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die dinge mit den augen des blinden sehers

Archiv für die Kategorie ‘Kritik’

Kurze Filmkritik: Blinde im Netz

Geschrieben von theiresias - 16. September 2011

Wie können Sehbehinderte oder Blinde ihre Themen in visuellen Medien, insbesondere dem Fernsehen, präsentieren, obwohl ihnen das mediale Sujet unzugänglich ist? Die Antwort scheint trivial, ist aber leider die Ausnahme: Mit einem Team, das durch die Behinderung bedingte Auffälligkeiten nicht zur Schau stellt, sondern diese mittels der Filmsprache bricht. Andererseits sind auch die Personen vor der Kamera gefordert. Sie müssen sich gemäß den ästhetischen Konventionen des Mediums Fernsehen verhalten und dabei unter Umständen Bewegung vollziehen oder Haltungen einnehmen, die für sie intuitiv nicht unbedingt nachvollziehbar sind. All dies ist den Machern des Elektrischen Reporters und den beiden Protagonisten Janine Zehe und Heiko Kunert im Beitrag über Blinde im (Social-)Web mit Bravour gelungen.

Zehe und Kunert feiern das Web als Hort der unbegrenzten Möglichkeiten und vergleichen diese mit der Zeit, in der sie ihren Alltag ohne Internet gestalten mussten. Früher konnte eine Zeitung nicht direkt gelesen werden. Früher war ein Einkaufsbummel im Alleingang nicht denkbar. Früher war die private Korrespondenz nie privat, weil immer jemand mitlesen musste, damit man selber lesen konnte. Heute löst das Nachrichtenportal im Netz die Zeitung ab. Heute ist das Internet selbst eine einzige Einkaufsstraße. Heute ist der Computer die Schreibmaschine und der Vorleser, der – bei richtiger Benutzung – nichts ausplaudert. Braillezeile und Sprachausgabe machens möglich.
Das Argumentationsschema “früher heute” greift der TV-Reporter Daniel Bröckerhoff ironisch auf. In kleinen Bildrahmen, die in das aktuelle Bild eingeblendet werden, sind Filmausschnitte zu sehen, die den gesprochenen Text des Beitrags karikieren; sämtlich auf alt getrimmt. Kurz bevor Kunert davon erzählt, dass viele Menschen seiner Meinung nach noch nicht genug über das Leben blinder Menschen wüssten und warum er dagegen anschreibe, hängt er wie ein alter Revoluzzer einen hübsch gerahmten Ausdruck seiner eigenen Internetseite an eine Hauswand. 
Die Schattenseiten dieser schönen neuen Welt benennt der Beitrag schnörkellos: “schlechte Programmierung und rücksichtsloses Design”. Symbolisch läuft Kunert auf eine verschlossene Gitterpforte zu und hält danach einen Bildrahmen in der Hand, der die mediale Ausgrenzung noch einmal anders zeigt. Sie wird zum Schluss visuell ad absurdum geführt: Kunert schreibt einen Beitrag seines Blogs einmal so, dass nur er und seine Schwestern und Brüder im Visuellen ihn lesen können; auf einer Punktschrift-Schreibmaschine.

 

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Dem Mainstream entrissen: Strauß und Lanner auf historischen Instrumenten

Geschrieben von theiresias - 17. Juni 2011

„Wir haben noch nie so ein Programm gespielt. Und sie haben noch nie so ein Programm gehört.“ Mit diesen Worten eröffnete der Dirigent Nikolaus Harnoncourt am 05. Juni im Wiener Musikverein einen Konzertabend, den Deutschlandradio Kultur am 13. Juni sendete.
War man allein über den Inhalt des Programms auf Konzert oder Radioübertragung aufmerksam geworden, klang der zweite Satz Harnoncourts kühn. Schließlich gab er mit dem Concentus Musicus ein Programm, das im weitesten Sinne aus Unterhaltungsmusik bestand und eröffnete, wie schon beim Neujahrskonzert 2001, mit der Urfassung des Radetzky-Marsch von Johann Strauß Vater. Dies war aber auch das einzige Stück aus dem Strauß-Œuvre und dessen Umfeld, das den Zuhörerinnen und Zuhörern bekannt gewesen sein dürfte. „Es sind in diesem Programm viele Stücke, die überhaupt noch nie seit damals gespielt worden sind“, so Harnoncourt. Zudem wurde diese Musik seitdem nicht mehr auf den Instrumenten gespielt, die zu ihrer Entstehungszeit gebräuchlich waren. Harnoncourt verweist in seiner Einführung auf fünf unterschiedliche Klarinetten und zehn Trompeten in unterschiedlichsten Stimmungen. Teilweise wurden die Instrumente eigens für dieses Konzert rekonstruiert.

Generelle Kritiker der historischen Aufführungspraxis werden diese Herangehensweise ablehnen. Eben um damals moderne Musik zu spielen, seien immer wieder neue Instrumente entwickelt worden. Welche Musik hätte ein Bach schreiben können, hätte er die Möglichkeiten der modernen Trompete gekannt. Führt man sich diese weit verbreitete Hypothesen-Logik vor Augen, dann muten die Bemerkungen Harnoncourts vor Konzertbeginn geradezu musikphilosophisch an. Als er über die Trompeten spricht, gerät er zunächst ins Schwärmen:

„Der Klangunterschied ist ein viel reicherer Ton, eine Tonqualität an Farben, die unglaublich schön und liebenswert ist. Aber: Schönheit muss bezahlt werden; immer mit Sicherheit. Und nachdem die heutige Zeit immer mehr auf Sicherheit geht, haben wir die Schönheit weggeschmissen. Wir [zeitgenössischen Musiker] wollen halt Sicherheitstrompeten haben und alles soll sicher sein. Aber die Schönheit ist das, worauf wir [er und Concentus Musicus] setzen.“ (Hervorhebung und Ergänzungen durch Theiresias, aufgrund der Betonungen in der freien Rede)

Die Musiker zahlen diesen Preis hörbar. Im Kettenbrücke-Walzer patzen die Trompeten und die Parallelführung von Violine und einem Holzblasinstrument (welchem auch immer) im Walzer à la Paganini scheitertet in der konkreten Ausführung an der treffenden Intonation. Was vielleicht vom Komponisten als Schwebung intendiert war, gerät größtenteils schief. Und doch ist wunderbar. War es auch nur eine kurze Passage, in der man diesen fremden Klang zu erahnen glaubte, dann war dieser Moment jede klangliche Unpässlichkeit wert.

