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die dinge mit den augen des blinden sehers

Archiv für die Kategorie ‘Kritik’

Die Spinne im Netz

Verfasst von theiresias am 24. August 2009

Während des NS-Rgimes war er einer der Kommentatoren der Nürnberger Rassengesetze. Ein paar Jahre später saß er auf einem der bedeutendsten Posten in der jungen Bundesrepublik. Hans Werner Globke war Staatssekretär im Bundeskanzleramt und die rechte Hand Kanzler Adenauers. Wie war es möglich, dass jemand, der damit unzweifelhaft der Ermordung und Deportation unzähliger Menschen den Weg bereitete, bereits wenige Jahr nach der Bankrotterklärung des menschenverachtenden Staates wieder oben auf war?
Die Autoren Jürgen Bevers und Bernhard Pfletschinger begeben sich in ihrem Feature Die Spinne im Netz auf eine biographische Spurensuche. Ihre sorgfältig audiocollagierten Recherchen beantworten jedoch mehr als die oben skizzierte Frage. Das Faszinierende ist, dass die beiden Autoren so wenig wie möglich als gegeben voraussetzen und ihr biographisches Feature am Punkt Null beginnen. Mit akribischer Genauigkeit, sprachlicher Prägnanz und punktgenauem O-Ton-Einsatz legen sie nicht nur dar, dass Globke Mitautor des Kommentars der Rassegesetze war, sondern klären auch, welche Aufgaben er in dieser Funktion genau übernahm. Dabei wird die historische Bedeutung des Kommentars nicht nur auf irgendeine Weise behauptet, sondern kontrovers vermessen.
Mit gängigen Erklärungsmustern geben sich Bevers und Pfletschinger nicht zu frieden. Weder wenn sie detailversessen den Weg Globkes ins NS-Innenministerium beschreiben, noch bei der Markierung seines Weges ins Bundeskanzleramt. So erzählen sie ganz nebenbei einen Teil der Geschichte der konservativen Parteienlandschaft vor 1933 und nach 1945.

Doch Lob gebührt nicht nur der journalistischen Recherche und der Konzeption des Featuretextes, sondern auch dessen radiophoner Umsetzung durch den Regisseur und Redakteur des Westdeutschen Rundfunk Wolfgang Bauernfeind.
Dabei beginnt das Feature kurios und nahezu verharmlosend. Während die Sprecher beschrieben, wie ein Mann ins Bundeskanzleramt einzieht, den einige seiner Zeitgenossen für einen der schlimmsten Nazis halten, erklingt dazwischen leichtfüßige Easy-Listening-Musik, der typische Klang der 1950er Jahre. Ausdruck einer politisch-öffentlichen Scheißegal-Haltung?
Der Featuretext verfolgt die These, dass Globke insbesondere durch sein Wirken im Hintergrund enorme Bedeutung zukommt. Diese These wird 1:1 akustisch umgesetzt. Ob Adenauer, zeitgenössische Radiobeiträge oder andere Teilnehmer des öffentlich-plitischen Geschehens. Ihre Stimmen treten mit seltenen Ausnahmen hörbar hinter der Person Globkes zurück und verhallen.

Dieses Feature gehört sicher zu den hervorragendsten Produktionen des Jahres 2009.

Jürgen Bevers und Bernhard Pfletschinger

Die Spinne im Netz

Adenauers Staatssekretär Hans Maria Globke

Regie: Wolfgang Bauernfeind

Produktion: Westdeutscher Rundfunk, 2009

Ausstrahlung: Montag, 24. August 2009, 20:05 Uhr, WDR 5

Danach hier für eine Woche zum Download

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Wise Guys – sinfonisch

Verfasst von theiresias am 10. Juli 2009

Schuster bleib bei Deinen Leisten! Das hätte man den Wise Guys am Liebsten zugerufen, als man an Fronleichnam der ersten Nummer ihres Konzertes Wise Guys sinfonisch lauschte, das die fünfte Welle des Westdeutschen Rundfunks in der Sendereihe Streng öffentlich in Auszügen ausstrahlte. Diese erste Nummer ist, um es zu überspitzen, Männerchor mit Streichersoße. Allerdings greift dieser erste Eindruck zu kurz und der Schreiber täte sehr vielen, wenn auch nicht allen, Beteiligten unrecht. Übrigens können Sie, geneigteR LeserIn, sich selbst einen Eindruck verschaffen, und zwar wenn am 11. Juli 2009 um 20:05 Uhr auf WDR 4 das gesamte Konzert vom 21. März 2009 ausgestrahlt wird.

Zum Konzept des Konzerts: Einige der Wise Guys-Songs wurden für sinfonisches Orchester umarrangiert. Also überspringen wir in dieser kleinen Vorausschau einmal die Nummern, die das Vokalensemble ohne diesen Klangapparat bestritt.

Nach dem dürftigen Einstieg braucht es leider eine Weile, bis die gemeinsam vorgetragenen Stücke wirklich vom Hocker reißen (die Zeitangaben beziehen sich auf die an Fronleichnam ausgestrahlte Sendung). So liefert die Formation zunächst einmal eine Version des Alla Turcas aus Mozarts Klaviersonate in A-Dur KV 331 ab, die so stumpfsinnig und effekthascherisch ist, dass sie – zumindest im Radio – zur Peinlichkeit geriert. Hinter der Stimmakrobatik, die das Vokalensemble mit ihrer Adaption des Root Beer Rags von Billy Joel einst lieferte, bleibt dieses dahingeschmierte Arrangement bei weitem zurück.
Zum Misserfolg der Konzerteröffnung trägt aber auch die Aufnahmeleitung und die Tontechnik dieser Veranstaltung bei. Man muss mutmaßen, dass die Erwähnten vorher kaum ein Album der Gruppe gehört haben. Dann hätten sie nämlich festgestellt, dass ihre Kunst auf das Äußerste gefragt gewesen wäre.

