um sich zu entspannen. Natürlich versämte es die Qualitätszeitung nicht, die Spielekonsole exakt beim Produktnamen zu nennen.
Theiresias fand bis jetzt eigentlich immer das Klavierspielen sehr entspannend, wird sich aber jetzt gewaltverherrlichende Spiele anschaffen.

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Humorgelkonzert

Verfasst von theiresias am 21. Februar 2009

Orgel der Stadtkirche Durlach mit Feuerwerk (Montage)

Es wird zu wenig gelacht, insbesondere in sakralen Räumen. Besonders schlimm scheint Theiresias dieser Umstand in Baden zu sein. Was helfen da Choräle wie „Der Gottesdienst soll fröhlich sein.“ Solch Ermahnung stört die/den gemeineN GottesdienstbesucherIn an sich überhaupt nicht, dafür ist die Angelegenheit schließlich zu ernst.

Machen Sie da mal einen Witz über Kirchenlieder („Wie lautet das Lied aller Nassrasierer?“ „Oh Haupt voll Blut und Wunden.“); Sie ernten nur finstere Blicke und Ihre Exkommunikation wird sofort in Angriff genommen.

Man kann daher grandiose innerkirchliche Humor- und Unterhaltungsinitiativen nicht oft genug rühmen und möchte sie so manchem Gesellen gerne verordnen.

Unterhaltung auf höchstem Niveau wird heute Abend erneut in der Stadtkriche Durlach geboten. „Heiter bis rauschend“ wird die Musik auf der 250 Jahre alten Stumm(/Goll)-Orgel vorgetragen. Nach einem Blick in das Programm bekommt Theiresias den Verdacht, dass Bezirkskantor Johannes Blomenkamp in diesem Jahr ein noch gewaltigeres musikalisches Feuerwerk veranstalten möchte als im letzten Jahr.

Unbedingte Hörempfehlung!

21. Februar 2009, 20:00 Uhr, Ev. Stadtkirche Durlach

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Volkstümliches für den Abend

Verfasst von theiresias am 21. Februar 2009

Das Krätzchen ist nicht nur ein putziges Haustier auf dem Kontinent Zamonien und spielt eine entscheidende Rolle in Walter Moers letztem Roman Der Schrecksenmeister, es ist vor allem den BewohnerInnen einer gewissen Rheinmetropole als Gesangsform aus der Eckkneipe oder von der Karnevalsbühne bekannt. Kurze in kölscher Mundart verfasste Liedchen, die sich meistens reimen und mit einer obligatorischen Schlusspointe enden. Diese funktioniert nicht selten über einfache Sprachverdreher.
Dieser Form gleicht eine andere Gesangsform aus dem Bajuwarischen: das Gstanzl. Dieses fällt jedoch oft noch knapper aus. Zumeist Vierzeiler im Dreiviertel Takt gspritzig mit der Quetschen (der Zieharmoniker) vorgetragen.

Im Jahr 2006 zeichnete der Westdeutsche Rundfunk erstmals eine Veranstaltung auf, bei der diese beiden Formen aufeinandertrafen. Eine Kölner Rockband, die das Krätzchen für sich wiederentdeckt hatte, und ein urbayrisches Gstanzl-Duo traten den musikalischen Wettstrett an, um doch letztlich in einem „Gstanzl-Krätzchen-Crossover“, wie sie es nannten, zueinander zu finden. Als Mittler zwischen den Welten diente Wolfgang Jaegers, der dem rheinischen Publikum die Gstanzl in Kölsche Zung übersetzte und somit unbestritten der Star des Abends war.

Nun scheint es, wenn man den Mediendaten des Pressedienstes trauen darf, eine Neuauflage des Programms zu geben. Doch selbst wenn heute Abend um 20:05 Uhr auf der fünften Welle noch einmal der Mitschnitt aus 2006 ausgestrahlt wird, ist das auf jeden Fall hörenswert.

Eine Sendung für die, die Freude am Sprachwitz haben, Derbheiten schätzen und die vielen Dialekte der deutschen Sprache lieben.