Ein Anliegen des Dirigenten ist es, mit diesem Konzert die späte Wiener Klassik (Haydn/Mozart) mit der frühen Tanzmusik des 19. Jahrhunderts zu verbinden. Das Bindeglied bildete eine Zusammenstellung später Tanzmusik Wolfgang Amadeus Mozarts. Diese Programmierung scheint gerechtfertigt, glaubt man doch derweil man diese vergessene Musik Mozarts hört zu erahnen, inwiefern sie für Strauß Vater und Lanner als Inspirationsquelle gedient haben mag.

Bereits bei seinem Neujahrskonzert im Jahr 2001 räumte Harnoncourt mit einem eigenen Block dem Strauß-Vater-Zeitgenossen Joseph Lanner breiteren Raum ein als dies andere Dirigenten zuvor taten. Warum Lanner im Gegensatz zu den Straußen nicht berühmt wurde klärt vielleicht eine von Otto Brusatti mit herausgegebene Biographie zu Lanner. Das Gespräch, das das Deutschlandradio anlässlich des Konzerts mit dem ehemaligen Musikredakteur des Österreichischen Rundfunks ausstrahlte klärt die Frage jedenfalls nicht. Brusatti erhebt Lanner hier zu einem der größten 100 Komponisten, die je gelebt haben und granteld gegen Gott und die Welt (insbesondere letztere). Dieses Gespräch hätte man bei gleichem Informationsgehalt auch nicht ausstrahlen können

Der Zuhörer folgte da lieber dem zweiten Teil des Konzert, in dem ausschließlich Werke Lanners erklangen. Die meisten davon gerieten mit dem Tod des Komponisten im Jahr 1843 in Vergessenheit. Harnoncourt hat also nahezu das komplette Programm in der Bibliothek des Musikvereins und der Wiener Stadtbibliothek recherchiert und für die Aufführung eingerichtet, stets in dem Bestreben sich bei der Interpretation historisch so weit als möglich der Musik zu nähern. Allerdings wird bei ihm die Methode nicht zur Manie. So sagt er direkt vor der Aufführung der Urfassung des Radetzky-Marsches:

„Es steht im Programm, dass der Radetzky-Marsch nicht eingeschlagen wird. Wir haben aber einen Einschlag gefunden im 6/8-Takt aus den 1840er Jahren und auf den können wir doch nicht verzichten.“

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Moderne Liebestragödie

Geschrieben von theiresias - 16. Dezember 2010

Nora, gerade mal 15, gutaussehend und sich dessen mehr als bewusst, und Rolf ihr Bruder, ein 18jähriger halbstarker Jugendlicher, Typ Draufgänger wie er im Buche steht. Auf dem Schulhof sieht man sie umschlungen. Geschwisterliebe? 
Eine x-beliebige Nacht: Rolf sitzt am Steuer eines dicken Benz. Nora fällt ihm um den Hals. Unfall. Rolf verliert beide Beine. Soweit die Exposition.

22 Jahre später ist Nora schwangere Ärztin mit Karriereambitionen und heiratsbereitem Lebensabschnittsgefährten; Rolf ein erfolgreicher Werbetexter, der gerade an einer Werbekampagne für einen Benz arbeitet. Allein, der Draufgänger hat Pech in der Liebe, was für ihn eine logische Konsequenz seiner äußeren Umstände bzw. seiner körperlichen Eingeschränktheit ist. Viel mehr braucht Juli Zeh nicht an literarischer Grundausstattung. Doch noch eines, einen Plot: Martha überredet Rolf, eine Kontaktanzeige aufzugeben, auf die sich nach langer Zeit via Web eine gewisse Martha Singer meldet mit der Rolf sein erstes Liebesabenteuer rein virtuell erlebet, sodass er darauf brennt, Virtualität in Realität zu überführen. Nora rät davon dringend ab.

Das alles sieht nach einem der unsäglichen zeitgenössischen E-Mail-Liebesromane, die man wohl nicht gelesen haben muss, aus, ist es aber nicht. Es geht nicht nur um die Möglichkeiten von Beziehungen und Erotik zwischen Schwerstbehinderten und Normalos, nicht nur um das Selbstmitleid eines ehemaligen Draufgängers, nicht nur um reales Verlangen aufgrund virtueller Flirts. Das sind alles Themen die mitschwingen und die die eigentliche Thematik des Stücks, von der wohl nur der aufgeweckte Hörer innerhalb der ersten 30 bis 60 Minuten etwas ahnt, vorantreibt. Und doch ist das, was hier als Beiwerk klassifiziert wird, schon hervorragend gearbeitet. Mag die inhaltliche Einführung öde klingen, das Stück ist es nicht. Zunächst einmal klingt das Stück wie eine gut gemachte Soap. Wenn dann Martha Singer und Rolf zu flirten beginnen und Rolf sich in Folge dessen schwer verliebt geht es richtig rund. Da wird gereimt und geschleimt was das Zeug hält, aber stets so, dass das Hören eine wahre Lust ist. Der Autorin ist hier jede literarische Form, jeder sprachlicher Kniff recht und sie wirft damit derart um sich, dass man ihr nichts übel nimmt.