Den Charme der Wise Guys-Alben macht meiner Meinung nach der betonte Einsatz der digitalen Klangmanipulation aus. Hier wird bei der Abmischung und beim Mastering mindestens genau so genial Musik gemacht, wie bei der Aufnahme des Rohmaterials.
Das gelingt grob auch in diesem Live-Mitschnitt, aber nur bei den Nummern ohne Orchester. Musizieren beide Klangkörper gemeinsam, muss man bestimmte Teile des Gesangs regelrecht suchen. Geschickte Finger an den Gainreglern und geringfügige Manipulationen im Frequenzbereich – insbesondere bei den tiefen Stimmen – hätten hier Wunder wirken können.

Um so mehr ist es anzuerkennen, dass alle beteiligten MusikerInnen diese widrigen äußeren Umstände musizierend überwinden und mit dem Lied König fit erstmalig überzeugen können.
Ein wahrhafter Höhepunkt des Abends ist sicherlich ein Potpurri aus angeblich 20 Hts des Vokalensembles, welches allein durch das Rundfunkorchester vorgetragen wird. Lieder ohne Worte im Schnelldurchlauf, die obwohl ihres Textes beraubt, den Kenner immer wieder schmunzeln lassen, da ihr jeweiliger Charakter durchaus erhalten bleibt. Am plakativsten offenbart sich dies in dem frechen Bläsersatz zum kabarettistischen Gassenhauer Kinder (Album Klartext). Diese Vorlage verwandeln dann beide Klangkörper gemeinsam gewissermaßen zum Finale, indem das Potpurri in den Song Jetzt ist Sommer (Album Ganz weit vorne) mündet.

Trotz einiger Startschwierigkeiten auf jeden Fall ein zu empfehlender Konzertmitschnitt.

Wise Guys – sinfonisch
Wise Guys und Rundfunkorchester des Westdeutschen Rundfunks unter Heribert Feckler
MItschnitt vom 21. März 2009
Samstag, 11. Juli 2009, 20:05 Uhr, WDR 4

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Wenn ein Titel nicht einlöst, was er verspricht

Verfasst von theiresias am 13. November 2008

Wer auf uralte Sexpointen und schnelle Theaternummern steht, der/dem seien die Penis-Monologe empfohlen.

In der Regel tut ein Kritiker nicht schlecht daran, seine LeserInnen über den Gegenstand der Kritik kurz zu informieren. Selten fiel Theiresias das so schwer wie heute. Es geht irgendwie ums ficken, dabei sind sowohl Heteros als auch Homos von der Partie, sprich der Quotenschwule und auch eine Quotentranse. Eine Story im eigentlichen Sinne ist nur schwer zu erkennen, was ja kein zwingendes Kriterium für gutes Theater sein muss.

Der Aufhänger des Stücks und sein dramatischer Rahmen ist die folgende Situation: Eine Wissenschaftlerin tritt auf und verkündet vermittels karikierender Grafiken dem Publikum, dass sowohl die Spermienquantität als auch -qualität nachgelassen habe, dies für die Menschheit bedrohlich sei und sich folglich der Mann an sich neu definieren müsse. Die räumliche Situation im Studio des Sandkorn-Theaters verleitet dazu, die Grenzen von Akteuren und ZuschauerInnen zu überwinden und weil es ja nicht etwa reicht, dass die Wissenschaftlerin mitten unter uns steht und uns als SeminarteilnehmerInnen begrüßt, sollen wir alle dreimal Penis sagen. Eine Performance, die gleich schief geht, was vielleicht auch daran liegt, dass in den zwei Minuten vorher bereits so viele Kalauer aus den Comedyshows der letzten zehn Jahre abgerufen wurden, man folglich erst mal überlegen möchte, ob man tatsächlich an diesem Stück teilnimmt und sich nicht doch besser aufs Zuschauen beschränkt. Was nun folgt, hat den Anspruch großes modernes Broadwaytheater zu sein. Da wechselt Bühnenspiel mit Puppenspiel, Videoeinspieler mit Gesangsnummern, in sämtlichen Permutationen. Da kommen alle Pimmel sämtlicher männlicher Figuren zu Wort und haben ihr eigenes Wesen. Der Wissenschaftsmetapher folgend werden vier Herren beobachtet, die unterschiedlicher und stereotyper nicht sein könnten. Ein prolliger und derber Trucker, ein zurückgezogener Programmierer, der romantische Intellektuelle und der schwule Lehrer. Sie und ihre Geschlechtsorgane sind Teil der live ablaufenden Studie und gleichzeitig Objekt der Belehrung. Immer wenn die Pimmel zu Wort kommen sollen, ziehen sich die Schauspieler das Oberteil dergestalt über den Kopf, dass durch die dann inwendig gestreckten Arme der Eindruck eines überdimensionalen Gliedes entsteht. Die Kleidung ist dem entsprechend auf der Rückseite ausstaffiert.
Wann immer ein Wort, ein Bild oder eine Situation dazu verleitet, wird ein passendes Lied gesungen oder große Literatur zitiert. Die Musiken und Texte, auf die Autorin Nici Neiss zurückgreift, sind aber allesamt inzwischen so verbraucht, dass allein dadurch das Stück einen schrecklich altbackenen Touch bekommt. Da müssen Erich Kästners „Kerls“, die einst auf den Bäumen gehockt haben, herhalten, wenn es um männliche Imponierrituale geht, und Thomas Manns Passage vom kleinen Hanno Buddenbrook, der, derweil er minimalste Improvisation am Klavier betreibt, doch eigentlich nur onaniert, wird derart überspitzt vom quotenschwulen Lehrer vorgetragen, dass nun auch der letzte Vorstadtprovinzler verstanden haben dürfte, worum es hier geht. Natürlich muss danach noch darauf hingewiesen werden, dass Mann ja auch schwul gewesen sei.

