Stanislaw Lem gehört seit circa zwei Jahren zu Theiresias Lieblingsautoren. Lems Texte überzeugten den fanatischen Star Trek Fan davon, dass er bis dato eigentlich nur Science-Fiction-Schund konsumiert hatte. Theiresias hält Lems fiktionalisierte (oft parodierende) Wissenschaftsdiskurse für die klügste Belletristik der letzten Jahrzehnte. Morgen um 00.05 Uhr läuft im Deutschlandfunk die bemerkenswerte Hörspielbearbeitung von Lems Test. Zudem eine seltene Ausstrahlung einer Produktion des schweizer Radios.
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Hörspielempfehlung: Stanislaw Lem: Test
Verfasst von theiresias am 13. Februar 2009
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Hörspieltage 2008 10: Verpeilt – oder die fehlende Kritik zum Radiotatort-Prelistening
Verfasst von theiresias am 13. November 2008
Irgendwie bin ich kein Blogger. Ich bin einfach nicht direkt genug. Lasse mir manchmal Tage, sogar Wochen Zeit, bis ich einen Text publiziere, nenne es dann auch noch publizieren und führe damit die Direktheit der Blogs ad absurdum, scheitere gar an ihren medialen Möglichkeiten.
Am vergangenen Freitag gehörte ich zum verhältnismäßig kleinen Kreis derer (gut über 200 dürften es dann doch gewesen sein), die sich aufmachten, um das Prelistening des vom Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) produzierten Radiotatorts zu hören. Seit gestern wird er auch schon im Radio gesendet. Da hätte sich Theiresias nun, für seine Verhältnisse, mal ein bisschen beeilen müssen, wenn er vor der Erstausstrahlung noch hätte schreiben wollen. Hat er aber nicht. Das mag daran liegen, dass dieser Radiotatort kein schlechtes Hörspiel, aber auch keines der Spitzenklasse ist, sondern im ordentlichen Mittelfeld spielt. Da fällt es immer besonders schwer, sich zu äußern. Oft geraten solche Texte immer sehr analytisch und setzen ein Grundstudium Philologie voraus, sind also stinklangweilig. Hier wird genörgelt und da gelobt, dem Ganzen eine Intention unterstellt, die aber wahrscheinlich nur der Kritikus erkannt wissen möchte. Kurzum: sowohl für LeserInnen als auch Theiresias eine lästige Angelegenheit.
Machen wir es also diesmal anders:
Hiermit empfiehlt Theiresias Ihnen den Radiotatort des RBB mit dem Titel Abriss. Die Story ist so gut aufbereitet, dass sie hier nicht wiedergegeben werden muss. Sie können sich das Hörspiel getrost während des Abendbrots reintun und kommen trotzdem mit. Wenn Sie Poetry-Slams und Frauen jenseits der 50, die eine kostspielige Partnervermittlung aufsuchen, eher ankotzen, lassen sie das Radiogerät lieber ausgeschaltet. Dann entgeht Ihnen aber eine Geschichte nach Berliner Schnauze, die trotzdem nicht derart hip ist, dass nur BerlinliebhaberInnen sie mögen werden. Übrigens verpassen sie dann auch den Fehler, auf den Tom Peuckert, Autor des Stücks, angeblich erst während der Vorführung aufmerksam wurde. Viel Freude beim Hören wünscht Theiresias.
PS: Wer den Fehler herausfindet, den Tom Peuckert während der Vorführung in Karlsruhe entdeckte, dem spendiert Theiresias ein Getränk. Lösungen können über die Kommentarfunktion eingereicht werden.
Teilnahmebedingungen: Die/Der Teilnehmende darf nicht Tom Peuckert persönlich sein, muss nachweisen können, bei der öffentlichen Vorführung körperlich bzw. geistig nicht anwesend gewesen zu sein und der Rechtsweg ist sowieso ausgeschlossen. Das Getränk wird in einer Lokalität in Karlsruhe und Umgebung spendiert. Das Spendieren kann auch da stattfinden, wo sich Theiresias zukünftig und zufällig gerade auf Reisen aufhält. Diesbezüglich verpflichtet sich die/der Teilnehmende zur Geduld.