Und doch ist zumindest was Anfang und Ende der eigentlichen Geschichte, nicht deren chronologischer Präsentation im Hörstück, angeht, Blue Mountain eine moderne Tragödie klassischer Bauform. Die Katastrophe ist vielleicht nicht tödlich, aber am Ende sind effektiv eine Familie und eine werdende Familie irreparabel zerstört. Diese Zerstörung ist, behaupte ich, bereits in Noras und Rolfs Jugendgeschichte, die als Rückblende innerhalb der Korrespondenz zwischen Martha und Rolf nebenbei miterzählt wird, expositorisch verankert. Alles andere sind – musikalisch gesprochen – grandios gearbeitete Variationen zum Thema, das hier nicht beim Namen genannt werden soll und das nach dem Hören doch ungehört nachklingt.

Wie bravourös das Stück gearbeitet ist, davon kann man sich vielleicht nur durch mehrmaliges Hören ein Bild machen. Gut dass diese Möglichkeit besteht. Nach der Ursendung am vergangenen Sonntag bietet der SWR das Stück noch bis kommenden Sonntag zum Download an.

Juli Zeh: Blue Mountains (Arbeitstitel: Kontaktanzeige)
Regie: Alice Elstner
Komposition: Frank Bretschneider
Produktion: SWR, 2010
Ursendung: 12. Dezember, 2010, 18:20 Uhr, SWR 2
Bis zum 19. Dezember 2010 hier als Download verfügbar

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Adventliche Flötenmusik

Geschrieben von theiresias - 3. Dezember 2010

Titelgrafik Songs of Praise

Titelgrafik Songs of Praise

Sonntag, 05. Dezember, 10 Uhr, Evangelische Kirche Hohenwettersbach

Hans-Jürgen-Hufeisen schreibt unvoreingenommen konventionslos. Vor einigen Jahren hörte ich während eines Adventskonzert seine Bearbeitung des Kirchenliedes „Tochter Zion, freue dich” für Blockflöte und Klavier. Ein sehr launiges Arrangement, das mit vorsichtigen Mitteln den bekannten vierstimmigen Cantionalsatz umspielt und ihn mit ein par rhythmischen und harmonischen Extravaganzen salzt und pfeffert. Die Kolleginnen führten das Stück seinerzeit mit Querflöte und Orgel aus. Ich war gut unterhalten und stellte mir die Hufeisen-Ausgabe („Weihnachtsalbum”) ins Regal. Natürlich nicht ohne vorher darin zu blättern. Dabei zeigt sich, dass für den Komponisten Hufeisen die Uhren etwas anders laufen. Jede noch so kleine Bearbeitung erhält einen einleitenden Begleittext und lautmalerische Untertitel. Da erfährt man, dass die Bearbeitung zu „Es kommt ein Schiff geladen” der Troubadourmusik entlehnt ist. Die Ausführung zu „O Heiland, reiß die Himmel auf” habe zu klingen wie „der Gesang eines keltischen Barden”. Das ist ambitioniert, birgt aber bei der Ausführung nicht geringe Problem (siehe unten). Die Einführungstexte zeugen vom ausgeprägten Stilbewusstsein des Komponisten. Ein Mann, der über den eigenen kompositorischen Tellerrand hinausblickt. In wenigen Zeilen umreißt er die Entstehungsgeschichte zu „Tochter Zion” und gibt damit interpretatorische Impulse.

Da die Evangelische Kirche in Hohenwettersbach nur über eine kleine Orgel verfügt, kam mir Hufeisens Flötenbearbeitung bei der Planung der diesjährigen Reihe zum Adventslied „Tochter Zion, freue dich” wieder in den Sinn. In Kombination mit einem oder mehreren Instrumenten wird der orgelbauliche Kollateralschaden der Sechziger nicht nur erträglicher, sondern höchst anmutend. Die Bearbeitungen der oben bereits erwähnten Adventslieder waren mir zudem willkommen, da auch die Kirchenmusik nicht selten dazu neigt, Weihnachten musikalisch vorwegzunehmen. Dann beging ich jedoch einen Fehler, dessen Korrektur viel Probenarbeit bedeutete und der letztendlich nur mit zwei beherzten Strichen zu beheben war. In Kenntnis der Bearbeitung zu „Tochter Zion” vertraue ich dem Komponisten und wählte zudem noch „O Heiland, reiß die Himmel auf” und „Es kommt ein Schiff geladen” aus. Das war zumindest kurzsichtig, denn:

Hans-Jürgen-Hufeisen schreibt unvoreingenommen konventionslos. In einem Interview, das zu PR-Zwecken produziert wurde, gibt er darüber Auskunft, dass für ihn u. a. Situationen und Charaktere den Ausgangspunkt seiner Kompositionen bilden. Musikerinnen und Musikern legt er nahe, sie sollten lernen, Tierstimmen zu imitieren. Er entwickle seine Musik gewissermaßen aus dem Nichts. Versandet sie dort teilweise auch?
„Oh Heiland, reiß die Himmel auf” endet in freien Flöten Figuren. Ein thematischer Bezug besteht hier auf den ersten Blick nicht. Die Begleitung ist minimal und gegen den rhythmischen Strich gebürstet. In der Tat eine hervorragende Übung, mal wieder akkurat zu zählen. Als wir diese vollbracht hatten, war uns jedoch immer noch nicht klar: Was will uns der Meister damit sagen?
Ein Ähnliches Bild bei „Es kommt ein Schiff geladen”. Flöte und Begleitinstrument laufen zum Schluss in Oktavparallelen. Eine zweite Stimme gibt auf harmonisch korrespondierenden Intervallen im Bass einen Rhythmus hinzu. Das hat mit dem Rest des Stücks, der einem klaren rhythmischen und harmonischen Grundkonzept folgt, nichts mehr zu tun. Vielleicht liegt hier auch ein Nicht-Verständnis meinerseits vor. Unterstellen wir dieses einmal, dann lässt es sich aber weitreichend begründen.
U. a. mit der Weigerung des Komponisten, seiner Musik Bezeichnungen zur Interpretation z. B. in Form von Artikulationszeichen mitzugeben. Denn wie um alles in der Welt klingt nun der „Gesang eines keltischen Barden”? Für den musikalischen Globetrotter Hufeisen vielleicht eine klare Angelegenheit. Allerdings übergibt er seine Werke mit deren Edition anderen Musikern. Da ist es gelinde gesagt unvorsichtig, diese mit ihren bestenfalls stereotypen Vorstellungen allein zu lassen. Räumen wir ein, dass sich manche Eigenheiten dieser Musik nicht übersetzen ließen, so böten die Notationskonventionen doch noch genügend Möglichkeiten, den Rest aufzuschreiben. Die Klangwelt des Barden oder der Troubadour ist eine musikalische Alterität. Diese kann durch die Aufführung eines musikalischen Werks vermittelt werden. Die erste Aufgabe kommt dabei dem Komponisten zu, der die Eigenheiten dieser fremden Klangwelt in ein konkretes musikalisches Werk übersetzen muss.

Nach diesem kurzen Diskurs zurück zur Praxis. Mut zur Kürze: Uns rettet der gute alte Strich.

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Die Spinne im Netz

Geschrieben von theiresias - 24. August 2009

Während des NS-Rgimes war er einer der Kommentatoren der Nürnberger Rassengesetze. Ein paar Jahre später saß er auf einem der bedeutendsten Posten in der jungen Bundesrepublik. Hans Werner Globke war Staatssekretär im Bundeskanzleramt und die rechte Hand Kanzler Adenauers. Wie war es möglich, dass jemand, der damit unzweifelhaft der Ermordung und Deportation unzähliger Menschen den Weg bereitete, bereits wenige Jahr nach der Bankrotterklärung des menschenverachtenden Staates wieder oben auf war?
Die Autoren Jürgen Bevers und Bernhard Pfletschinger begeben sich in ihrem Feature Die Spinne im Netz auf eine biographische Spurensuche. Ihre sorgfältig audiocollagierten Recherchen beantworten jedoch mehr als die oben skizzierte Frage. Das Faszinierende ist, dass die beiden Autoren so wenig wie möglich als gegeben voraussetzen und ihr biographisches Feature am Punkt Null beginnen. Mit akribischer Genauigkeit, sprachlicher Prägnanz und punktgenauem O-Ton-Einsatz legen sie nicht nur dar, dass Globke Mitautor des Kommentars der Rassegesetze war, sondern klären auch, welche Aufgaben er in dieser Funktion genau übernahm. Dabei wird die historische Bedeutung des Kommentars nicht nur auf irgendeine Weise behauptet, sondern kontrovers vermessen.
Mit gängigen Erklärungsmustern geben sich Bevers und Pfletschinger nicht zu frieden. Weder wenn sie detailversessen den Weg Globkes ins NS-Innenministerium beschreiben, noch bei der Markierung seines Weges ins Bundeskanzleramt. So erzählen sie ganz nebenbei einen Teil der Geschichte der konservativen Parteienlandschaft vor 1933 und nach 1945.

Doch Lob gebührt nicht nur der journalistischen Recherche und der Konzeption des Featuretextes, sondern auch dessen radiophoner Umsetzung durch den Regisseur und Redakteur des Westdeutschen Rundfunk Wolfgang Bauernfeind.
Dabei beginnt das Feature kurios und nahezu verharmlosend. Während die Sprecher beschrieben, wie ein Mann ins Bundeskanzleramt einzieht, den einige seiner Zeitgenossen für einen der schlimmsten Nazis halten, erklingt dazwischen leichtfüßige Easy-Listening-Musik, der typische Klang der 1950er Jahre. Ausdruck einer politisch-öffentlichen Scheißegal-Haltung?
Der Featuretext verfolgt die These, dass Globke insbesondere durch sein Wirken im Hintergrund enorme Bedeutung zukommt. Diese These wird 1:1 akustisch umgesetzt. Ob Adenauer, zeitgenössische Radiobeiträge oder andere Teilnehmer des öffentlich-plitischen Geschehens. Ihre Stimmen treten mit seltenen Ausnahmen hörbar hinter der Person Globkes zurück und verhallen.

Dieses Feature gehört sicher zu den hervorragendsten Produktionen des Jahres 2009.

Jürgen Bevers und Bernhard Pfletschinger

Die Spinne im Netz

Adenauers Staatssekretär Hans Maria Globke

Regie: Wolfgang Bauernfeind

Produktion: Westdeutscher Rundfunk, 2009

Ausstrahlung: Montag, 24. August 2009, 20:05 Uhr, WDR 5

Danach hier für eine Woche zum Download

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Wise Guys – sinfonisch

Geschrieben von theiresias - 10. Juli 2009

Schuster bleib bei Deinen Leisten! Das hätte man den Wise Guys am Liebsten zugerufen, als man an Fronleichnam der ersten Nummer ihres Konzertes Wise Guys sinfonisch lauschte, das die fünfte Welle des Westdeutschen Rundfunks in der Sendereihe Streng öffentlich in Auszügen ausstrahlte. Diese erste Nummer ist, um es zu überspitzen, Männerchor mit Streichersoße. Allerdings greift dieser erste Eindruck zu kurz und der Schreiber täte sehr vielen, wenn auch nicht allen, Beteiligten unrecht. Übrigens können Sie, geneigteR LeserIn, sich selbst einen Eindruck verschaffen, und zwar wenn am 11. Juli 2009 um 20:05 Uhr auf WDR 4 das gesamte Konzert vom 21. März 2009 ausgestrahlt wird.

