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die dinge mit den augen des blinden sehers

Archiv für die Kategorie ‘Karlsruhe & Hinterland’

Die Ehre Gottes aus der Natur

Verfasst von theiresias am 16. September 2009

Mit diesem Titel eines Liedes nach Texten Christian Fürchtegott Gellerts von Ludwig van Beethoven ließe sich das am 20. September um 18:00 Uhr im Ökumenischen Gemeindezentrum Bergwald stattfindende Benefizkonzert wohl am trefflichsten überschreiben.

Matthias Widmaier (Tenor) und sein Bruder Martin Widmaier (Professor für Klavier) werden ein facettenreiches Programm aus geistlichen und weltlichen Liedern von Haydn, Beethoven und Schubert präsentieren. Zudem wird Martin Widmaier zwei Klavierstücke zu Gehör bringen, die – in Anlehnung an ein rennomiertes Festival – mit Fug und Recht als Raritäten der Klaviermusik bezeichnet werden dürfen. So führen Schuberts Impromptus aus dem Nachlass noch immer ein Schattendasein. Erklingen wird das zweite in Es-Dur. Mit dem zweiten Klavierstück greift Martin Widmaier das bereits vorher vorgetragene Schubertlied Du bist die Ruh erneut auf und lässt es in einer Transkription für Klavier (solo) von Franz Liszt erneut erklingen.

Benefizkonzert
zugunsten neuer Musikinstrumente für den Kindergarten Schalom, Bergwald
Sonntag, 20. September 2009, 18:00 Uhr
Im Ökumenischen Gemeindezentrum Karlsruhe-Bergwald

Matthias Widmaier, Tenor
Martin Widmaier, am neun Bechstein-Klavier des Gemeindezentrums

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Rettet die Warenhäuser

Verfasst von theiresias am 10. Juni 2009

Schließt Ebucht und Azamon die digitalen Türen und kauft lieber teuer bei Karlstadt. Denn was tun ohne Warenhäuser? Außerdem, Euer Mitleid kann sich das demnächst freigesetzte Personal an den Hut schmieren.

Eine andere Frage, werte Leserin, werter Leser: Haben Sie kürzlich einmal versucht, in irgendeiner der blühenden Innenstädte eine Dichtung für ihren Wasserhahn, ein Ausflusssieb, einen Hemdknopf oder ein Bügelbrett zu kaufen? Ist ihnen noch nie während des Frühjahrsputzes der Staubsauger verreckt oder lassen Sie den Dreck einfach liegen, bis sie das Geld an ihren Ebucht-Verkäufer überwiesen haben und dieser geruht, ihnen das superbillige Saugerschnäppchen 3 Tage später auch mal zu schicken? Brauchten Sie noch nie auf den letzten Drücker eine Badehose mit der man sich am Strand auch sehen lassen kann?
Wenn Ihnen diese oder ähnliche Szenarien unbekannt sind, dann können Sie Theiresias nicht verstehen. In Kürze werden die Hertie-Filialen dichtgemacht. Früher hieß Hertie in Minden an der Weser, hier verlebte Theiresias seine Kindheit, mal Karstadt. Die Filiale war jedoch zu klein, also wurde sie – wie viele andere – in Hertie umbenannt, um dann verramscht werden zu können, so dass man nun letztendlich den Laden einstampfen kann. Unvorstellbar, die ganze Jugend des blinden Sehers hätte ohne dieses Warenhaus nicht funktioniert
Nun will Theiresias hier in keine Kaufhausromantik verfallen. Im Gegentum. Er selbst scheut sogar oft den Gang zum Karlsruher Karlstadt, da er sich in dem verwinkelten Gebäude und den unterirdischen Katakomben regelmäßig verirrt und entweder fluchend oder nur unter dem Geleit eines freundlichen ihm bis dato völlig unbekannten Wesens das Tageslicht wieder erblickt. Trotz dieser Widrigkeiten empfindet er es als ein Stück Lebensqualität im Zentrum einer Stadt ein Warenhaus zu haben, durch das er auf dem Nachhauseweg nur mal ein wenig irren muss, um abends wieder Bügeln und am kommenden Morgen wieder anständig duschen zu können. Und deswegen gibt er hier auch gerne mal 2 Euronen mehr für eine CD, 15 Euronen mehr für einen Staubsauger und geschlagene 30 Euronen für eine Badeshorts hin.
Am Freitag wird Theiresias wieder zu Karlstadt laufen und sich neu einkleiden. Er braucht dringend eine neue Krawatte und ein neues Shirt, beides mit Pinguinmotiven bitte.

Schließt Ebucht und Azamon die digitalen Türen und kauft lieber teuer bei Karlstadt. Denn was tun ohne Warenhäuser? Außerdem, Euer Mitleid kann sich das demnächst freigesetzte Personal an den Hut schmieren.

Eine andere Frage, werte Leserin, werter Leser: Haben Sie kürzlich einmal versucht, in irgendeiner der blühenden Innenstädte eine Dichtung für ihren Wasserhahn, ein Ausflusssieb, einen Hemdknopf oder ein Bügelbrett zu kaufen? Ist ihnen noch nie während des Frühjahrsputzes der Staubsauger verreckt oder lassen Sie den Dreck einfach liegen, bis sie das Geld an ihren Ebucht-Verkäufer überwiesen haben und dieser geruht, ihnen das superbillige Saugerschnäppchen 3 Tage später auch mal zu schicken? Brauchten Sie noch nie auf den letzten Drücker eine Badehose mit der man sich am Strand auch sehen lassen kann?