Dieses ganze Stück ist überdreht, nie leise oder gemächlich, quasi dauererigiert. Es treibt sich dabei von einem Höhepunkt zum andern. Dramaturgisch wird hier alle zwei Minuten abgewichst.
Dabei verliert es den Fokus auf formalästhetischer wie inhaltlicher Ebene. Dass man sich, wenn man den Penis zum Protagnisten eines Schauspiels macht, mit allgemeinen sexuellen Fragen auseinandersetzt, ist ja zu erwarten. Nici Neiss verliert sich aber in der 90er-Jahre-Ratgeberrhetorik à la „Warum Männer besser Auto fahren und Frauen nicht einparken können“. Der Penis ist nur höchst selten ureigener Gegenstand des Interesses, wenn etwa die Professorin erklärt, wie das männliche Organ funktioniert, es vermittels Medikamente und anderer Stimulantien erigiert werden kann und dazu überdrehte Utensilien (Staubsauger) und lustige Bildchen hervorzaubert. Ständig wechselt das Medium. Dabei versuchen sich die Agierenden daran, die vorproduzierten Videoeinspieler in die Handlung zu integrieren. Auf der einfachsten, nämlich rhythmischen, Ebene scheitert dies bereits. In einem Video wackelt irgend ein Stereotyp äußerst rhythmisch mit dem Kopf. Dazu wird eine der unzähligen und unhörbaren Musiknummern gegeben. Vielleicht wäre es sehr lustig, wenn der Mann auf dem Video jetzt im Takt mit dem Kopf wackelt, der schwule Lehrer (gleichzeitig Pianist) tut ihm diesen Gefallen aber nicht.

Es ließe sich noch viel zusammen reihen, aber da will Theiresias der dramaturgischen Gesamtheit der Penis- Monologe nicht auf den Leim gehen.
Nur eines noch: Es gibt in diesem Stück nicht einen einzigen Monolog.

Penis-Monologe von Nici Neiss
mit Nici Neiss, Frank Landua, Gideon Rapp, Frank D. Sollmann und Markus Kapp
Regie: Matthias Hermann
am Sankorn-Theater in Karlsruhe
Weitere Aufführungen u.a. am 15.11., 03.12, 17.12 und 29.12.2008, jeweils um 20:15 Uhr

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Krank

Verfasst von theiresias am 27. September 2008

Ersparen wir Fernsehzuschauer (und auch die lieben Zuschauerinnen) uns denn wirklich nichts? Jetzt schauen wir im WDR-Fernsehen sogar die Bastian-Sick-Show. Für alle die seine Werke nicht kennen: Bastian Sick hält uns mit seinen Büchern den sprachlichen Spiegel vor die Nase. Wann immer sich jemand sprachlich verhaut, dann ist Sick zur Stelle, schreibt es auf oder macht ein Foto von peinlichen Schildern oder Werbeslogans.
Ich finde es durchaus begrüßenswert, dass man sich um den richtigen und sinnreichen Gebrauch der Sprache mehr als bemüht. Dafür braucht es sicherlich auch jemanden wie Sick, der zweifelsohne ein Meister der Deutschen Sprache ist. Die Pflege derselben will ich ihm nicht ankreiden. Er treibt es allerdings immer bis zum Äußersten. Er sucht drei Haare in der Suppe und bastelt daraus eine Kolumne. Und natürlich gibt es diese Kolumnen dann in der Bastian Sick Show auch zu hören. Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch und liest aus seinen Büchern. Geil! In der heutigen Ausgabe regte sich der Sprachpolizist über die „Lücke“ im Deutschen auf. Und weil er offensichtlich nicht genug Lücken finden konnte, erfand er einfach ein paar. Oder schreiben Sie Muttersprache wirklich getrennt?
Natürlich liest Sick nicht einfach nur aus seinen Büchern. Nein, es gibt auch Sketche rund ums Thema Sprache und ein Publikumsspiel, nach dessen Durchführung alle peinlich berührt sind. Was fehlt jetzt noch zu einer guten Show (wie undeutsch dieses Wort)? Natürlich Gesang. Das war jetzt kein Satz, aber ich wollte Sick die Möglichkeit einräumen, auch über diese aus der Hüfte geschossene Kritik, später mal zu kolumnieren (darf man so ein Wort überhaupt benutzen?). Zurück zur Musi: Die besorgte die Kölner Gesnagstruppe „Basta“. Zugegeben, wunderbare Musiker, deren Debütshow im WDR ich jedes Mal mit Freude sah. In dieser Show ließen sie auch immer ihren Gast singen. Das ging mal gut und mal schief. Also gaben sie auch eine Nummer zusammen mit ihrem Gastgeber. Sick besang den Titel seines Bestsellers Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Musik für die Tonne. (GEFAHR: Dies war wieder ein falscher Satz!) Sick war sich auch nicht zu schade für eine Patrik-Lindner-Choreographie. Seine Frisur tat ein Übriges. Alles in Allem war diese halbe Stunde vollkommen sick.