Samstag, 21.02.2009, 20:05 Uhr, WDR 5 (Live-Stream MP3 128 kb/s)

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Georg Philipp Telemann: „Was ist mir doch das Rühmen nütze?“

Verfasst von theiresias am 14. Februar 2009

Sonntag, 15. Februar 2009 um 10:00 Uhr in der Evangelischen Kirche Hohenwettersbach

Georg Philipp Telemann (1681 – 1767)
Was ist mir doch das Rühmen nütze (2. Kor 12, 1-9)
Kantate zum Sonntag Sexagesimä für Singstimme, Traversflöte und Basso continuo

Songs of Praise

Kalrsruhe hört Telemann!
Logo des Badischen KonservatoriumsUnter diesem Motto erklingt neunmal in diesem Krichenjahr eine Solo-Kantate aus dem Zyklus Der Harmonische Gottesdienst von Georg Philipp Telemann; jeweils in einer anderen Gemeinde des Kirchenbezirks. Wir KirchenmusikerInnen werden dabei tatkräftig von SchülerInnen des Badischen Konservatoriums unterstützt, welche die Instrumentalstimmen übernehmen.

Wenn die Kantate in der kleinen Dorfkirche in Hohenwettersbachn erklingt, so geschieht dies ganz im Sinne der vom Komponisten ursprünglich beabsichtigten Weise. Werfen wir hierzu einen Blick auf das Titelblatt der Erstausgabe des Harmonischen Gottesdienst aus dem Jahr 1725/26.

Titelblatt des der Erstausgabe des Harmonischen Gottesdienst

Dort heißt es:

Harmonischer
Gottes-Dienst
oder
geistliche
C A N T A T E N
zum allgemeinen Gebrauche/
welche/
zu Beförderung so wol
der Privat – Haus-
als öffentlichen
Kirchen – Andacht/
auf die gewöhnlichen Sonn- und fest-täglichen
Episteln durchs ganze Jahr
gerichtet sind,
und aus einer Singe-Stimme bestehen / die entweder von
einer Violine, oder Hautbois, oder Flöte traverse, Flüte à bec,
nebst dem Generalbasse, begleitet wird;
Auf eine leichte und bequeme Ahrt also verfasset / daß nicht
allein die, so zur Aufführung der Kirchenmusic gesezet sind, und vor allem
diejenigen / so sich nur weniger Gehülfen darben zu bedienen haben / solche musisch gebrau-
chen können / sondern auch denen zur geistlichen Ergeblichkeit / die ihre Haus-Andacht musikalisch
zu halten pflegen / wie nicht weniger allen / die sich im Singen / oder im Spielen
auf gedachten Instrumenten üben / zur Erlangung
mehrerer Fähigkeiten;
In die Music gebracht, und zum Druck befördert
von
Georg Philipp Telemann

Die „einfache Ahrt“ hindert Telemann nicht, effektreiche Musik zu komponieren.  Hierzu reduziert er zunächst  das Textmaterial radikal. Nicht erst durch die Vertonung, sondern bereits durch die Texteinrichtung findet eine Interpretation der ursprünglichen Verse statt. Die Konstruktion des Textes ist derart archetypisch, dass man diese in jedem Deutschbuch im Kapitel zum Barock abdrucken könnte. Sobald die ersten beiden Zeilen verklungen sind, ist das thematische Programm nahezu in Gänze bekannt:

Was ist mir doch das Rühmen nütze?
Bloß meiner Schwachheit rühm’ ich mich.

Auch musikalisch bleibt kein Zweifel daran offen, dass in dieser Kantate gewissermaßen das Lob der Schwachheit besungen wird. Deren positive Konnotation inszeniert Telemann indem er die eigentlich in Moll gehaltene
Arie bereits nach wenigen Takten zur Dur-Parallele wendet.
Lapidar gesprochen folgt danach alles, was wir aus dem Barock kennen (und doch auch irgendwie schätzen): Im Mittelteil wird der „eitle Stolz“ verflucht. Vanitas soweit das Ohr hört. Die Flöte, die bis zu diesem Punkt mit der Singstimme unisono lief, beschießt den Stolz mit spitzen Pfeilen in Form kleiner 16tel Noten.

Nach der Eingangsarie zieht sich die Flöte zunächst komplett zurück. Im Mittelpunkt des folgenden Rezitativs und des anschließenden Ariosos steht das Bibelwort. Dessen Inhalt wird dem durch die Eingangsarie gesetzten Thema gemäß angeglichen:

Wer bist du, Mensch, und was sind deine Gaben,
die wir zudem nicht eigentümlich haben
und die der Herr uns mehr geliehen als gegeben?
Willst Du dich deren überheben?
Soll dich ein andrer Mensch mehr preisen, mehr erhöhn’?
Als man doch von dir hört und als wir an dir seh’n?
Nur Schwachheit fühlst du ja so inn- als äußerlich
und dieser rühme dich!
Wirft sich vor Gott die Demut nieder,
ach, seine Huld erhebt sie wieder.
Erhebe du nur auch dich selber nicht!
Bleib immer schwach und klein,
so wirst du stark und groß in Gottes Augen sein.
Er wird den Mangel selbst zu deinem Vorteil fügen.
Und hör’, wie weislich, liebreich, prächtig er zu dir spricht:

Das Arioso übernimmt aus dem eigentlichen Bibeltext einen Vers unverändert, da hier Gottes Wort direkt wiedergegeben wird. Offensichtlich wollte Telemann nicht des Höchsten Copyright verletzen.