Wenn Ihnen diese oder ähnliche Szenarien unbekannt sind, dann können Sie Theiresias nicht verstehen. In Kürze werden die Hertie-Filialen dichtgemacht. Früher hieß Hertie in Minden an der Weser, hier verlebte Theiresias seine Kindheit, mal Karstadt. Die Filiale war jedoch zu klein, also wurde sie – wie viele andere – in Hertie umbenannt, um dann verramscht werden zu können, so dass man nun letztendlich den Laden einstampfen kann. Unvorstellbar, die ganze Jugend des blinden Sehers hätte ohne dieses Warenhaus nicht funktioniert

Nun will Theiresias hier in keine Kaufhausromantik verfallen. Im Gegentum. Er selbst scheut sogar oft den Gang zum Karlsruher Karlstadt, da er sich in dem verwinkelten Gebäude und den unterirdischen Katakomben regelmäßig verirrt und entweder fluchend oder nur unter dem Geleit eines freundlichen ihm bis dato völlig unbekannten Wesens das Tageslicht wieder erblickt. Trotz dieser Widrigkeiten empfindet er es als ein Stück Lebensqualität im Zentrum einer Stadt ein Warenhaus zu haben, durch das er auf dem Nachhauseweg nur mal ein wenig irren muss, um abends wieder Bügeln und am kommenden Morgen wieder anständig duschen zu können. Und deswegen gibt er hier auch gerne mal 2 Euronen mehr für eine CD, 15 Euronen mehr für einen Staubsauger und geschlagene 30 Euronen für eine Badeshorts hin.

Am Freitag wird Theiresias wieder zu Karlstadt laufen und sich neu einkleiden. Er braucht dringend eine neue Krawatte und ein neues Shirt, beides mit Pinguinmotiven bitte.

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Humorgelkonzert

Verfasst von theiresias am 21. Februar 2009

Orgel der Stadtkirche Durlach mit Feuerwerk (Montage)

Es wird zu wenig gelacht, insbesondere in sakralen Räumen. Besonders schlimm scheint Theiresias dieser Umstand in Baden zu sein. Was helfen da Choräle wie „Der Gottesdienst soll fröhlich sein.“ Solch Ermahnung stört die/den gemeineN GottesdienstbesucherIn an sich überhaupt nicht, dafür ist die Angelegenheit schließlich zu ernst.

Machen Sie da mal einen Witz über Kirchenlieder („Wie lautet das Lied aller Nassrasierer?“ „Oh Haupt voll Blut und Wunden.“); Sie ernten nur finstere Blicke und Ihre Exkommunikation wird sofort in Angriff genommen.

Man kann daher grandiose innerkirchliche Humor- und Unterhaltungsinitiativen nicht oft genug rühmen und möchte sie so manchem Gesellen gerne verordnen.

Unterhaltung auf höchstem Niveau wird heute Abend erneut in der Stadtkriche Durlach geboten. „Heiter bis rauschend“ wird die Musik auf der 250 Jahre alten Stumm(/Goll)-Orgel vorgetragen. Nach einem Blick in das Programm bekommt Theiresias den Verdacht, dass Bezirkskantor Johannes Blomenkamp in diesem Jahr ein noch gewaltigeres musikalisches Feuerwerk veranstalten möchte als im letzten Jahr.

Unbedingte Hörempfehlung!

21. Februar 2009, 20:00 Uhr, Ev. Stadtkirche Durlach

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Georg Philipp Telemann: „Was ist mir doch das Rühmen nütze?“

Verfasst von theiresias am 14. Februar 2009

Sonntag, 15. Februar 2009 um 10:00 Uhr in der Evangelischen Kirche Hohenwettersbach

Georg Philipp Telemann (1681 – 1767)
Was ist mir doch das Rühmen nütze (2. Kor 12, 1-9)
Kantate zum Sonntag Sexagesimä für Singstimme, Traversflöte und Basso continuo

Songs of Praise

Kalrsruhe hört Telemann!
Logo des Badischen KonservatoriumsUnter diesem Motto erklingt neunmal in diesem Krichenjahr eine Solo-Kantate aus dem Zyklus Der Harmonische Gottesdienst von Georg Philipp Telemann; jeweils in einer anderen Gemeinde des Kirchenbezirks. Wir KirchenmusikerInnen werden dabei tatkräftig von SchülerInnen des Badischen Konservatoriums unterstützt, welche die Instrumentalstimmen übernehmen.

Wenn die Kantate in der kleinen Dorfkirche in Hohenwettersbachn erklingt, so geschieht dies ganz im Sinne der vom Komponisten ursprünglich beabsichtigten Weise. Werfen wir hierzu einen Blick auf das Titelblatt der Erstausgabe des Harmonischen Gottesdienst aus dem Jahr 1725/26.

Titelblatt des der Erstausgabe des Harmonischen Gottesdienst

Dort heißt es:

Harmonischer
Gottes-Dienst
oder
geistliche
C A N T A T E N
zum allgemeinen Gebrauche/
welche/
zu Beförderung so wol
der Privat – Haus-
als öffentlichen
Kirchen – Andacht/
auf die gewöhnlichen Sonn- und fest-täglichen
Episteln durchs ganze Jahr
gerichtet sind,
und aus einer Singe-Stimme bestehen / die entweder von
einer Violine, oder Hautbois, oder Flöte traverse, Flüte à bec,
nebst dem Generalbasse, begleitet wird;
Auf eine leichte und bequeme Ahrt also verfasset / daß nicht
allein die, so zur Aufführung der Kirchenmusic gesezet sind, und vor allem
diejenigen / so sich nur weniger Gehülfen darben zu bedienen haben / solche musisch gebrau-
chen können / sondern auch denen zur geistlichen Ergeblichkeit / die ihre Haus-Andacht musikalisch
zu halten pflegen / wie nicht weniger allen / die sich im Singen / oder im Spielen
auf gedachten Instrumenten üben / zur Erlangung
mehrerer Fähigkeiten;
In die Music gebracht, und zum Druck befördert
von
Georg Philipp Telemann

Die „einfache Ahrt“ hindert Telemann nicht, effektreiche Musik zu komponieren.  Hierzu reduziert er zunächst  das Textmaterial radikal. Nicht erst durch die Vertonung, sondern bereits durch die Texteinrichtung findet eine Interpretation der ursprünglichen Verse statt. Die Konstruktion des Textes ist derart archetypisch, dass man diese in jedem Deutschbuch im Kapitel zum Barock abdrucken könnte. Sobald die ersten beiden Zeilen verklungen sind, ist das thematische Programm nahezu in Gänze bekannt:

Was ist mir doch das Rühmen nütze?
Bloß meiner Schwachheit rühm’ ich mich.

