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die dinge mit den augen des blinden sehers

Archiv für die Kategorie ‘Low Vision’

Hörspieltage 2008 9: Theiresias muss auch fortan selber beten

Verfasst von theiresias am 12. November 2008

Und er weiß nicht, ob da jetzt was schlimm dran ist.

Der Gebetomat

Theiresias näherte sich dieser seltsamen Kiste, die während der Hörspieltage im Foyer des ZKM weilte, und fragte sich, was dieses Ding, das so ein wenig nach mobilem Passbildautomaten ausschaut, wohl genau macht? Aus dem Inneren schallte Musik, die extrem nach Porno klang, was Theiresias beurteilen kann, so dass Theiresias auch auf den Gedanken kam, ob es nicht ein mobiles Pornokino sein könnte, was Theiresias nicht beurteilen kann. Derweil Theiresias in seinem Geist nach etwaigen Religionsfetischen suchte, jedoch keine fand, verschwand eine junge Dame hinter dem Vorhang. Rein akustisch änderte sich nichts und kurz darauf verließ sie den Gebetomaten wieder. Da müsse man 50 Cent einwerfen, teilte sie mit, sie habe aber kein Kleingeld. Ob sie helfen könne, fragte sie, vermutlich durch den weißen Stock veranlasst. Nein, er käme allein zurecht, antwortete in einem Anfall von Hybris Theiresias, nicht ahnend, wie falsch er liegen sollte. Er verschwand hinter dem Vorhang und nahm auf einem kleinen Metall/Plastikhöckerchen Platz. Vor ihm ein Touchscreen auf dem zu lesen war, man müsse hier 50 Cent einwerfen und könne dann aus einer Unmenge (genaue Zahl ist Theiresias entfallen) von Gebeten auswählen, die man sich dann fünf Minuten anhören könne. Um danach weiter zu hören müsse man, im aktuellen Fall also Theiresias, weitere fünfzig Cent einwerfen. Über dem Monitor waren zwei verhältnismäßig riesige Lautsprecher montiert, aus denen auch die Pornomusik kam. Sollte der Gebetomat also floppen, könnte man ihn ohne weiteres in ein mobiles Pornokino umwandeln. Das Problem wäre allerdings, dass die Geräusche aus dem Pornomaten ja ungehindert auch außerhalb zu hören sind. Also so ganz privat, wie in der Zeitungsbeilage zu den Hörspieltagen behauptet, wäre die Sache wohl nicht. Theiresias suchte nun nach dem Geldschlitz, fand ihn aber nicht. Er fand eine Vorrichtung mit Hebel, rechts des Bildschirms, worin man offensichtlich die 50 Cent versenken sollte, war aber beim besten Willen nicht in der Lage, genau dies zu tun. Vollkommen unaccesable dieser Gebetskasten, dachte der blinde Seher. Touchscreen und unverständlicher Geldschlitz; diese moderne Kunst ist sehbehindertenfeindlich, beschloss er. Trotzdem fummelte er weiter an dem Ding herum und bereute nun das erste Mal, die Hilfe der freundlichen Dame abgelehnt zu haben. Auf der anderen Seite, wie hätte das funktionieren sollen? Der Schlitz rechts des Touchscreens, der Vorhang links. Hätte man die Kabine nacheinander betreten, wäre da nicht das künstlerische Erlebniskonzept zerstört worden? Hätte Theiresias Platz genommen und sie hätte sich über ihn drüber gelehnt; möglich ja, aber wie hätte das ausgesehen, dazu bei der Musik? Wäre es bei so einem spirituellen Ausstellungsstück nicht gar Blasphemie gewesen?
Und überhaupt, warum soll man sich Gebete anhören? Nein, Theiresias wird selber weiter beten und insbesondere im Falle der Fürbitten, bei denen alle zum Mitmachen aufgefordert sind, zu Höchstformen auflaufen. Unvergessen seine Fürbitten für schwule Priester, grüne Atomkraftbefürworter und die oversexte but underfuckte Jugend.