„Lass dir an meiner Gnade g’nügen;
denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Dramaturgisch bildet diese Gnadenzusage den Höhepunkt der Kantate. In der letzten Nummer dem Siritoso erwächst daraus die Conclusio: „Gottes Kraft erhebt die Schwachen“. Die Flöte tritt hinzu. Diesmal nicht unisono mit der Gesangsstimme, vielmehr im Dialog mit dieser. Der Solist übernimmt das musikalische Motiv, welches von der Flöte vorgestellt wird. Immer wieder fällt der Sänger in das Spiel der Flöte ein und umgekehrt, um letztendlich in effektreichen Intervallen wieder zusammen zu finden. Das Cello vollführt derweil einen ganz eigenen Freudentanz.

Die Kantaten aus dem Harmonischen Gottesdienst ähneln sich in Form und Aufbau. Trotz ihrer minimalistischen Bauform und Ausstattung sind sie graziös gearbeitet und bringen für MusikerInnen und HörerInnen einige Leckerbissen mit sich. Telemann selbst deklarierte sie, wie oben gelesen, u. a. als Musik für den Hausgebrauch. In der Postpostmoderne erwächst daraus die Frage nach der Verfügbarkeit der Kantaten als Tonträger oder Notenmaterial. Es gibt diverse Einspielungen, die aber meistens nicht komplett sind und somit vielleicht im Telemannschen Sinne zur „Hausandacht“ nicht taugen. Meinen Geschmack treffen die meisten davon nicht. Zum Selbstmusizieren besteht hingegen reichlich Gelegenheit. Im Bärenreiter-Verlag sind diverse Ausgaben des Zyklus erschienen. Wer es gern historisch mag, dem sei unbedingt ein Blick in die digitalisierte Erstausgabe empfohlen, welche von der Dänschen National Bibliothek zur freien Verfügung bereit gestellt wird.

Für Bewohner aus Karlsruhe & Hinterland besteht natürlich noch mehrmals die Gelegenheit, eine Kantate im Gottesdienst zu hören. Alle kommenden Termine finden Sie unter www.kirchenmusik-karlsruhe.de.

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Hörspieltage 2008 7: Um mich herum wird gebumst – oder Blechromantik für Untersensible

Verfasst von theiresias am 9. November 2008

Eine Live-Reportage aus dem ZKM-Foyer mit Extremverspätung publiziert

Schlagzeugperformance bei den ARD Hörspieltagen

Das ZKM verwandelt sich in diesem Moment in einen Hexenkessel, in dem es dröhnt bzw. scheppert und das Ganze mit Nachhall. Ursächlich verantwortlich für dieses Spektakel ist ein Schlagzeug-Duo bestehend aus Markus Hauke und Ottmar Köhler. Die Jungs behauen, beratschen und streicheln ganz in der Nähe des Eingangs im Angesicht der Infotheken ihre Instrumente. Ja sie streicheln und kreisen dabei vor den mannshohen Metallkolossen. Dabei entstehen gar zauberhafte leise Töne, die doch jetzt gerade in ein beißendes und ins Mark gehende Crescendo ausarten. Doch gleich nehmen sie die Intensität wieder zurück. Das ganze hat ein wenig was von Fabrikromantik, die ja hier vollkommen richtig am Platz ist. Immerhin wurde das ZKM in den Hallen einer alten Munitionsfabrik eingerichtet. Und doch fehlt etwas. Alles ist lyrisch und energisch, kräftig und scheppernd. Es folgt ganz und gar klar erkennbaren Strukturen, die nicht nur manchmal wie ein Rhythmus anmuten, sondern auch einer sind. Auch klare Intervalle treten hervor. Hübsch, wenn man auf den Tritonus steht.
Doch was fehlt? Wäre es bei diesen Klängen, die so sehr nach Stahlschmiede und Schwerstverarbeitung klingen nicht schön, wenn wir uns jetzt alle gemeinsam erheben und mal so richtig die Prolls im Positivsten Sinne geben würden. Freunde, lasst uns das Steiger-Lied anstimmen. „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt …“

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Ab in die Klangkiste – ARD Hörspieltage 2008

Verfasst von theiresias am 3. November 2008

Nur, für den Fall, dass irgendwer Theiresias ab diesen Mittwoch suchen sollte: Ich verstecke mich ab Mittwochabend wieder in dieser sympathischen Kiste.