Zum Konzept des Konzerts: Einige der Wise Guys-Songs wurden für sinfonisches Orchester umarrangiert. Also überspringen wir in dieser kleinen Vorausschau einmal die Nummern, die das Vokalensemble ohne diesen Klangapparat bestritt.

Nach dem dürftigen Einstieg braucht es leider eine Weile, bis die gemeinsam vorgetragenen Stücke wirklich vom Hocker reißen (die Zeitangaben beziehen sich auf die an Fronleichnam ausgestrahlte Sendung). So liefert die Formation zunächst einmal eine Version des Alla Turcas aus Mozarts Klaviersonate in A-Dur KV 331 ab, die so stumpfsinnig und effekthascherisch ist, dass sie – zumindest im Radio – zur Peinlichkeit geriert. Hinter der Stimmakrobatik, die das Vokalensemble mit ihrer Adaption des Root Beer Rags von Billy Joel einst lieferte, bleibt dieses dahingeschmierte Arrangement bei weitem zurück.
Zum Misserfolg der Konzerteröffnung trägt aber auch die Aufnahmeleitung und die Tontechnik dieser Veranstaltung bei. Man muss mutmaßen, dass die Erwähnten vorher kaum ein Album der Gruppe gehört haben. Dann hätten sie nämlich festgestellt, dass ihre Kunst auf das Äußerste gefragt gewesen wäre.

Den Charme der Wise Guys-Alben macht meiner Meinung nach der betonte Einsatz der digitalen Klangmanipulation aus. Hier wird bei der Abmischung und beim Mastering mindestens genau so genial Musik gemacht, wie bei der Aufnahme des Rohmaterials.
Das gelingt grob auch in diesem Live-Mitschnitt, aber nur bei den Nummern ohne Orchester. Musizieren beide Klangkörper gemeinsam, muss man bestimmte Teile des Gesangs regelrecht suchen. Geschickte Finger an den Gainreglern und geringfügige Manipulationen im Frequenzbereich – insbesondere bei den tiefen Stimmen – hätten hier Wunder wirken können.

Um so mehr ist es anzuerkennen, dass alle beteiligten MusikerInnen diese widrigen äußeren Umstände musizierend überwinden und mit dem Lied König fit erstmalig überzeugen können.
Ein wahrhafter Höhepunkt des Abends ist sicherlich ein Potpurri aus angeblich 20 Hts des Vokalensembles, welches allein durch das Rundfunkorchester vorgetragen wird. Lieder ohne Worte im Schnelldurchlauf, die obwohl ihres Textes beraubt, den Kenner immer wieder schmunzeln lassen, da ihr jeweiliger Charakter durchaus erhalten bleibt. Am plakativsten offenbart sich dies in dem frechen Bläsersatz zum kabarettistischen Gassenhauer Kinder (Album Klartext). Diese Vorlage verwandeln dann beide Klangkörper gemeinsam gewissermaßen zum Finale, indem das Potpurri in den Song Jetzt ist Sommer (Album Ganz weit vorne) mündet.

Trotz einiger Startschwierigkeiten auf jeden Fall ein zu empfehlender Konzertmitschnitt.

Wise Guys – sinfonisch
Wise Guys und Rundfunkorchester des Westdeutschen Rundfunks unter Heribert Feckler
MItschnitt vom 21. März 2009
Samstag, 11. Juli 2009, 20:05 Uhr, WDR 4

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Wenn ein Titel nicht einlöst, was er verspricht

Geschrieben von theiresias - 13. November 2008

Wer auf uralte Sexpointen und schnelle Theaternummern steht, der/dem seien die Penis-Monologe empfohlen.

In der Regel tut ein Kritiker nicht schlecht daran, seine LeserInnen über den Gegenstand der Kritik kurz zu informieren. Selten fiel Theiresias das so schwer wie heute. Es geht irgendwie ums ficken, dabei sind sowohl Heteros als auch Homos von der Partie, sprich der Quotenschwule und auch eine Quotentranse. Eine Story im eigentlichen Sinne ist nur schwer zu erkennen, was ja kein zwingendes Kriterium für gutes Theater sein muss.