Auch musikalisch bleibt kein Zweifel daran offen, dass in dieser Kantate gewissermaßen das Lob der Schwachheit besungen wird. Deren positive Konnotation inszeniert Telemann indem er die eigentlich in Moll gehaltene
Arie bereits nach wenigen Takten zur Dur-Parallele wendet.
Lapidar gesprochen folgt danach alles, was wir aus dem Barock kennen (und doch auch irgendwie schätzen): Im Mittelteil wird der „eitle Stolz“ verflucht. Vanitas soweit das Ohr hört. Die Flöte, die bis zu diesem Punkt mit der Singstimme unisono lief, beschießt den Stolz mit spitzen Pfeilen in Form kleiner 16tel Noten.

Nach der Eingangsarie zieht sich die Flöte zunächst komplett zurück. Im Mittelpunkt des folgenden Rezitativs und des anschließenden Ariosos steht das Bibelwort. Dessen Inhalt wird dem durch die Eingangsarie gesetzten Thema gemäß angeglichen:

Wer bist du, Mensch, und was sind deine Gaben,
die wir zudem nicht eigentümlich haben
und die der Herr uns mehr geliehen als gegeben?
Willst Du dich deren überheben?
Soll dich ein andrer Mensch mehr preisen, mehr erhöhn’?
Als man doch von dir hört und als wir an dir seh’n?
Nur Schwachheit fühlst du ja so inn- als äußerlich
und dieser rühme dich!
Wirft sich vor Gott die Demut nieder,
ach, seine Huld erhebt sie wieder.
Erhebe du nur auch dich selber nicht!
Bleib immer schwach und klein,
so wirst du stark und groß in Gottes Augen sein.
Er wird den Mangel selbst zu deinem Vorteil fügen.
Und hör’, wie weislich, liebreich, prächtig er zu dir spricht:

Das Arioso übernimmt aus dem eigentlichen Bibeltext einen Vers unverändert, da hier Gottes Wort direkt wiedergegeben wird. Offensichtlich wollte Telemann nicht des Höchsten Copyright verletzen.

„Lass dir an meiner Gnade g’nügen;
denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Dramaturgisch bildet diese Gnadenzusage den Höhepunkt der Kantate. In der letzten Nummer dem Siritoso erwächst daraus die Conclusio: „Gottes Kraft erhebt die Schwachen“. Die Flöte tritt hinzu. Diesmal nicht unisono mit der Gesangsstimme, vielmehr im Dialog mit dieser. Der Solist übernimmt das musikalische Motiv, welches von der Flöte vorgestellt wird. Immer wieder fällt der Sänger in das Spiel der Flöte ein und umgekehrt, um letztendlich in effektreichen Intervallen wieder zusammen zu finden. Das Cello vollführt derweil einen ganz eigenen Freudentanz.

Die Kantaten aus dem Harmonischen Gottesdienst ähneln sich in Form und Aufbau. Trotz ihrer minimalistischen Bauform und Ausstattung sind sie graziös gearbeitet und bringen für MusikerInnen und HörerInnen einige Leckerbissen mit sich. Telemann selbst deklarierte sie, wie oben gelesen, u. a. als Musik für den Hausgebrauch. In der Postpostmoderne erwächst daraus die Frage nach der Verfügbarkeit der Kantaten als Tonträger oder Notenmaterial. Es gibt diverse Einspielungen, die aber meistens nicht komplett sind und somit vielleicht im Telemannschen Sinne zur „Hausandacht“ nicht taugen. Meinen Geschmack treffen die meisten davon nicht. Zum Selbstmusizieren besteht hingegen reichlich Gelegenheit. Im Bärenreiter-Verlag sind diverse Ausgaben des Zyklus erschienen. Wer es gern historisch mag, dem sei unbedingt ein Blick in die digitalisierte Erstausgabe empfohlen, welche von der Dänschen National Bibliothek zur freien Verfügung bereit gestellt wird.

Für Bewohner aus Karlsruhe & Hinterland besteht natürlich noch mehrmals die Gelegenheit, eine Kantate im Gottesdienst zu hören. Alle kommenden Termine finden Sie unter www.kirchenmusik-karlsruhe.de.

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Wenn ein Titel nicht einlöst, was er verspricht

Verfasst von theiresias am 13. November 2008

Wer auf uralte Sexpointen und schnelle Theaternummern steht, der/dem seien die Penis-Monologe empfohlen.

In der Regel tut ein Kritiker nicht schlecht daran, seine LeserInnen über den Gegenstand der Kritik kurz zu informieren. Selten fiel Theiresias das so schwer wie heute. Es geht irgendwie ums ficken, dabei sind sowohl Heteros als auch Homos von der Partie, sprich der Quotenschwule und auch eine Quotentranse. Eine Story im eigentlichen Sinne ist nur schwer zu erkennen, was ja kein zwingendes Kriterium für gutes Theater sein muss.

