Während des NS-Rgimes war er einer der Kommentatoren der Nürnberger Rassengesetze. Ein paar Jahre später saß er auf einem der bedeutendsten Posten in der jungen Bundesrepublik. Hans Werner Globke war Staatssekretär im Bundeskanzleramt und die rechte Hand Kanzler Adenauers. Wie war es möglich, dass jemand, der damit unzweifelhaft der Ermordung und Deportation unzähliger Menschen den Weg bereitete, bereits wenige Jahr nach der Bankrotterklärung des menschenverachtenden Staates wieder oben auf war?
Die Autoren Jürgen Bevers und Bernhard Pfletschinger begeben sich in ihrem Feature Die Spinne im Netz auf eine biographische Spurensuche. Ihre sorgfältig audiocollagierten Recherchen beantworten jedoch mehr als die oben skizzierte Frage. Das Faszinierende ist, dass die beiden Autoren so wenig wie möglich als gegeben voraussetzen und ihr biographisches Feature am Punkt Null beginnen. Mit akribischer Genauigkeit, sprachlicher Prägnanz und punktgenauem O-Ton-Einsatz legen sie nicht nur dar, dass Globke Mitautor des Kommentars der Rassegesetze war, sondern klären auch, welche Aufgaben er in dieser Funktion genau übernahm. Dabei wird die historische Bedeutung des Kommentars nicht nur auf irgendeine Weise behauptet, sondern kontrovers vermessen.
Mit gängigen Erklärungsmustern geben sich Bevers und Pfletschinger nicht zu frieden. Weder wenn sie detailversessen den Weg Globkes ins NS-Innenministerium beschreiben, noch bei der Markierung seines Weges ins Bundeskanzleramt. So erzählen sie ganz nebenbei einen Teil der Geschichte der konservativen Parteienlandschaft vor 1933 und nach 1945.
Doch Lob gebührt nicht nur der journalistischen Recherche und der Konzeption des Featuretextes, sondern auch dessen radiophoner Umsetzung durch den Regisseur und Redakteur des Westdeutschen Rundfunk Wolfgang Bauernfeind.
Dabei beginnt das Feature kurios und nahezu verharmlosend. Während die Sprecher beschrieben, wie ein Mann ins Bundeskanzleramt einzieht, den einige seiner Zeitgenossen für einen der schlimmsten Nazis halten, erklingt dazwischen leichtfüßige Easy-Listening-Musik, der typische Klang der 1950er Jahre. Ausdruck einer politisch-öffentlichen Scheißegal-Haltung?
Der Featuretext verfolgt die These, dass Globke insbesondere durch sein Wirken im Hintergrund enorme Bedeutung zukommt. Diese These wird 1:1 akustisch umgesetzt. Ob Adenauer, zeitgenössische Radiobeiträge oder andere Teilnehmer des öffentlich-plitischen Geschehens. Ihre Stimmen treten mit seltenen Ausnahmen hörbar hinter der Person Globkes zurück und verhallen.
Dieses Feature gehört sicher zu den hervorragendsten Produktionen des Jahres 2009.
Jürgen Bevers und Bernhard Pfletschinger
Die Spinne im Netz
Adenauers Staatssekretär Hans Maria Globke
Regie: Wolfgang Bauernfeind
Produktion: Westdeutscher Rundfunk, 2009
Ausstrahlung: Montag, 24. August 2009, 20:05 Uhr, WDR 5
Danach hier für eine Woche zum Download