Die Sendetermine:
13.11.
20.04 Uhr, SR 2 Kulturradio
21.03 Uhr, SWR 2
21.30 Uhr, Bayern 2 (Live-Stream MP3 128 kb/s)
22.00 Uhr, SWR DASDING
15.11.
10.05 Uhr, WDR 5 (Live-Stream MP3 128 kb/s)
21.05 Uhr, NDR Info (Live-Stream MP3 128 kb/s)
23.05 Uhr, WDR 5 (Live-Stream MP3 128 kb/s)
16.11.
22.00 Uhr, hr2 Kultur
22.00 Uhr, MDR Figaro (Live-Stream MP3 128 kb/s)
17.11.
22.04 Uhr, SR 1
22.04 Uhr, RBB Kulturradio
18.11.
20.00 Uhr, RBB radioeins
Ab 17.11 gibt es den Radiotatort hier für eine Woche zum Download.
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Hörspieltage 2008 8: Hören Sie das Gras wachsen?!
Verfasst von theiresias am 10. November 2008
Dazu besteht in den kommenden Wochen mehrmals die Gelegenheit. Sie müssen einfach nur Ihr Radiogerät einschalten, die Antennen erden; schon kann es losgehen. Dabei ist hier alles wortwörtlich zu verstehen. In dem monumentalen Stück Gras wachsen hören. Das biolingua Institut wird 100 Jahre alt können Sie auf Grund des exzellenten Einsatzes radiophoner Verfahren und Methoden Pflanzen beim Wachsen zuhören. Und das ist noch nicht alles. Sie werden Menschen kennen lernen, die nicht nur mit ihren grünen Gefährten reden, sondern wissenschaftlich nachweisbar von diesen auch Antwort erhalten. Möglich macht es das Biolingua Institut, das im Vergangenen Jahr seinen 100. Geburtstag feierte. Mit akribischem Forscherdrang entwickelten und entwickeln WissenschaftlerInnen nicht nur akustische Messverfahren, sondern erschufen erste Strategien und Methoden zur Etablierung einer Mensch-Pflanzen-Kommunikation. Eine Fundgrube von unschätzbarem historisch-wissenschaftlichem Wert ist das Institutsarchiv, in dem alle Experimente, Ergebnisse, Verfahren, Messreihen, kurz und gut alle forschungsrelevanten Fakten Ereignisse und Äußerungen seit Anbeginn akustisch konserviert wurden und werden.
Das ist Kokolores und Fiktion! Sagen Sie. Das Liquid Penguin Ensemble, bestehend aus der Regisseurin Katharina Bihler und dem Komponisten Stefan Scheib, wird Ihnen sicherlich widersprechen. Warum soll beispielsweise eine Pflanze nicht auf dem Kopf eines Mannes wachsen können? Was sie brauche, so Katharina Bihler bei den Hörspieltagen, sei etwas, woran sie sich festklammern könne; also den Kopf. Ferner benötige das Gewächs Licht, Wärme und Wasser. Licht und Wärme wären wohl unproblematisch, Wasser bekäme es über den Regen. Das gebe es nicht, aber es wäre denkbar, erklärte die Autorin schmunzelnd. Damit schilderte sie nur eine der vielen Methoden, die bei der Komposition des Hörspiels zum Einsatz gekommen sind. Hortensia Völckers, Jury-Vorsitzende des Dutschen Hörspielpreises der ARD, traf somit ins Schwarze, als sie zur Eröffnung der öffentlichen Jury-Diskussion im Anschluss an die Vorführung das Spannungsfeld „Fact, Fiction, Fake“ aufspannte. Eine Vorlage die Jurykollege Jochen Hieber durch Nicht-Verwandlung verwandelte: Er glaube diesem Stück alles, erklärte er mit Inbrunst. „Weil ich es glauben will!“, setzte er nach und stellte damit zur Schau, dass es uns HörerInnen in seinen Bann zieht.