Der Aufhänger des Stücks und sein dramatischer Rahmen ist die folgende Situation: Eine Wissenschaftlerin tritt auf und verkündet vermittels karikierender Grafiken dem Publikum, dass sowohl die Spermienquantität als auch -qualität nachgelassen habe, dies für die Menschheit bedrohlich sei und sich folglich der Mann an sich neu definieren müsse. Die räumliche Situation im Studio des Sandkorn-Theaters verleitet dazu, die Grenzen von Akteuren und ZuschauerInnen zu überwinden und weil es ja nicht etwa reicht, dass die Wissenschaftlerin mitten unter uns steht und uns als SeminarteilnehmerInnen begrüßt, sollen wir alle dreimal Penis sagen. Eine Performance, die gleich schief geht, was vielleicht auch daran liegt, dass in den zwei Minuten vorher bereits so viele Kalauer aus den Comedyshows der letzten zehn Jahre abgerufen wurden, man folglich erst mal überlegen möchte, ob man tatsächlich an diesem Stück teilnimmt und sich nicht doch besser aufs Zuschauen beschränkt. Was nun folgt, hat den Anspruch großes modernes Broadwaytheater zu sein. Da wechselt Bühnenspiel mit Puppenspiel, Videoeinspieler mit Gesangsnummern, in sämtlichen Permutationen. Da kommen alle Pimmel sämtlicher männlicher Figuren zu Wort und haben ihr eigenes Wesen. Der Wissenschaftsmetapher folgend werden vier Herren beobachtet, die unterschiedlicher und stereotyper nicht sein könnten. Ein prolliger und derber Trucker, ein zurückgezogener Programmierer, der romantische Intellektuelle und der schwule Lehrer. Sie und ihre Geschlechtsorgane sind Teil der live ablaufenden Studie und gleichzeitig Objekt der Belehrung. Immer wenn die Pimmel zu Wort kommen sollen, ziehen sich die Schauspieler das Oberteil dergestalt über den Kopf, dass durch die dann inwendig gestreckten Arme der Eindruck eines überdimensionalen Gliedes entsteht. Die Kleidung ist dem entsprechend auf der Rückseite ausstaffiert.
Wann immer ein Wort, ein Bild oder eine Situation dazu verleitet, wird ein passendes Lied gesungen oder große Literatur zitiert. Die Musiken und Texte, auf die Autorin Nici Neiss zurückgreift, sind aber allesamt inzwischen so verbraucht, dass allein dadurch das Stück einen schrecklich altbackenen Touch bekommt. Da müssen Erich Kästners „Kerls“, die einst auf den Bäumen gehockt haben, herhalten, wenn es um männliche Imponierrituale geht, und Thomas Manns Passage vom kleinen Hanno Buddenbrook, der, derweil er minimalste Improvisation am Klavier betreibt, doch eigentlich nur onaniert, wird derart überspitzt vom quotenschwulen Lehrer vorgetragen, dass nun auch der letzte Vorstadtprovinzler verstanden haben dürfte, worum es hier geht. Natürlich muss danach noch darauf hingewiesen werden, dass Mann ja auch schwul gewesen sei.

Dieses ganze Stück ist überdreht, nie leise oder gemächlich, quasi dauererigiert. Es treibt sich dabei von einem Höhepunkt zum andern. Dramaturgisch wird hier alle zwei Minuten abgewichst.
Dabei verliert es den Fokus auf formalästhetischer wie inhaltlicher Ebene. Dass man sich, wenn man den Penis zum Protagnisten eines Schauspiels macht, mit allgemeinen sexuellen Fragen auseinandersetzt, ist ja zu erwarten. Nici Neiss verliert sich aber in der 90er-Jahre-Ratgeberrhetorik à la „Warum Männer besser Auto fahren und Frauen nicht einparken können“. Der Penis ist nur höchst selten ureigener Gegenstand des Interesses, wenn etwa die Professorin erklärt, wie das männliche Organ funktioniert, es vermittels Medikamente und anderer Stimulantien erigiert werden kann und dazu überdrehte Utensilien (Staubsauger) und lustige Bildchen hervorzaubert. Ständig wechselt das Medium. Dabei versuchen sich die Agierenden daran, die vorproduzierten Videoeinspieler in die Handlung zu integrieren. Auf der einfachsten, nämlich rhythmischen, Ebene scheitert dies bereits. In einem Video wackelt irgend ein Stereotyp äußerst rhythmisch mit dem Kopf. Dazu wird eine der unzähligen und unhörbaren Musiknummern gegeben. Vielleicht wäre es sehr lustig, wenn der Mann auf dem Video jetzt im Takt mit dem Kopf wackelt, der schwule Lehrer (gleichzeitig Pianist) tut ihm diesen Gefallen aber nicht.

Es ließe sich noch viel zusammen reihen, aber da will Theiresias der dramaturgischen Gesamtheit der Penis- Monologe nicht auf den Leim gehen.
Nur eines noch: Es gibt in diesem Stück nicht einen einzigen Monolog.

Penis-Monologe von Nici Neiss
mit Nici Neiss, Frank Landua, Gideon Rapp, Frank D. Sollmann und Markus Kapp
Regie: Matthias Hermann
am Sankorn-Theater in Karlsruhe
Weitere Aufführungen u.a. am 15.11., 03.12, 17.12 und 29.12.2008, jeweils um 20:15 Uhr

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Ab in die Klangkiste – ARD Hörspieltage 2008

Verfasst von theiresias am 3. November 2008

Nur, für den Fall, dass irgendwer Theiresias ab diesen Mittwoch suchen sollte: Ich verstecke mich ab Mittwochabend wieder in dieser sympathischen Kiste.

Dabei schottet sich Theiresias vollkommen von der Außenwelt ab, was weniger eine Haltung denn ein Diktat der Architektur dieses Raumes ist. Der sogenannte Kubus des Zentrums für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (ZKM) steht nämlich keinesfalls auf solidem Karlsruher Boden, sondern schwebt darüber. Wenig physischen und damit klanglichen Kontakt zur Außenwelt soll dieser Bau haben, erfuhr ich vor ein paar Jahren während einer Führung. Egal ob vor dem ZKM die Straßenbahnen vorbeirauschen oder ein Bauunternehmer vor der Tür ein Konzert für Presslufthammer und Vierzigtonner improvisiert, wer sich im Kubus befindet, wird das nicht mitbekommen. Der Raum selbst hat eine etwas befremdliche Akustik, die bewusst – um es trivial auszudrücken – trocken bzw. direkt gehalten ist. Durch die Benutzung von Vorhängen und  ominöser, an der Decke montierter Platten kann die akustische Tragweite jedoch geringfügig beeinflusst werden.
Fassen wir zusammen: Ein akustisch abgeschotteter Raum, der dazu eine trockene bzw. direkte Klangcharakteristik aufweist; Wer hier abtaucht, muss also gewaltig einen an der Waffel haben. Weit gefehlt!
Ich schrieb bislang noch nicht über die Inneneinrichtung. Und spätestens jetzt dürften Hifi-Fans neidisch werden. Ich sage nur: Über 40 Lautsprecher und jeder davon kann einzeln angesprochen und teilweise elektronisch gesteuert in die gewünschte Position verbracht werden. Damit wird klar, warum bei der Erbauung des Raums auf kontrollierbare akustische Rahmenbedingungen geachtet wurde. Wer für den sogenannten Klangdom komponiert, bekommt u. a. die Möglichkeit, ein Tonsignal gezielt an einem ganz bestimmten Ort im Raum zu positionieren. Weiter gedacht bedeutet dies, dass die räumliche Dimension konstitutiver Bestandteil einer Komposition bzw. einer Interpretation werden kann.