Der Aufhänger des Stücks und sein dramatischer Rahmen ist die folgende Situation: Eine Wissenschaftlerin tritt auf und verkündet vermittels karikierender Grafiken dem Publikum, dass sowohl die Spermienquantität als auch -qualität nachgelassen habe, dies für die Menschheit bedrohlich sei und sich folglich der Mann an sich neu definieren müsse. Die räumliche Situation im Studio des Sandkorn-Theaters verleitet dazu, die Grenzen von Akteuren und ZuschauerInnen zu überwinden und weil es ja nicht etwa reicht, dass die Wissenschaftlerin mitten unter uns steht und uns als SeminarteilnehmerInnen begrüßt, sollen wir alle dreimal Penis sagen. Eine Performance, die gleich schief geht, was vielleicht auch daran liegt, dass in den zwei Minuten vorher bereits so viele Kalauer aus den Comedyshows der letzten zehn Jahre abgerufen wurden, man folglich erst mal überlegen möchte, ob man tatsächlich an diesem Stück teilnimmt und sich nicht doch besser aufs Zuschauen beschränkt. Was nun folgt, hat den Anspruch großes modernes Broadwaytheater zu sein. Da wechselt Bühnenspiel mit Puppenspiel, Videoeinspieler mit Gesangsnummern, in sämtlichen Permutationen. Da kommen alle Pimmel sämtlicher männlicher Figuren zu Wort und haben ihr eigenes Wesen. Der Wissenschaftsmetapher folgend werden vier Herren beobachtet, die unterschiedlicher und stereotyper nicht sein könnten. Ein prolliger und derber Trucker, ein zurückgezogener Programmierer, der romantische Intellektuelle und der schwule Lehrer. Sie und ihre Geschlechtsorgane sind Teil der live ablaufenden Studie und gleichzeitig Objekt der Belehrung. Immer wenn die Pimmel zu Wort kommen sollen, ziehen sich die Schauspieler das Oberteil dergestalt über den Kopf, dass durch die dann inwendig gestreckten Arme der Eindruck eines überdimensionalen Gliedes entsteht. Die Kleidung ist dem entsprechend auf der Rückseite ausstaffiert.
Wann immer ein Wort, ein Bild oder eine Situation dazu verleitet, wird ein passendes Lied gesungen oder große Literatur zitiert. Die Musiken und Texte, auf die Autorin Nici Neiss zurückgreift, sind aber allesamt inzwischen so verbraucht, dass allein dadurch das Stück einen schrecklich altbackenen Touch bekommt. Da müssen Erich Kästners “Kerls”, die einst auf den Bäumen gehockt haben, herhalten, wenn es um männliche Imponierrituale geht, und Thomas Manns Passage vom kleinen Hanno Buddenbrook, der, derweil er minimalste Improvisation am Klavier betreibt, doch eigentlich nur onaniert, wird derart überspitzt vom quotenschwulen Lehrer vorgetragen, dass nun auch der letzte Vorstadtprovinzler verstanden haben dürfte, worum es hier geht. Natürlich muss danach noch darauf hingewiesen werden, dass Mann ja auch schwul gewesen sei.

Dieses ganze Stück ist überdreht, nie leise oder gemächlich, quasi dauererigiert. Es treibt sich dabei von einem Höhepunkt zum andern. Dramaturgisch wird hier alle zwei Minuten abgewichst.
Dabei verliert es den Fokus auf formalästhetischer wie inhaltlicher Ebene. Dass man sich, wenn man den Penis zum Protagnisten eines Schauspiels macht, mit allgemeinen sexuellen Fragen auseinandersetzt, ist ja zu erwarten. Nici Neiss verliert sich aber in der 90er-Jahre-Ratgeberrhetorik à la “Warum Männer besser Auto fahren und Frauen nicht einparken können”. Der Penis ist nur höchst selten ureigener Gegenstand des Interesses, wenn etwa die Professorin erklärt, wie das männliche Organ funktioniert, es vermittels Medikamente und anderer Stimulantien erigiert werden kann und dazu überdrehte Utensilien (Staubsauger) und lustige Bildchen hervorzaubert. Ständig wechselt das Medium. Dabei versuchen sich die Agierenden daran, die vorproduzierten Videoeinspieler in die Handlung zu integrieren. Auf der einfachsten, nämlich rhythmischen, Ebene scheitert dies bereits. In einem Video wackelt irgend ein Stereotyp äußerst rhythmisch mit dem Kopf. Dazu wird eine der unzähligen und unhörbaren Musiknummern gegeben. Vielleicht wäre es sehr lustig, wenn der Mann auf dem Video jetzt im Takt mit dem Kopf wackelt, der schwule Lehrer (gleichzeitig Pianist) tut ihm diesen Gefallen aber nicht.

Es ließe sich noch viel zusammen reihen, aber da will Theiresias der dramaturgischen Gesamtheit der Penis- Monologe nicht auf den Leim gehen.
Nur eines noch: Es gibt in diesem Stück nicht einen einzigen Monolog.

Penis-Monologe von Nici Neiss
mit Nici Neiss, Frank Landua, Gideon Rapp, Frank D. Sollmann und Markus Kapp
Regie: Matthias Hermann
am Sankorn-Theater in Karlsruhe
Weitere Aufführungen u.a. am 15.11., 03.12, 17.12 und 29.12.2008, jeweils um 20:15 Uhr

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Krank

Geschrieben von theiresias - 27. September 2008

Ersparen wir Fernsehzuschauer (und auch die lieben Zuschauerinnen) uns denn wirklich nichts? Jetzt schauen wir im WDR-Fernsehen sogar die Bastian-Sick-Show. Für alle die seine Werke nicht kennen: Bastian Sick hält uns mit seinen Büchern den sprachlichen Spiegel vor die Nase. Wann immer sich jemand sprachlich verhaut, dann ist Sick zur Stelle, schreibt es auf oder macht ein Foto von peinlichen Schildern oder Werbeslogans.
Ich finde es durchaus begrüßenswert, dass man sich um den richtigen und sinnreichen Gebrauch der Sprache mehr als bemüht. Dafür braucht es sicherlich auch jemanden wie Sick, der zweifelsohne ein Meister der Deutschen Sprache ist. Die Pflege derselben will ich ihm nicht ankreiden. Er treibt es allerdings immer bis zum Äußersten. Er sucht drei Haare in der Suppe und bastelt daraus eine Kolumne. Und natürlich gibt es diese Kolumnen dann in der Bastian Sick Show auch zu hören. Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch und liest aus seinen Büchern. Geil! In der heutigen Ausgabe regte sich der Sprachpolizist über die “Lücke” im Deutschen auf. Und weil er offensichtlich nicht genug Lücken finden konnte, erfand er einfach ein paar. Oder schreiben Sie Muttersprache wirklich getrennt?
Natürlich liest Sick nicht einfach nur aus seinen Büchern. Nein, es gibt auch Sketche rund ums Thema Sprache und ein Publikumsspiel, nach dessen Durchführung alle peinlich berührt sind. Was fehlt jetzt noch zu einer guten Show (wie undeutsch dieses Wort)? Natürlich Gesang. Das war jetzt kein Satz, aber ich wollte Sick die Möglichkeit einräumen, auch über diese aus der Hüfte geschossene Kritik, später mal zu kolumnieren (darf man so ein Wort überhaupt benutzen?). Zurück zur Musi: Die besorgte die Kölner Gesnagstruppe “Basta”. Zugegeben, wunderbare Musiker, deren Debütshow im WDR ich jedes Mal mit Freude sah. In dieser Show ließen sie auch immer ihren Gast singen. Das ging mal gut und mal schief. Also gaben sie auch eine Nummer zusammen mit ihrem Gastgeber. Sick besang den Titel seines Bestsellers Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Musik für die Tonne. (GEFAHR: Dies war wieder ein falscher Satz!) Sick war sich auch nicht zu schade für eine Patrik-Lindner-Choreographie. Seine Frisur tat ein Übriges. Alles in Allem war diese halbe Stunde vollkommen sick.