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Tsunami über Deutschland

Verfasst von theiresias am 26. September 2008

Eine Mediensatire zum Kugeln aus dem Jahr 2007, die 2008 gehört noch viel lustiger ist.

Eine dunkle Sturmwolke nähert sich von der Ostsee der Bundesrepublik Deutschland und rast gnadenlos auf Berlin zu. Ein kleines Kuhdorf fiel ihr bereits zum Opfer, als das ARD Krisen Center in Berlin endlich mit der Berichterstattung beginnt und das laufende Hörspiel den ach so wichtigen aktuellen Ereignissen zum Opfer fällt.
Zunächst schaltet man zum Reporter vor Ort, der aber anstatt zu reportieren kuriose Meldungen, die ihm auf Zetteln zugesteckt werden, ungefiltert in den Äther plappert. Es folgen die Nachrichten. Ihr einziges Thema: Die Sturmwolke. Nach diesen fiktiven drei Minuten der Ruhe bringt das ARD Krisen Center die mediale Walze ins Rollen. Die ersten Politikerstatements, vermeintliche Experten.
Die ersten Gerüchte kommen auf. Live verkündet irgend ein verkappter Wissenschaftler, Ursache des akustischen Tsunamis seien geheime Experimente der NATO mit sogenannten Schalldruck-Bomben. Es folgen Dementis und Empörung. Der gerade aus dem Amt verschiedene Ministerpräsident Stoiber fordert den sofortigen Abbruch der Experimente. Die Bundespolitik beharrt darauf, es sei ein natürliches Phänomen, ein anderer Experte, natürlich mit Professorentitel, bestätigt diese Haltung.
Und dann zeigt der öffentlich rechtliche Journalismus mal so richtig, was er drauf hat. Als Fuchs Spürpanzer an den Ort des Geschehens geschickt werden, wittert der Comoderator direkt den Einsatz der Bundeswehr im Inneren. Aufrichtig enttäuscht berichtet daraufhin der Außenreporter, die Panzer wären, nachdem sie die Wolke dreimal umfahren hätten, wieder verladen worden. Zurück ins Studio, wo der in Fragen der Innen- und Verteidigungspolitik vertraute Redakteur darauf beharrt: „Dieser Vorfall wird ein politisches Nachspiel haben.“ Aber genug des Inhalts. Nur noch kurz, was Ihnen entgangen ist, wenn Sie die Ausstrahlung gestern Abend auf 1 LIVE versäumten und die voraussichtlichen Wiederholungen auf anderen Wellen verpassen werden: Die Live-Reportage eines ORF-Reporters aus dem Inneren des Tsunamis unter Verlust seines Lebens, 235 teilweise ertaubte Bundeswehrsoldaten, den Untergang Berlins und des Rests der Welt.
Und glaubt man, die HörspielmacherInnen sind mit ihrem Repertoire am Ende, legen sie erst so richtig los. Dabei ist das mediale Instrumentarium keineswegs aus der Luft gegriffen. Es begegnet uns täglich ob im Radio oder Fernsehen. Was hier in der Fiktion praktiziert wird, ist auditiver Realismus, der in seiner konkreten Darbietung zur Karikatur wird. Autor und Regisseur Heiner Grenzland macht sich gar nicht erst die Mühe, Namen für seine Figuren zu erfinden. Die Bundeskanzlerin heißt Merkel, der Verteidigungsminister Jung usw. usf. Die Handlung, in die er die literarischen Alter-Egos der zeitgeschichtlichen Personen versetzt, ist so absurd und auf hohem Niveau bekloppt, dass er sich diesen von manchem Betroffenen sicherlich als schändlich empfundenen Fehltritt ohne Probleme erlauben kann. Die Absurdität der Handlung bewirkt ferner, dass Hörerinnen und Hörer ihr Ohrenmerk auf gängige politische und mediale Gepflogenheiten richten. Theiresias brach beispielsweise in schallendes Gelächter aus, als vom „Landeskommando der Bundeswehr“ die Rede war. Auch die Multiplikation einer Einzelmeinung zu einer öffentlichkeitswirksamen These lässt sich neben ganz vielen anderen Dingen an diesem Hörspiel nachvollziehen. Prompt schwebten Theiresias die Bilder des drohenden Weltuntergangs vor Augen, der durch ein schwarzes Loch herbeigeführt werden sollte, welches wiederum durch die Inbetriebnahme des neuen Teilchenbeschleunigers am CERN verursacht würde. So verkündete es jedenfalls vor ein paar Wochen ein chaotischer Chaostheoretiker, der aber kein ausgewiesener Physiker, sondern Metaphysiker …. öhhhhh …. Chemiker der Professur nach ist. Alle fanden diese Idee des Weltuntergangs so geil, dass sie dem verwirrten alten Mann extra viel Sendezeit einräumten.