Im Rahmen der ARD Hörspieltage, über die ich ja, wie mir gerade einfällt, ursprünglich schreiben wollte, gewährt das ZKM wieder Einblicke in diese faszinierende künstlerische, aber für mein Empfinden oft intuitiv nicht nachvollziehbare, Arbeit. Das Reinhören lohnt sich auf jeden Fall. Gelegenheit dazu besteht am Samstag, 08.11.2008 um 19:00 Uhr.

Doch es braucht gar nicht so viele Lautsprecher, um diesen Raum schätzen zu lernen. Das geht auch bei einem klassischen Kammerkonzert, bei dem große Räume mit charakteristischer Akustik oft hinderlich sein können. Es reichen ebenfalls lediglich zwei Lautsprecher, vor denen man in aufgestuhlten Reihen Platz nimmt und den Darbietungen der zum ARD-Hörspielpreis eingereichten Stücke lauscht. Nicht zu weit vorn nicht zu weit hinten und immer genau in der stereophonen Mitte, so lautet die Formel für das optimale Hörergebnis. Wobei ich nicht schlecht staunte als ich angesichts des Prelistening zum ARD-Radiotatort im vergangenen Jahr in einer der hinteren Ecken auf dem Fußboden platznahm. Auch hier noch ein betörendes Hörerlebnis, um das einen so manch bekennender Hifiast beneiden dürfte.

Auf die einzelnen Stücke werde ich in den kommenden Tagen an dieser Stelle noch eingehen. Es ist wieder alles dabei: Wunderbare Hörstücke, die fesseln, zum Staunen einladen oder gar Begeisterungsstürme hervorrufen, Stücke bei denen ich offen bekenne, sie nicht zu begreifen, Stücke die mir auf das Äußerste missfallen. Kurz und gut: Ein optimales Festivalprogramm! Anerkennend nehme ich auch zur Kenntnis, dass die Hörfunkanstalten die Stücke im Rahmen ihrer rechtlichen Möglichkeiten bereits vor der Veranstaltung im Netz präsentieren. Dabei sind sie dieses Jahr besonders kreativ, indem sie Inhalte, die sie zum Download und OnDemand nicht anbieten dürften, einfach in repetierende Webchannels verfrachten. Das ist zwar für die HörerInnen etwas aufwendiger, mit dem ein oder anderem Hilfsmittel jedoch unproblematisch.

Nach der Vorführung eines Hörspiels während der Hörspieltage folgt eine kurze Jurydiskussion. Hier verließen in den vergangenen Jahren oft diverse Leute den Kubus, da einige Diskussionen selbst zu einem tragisch/komischen Fünfzehnminüter gerieten. So zum Beispiel, als man im vergangenen Jahr die Hörspielbearbeitung des Bestsellers Tannöd (von Andrea-Maria Schenkel) besprach. Dabei sei jeder Jury zugestanden, dass sie eine Einreichung aburteilt und für unwürdig befindet (wie damals geschehen). Wenn man aber versucht, analytisch vorzugehen und den Hörspieltext von der Romanvorlage abzugrenzen, dann ist es für Kenner lächerlich und für die Betroffenen ärgerlich, wenn einzelne Jurymitglieder virtuos ins Klo greifen. Behauptete doch dereinst tatsächlich eine Frau Doktor, u. a. Literaturkritikerin bei einer großen Süddeutschen Zeitung ihres Zeichens, es sei unklar, wer den Roman erzähle, ja der Erzähler trete nicht auf. Die Lektüre der ersten beiden Romanseiten hätte sie eines Besseren belehren können.

Aber zum Glück bleiben derartige Juryschnitzer inzwischen nicht mehr ungesühnt, denn ebenfalls nach jedem Hörspiel gibt es eine Diskussion mit den HörspielmacherInnen (Regie, Dramaturgie, Redaktion, AutorInnen etc.) auf dem Musikbalkon direkt vor dem Kubus. Hier darf sich jede und jeder beteiligen.
Natürlich hatte im obigen Fall der Leiter der Hörspielabteilung des Norddeutschen Rundfunks, Norbert Schaeffer, eine undankbare Aufgabe. Um dem Verriss seiner Tannöd-Inszenierung zu widersprechen, musste er erst mal solides literaturwissenschaftliches Erstsemesterwissen populär aufbereiten. So konnte er einige der schlimmsten sachlichen Jurypatzer zumindest sachlich korrigieren.
Ich nehme übrigens Wetten entgegen, an welchem Stück sich die Jury dieses Jahr „vergreift“. Wobei ich noch nicht weiß, wer ihr angehört.

Kein Geheimtipp ist inzwischen auch das Rahmenprogramm der Hörspieltage. Hierbei setzt man auf die großen Publikumsmagnete. Eine Radioshow mit Jochen Busse die Freitag, 08.11.2008 auf hr 2 und SWR 2 direkt übertragen wird gehören dazu, wie auch die „Wortoper“ Rotkäppchen, die vom letztjährigen Büchnerpreisträger Martin Mosebach kreiert wurde.
Theiresias wird sich nach der Preisverleihungsgala am Samstag sicherlich noch das Motion-Trio anhören, das laut Leporello zur Veranstaltung das Akkordeonspiel neu definiere.
Wenn die Kräfte dann noch einigermaßen reichen, der Hörspieltag geht ja immerhin am Samstag um 11:00 Uhr los, entschwebt Theiresias nach diesem Konzert in die Radiotatort-Nacht. Hier gibt es zwei Prelistenings (Ausstrahlung im nächsten Jahr), die leider durch den schwachen Radiotatort des Hessischen Rundfunks aus diesem Jahr unterbrochen werden. Nun ja, der HR ist Gastgeber, was will man machen.

