Wie können Sehbehinderte oder Blinde ihre Themen in visuellen Medien, insbesondere dem Fernsehen, präsentieren, obwohl ihnen das mediale Sujet unzugänglich ist? Die Antwort scheint trivial, ist aber leider die Ausnahme: Mit einem Team, das durch die Behinderung bedingte Auffälligkeiten nicht zur Schau stellt, sondern diese mittels der Filmsprache bricht. Andererseits sind auch die Personen vor der Kamera gefordert. Sie müssen sich gemäß den ästhetischen Konventionen des Mediums Fernsehen verhalten und dabei unter Umständen Bewegung vollziehen oder Haltungen einnehmen, die für sie intuitiv nicht unbedingt nachvollziehbar sind. All dies ist den Machern des Elektrischen Reporters und den beiden Protagonisten Janine Zehe und Heiko Kunert im Beitrag über Blinde im (Social-)Web mit Bravour gelungen.
Zehe und Kunert feiern das Web als Hort der unbegrenzten Möglichkeiten und vergleichen diese mit der Zeit, in der sie ihren Alltag ohne Internet gestalten mussten. Früher konnte eine Zeitung nicht direkt gelesen werden. Früher war ein Einkaufsbummel im Alleingang nicht denkbar. Früher war die private Korrespondenz nie privat, weil immer jemand mitlesen musste, damit man selber lesen konnte. Heute löst das Nachrichtenportal im Netz die Zeitung ab. Heute ist das Internet selbst eine einzige Einkaufsstraße. Heute ist der Computer die Schreibmaschine und der Vorleser, der – bei richtiger Benutzung – nichts ausplaudert. Braillezeile und Sprachausgabe machens möglich.
Das Argumentationsschema “früher heute” greift der TV-Reporter Daniel Bröckerhoff ironisch auf. In kleinen Bildrahmen, die in das aktuelle Bild eingeblendet werden, sind Filmausschnitte zu sehen, die den gesprochenen Text des Beitrags karikieren; sämtlich auf alt getrimmt. Kurz bevor Kunert davon erzählt, dass viele Menschen seiner Meinung nach noch nicht genug über das Leben blinder Menschen wüssten und warum er dagegen anschreibe, hängt er wie ein alter Revoluzzer einen hübsch gerahmten Ausdruck seiner eigenen Internetseite an eine Hauswand.
Die Schattenseiten dieser schönen neuen Welt benennt der Beitrag schnörkellos: “schlechte Programmierung und rücksichtsloses Design”. Symbolisch läuft Kunert auf eine verschlossene Gitterpforte zu und hält danach einen Bildrahmen in der Hand, der die mediale Ausgrenzung noch einmal anders zeigt. Sie wird zum Schluss visuell ad absurdum geführt: Kunert schreibt einen Beitrag seines Blogs einmal so, dass nur er und seine Schwestern und Brüder im Visuellen ihn lesen können; auf einer Punktschrift-Schreibmaschine.