An der ZKM-Bar angelangt, bestellte sich Theiresias frustriert sein Sehergedeck (Apfelschorle und Latte macchiato). Neben ihm die junge Frau. Wie es gewesen sei? Theiresias erklärt ihr sein Scheitern. Sie bedauert aufrichtig und blickt ihn an. Er stellt fest, dass 15 Prozent links und Amaurose rechts für einen gescheiten nonverbalen Flirt entschieden zu wenig sind und überlegt ihr noch mal schnell den weißen Stock zu zeigen, hält das dann aber für zu penetrant und beschließt stattdessen, sich selbst demnächst in seine kuriosen Fürbitten  einzuschließen.

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SightCity 2: Vergrößern ist nicht alles

Verfasst von theiresias am 26. Mai 2008

Die Produzenten elektronischer Sehhilfen entdecken den „High-Definition-Hype“ für sich

Wenn die stark vergrößernde Lupe oder andere optische Hilfsmittel nicht mehr ausreichen, oder Sehbehinderte mit diesem Hilfsmittel aus anderen Gründen nicht geholfen werden kann, z. B. ein zu kleiner Bildausschnitt, dann raten fachkundige Augenärzte und Low-Vision-Experten oft zur elektronisch vergrößernden Sehhilfe. In den meisten Fällen ist dies ein sogenanntes Bildschirmlesegerät. Das Lesegut wird auf einen in waagerechter und senkrechter Richtung bewegbaren Schlitten gelegt, den sogenannten Kreuztisch. Auf diesen blickt eine Kamera, die den Text, die Bilder, das Kartenmaterial etc., das sich unter ihr befindet, auf einen Monitor projiziert. Der Clou: Die Vergrößerungsstufe kann individuell und der Vorlage entsprechend angepasst werden. So können erfahrene Nutzerinnen und Nutzer auch kleinstgedruckte Vorlagen problemlos lesen. Ferner ist es möglich, den Kontrast durch verschiedene Techniken zu verbessern und sogenannte Falschfarben einzusetzen, um ein möglichst komfortables Lesen zu ermöglichen.

Unter der Haube haben diese Hilfsmittel schon seit vielen Jahren Signalverarbeitungstechnik, wie sie bei älteren Computern zum Einsatz kam. Die Hersteller setzen auf den VGA-Standard, um die Informationen von der Kamera zum Bildschirm zu übertragen. Daran gab es bis heute auch nichts auszusetzen, es sei denn, man legte nicht Wert auf die hohen Vergrößerungsstufen, sondern auf die niedrigen. Je nach Gerät wurde es hier kritisch. Die geringe Auflösung von 640 x 480 Bildpunkten sorgt oftmals für ein verschrumpeltes Bild. Die Wahl eines größeren Monitors lindert diesen Missstand nur bedingt, da die Kamera weiterhin ein Bild liefert, das mit einer inzwischen eigentlich inakzeptablen Auflösung produziert wird.

Vermutlich arbeiten längst alle an High-Definition, doch Schweigen ist bekanntlich Gold.

Der nächste Schritt ist daher vorgezeichnet. Seit einigen Jahren sind Bildschirme auf dem Markt, die die bewegten Bilder mit einer Auflösung von bis zu 1920 x 1080 Pixeln (Full-HD) darstellen. Optimal wäre es, wenn die Kamera das Signal exakt mit der Anzahl an Bildpunkten ausgibt, mit der auch der Bildschirm arbeitet, beide quasi die gleiche Sprache sprechen. So werden zusätzliche Arbeitsschritte zur Signalaufbereitung vermieden, die zu einer Verschlechterung der Bildqualität führen können.
Auf der Messe gab man sich, was dieses Thema angeht, wortkarg. Lediglich die Firma Optron sagte es mit der ihr eigenen Offenheit und einer gesunden Portion Selbstvertrauen frei heraus: Ja, man arbeite an höheren Auflösungen, genau aus dem Grund, die Qualität bei den kleineren Vergrößerungen zu erhöhen. Zeigen könne man indes noch nichts, da die Systeme noch nicht stabil liefen. Somit dürfte spätestens zur nächsten SightCity das Thema interessant werden.
Für alle, die nicht mehr warten wollten, hatte die belgische Firma Koba Vision bereits dieses Jahr ein marktreifes Produkt im Gepäck.