In Grenzlands Hörspiel geht die Welt übrigens tatsächlich unter und wird – quasi im Epilog – wieder besiedelt.

Unbedingte Hörempfehlung, wenn es irgendwann mal wieder gesendet wird.

Tsunami über Deutschland
Hörspiel von Heiner Grenzland
Regie: der Autor
Produktion: RBB, 2007

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Hessische Schmierenkomödie

Verfasst von theiresias am 20. September 2008

Dem Radiotatort Krim-Krieg in Wiesbaden liegt eine schöne Idee zugrunde. Die Ausführung als Hörspiel ist mehr als enttäuschend.

Camillo Falk ist Photoreporter vom alten Schlag. Sein Berufswerkzeug: eine Leica M 3. Die Digitalfotografie lehnt er ab und seine Texte schreibt er auf einer Schreibmaschine.
Sein Sohn, Ray Falk, der sich aber lieber Raimund nennt, ist Hauptkommissar bei der Wiesbadener Mordkommission. Da ist es natürlich klar, dass beide mit dem gleichen Fall konfrontiert werden:

Sektkönig Struck wird am Rande eines Unternehmerballs in seinem Hotelzimmer ermordet. Sein Schicksal teilt die ihm beischlafende unbekannte Prostituierte, die darüber hinaus, noch übel zugerichtet wird, in der aber zum Glück noch so viel Leben steckt, dass sie sich dramaturgisch effektvoll und blutüberströmt unter das versammelte Ballpublikum mischen kann. Zu diesem gehört auch die versammelte Landespolitprominenz, inklusive des Ministerpräsidenten in spe, der natürlich Dreck am Stecken hat und was sollte dieser Dreck nun anderes sein, der Radiotatort kommt aus Hessen, als astreine illegale Parteispenden durch Struck. Mit von der Partie sind noch drei mafiöse osteuropäische Brüder, die ein Krimsektimperium ihr Eigen nennen, eine hüftabwärts querschnittsgelähmte aber tolerante Unternehmerwitwe, eine narzisstische Chefermittlerin, die durch Abwesenheit glänzt, eine raffinierte Puffmutter … Alles in Allem also die perfekte Handlung und das perfekte Personal für eine hessische Krimischmierenkomödie mit bestem Unterhaltungswert.
Nur dass ich in meiner Einleitung diese Fakten gewaltig umsortiert habe. Roland Schimmelpfennig, Autor des neunten Radiotatortes, geht die Sache weitaus gemütlicher an. Da lernen wir erst mal die Protagonisten kennen und der akustische Mief sprudelt nur so aus den Lautsprechern. Die Figur des Camillo Falk wird nämlich dermaßen auf Alt gebürstet, dass dies wirklich nicht mehr komisch ist, zumal man solch akaustische Sujets in jedem x-beliebigen Hörspiel präsentiert bekommt.
Dann passiert ein Mord, genaueres weiß man noch nicht. Die Polizei rückt aus. Und nun tritt Raimund Falk auf die Bühne. Er stellt sich vor, teilweise mit exakt den gleichen Worten, die sein Vater für die Charakterisierung des Sohnes bereits vorher nutzte. Und doch sind die beiden weit voneinander entfernt. Niki Stein (Regie) lässt konsequent Papi aus dem linken und Sohnemann aus dem rechten Lautsprecher plappern. Nach diesen rund sechs Minuten hat man auch im Halbschlaf begriffen, das ein Vatersohn-Konflikt intendiert ist. Aber dann das Unerwartete in Form eines Satzes, den man vorher schon an exponierter Stelle hörte, taucht wieder auf; nur ein Wort ist anders, wenn Raimund sagt: „Ich liebe ihn. Ich bin stolz auf meinen Vater.“ Und da wissen wir es gleich zu Beginn: Wenn sich Vatter und Sprössling auch gelegentlich kabbeln, am Ende lösen sie diesen Fall gemeinsam. Doch wofür die ganze pseudotiefenpsychologische, sechsminütige Charakterstudie? Andere Autoren der Reihe haben bereits glänzend vorgemacht, wie sich solche, zugegeben interessante, Konflikte in den Fortlauf der Geschehnisse integrieren lassen.
Dramaturgisch betrachtet, geben sich die HörspielmacherInnen alle Mühe, ihr Material möglichst unspannend zu präsentieren. Zunächst einmal wird das Hörspiel doppelperspektivisch erzählt. Das heißt, sowohl Vater als auch Sohn berichten über die Geschehnisse. Der Point of view springt, was natürlich dazu dienen soll, zwei Seiten der selben Medaille zu betrachten. Es funktioniert allerdings in diesem Fall nicht. Dann kam man noch auf den nostalgischen Einfall, einen Teil des durch die Figuren Gesagten noch einmal vom Erzähler wiederholen zu lassen, was mich dem Ausschalterknopf meines Radiogeräts bedrohlich nah brachte. Aber trotz dieser ungeheuren ZuhörerInnenbeleidigung blieb ich dran und bekam wenigstens noch den in bester Schundmanier präsentierten unmotivierten Schluss mit, der hier aber nicht verraten wird. Es war auf jeden Fall nicht der Gärtner.

Weitere Sendetermine:

Samstag, 20. September
21.05 Uhr, NDR Info
23:05 Uhr, WDR 5

Sonntag, 21. September
22:00 Uhr, MDR Figaro
22:00 Uhr, HR 2

Montag, 22 September
21:00 Uhr, SR 1
22:04 Uhr, RBB Kultur

Dienstag, 23 September
20:00 Uhr, RBB radioeins

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Lauter Verbrecher, oder doch andere Sünder?