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Tsunami über Deutschland

Geschrieben von theiresias - 26. September 2008

Eine Mediensatire zum Kugeln aus dem Jahr 2007, die 2008 gehört noch viel lustiger ist.

Eine dunkle Sturmwolke nähert sich von der Ostsee der Bundesrepublik Deutschland und rast gnadenlos auf Berlin zu. Ein kleines Kuhdorf fiel ihr bereits zum Opfer, als das ARD Krisen Center in Berlin endlich mit der Berichterstattung beginnt und das laufende Hörspiel den ach so wichtigen aktuellen Ereignissen zum Opfer fällt.
Zunächst schaltet man zum Reporter vor Ort, der aber anstatt zu reportieren kuriose Meldungen, die ihm auf Zetteln zugesteckt werden, ungefiltert in den Äther plappert. Es folgen die Nachrichten. Ihr einziges Thema: Die Sturmwolke. Nach diesen fiktiven drei Minuten der Ruhe bringt das ARD Krisen Center die mediale Walze ins Rollen. Die ersten Politikerstatements, vermeintliche Experten.
Die ersten Gerüchte kommen auf. Live verkündet irgend ein verkappter Wissenschaftler, Ursache des akustischen Tsunamis seien geheime Experimente der NATO mit sogenannten Schalldruck-Bomben. Es folgen Dementis und Empörung. Der gerade aus dem Amt verschiedene Ministerpräsident Stoiber fordert den sofortigen Abbruch der Experimente. Die Bundespolitik beharrt darauf, es sei ein natürliches Phänomen, ein anderer Experte, natürlich mit Professorentitel, bestätigt diese Haltung.
Und dann zeigt der öffentlich rechtliche Journalismus mal so richtig, was er drauf hat. Als Fuchs Spürpanzer an den Ort des Geschehens geschickt werden, wittert der Comoderator direkt den Einsatz der Bundeswehr im Inneren. Aufrichtig enttäuscht berichtet daraufhin der Außenreporter, die Panzer wären, nachdem sie die Wolke dreimal umfahren hätten, wieder verladen worden. Zurück ins Studio, wo der in Fragen der Innen- und Verteidigungspolitik vertraute Redakteur darauf beharrt: “Dieser Vorfall wird ein politisches Nachspiel haben.” Aber genug des Inhalts. Nur noch kurz, was Ihnen entgangen ist, wenn Sie die Ausstrahlung gestern Abend auf 1 LIVE versäumten und die voraussichtlichen Wiederholungen auf anderen Wellen verpassen werden: Die Live-Reportage eines ORF-Reporters aus dem Inneren des Tsunamis unter Verlust seines Lebens, 235 teilweise ertaubte Bundeswehrsoldaten, den Untergang Berlins und des Rests der Welt.
Und glaubt man, die HörspielmacherInnen sind mit ihrem Repertoire am Ende, legen sie erst so richtig los. Dabei ist das mediale Instrumentarium keineswegs aus der Luft gegriffen. Es begegnet uns täglich ob im Radio oder Fernsehen. Was hier in der Fiktion praktiziert wird, ist auditiver Realismus, der in seiner konkreten Darbietung zur Karikatur wird. Autor und Regisseur Heiner Grenzland macht sich gar nicht erst die Mühe, Namen für seine Figuren zu erfinden. Die Bundeskanzlerin heißt Merkel, der Verteidigungsminister Jung usw. usf. Die Handlung, in die er die literarischen Alter-Egos der zeitgeschichtlichen Personen versetzt, ist so absurd und auf hohem Niveau bekloppt, dass er sich diesen von manchem Betroffenen sicherlich als schändlich empfundenen Fehltritt ohne Probleme erlauben kann. Die Absurdität der Handlung bewirkt ferner, dass Hörerinnen und Hörer ihr Ohrenmerk auf gängige politische und mediale Gepflogenheiten richten. Theiresias brach beispielsweise in schallendes Gelächter aus, als vom “Landeskommando der Bundeswehr” die Rede war. Auch die Multiplikation einer Einzelmeinung zu einer öffentlichkeitswirksamen These lässt sich neben ganz vielen anderen Dingen an diesem Hörspiel nachvollziehen. Prompt schwebten Theiresias die Bilder des drohenden Weltuntergangs vor Augen, der durch ein schwarzes Loch herbeigeführt werden sollte, welches wiederum durch die Inbetriebnahme des neuen Teilchenbeschleunigers am CERN verursacht würde. So verkündete es jedenfalls vor ein paar Wochen ein chaotischer Chaostheoretiker, der aber kein ausgewiesener Physiker, sondern Metaphysiker …. öhhhhh …. Chemiker der Professur nach ist. Alle fanden diese Idee des Weltuntergangs so geil, dass sie dem verwirrten alten Mann extra viel Sendezeit einräumten.