Dabei schottet sich Theiresias vollkommen von der Außenwelt ab, was weniger eine Haltung denn ein Diktat der Architektur dieses Raumes ist. Der sogenannte Kubus des Zentrums für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (ZKM) steht nämlich keinesfalls auf solidem Karlsruher Boden, sondern schwebt darüber. Wenig physischen und damit klanglichen Kontakt zur Außenwelt soll dieser Bau haben, erfuhr ich vor ein paar Jahren während einer Führung. Egal ob vor dem ZKM die Straßenbahnen vorbeirauschen oder ein Bauunternehmer vor der Tür ein Konzert für Presslufthammer und Vierzigtonner improvisiert, wer sich im Kubus befindet, wird das nicht mitbekommen. Der Raum selbst hat eine etwas befremdliche Akustik, die bewusst – um es trivial auszudrücken – trocken bzw. direkt gehalten ist. Durch die Benutzung von Vorhängen und  ominöser, an der Decke montierter Platten kann die akustische Tragweite jedoch geringfügig beeinflusst werden.
Fassen wir zusammen: Ein akustisch abgeschotteter Raum, der dazu eine trockene bzw. direkte Klangcharakteristik aufweist; Wer hier abtaucht, muss also gewaltig einen an der Waffel haben. Weit gefehlt!
Ich schrieb bislang noch nicht über die Inneneinrichtung. Und spätestens jetzt dürften Hifi-Fans neidisch werden. Ich sage nur: Über 40 Lautsprecher und jeder davon kann einzeln angesprochen und teilweise elektronisch gesteuert in die gewünschte Position verbracht werden. Damit wird klar, warum bei der Erbauung des Raums auf kontrollierbare akustische Rahmenbedingungen geachtet wurde. Wer für den sogenannten Klangdom komponiert, bekommt u. a. die Möglichkeit, ein Tonsignal gezielt an einem ganz bestimmten Ort im Raum zu positionieren. Weiter gedacht bedeutet dies, dass die räumliche Dimension konstitutiver Bestandteil einer Komposition bzw. einer Interpretation werden kann.

Im Rahmen der ARD Hörspieltage, über die ich ja, wie mir gerade einfällt, ursprünglich schreiben wollte, gewährt das ZKM wieder Einblicke in diese faszinierende künstlerische, aber für mein Empfinden oft intuitiv nicht nachvollziehbare, Arbeit. Das Reinhören lohnt sich auf jeden Fall. Gelegenheit dazu besteht am Samstag, 08.11.2008 um 19:00 Uhr.

Doch es braucht gar nicht so viele Lautsprecher, um diesen Raum schätzen zu lernen. Das geht auch bei einem klassischen Kammerkonzert, bei dem große Räume mit charakteristischer Akustik oft hinderlich sein können. Es reichen ebenfalls lediglich zwei Lautsprecher, vor denen man in aufgestuhlten Reihen Platz nimmt und den Darbietungen der zum ARD-Hörspielpreis eingereichten Stücke lauscht. Nicht zu weit vorn nicht zu weit hinten und immer genau in der stereophonen Mitte, so lautet die Formel für das optimale Hörergebnis. Wobei ich nicht schlecht staunte als ich angesichts des Prelistening zum ARD-Radiotatort im vergangenen Jahr in einer der hinteren Ecken auf dem Fußboden platznahm. Auch hier noch ein betörendes Hörerlebnis, um das einen so manch bekennender Hifiast beneiden dürfte.

Auf die einzelnen Stücke werde ich in den kommenden Tagen an dieser Stelle noch eingehen. Es ist wieder alles dabei: Wunderbare Hörstücke, die fesseln, zum Staunen einladen oder gar Begeisterungsstürme hervorrufen, Stücke bei denen ich offen bekenne, sie nicht zu begreifen, Stücke die mir auf das Äußerste missfallen. Kurz und gut: Ein optimales Festivalprogramm! Anerkennend nehme ich auch zur Kenntnis, dass die Hörfunkanstalten die Stücke im Rahmen ihrer rechtlichen Möglichkeiten bereits vor der Veranstaltung im Netz präsentieren. Dabei sind sie dieses Jahr besonders kreativ, indem sie Inhalte, die sie zum Download und OnDemand nicht anbieten dürften, einfach in repetierende Webchannels verfrachten. Das ist zwar für die HörerInnen etwas aufwendiger, mit dem ein oder anderem Hilfsmittel jedoch unproblematisch.