Vor allem nicht meckern, ist es doch durchaus nicht selbstverständlich, dass die Hörspieltage inzwischen zum dritten Mal in Folge im ZKM stattfinden. Mit Kubus und Medientheater hat das Zentrum allerdings auch einiges zu bieten.

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Vegetarische Musik zum Erntedank

Verfasst von theiresias am 27. September 2008

Momente der Musik im Gottesdienst

Sonntag, 05. Oktober 2008 um 10:00 Uhr in der Ev. Kirche Hohenwettersbach.

Flyer „Vegetarische Musik zum Erntedank“ (PDF)

Was heißt denn eigentlich vegetarische Musik? – Oder: Wie erklären sich die Titel der beiden Ragtimes?

Um es kurz zu machen: Auf diese Fragen gibt es keine Antworten, aber wunderschöne Mythen umkreisen sie. So soll an einem heißen Sommernachmittag der Musikalienhändler John Stark auf der Suche nach einer Erfrischung in den stickigen Maple Leaf Club in Sedalia eingekehrt sein. Hier servierte man ihm nicht nur ein kühles Getränk, sondern erfrischte auch sein Gemüt mit einem Stück Klaviermusik. Begeistert redete Stark auf den jungen farbigen Pianisten ein, diese Musik müsse bekannter, also gedruckt, werden.

Kleine Wörter- und Stadtkunde

  • maple (engl.) – Ahorn
  • leaf (engl.) – Blatt
  • pineapple (engl.) – Ananas
  • root beer (engl.) Wurzelbier, alkoholfreies Erfrischungsgetränk
  • Sedalia, Stadt in Missouri, USA

Doch sind die äußeren Umstände dieser Legende höchst fragwürdig. Existierte der Maple Leaf Club überhaupt schon und wenn ja, warum hatte er Nachmittags geöffnet? Gesichert ist nur, dass Stark 1998 oder 99 den Maple Leaf Rag veröffentlichte und an dessen Komponisten, Scott Joplin, 1 Cent pro Kopie und Extratantiemen für jede neue Auflage zahlte. Gesichert ist auch, dass Joplin über Jahre im Maple Leaf Club Klavier spielte. Ob der Club damit aber auch zum Namensgeber für das berühmteste Stück der amerikanischen Klavierliteratur wurde, ist zu bezweifeln.

Und weil sei so schön ist, sei in der Webedition dieses Textes noch eine zweite Legende um die Publikation des berühmten Ragtimes genannt. Diesmal begegnen sich Joplin und Stark nicht im Maple Leaf Club. Ort der Handlung ist diesmal Starks Büro. Anwesend Starks Sohn, der sich folgendermaßen zu erinnern vorgibt:

Als Scott das erste Mal den Maple Leaf für Herrn Stark spielte, schüttelte dieser den Kopf und sagte: „Zu schwierig. Keiner wird das Stück spielen können.“ Joplin antwortete: „Wenn ich jetzt sofort auf der Straße vor ihrer Haustür jemanden finde, der ihn spielen kann, würden sie ihn dann veröffentlichen?“ Das würde er, entgegnete Stark. Scott lief raus und kam mit einem kleinen Negerjungen, der vielleicht 14 Jahre alt war oder so, zurück. Der Kleine setzte sich ans Klavier und spielte den Maple Leaf, gerad vom Blatt, ohne jeden Makel. Stark haute sich auf die Schenkel und rief: „Ich werde das Stück herausbringen.“ Was er zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Der Junge konnte nicht einmal Noten lesen. Scott hatte ihn aus Kansas City mitgebracht und in Monate lang unterrichtet und in die Komplexität des Stückes eingewiesen.

(Zitiert nach Edward A. Berlin: The King of Ragtime. Scott Joplin and His Era, New York und Oxford 1994.)

Auch diese humoreske Episode hat gewaltige Schönheitsfehler. Was motivierte Joplin dazu, einen Jungen Monate Lang zu unterrichten, in von Kansas nach Sedalia zu bringen, um ihn dann ein neues Stück bei einem ihm gänzlich unbekannten Mann vorspielen zu lassen, der Musikalienhändler, aber bis dato kein Verleger war.
Abschließend wird sich die Frage, wie Komponist und Verleger zusammenkamen, wohl nicht klären lassen.

Doch zurück zum Titel. Woher kommt dieser denn nun?

Vermutlich verdanken sowohl der Club wie auch das Musikstück ihren Namen dem gleichen Umstand: In Sedalia waren zu dieser Zeit Ahornbäume allgegenwärtig. Warum nicht einen Nachtclub und eine Komposition nach ihren Blättern benennen?

Titelblatt der Erstausgabe des Pine Apple Rags

Titelblatt der Erstausgabe des Pine Apple Rags

Pine Apple Rag

Im Falle des Pine Apple Rags ist die Titelfrage nicht so kompliziert. Das Deckblatt der Erstausgabe lässt keinen Zweifel offen: Dieses Stück ist eine Hommage an die Frucht. Immer wieder neigen Komponisten dazu, ihren Werken Titel zu geben, die eine erfrischende Frucht oder gar ein Erfrischungsgetränk beinhalten. Letztes Jahr spielte ich zum Erntedank auf dem Klavier den Root Beer Rag von Billy Joel. Und auch dieses Werk weist sich explizit als Ragtime aus. Wodurch wirken Ragtimes aber so erfrischend oder aufheiternd?