Verfasst von theiresias am 16. September 2008

Im Hörspiel „Der Gast“ von Siggi Huch, das am vergangenen Dienstag auf der fünften Welle des Westdeutschen Rundfunks urgesendet wurde, begegnen Möchtegern-Unternehmer, altlinke Idealisten und andere Vorstadtspießer einem Einbrecher guter alter Schule. Eine leicht hörbare Posse mit zu platten Wortwitzen, die mit etwas mehr Tempo vermutlich urkomisch wäre.

Es ist Samstagmorgen und jemand klingelt an der Tür. Das gerade dem Bett entstiegene Ehepaar öffnet nicht, weil es sich vor dem etwaigen Fremden da draußen vor der Tür fürchtet. Und doch ist die Frau der Ansicht: „Ich finde es schon beschämend, dass man einem Fremden nicht einfach die Tür öffnet. [...] Menschen sind schließlich das Aufregendste, was es auf dieser Welt zu entdecken gibt.“ Also kommuniziert man mit dem Besucher, der ja lediglich eine Wegauskunft wünscht, durch die verschlossene Tür. Außerdem geben die Eheleute vor, sie führen noch am gleichen Tag in den Urlaub.

Doch irgendwie trauen sie dem Kerl da vor der Tür nicht und als sie ihn einige Stunden später im Baumarkt sehen, ist der Verdacht perfekt: Dieser Typ ist nichts anderes als ein Einbrecher. Was also tun?
Dieser miese Kerl soll in eine Falle tappen. Da man die Nachbarn sowieso für den Abend zum Grillen gebeten hatte, verlegt man dieses einfach in eine lauschige, aber nicht einsehbare, Ecke des eigenen Gartens. Das Haus liegt im Dunkeln, die Falle ist perfekt. Allein, wer nicht erscheint, ist der Einbrecher.
Also begibt sich die Dame des Hauses, unter dem Vorwand noch etwas Essbares holen zu wollen, ins Haus und da ist er doch schon. Durchs Keller Fenster eingestiegen, macht er sich gerade über den Käsevorrat her. Er überrascht und wortkarg will sofort fliehen. Sie zwingt ihn zu bleiben, nötigt ihn Champagner mit ihr zu trinken, wozu er sich nur mit der Drohung überreden lässt, ansonsten rufe sie die Polizei. Und so geraten die beiden ins Gespräch, das sehr bald kuriose Züge annimmt und eindeutig weiblich dominiert ist. Sie entwickelt Parallelen zwischen dem gemeinen Gauner und demonstrierenden Atomkraftgegnern. Er lauscht gespannt.

Im Laufe des Stücks kommen dann alle Beteiligten mit dem „Gast“ ins Gespräch, oder besser gesagt bequatschen ihn, derweil er, die Polizei fürchtend, geduldig lauscht und trinkt. Die Nachbarin will gar mit ihm durchbrennen, der gescheiterte Unternehmer berät ihn in Fragen des Aufbaus einer kriminellen, profitorientierten Organisation. Allein den Einbrecher lässt das alles kalt. Ganz oldfashioned möchte er einfach nur Geld und Schmuck rauben und sich durchs Leben schlagen.

Indem die Figuren Vergleiche zwischen ihrer Erfahrungswelt und dem Gauner anstellen, projezieren sie ihre gescheiterten Existenzen auf eben diesen. Allein er taugt nicht als Projektionsfläche. Diese dramatische Konzeption ist überzeugend und hat viel Charme. Auch die Sprecher leisten hier hervorragende Arbeit. Ihnen gelingt allen der Bogen von einer zurückhaltenden Abneigung bis hin zur begeisterten Teilhabe.
Schade nur, dass es die/den geneigteN HörerIn aus dem Sessel wirft, wenn Huchel zu platten Wortspielen aus Wörtern wie „Schlüsselerlebnis“ und „Schlüssel“ greift. „Nur nicht mal ein … ich meine ausbrechen“, heißt es an anderer Stelle. Diese Wortwahl ist zwar auf dem sprachlichen Niveau der Figuren, wirkt letztendlich aber überpointiert.
Hinzu kommt, dass das Stück zu lange im biederen Käse der Vorstadtidylle steckt, was sicherlich zu Lasten der Dramaturgie und Regie gerechnet werden muss.

Somit an dieser Stelle einmal keine absolute, sondern eine bedingte Hörempfehlung.

Das Hörspiel der Gast kann noch kurze Zeit vom Download-Portal des Westdeutschen Rundfunks kostenlos herunter geladen werden.

Der Gast
Hörspiel von Siggi Huch
Regie: Burkhard Ax
Produktion: WDR 2008

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Pseudokrimi mit bleibendem Beklommenheitsgefühl

Verfasst von theiresias am 21. Mai 2008

Der Bremer Radiotatort ist ein gewagtes Stück Hörspiel, das unter Umständen nur wenige bis zu seinem radikal modern-tragischen Ende gehört haben.