Lesen Sie noch, oder fliegen sie schon durch den Weltraum?

Foto eines hochauflösenden Bildschirmlesegerät mit Breitbildschirm

Nein, auch wenn es so aussieht, ich befinde mich nicht auf der Kommandobrücke des Raumschiffs Enterprise, und doch fühlt es sich genau so an. Das mag an den hintergrundbeleuchteten Schaltern des Bildschirmlesegerätes und seinem monströsen Monitor liegen. Außerdem spricht das Gerät zu mir. Es sagt „größer“, „kleiner“ und „Kontrast“ und viele andere Dinge, die einem jedoch nach rund fünf Minuten auf die Nerven gehen, so dass man sich auf die Suche nach dem Ausschalter macht, diesen dann aber auch zügig findet.

Doch zurück auf den Boden der Tatsachen: Betrachtet man ein hochauflösendes und nicht hochauflösendes Gerät nebeneinander, kann es durchaus sein, dass man keinen Unterschied feststellt. Denn wie bei fast allen Hilfsmitteln gilt auch hier der Grundsatz: Entscheidend ist der subjektive Eindruck. Für mich wäre daher die hohe Auflösung kein triftiger Grund, mir dieses Gerät anzuschaffen. Allerdings konnte auch ich während des Probierens die Brillanz der Darstellung nachvollziehen. Hierzu bewegte ich die Vergrößerung an beiden Geräten an ihre obere und untere Grenze. Wie man es von der hochauflösenden Technik erwartet, sind die Kanten der Buchstaben und abgebildeten Linien glatt und gestochen scharf. Bei dem Gerät, das mit der herkömmlichen Auflösung arbeitet, sieht man bei genauerer Betrachtung hingegen Ecken und Fransen, ein Effekt, der sich wiederum mit einem kleineren Bildschirm (bis 21“) sofort erledigen dürfte.
Äußerst überzeugend ist das hochauflösende System mit dem kleinsten Vergrößerungsfaktor. Eine A4-Seite passt so ohne weiteres auf den 16:10-Bildschirm und ist, bei entsprechendem Sehrest, in hervorragender Qualität lesbar.
Besonders überzeugend ist auch die Farbechtheit, die das Koba Vision Quartz HD liefert. Besonders hervorzuheben ist, dass sich Helligkeit und Kontrast getrennt steuern lassen. Viele Hersteller verzichten inzwischen auf diesen Luxus, der keiner ist, sondern dringend erforderlich, um kontrastarme Vorlagen optimal an die eigenen Bedürfnisse anzupassen.
Fragwürdig bleibt, welchen Nutzen die Sprachausgabe bringen soll. Das Gerät verfügt zwar über einige Bedienungselemente, die jedoch schnell erlernbar sind. Besonders ärgerlich, dass dieses Feature zur Grundausstattung gehört, man es also kaufen muss, auch wenn man die Stimme direkt nach dem Kauf zum Schweigen bringt. Angesichts eines Preises jenseits der 4000 € – Grenze wird dies mancheN zukünftigeN NutzerIn stören.
Ein weiteres Manko, das inzwischen vielen modernen Systemen egal welchen Fabrikats anhaftet: Die Vergrößerung kann nicht stufenlos geregelt werden.
Wenn der belgische Hersteller auch der Erste ist, der mit einem solchen Gerät auf den Markt drängt, kann er von der Konkurrenz ohne Probleme übertroffen werden. Dies zeigt beispielsweise ein Blick in die „Technischen Angaben“, mit denen der Hochglanzprospekt aufwartet. Eine Auflösung von 1280 x 720 Bildpunkten ist bei aller Anerkennung das geringste des Machbaren im unübersichtlichen High-Definition-Dschungel.