„The King of Ragtime Writers“

Solche Titel werden einem Komponisten oft durch Freunde oder Verehrer(innen) gegeben. Darauf wartete Joplin nicht. Ganz bescheiden nannte er sich selbst „König der Ragtime-Komponisten“ und druckte dies auf die Titelblätter seiner Kompositionen (s.o.).

Der Ragtime

Eine Melodie „raggen“ bedeutet, ihren Rhythmus zu verändern. Aus einem Viervierteltakt wird ein Walzer oder umgekehrt. Dies ist aber nur die einfachste Variante. Viel interessanter ist es, die musikalischen Schwerpunkte zu verschieben. In jeder Taktart werden bestimmte Zählzeiten betont. So klatscht die/der Durchschnittsdeutsche zu einer Melodie im Viervierteltakt immer auf die erste und die dritte Zählzeit. Hier liegen die mitteleuropäisch traditionellen Schwerpunkte dieses Taktes. Und genau an dieser Schraube drehten die Erfinder des Ragtimes. Auf einmal kam die Betonung knapp zu spät oder sogar knapp zu früh. Um diese Abweichung von der Norm hervorzuheben, legten die Komponisten jedoch Wert darauf, dass jedem Werk ein ganz einfacher – also den Zuhörerinnen und Zuhörern bekannter – Rhythmus zugrunde liegt. Somit trat vor dem Hintergrund der alten europäischen Musiktradition der damals neue und fremde Rhythmus besonders hervor. In der Musik vereinten sich am Ende des 19. Jahrhunderts damit zwei Kulturkreise, die sich manchmal auch im heutigen Amerika noch mit Misstrauen und Abscheu beäugen. Diese Kulturleistung war zweifelsohne das Verdienst der afroamerikanischen Ragtime-Musiker. Das ist nicht ganz unbedeutend wenn man berücksichtigt, dass der Ragtime von den Amerikanern als erste eigene Musikgattung betrachtet wurde. Bis dahin erklang in der „Neuen Welt“ nur Musik aus dem „alten Europa“. Was sollte auch anderes an einem Ort erklingen an dem sich lauter europäische Auswanderer tummelten. Das Kulturell Neue entstand aus der Unterdrückung. Ohne die afrikanischen Rhythmen ist der Ragtime der ganze Jazz, Rock und Pop etc. etc. nicht denkbar.

Ragtime mit Hand und Fuß

Heute halten viele sicherlich das Klavier für „das klassische Ragtimeinstrument“. Dies liegt schlicht und ergreifend daran, dass diese Musik inzwischen fast ausschließlich auf dem Klavier gespielt wird. In den Anfangszeiten wurde sie aber vor allem durch Bands und kleinere Orchester vorgetragen, da sie vorwiegend in Tanzlokalen o. ä. erklang.
Getreu dem Motto „Meine Orgel sie ist ein Orchester“ des französischen Romantikers Charles Marie Widor (1844 – 1937) bewegen wir uns also sogar ein wenig back to the roots, wenn zum Erntedank zwei der bedeutendsten Ragtimes auf der Orgel erklingen.

Tonträgerempfehlung

Wer die beiden Ragtimes einmal im Original auf dem Klavier hören und weitere kennen lernen möchte, dem empfehle ich folgende charmante und mitreißende Interpretation:

Scott Joplin: Piano Rags
Alexander Peskanov, Klavier
erschienen bei NAXOS

Außerdem bietet die Orgel den Vortragenden einen entscheidenden Vorteil: Die Basstöne können mit den Füßen gespielt werden. Dem Pianisten ist solches Glück nicht vergönnt. Er muss die waghalsigsten Sprünge in teilweise rasanten Tempi mit der linken Hand vollführen. Nicht zu vergessen, dass die rechte Hand dabei. rhythmisch gewissermaßen gegen den Strom schwimmt. Dieses Problem bleibt dem Organisten erhalten. Daher ist es tatsächlich wichtig, dass sich meine rechte Hand nicht darum kümmert, was die linke Hand und die Füße machen.

Weitere Materialien zum Ragtime und Joplin im Netz

  • Im Connexions-Projekt, einem freien Internetportal für Lehrmaterialien finden sich zwei knappe doch prägnante Kurse zum Thema Ragtime und zur Person Joplins, deren Lektüre ich nur empfehlen kann. Leider liegen sie nur in englischer Sprache vor. Vielleicht fühlt sich ja jemand zur Übersetzung berufen.
  • Für diejenigen, die Klavier spielen und denen es jetzt in den Fingern juckt: Einige der Ragtimes Joplins, auf deren Erstausgaben inzwischen kein Copyright mehr liegt, können in hervorragender Edition aus dem Mutopia-Projekt geladen werden. Der Pine Apple Rag ist momentan leider noch nicht verfügbar.