Radio Bremen mutet den Hörerinnen und Hörern des ARD-Radiotatortes einiges zu. Anders ausgedrückt: Die Rundfunkanstalt präsentiert dem Publikum einen Hörkrimi, der mit jeder voranschreitenden Minute zum Abschalten reizt. Als Hauptfiguren kreiert John von Düffel, Autor des Stücks Schrei der Gänse, eine Polizistin und einen Staatsanwalt, die beide nicht zum Helden taugen. Sie: eine eigenbrötlerische, selbstbewusste Dame mit Haren auf den Zähnen; er: ein eingebildeter Staatsanwalt, der Wert darauf legt, ungeheuer gebildet zu sein, dies sein Gegenüber spüren lässt und zudem gerne Polizist spielt.

Diese beiden stürzen sich auf einen Fall, der offiziell kein Fall sein kann, da es keine Leiche und keine Vermissten gibt. Die Einzige, die fehlt, ist eine Gans. Die Streifenpolizisten, die diese Meldung des Leiters eines Landschulheims aufnehmen, lachen den guten Mann aus und doch benachrichtigen sie Kommissarin Claudia Evernich, die vor drei Jahren in einer Sonderkommission arbeitete, welche den Missbrauch mit anschließendem Mord an einem kleinen Jungen aufklären sollte. Der Junge verschwand damals aus eben diesem Landschulheim.
Zunächst einmal wirkt alles übereifrig: Die Gänse waren als lebende Alarmanlage angeschafft worden, folglich muss das Verschwinden einer Gans laut Evernich ernst genommen werden. Dann ist da noch der kleine Alexander, der behauptet, dass ihn nachts ein Mann im Jungenschlafsaal besuche. Niemand glaubt ihm, seine Erzählungen hält man für Träume. Evernich spricht mit dem Kind und glaubt in seinem Bericht, Indizien für den „weichen“ Missbrauch durch einen mutmaßlichen männlichen Täter zu finden.
Nun mischt John von Düffel diese ersten Indizien mit anderen Indizienketten. Auch der übereifrige Staatsanwalt fördert so einiges zutage, die Ermittlungen der damaligen Sonderkommission sorgen für ein Übriges. Nicht zu vergessen der Profiler, der schon damals an dem Fall arbeitete, wird erneut zu Rate gezogen. Dem Medium entsprechend sucht man nicht mit einem Phantombild. Keines der Opfer hat den Täter gesehen, aber alle haben seine Stimme gehört. Folglich sucht man nach einer charakteristischen Stimme. Diese Stimme tritt im Hörspiel unverkennbar auf, Hörerinnen und Hörer kennen die dazugehörige Person, sie zählen eins und eins zusammen und kennen nach rund 30 Minuten damit auch den Täter. Was nun? Will man uns rund 20 Minuten lang mit dem Gezänk der beiden Hauptfiguren beschallen? Im Grunde läuft es darauf hinaus. Und es ist richtig, dies zu tun. Beiden Hauptfiguren muss zugute gehalten werden, dass ihnen das Wohl der Kinder am Herzen liegt, und sie weitere Taten verhindern wollen. Beide ziehen daraus unterschiedliche Schlüsse. Trotz des kriminologischen Finger-Juckens mahnt der Staatsanwalt zu Dienst nach Vorschrift und unterstellt der Kommissarin voreilige Verdächtigungen. Indes ist er nicht objektiv, denn derjenige, den die drahtige Polizistin verdächtigt, ist sein alter Schulfreund. Claudia Evernich hingegen gehen die zurückliegenden Fälle nicht aus dem Kopf. Es darf kein weiterer Junge verschwinden. Die Kinder des kleinen Bundeslandes Bremens müssen vor diesem Gewalttäter geschützt werden. Sie argumentiert utilitaristisch, wenn sie versucht zu rechtfertigen, den kleinen Alexander als Lockvogel einzusetzen.

Der Übereifer der beiden findet sein radikales Ende im Überfluss. Die wenigen Worte eines unbedeutenden Polizisten, die hier nicht verraten werden, jedoch die letzten Worte des Hörstücks sind, rücken alles Vorhergegangene in ein ganz anderes Licht. Der nicht existierende Fall wird nie gelöst werden und das scheint zumindest für den Augenblick auch vollkommen sekundär zu sein.

Dabei ist der Schluss keinesfalls dekonstruktivistisch. Allerdings bleibt es den Hörerinnen und Hörern überlassen, die letzten Worte mit der vorhergehenden Handlung in einen Dialog zu setzen. Dann können nämlich spannende Fragen entstehen, die sich eine Gesellschaft, die immer und immer wieder von neuen Gewalttaten und Missbrauchsfällen medial in Kenntnis gesetzt wird, dringend stellen muss.

Akustisch ist dieses Stück grundsolide, doch akkurat, gearbeitet. Der übliche Stereomix während der Dialoge, Standardfilter während der Telefonate, solider Einsatz der Atmosphärengeräusche. Die Musik, von Sabine Worthmann verantwortet, ist zwar puritanisch, Klarinetten-Ensemble und Knabenchor, jedoch fest dramaturgisch verankert. So werden diverse Kinderlieder und Kindersprüche wie Fuchs Du hast die Gans gestohlen und Wer fürchtet sich vor’m schwarzen Mann in Form Angst erregender Variationen leitmotivisch in die Handlung montiert.