Nach der Vorführung eines Hörspiels während der Hörspieltage folgt eine kurze Jurydiskussion. Hier verließen in den vergangenen Jahren oft diverse Leute den Kubus, da einige Diskussionen selbst zu einem tragisch/komischen Fünfzehnminüter gerieten. So zum Beispiel, als man im vergangenen Jahr die Hörspielbearbeitung des Bestsellers Tannöd (von Andrea-Maria Schenkel) besprach. Dabei sei jeder Jury zugestanden, dass sie eine Einreichung aburteilt und für unwürdig befindet (wie damals geschehen). Wenn man aber versucht, analytisch vorzugehen und den Hörspieltext von der Romanvorlage abzugrenzen, dann ist es für Kenner lächerlich und für die Betroffenen ärgerlich, wenn einzelne Jurymitglieder virtuos ins Klo greifen. Behauptete doch dereinst tatsächlich eine Frau Doktor, u. a. Literaturkritikerin bei einer großen Süddeutschen Zeitung ihres Zeichens, es sei unklar, wer den Roman erzähle, ja der Erzähler trete nicht auf. Die Lektüre der ersten beiden Romanseiten hätte sie eines Besseren belehren können.

Aber zum Glück bleiben derartige Juryschnitzer inzwischen nicht mehr ungesühnt, denn ebenfalls nach jedem Hörspiel gibt es eine Diskussion mit den HörspielmacherInnen (Regie, Dramaturgie, Redaktion, AutorInnen etc.) auf dem Musikbalkon direkt vor dem Kubus. Hier darf sich jede und jeder beteiligen.
Natürlich hatte im obigen Fall der Leiter der Hörspielabteilung des Norddeutschen Rundfunks, Norbert Schaeffer, eine undankbare Aufgabe. Um dem Verriss seiner Tannöd-Inszenierung zu widersprechen, musste er erst mal solides literaturwissenschaftliches Erstsemesterwissen populär aufbereiten. So konnte er einige der schlimmsten sachlichen Jurypatzer zumindest sachlich korrigieren.
Ich nehme übrigens Wetten entgegen, an welchem Stück sich die Jury dieses Jahr „vergreift“. Wobei ich noch nicht weiß, wer ihr angehört.

Kein Geheimtipp ist inzwischen auch das Rahmenprogramm der Hörspieltage. Hierbei setzt man auf die großen Publikumsmagnete. Eine Radioshow mit Jochen Busse die Freitag, 08.11.2008 auf hr 2 und SWR 2 direkt übertragen wird gehören dazu, wie auch die „Wortoper“ Rotkäppchen, die vom letztjährigen Büchnerpreisträger Martin Mosebach kreiert wurde.
Theiresias wird sich nach der Preisverleihungsgala am Samstag sicherlich noch das Motion-Trio anhören, das laut Leporello zur Veranstaltung das Akkordeonspiel neu definiere.
Wenn die Kräfte dann noch einigermaßen reichen, der Hörspieltag geht ja immerhin am Samstag um 11:00 Uhr los, entschwebt Theiresias nach diesem Konzert in die Radiotatort-Nacht. Hier gibt es zwei Prelistenings (Ausstrahlung im nächsten Jahr), die leider durch den schwachen Radiotatort des Hessischen Rundfunks aus diesem Jahr unterbrochen werden. Nun ja, der HR ist Gastgeber, was will man machen.

Vor allem nicht meckern, ist es doch durchaus nicht selbstverständlich, dass die Hörspieltage inzwischen zum dritten Mal in Folge im ZKM stattfinden. Mit Kubus und Medientheater hat das Zentrum allerdings auch einiges zu bieten.

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Finanzkrisenmusik?

Verfasst von theiresias am 17. Oktober 2008

Nachdem ich für das Erntedankfest vegetarische Musik fand und diese, am 05. Oktober 2008 aufführte, frage ich mich, derweil ich das Mutopiaproject durchstöbere, ob ich jetzt auch Musik zur Finanzkrise bingen sollte. Hat die Kirche da nicht eine moralisch/ethische Aufgabe? Gilt diese auch für den Organisten/Pianisten einer Gemeinde? Ein Stück habe ich schon gefunden: den Wall Street Rag von Scott Joplin.

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