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Supermarkt des Grauens

Verfasst von theiresias am 24. September 2008

Als ökologisch und ökonomisch und überhaupt bewusster Konsument kauft Theiresias nicht nur in einem Supermarkt, sondern nimmt bestimmte Produkte in ganz bestimmten Häusern ab. Äpfel, Kartoffeln, Zwiebeln, Eier Wein und jungen Wein kauft Theiresias derzeit beim Pfälzer seines Vertrauens Nr. 2. Der Pfälzer seines Vertrauens Nr. 1 ist Wirt und Koch der Gaststätte Giebelstuben, in der Theiresias gerne nach getaner Arbeit und einem kleinen Abendspatziergang so gegen 10 auf ein Gläschen neuen Wein oder einen Giebelsalat einkehrt.
Gestern brauchte Theiresias u. a. Cornflakes, Klopapier, Ketchup und Müllbeutel, was ihn dazu bewog, den REWE-Markt an der Neuen Messe in Rheinstetten aufzusuchen. Die Warenkette wird hier bewusst genannt und sehr bald wird sich herausstellen, dass dies keine Werbung wird.
Den Beileidsprügel teilte Theiresias wie immer in der Mitte und hängte ihn lässig über den Griff des Einkaufswagens. Alsdann schob er schwungvoll in die Konsumhalle und bog wie gewohnt rechts ab. Nach einigen Momenten begriff er, dass irgend etwas falsch war. Ihm gegenüber stand eine Schlange von Leuten und als er den Blick scharf nach rechts wandte erspähte das linke Auge das verdutzte Gesicht einer Kassiererin. Offensichtlich hatte man den kompletten Markt umorganisiert.
Theiresias zog rückwärts ab, wendete ob des großen Publikums gekonnt über Backbord und landete nun in der Gemüseabteilung. Also alles wie früher. Ein Trugschluss. Denn was hätte es auch für einen Sinn, einen Supermarkt komplett zu spiegeln, es sei denn irgendwelche hirnverbrannten Feng-Shui-BeraterInnen hätten ihre esoterischen Schmutzfinger im Spiel.
Wo steht das Toastbrot? Wieso liegt das Toilettenpapier vor dem Wein? Warum liegen die Cornflakes und Müsliprodukte in zwei Regalen, die durch einen quer verlaufenden Gang getrennt werden?
Diese Fragen kamen Theiresias nicht leicht ins Hirn. Um sie zu stellen, bedurfte es weitreichender Recherche- und Erkundungstätigkeiten. Erschwert wurde das Ganze dann immer durch dieses unangenehme Supermarkt-Werbegequatsche. Und so fragte sich Theiresias nun auch noch die ganze Zeit, ob die Dame, die da jetzt den REWE-Slogan spricht tatsächlich Kathrin Bauerfeind, Ex-Ehrensenfmoderatorin und ARD-Vertretungsmoderatorin, ist. Irgendwann ging sie mir, wie schon damals bei Ehrensenf, mit ihrem dusseligen Gequatsche auf die Nerven und ich beschloss, sie sei es, nur um ein Feindbild zu haben. Denn den Verantwortlichen für die Neuorganisation des Supermarktes hatte ich schon lauthals des Landes, nein der EU verwiesen. Dies wiederum führte dazu, dass ich mich fragte, was denn nun sei, wenn er gar nicht aus der EU wäre. Und warum überhaupt er? Traute ich Frauen ein solch geplantes Chaos nicht zu? Und ist solch eine Annahme frauenfeindlich oder freundlich. Nachdem ich das Areal ungefähr sieben mal durchkreuzt hatte, begab ich mich laut „Bloß raus hier!“ rufend zur Kasse. Nahm noch zur Kenntnis, das die Gefriertruhen jetzt kurz vor der Kasse stehen und zahlte nun noch die mühsam erworbenen Konsumgüter. Und dann auch noch das: Den Platz zum Einpacken haben sie verkleinert, um so einen dusseligen Pfandflaschenautomaten aufzustellen.
Und da kam mir eine Folge des Podcasts Stefans Welt ins Hirn gekrochen in der über einen barrierefreien REWE-Supermarkt berichtet wurde.

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Momente der Musik im Gottesdienst

Verfasst von theiresias am 16. September 2008

Unter dem Titel Songs of Praise. Momente der Musik im Gottesdienst werde ich künftig in der Ev. Kirchengemeinde Hohenwettersbach/Bergwald in unregelmäßigen Abständen „besondere Musikhäppchen“ anbieten.

Momente der Musik im gottesdienst

Was macht nun aber Musik besonders?
Dies kann sowohl ihr Bekanntheits- wie auch Unbekanntheitsgrad sein. Ferner wird Anfang Oktober Musik erklingen, die man vielleicht nicht in einem Gottesdienst erwartet. Unter dem Titel Vegetarische Musik zum Erntedank werden Ragtimes von Scott Joplin zu Gehör kommen, die auf der Orgel eigentlich überhaupt nichts zu suchen haben.
Dabei soll die Musik den üblichen liturgischen Raum einnehmen: Vorspiel und Nachspiel oder Einleitungen zu Chorälen. Nur sehr selten wird eine Ausnahme diese Regel bestätigen, wenn beispielsweise am 15. Februar 2009 Schülerinnen und Schüler des Badischen Konservatoriums die Telemann-Kantate Was ist mir doch das Rühmen nütze? musizieren werden.

Mit kleinen Faltblättern und den Ausführungen auf meiner Internetseite möchte ich gewissermaßen etwas Salz in die musikalische Suppe streuen, um so dem Gehörten die letzte Würze zu geben und den Appetit anzuregen.

Der Titel Songs of Praise (Lieder des Lobes) ist keineswegs mein Lieblingsanglizismus. Er verweist auf eine äußerst populäre Musikreihe im britischen Fernsehen. Seit den 1960er Jahren treten hier wöchentlich Leihenmusikerinnen und -musiker wie auch Profis auf, die ihre liebsten geistlichen Werke zu Gehör bringen. Wie jede erfolgreiche Fernsehserie brauchten auch die Songs of Praise eine charakteristische Titelmusik. Sie wurde vom britischen Komponisten Robert Prizeman (*1952) verfasst und wurde wiederum so berühmt, dass Prizeman ausgehend von dem Orchesterstück eine Toccata for Organ erarbeitete. Diese wird während der Gottesdienstes in Hohenwettersbach nie erklingen, da sie of der kleinen Oberlinger-Orgel nicht gespielt werden kann. Sie wäre aber eine prima Titelmusik für ein Abschlusskonzert – quasi der ersten Staffel – in einem der umliegenden Bergdörfer, in deren Kirchen gar wunderschöne moderne und historische Orgeln zu hören sind.

Die jeweils nächste Ausgabe wird spätestens eine Woche vor Beginn im Gottesdienst abgekündigt. Zu diesem Zeitpunkt liegen auch die Faltblätter aus, die nebst zusätzlichen Informationen auch über diese Seite abgerufen werden können. Die Gottesdienste in Hohenwettersbach beginnen jeweils um 10:00 Uhr. Eine abweichende Zeit wird hier ggf. bekannt gegeben.

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Wahrnehmungsprobleme?

Verfasst von theiresias am 5. April 2008

Solch ein Schild findet Theiresias angesichts der momentanen Untriebe in der Welt der Banken mutig und realitätsfern.

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