Schrei der Gänse ist ein mutiger Hörspieltext mit solider und professioneller Umsetzung durch Radio Bremen. Dieser Text fordert jedoch den/die mündige HörerIn, die auch dann bereit ist weiter zu hören, wenn ein Hörspiel das Äußerste an Geduld abverlangt. Der Lohn für das Nicht-Abschalten ist ein unbefriedigender Schluss, der jedoch zwangsläufig den Hirnkasten in Bewegung setzt, was ja gelegentlich zu guten Ergebnissen geführt haben soll.

Schrei der Gänse
von John von Düffel
aus der Serie
ARD Radiotatort
Regie: Christiane Ohaus
Komposition: Sabine Worthmann
Produktion: Radio Bremen, 2008

Download bis zum 26.05.2008 unter www.radio-tatort.de

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Ausschließliche Bedienung des Mainstreams ist keine Grundversorgung!

Verfasst von theiresias am 7. April 2008

Werte WDR4-Verantwortliche,

ich wurde u. a. durch Ihr Programm musikalisch sozialisiert. Wunderlicher Weise habe ich dadurch keinen bleibenden Schaden davon getragen. Geblieben ist die Liebe zum Schlager und zum Easy Listening, das ich keinesfalls auf die leichte Schulter nehme. Daher bin ich regelmäßiger Hörer Ihrer Sendung Go Götz Go. Sehr zu loben ist die Internationalität dieser Sendung. Spielen Sie doch nicht nur den üblichen weichgespülten Mainstream, den Sie zum Großteil vor 20 Uhr von sich geben, sondern wagen diverse Blicke über den musikalischen Tellerrand. Natürlich liegt dies an der von Herrn Alsmann getroffenen Auswahl. Sehr erfreut war ich auch, als ich die Sendung nun endlich in ansprechender Klangqualität (MP3 128 kb/s 44.1 Hz Stereo) über das Internet auf meiner Stereoanlage hören konnte. Rügen muss ich folgendes:

Screanshot der WDR4-Internetseite

Ein Blick auf Ihre Internetseite, auf der Sie großspurig ankündigen, die Titel und Interpreten der gesendeten Musikstücke einsehen zu können, straft sie einer schlampigen redaktionellen Betreuung der Sendung Go Götz Go. Denn gerade die unbekannten Titel, die evtl. teilweise nicht mehr ohne weiteres im Handel zu erwerben sind, kann man bei Ihnen nicht recherchieren. Wäre es in diesem Fall, quasi jenseits des Mainstreams, nicht besonders wichtig? Zählt nicht gerade diese Sendung zur Sicherung der kulturellen Vielfalt und ist damit Grundversorgung im eigentlichen Sinne? Sollte ihr deshalb nicht die gleiche Sorgfalt, Pflege und Betreuung zugute kommen, wie Ihren anderen Sendeformaten, die qualitativ zum Großteil hinter Alsmanns Format zurückbleiben?

Äußerst verwirrt und hin- und hergetrieben zwischen Ihrer Wirklichkeit und Ihrem Anspruch Hochachtungsvoll Theiresias

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Schundhörspiel

Verfasst von theiresias am 6. April 2008

Dabei ist nicht das Hörspiel Schund, sondern der Gegenstand, den es thematisiert. Ende der 60er Jahre bis in die 80er Jahre waren Autokinos sehr beliebt. Man stellte seinen fahrbaren Untersatz vor einer Leinwand ab, bekam – bei guter technischer Ausstattung – einen kleinen Lautsprecher ins Fahrzeug gereicht und glotzte dann den Film. Oder auch nicht. Glaubt man Zeitzeugen, dann hatten die anwesenden Pärchen oft ganz andere Dinge zu tun. Wirft man einen Blick auf die Inhalte der Filme, glaubt man wiederum den Zeitzeugen. Natürlich sind wir in Zeiten des Privatfernsehens hirnfreie Ware gewohnt, die sogenannten B-Movies dürften aber so manche Doku-Soap toppen. Diesen Blick auf die Inhalte wird das Hörspiel „Walk of fame“, das den Titel eines gleichnamigen B-Movies aufgreift. Natürlich wird der Film nicht noch mal nacherzählt, nein viel besser: Wir sind als Zuhörer beim Making Of dabei. Allerdings kein Making Of im eigentlichen Sinne, denn nach diesem Hörstück dürfte sich der Film nicht mehr verkaufen.

Fakt 1: Die SchauspielerInnen sind dumm.
Fakt 2: Autor, Regisseur und Produzenten glauben sie veranstalten Kunst
Fakt 3: Eine Menge der Darstellerinnen sterben bei den Dreharbeiten, was wiederum dazu führt, dass das Drehbuch ständig umgearbeitet werden muss. Folgerichtig lautet der Hinweis darauf, das eine Szene fertig abgedreht wurde, „gestorben“.
Dem Autor Ulrich Bassenge und dem Regisseur Leonhard Koppelmann gelingt eine fulminante und rasante Mediensatire mit Zwergfellbeanspruchung. Ein Besonderes Schmankerl: Das fertige Hörspiel setzte Koppelmann auf Vorschlag Bassenges Thilo Gosejohann und Jörg Buttgereit vor die laut Aussage Koppelmanns rund zwei Stunden über alles mögliche redeten, woraus der Hörspielregisseur dann einen grandiosen Audiokommentar schnitt.

Prädikat: Besonders hörenswert. Finde nicht nur ich, sondern meinte auch das Publikum, das dem Stück während der ARD Hörspieltage den ARD Online Award verlieh.

Sendetermin: 07: April 2008, 00:05 Uhr
Sender: Deutschlandradio Kultur

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