In Grenzlands Hörspiel geht die Welt übrigens tatsächlich unter und wird – quasi im Epilog – wieder besiedelt.

Unbedingte Hörempfehlung, wenn es irgendwann mal wieder gesendet wird.

Tsunami über Deutschland
Hörspiel von Heiner Grenzland
Regie: der Autor
Produktion: RBB, 2007

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Hessische Schmierenkomödie

Geschrieben von theiresias - 20. September 2008

Dem Radiotatort Krim-Krieg in Wiesbaden liegt eine schöne Idee zugrunde. Die Ausführung als Hörspiel ist mehr als enttäuschend.

Camillo Falk ist Photoreporter vom alten Schlag. Sein Berufswerkzeug: eine Leica M 3. Die Digitalfotografie lehnt er ab und seine Texte schreibt er auf einer Schreibmaschine.
Sein Sohn, Ray Falk, der sich aber lieber Raimund nennt, ist Hauptkommissar bei der Wiesbadener Mordkommission. Da ist es natürlich klar, dass beide mit dem gleichen Fall konfrontiert werden:

Sektkönig Struck wird am Rande eines Unternehmerballs in seinem Hotelzimmer ermordet. Sein Schicksal teilt die ihm beischlafende unbekannte Prostituierte, die darüber hinaus, noch übel zugerichtet wird, in der aber zum Glück noch so viel Leben steckt, dass sie sich dramaturgisch effektvoll und blutüberströmt unter das versammelte Ballpublikum mischen kann. Zu diesem gehört auch die versammelte Landespolitprominenz, inklusive des Ministerpräsidenten in spe, der natürlich Dreck am Stecken hat und was sollte dieser Dreck nun anderes sein, der Radiotatort kommt aus Hessen, als astreine illegale Parteispenden durch Struck. Mit von der Partie sind noch drei mafiöse osteuropäische Brüder, die ein Krimsektimperium ihr Eigen nennen, eine hüftabwärts querschnittsgelähmte aber tolerante Unternehmerwitwe, eine narzisstische Chefermittlerin, die durch Abwesenheit glänzt, eine raffinierte Puffmutter … Alles in Allem also die perfekte Handlung und das perfekte Personal für eine hessische Krimischmierenkomödie mit bestem Unterhaltungswert.
Nur dass ich in meiner Einleitung diese Fakten gewaltig umsortiert habe. Roland Schimmelpfennig, Autor des neunten Radiotatortes, geht die Sache weitaus gemütlicher an. Da lernen wir erst mal die Protagonisten kennen und der akustische Mief sprudelt nur so aus den Lautsprechern. Die Figur des Camillo Falk wird nämlich dermaßen auf Alt gebürstet, dass dies wirklich nicht mehr komisch ist, zumal man solch akaustische Sujets in jedem x-beliebigen Hörspiel präsentiert bekommt.
Dann passiert ein Mord, genaueres weiß man noch nicht. Die Polizei rückt aus. Und nun tritt Raimund Falk auf die Bühne. Er stellt sich vor, teilweise mit exakt den gleichen Worten, die sein Vater für die Charakterisierung des Sohnes bereits vorher nutzte. Und doch sind die beiden weit voneinander entfernt. Niki Stein (Regie) lässt konsequent Papi aus dem linken und Sohnemann aus dem rechten Lautsprecher plappern. Nach diesen rund sechs Minuten hat man auch im Halbschlaf begriffen, das ein Vatersohn-Konflikt intendiert ist. Aber dann das Unerwartete in Form eines Satzes, den man vorher schon an exponierter Stelle hörte, taucht wieder auf; nur ein Wort ist anders, wenn Raimund sagt: “Ich liebe ihn. Ich bin stolz auf meinen Vater.” Und da wissen wir es gleich zu Beginn: Wenn sich Vatter und Sprössling auch gelegentlich kabbeln, am Ende lösen sie diesen Fall gemeinsam. Doch wofür die ganze pseudotiefenpsychologische, sechsminütige Charakterstudie? Andere Autoren der Reihe haben bereits glänzend vorgemacht, wie sich solche, zugegeben interessante, Konflikte in den Fortlauf der Geschehnisse integrieren lassen.
Dramaturgisch betrachtet, geben sich die HörspielmacherInnen alle Mühe, ihr Material möglichst unspannend zu präsentieren. Zunächst einmal wird das Hörspiel doppelperspektivisch erzählt. Das heißt, sowohl Vater als auch Sohn berichten über die Geschehnisse. Der Point of view springt, was natürlich dazu dienen soll, zwei Seiten der selben Medaille zu betrachten. Es funktioniert allerdings in diesem Fall nicht. Dann kam man noch auf den nostalgischen Einfall, einen Teil des durch die Figuren Gesagten noch einmal vom Erzähler wiederholen zu lassen, was mich dem Ausschalterknopf meines Radiogeräts bedrohlich nah brachte. Aber trotz dieser ungeheuren ZuhörerInnenbeleidigung blieb ich dran und bekam wenigstens noch den in bester Schundmanier präsentierten unmotivierten Schluss mit, der hier aber nicht verraten wird. Es war auf jeden Fall nicht der Gärtner.

Weitere Sendetermine:

Samstag, 20. September
21.05 Uhr, NDR Info
23:05 Uhr, WDR 5

Sonntag, 21. September
22:00 Uhr, MDR Figaro
22:00 Uhr, HR 2

Montag, 22 September
21:00 Uhr, SR 1
22:04 Uhr, RBB Kultur

Dienstag, 23 September
20:00 Uhr, RBB radioeins

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