Ausdifferenzierung von Hoch- und Niedrigpreissegmenten

Die Freude über das technisch Machbare wird durch einen ganz anderen Umstand getrübt. Denn die Frage ist berechtigt, wer sich solche Extravaganzen zukünftig noch leisten kann? Derzeit sind die deutschen Krankenkassen dabei, den Preis für die Grundversorgung unter die 1000 € – Grenze zu drücken. Zu deutsch: Mehr bezahlen sie nicht. Machbar wurde dies durch die Öffnung osteuropäischer Märkte. Dort ist man in der Lage, Einzelstücke zu ganz anderen Preisen herzustellen. Die Versicherungsnehmerin bzw. der Versicherungsnehmer bekommt dann ein solches Hilfsmittel, bar der Möglichkeit, es vorher auszuprobieren. Die Verarbeitung ist teilweise mangelhaft bis schlampig. Hebel, die schnell abbrechen können, Kreuztische aus Kunststoff, Bildwiederholfrequenzen jenseits von Gut und Böse.

Die westeuropäischen Hersteller haben auf diesen Trend in den vergangenen Jahren spürbar reagiert. Zum einen setzen auch sie im Niedrigpreissegment auf günstige Kunststoffe, zum anderen bauen sie gezielt Funktionalitäten, wie verschiedene Falschfarben und getrennte Regelung von Kontrast und Helligkeit wieder aus. Das Ergebnis sind Bildschirmlesegeräte, die für rund 300 € mehr Funktionen hätten, auf die man durch die Simulationsbrille geschaut nicht verzichten kann. Manche Kassen lassen sich auf horrende Zuzahlungen von bis zu 1000 € und mehr ein, wobei die Nutzerin bzw. der Nutzer unterschreiben muss, dass die Kasse Eigentümerin des Gerätes bleibt. Das ist die neue (un)soziale Marktwirtschaft.
Die hochwertigen Geräte können nur noch von denen eingesetzt werden, die in der Lage und willens sind, die Zuzahlungen zu leisten. Ein weiteres Einsatzgebiet für diese Geräte ist der Arbeitsplatz. Hier übernehmen die Kostenträger auch gerne hohe Kosten, sofern dadurch die Integration der Arbeitnehmerin bzw. des Arbeitnehmers sichergestellt wird.

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SightCity 1: Ein Messerückblick

Verfasst von theiresias am 16. Mai 2008

Das mediale Lamentoso zu den regelmäßigen Technikschauen wie CeBIT (Zentrum für Büro- und Informationstechnologie) und IFA (Internationale Funkausstellung) ist gleichsam einhellig wie langweilig: Es gebe ja kaum noch etwas neues zu entdecken, keine wirklichen Innovationen. Auf der SightCity in Frankfurt bestand durchaus die Gefahr, diesem Eindruck auch zu erliegen, wenn man sich von dem üblichen Werbegehabe der Platzhirsche anziehen ließ, wenn nicht, dann gab es in der Tat sehr viel innovatives zu entdecken. Die SightCity, die seit 2003 jährlich in Frankfurt stattfindet, versteht sich als Fachmesse für Sehbehinderte. Das Gros der Austeller bilden die Hersteller und Vertriebsfirmen elektronischer Sehhilfen, Lesesysteme, Braillezeilen und Screenreader (Bildschirmleseprogramme). Vermehrt finden aber auch Optiker und Hersteller optischer Sehhilfen auf die Messe. Den ergonomischen Tisch passend zum neuen Computerarbeitsplatz kann man inzwischen auf der SightCity ebenfalls aussuchen.
Zu den diesjährigen Höhepunkten der Messe, die vom 07. bis zum 09. Mai stattfand, gehörte sicherlich ein Mobiltelefon, das Bücher oder andere beliebige Dokumente vorliest, Vergrößerung, Sprach- und Brailleausgabe für das Apple-Betriebssystem und ein Bildschirmlesegerät mit hochauflösendem Bild. Immerhin drei Innovationen. Den Rest des Beitrags lesen »

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