Das tut es nicht nur auf der inhaltlichen Ebene. Auch die stringente Logik, mit der hier Kokolores produziert wird, reicht bei weitem nicht aus. Letztendlich ist es die gewählte Form und deren perfektionistische Umsetzung, die dieses Hörspiel zu dem liebevollsten und feinsten Humor werden lässt, der mir je im Hörspiel untergekommen ist. Ich will mich hier mit ein paar Beispielen begnügen, doch es fällt mir schwer, mich zurückzuhalten:
Äußerlich tritt das Hörspiel auf, als sei es ein Feature, also ein Vertreter des großen und einzigartigen Radiodokumentationsformats. Dabei gelingt es den flüssigen Pinguinen ureigene Featureelemente im Hörspiel täuschend echt zu parodieren. Eine Differenzierung zwischen real existierenden Personen und fiktiven Figuren ist unmöglich. Ich hatte mich inzwischen zur Variante „alles Fake“ durchgerungen, als mich die Jurydiskussion eines Besseren belehrte. Hieber gab Einblick in das Hörspielmanuskript, aus dem hervorging, dass zumindest ein Forscher echt ist. Der Herr war übrigens anwesend. Katharina Bihler nahm während einer Diskussion zur Glaubwürdigkeit des Radios den Schleier von einer weiteren Figur ihres Hörspiels: Im Zuge ihrer Recherchen zum Stück besuchte sie die Insel Reichenau und zeichnete das Zusammentreffen mit einem Gärtner akustisch auf. Dieser wird im Hörspiel zum Institutsgärtner des Biolingua Instituts. Durch Versetzung eines Interviews in einen anderen Kontext wird neuer Sinn produziert.
Bleibt die Frage, warum klingen alle anderen so täuschend echt bzw. wie kriegt man SprecherInnen dazu, so unprofessionell und umgangssprachlich daher zu reden? Die Antwort, die Bihler auf diese Frage während der Diskussion mit dem Publikum gab, scheint simpel, ist aber in ihrem Gehalt wahrscheinlich nicht hoch genug zu achten: Man nehme einfach keine Sprechprofis, sondern Laien, die sich mit dem betroffenen Fachgebiet gut auskennen. Die müsse man dann noch dazu bringen, das zu sagen, was man sich ausgedacht habe.
So entsteht ein Hörspiel, dessen literarische Gattung nicht eindeutig ist. Gerda Hollunder, ebenfalls Jury-Mitglied, wies zu Recht darauf hin, dieses Stück sei Science Fiction. Aber nicht nur, will man einfallen. Es ist auch Parodie und Satire, Humoreske und und und … Vergleiche mit Größen des Literatur- und Kunstbetriebes strebten die Jurymitglieder an: In den kleinen aber in sich geschlossenen Archivnummern, die während des Stücks immer zu Gehör gebracht werden, klinge die Kunstfertigkeit eines Loriots an.
Ich verweigere mich solchen Vergleichen, derweil ich genau darüber nachdenke. Gerade im Bereich der Science Fiction wird vielleicht deutlich, dass solche Vergleiche dem Stück nicht gerecht werden: Man zeige mir ein Hörspiel, einen Roman, was auch immer, der/die/das dermaßen im Hier und Jetzt seines Entstehungszeitraumes verankert ist und nur aus dessen kulturellen, technischen und wissenschaftlichen Gegebenheiten, so ganz ohne Zukunftsgeplänkel, Science Fiction erzeugt.
Vielleicht ist diese eine der verborgenen Qualitäten des Stückes, sie scheint mir derzeit – insbesondere im Hörspiel – jedoch ein Alleinstellungsmerkmal zu sein.*
Wie alle Besprechungen kann auch diese nur einen kleinen Eindruck dessen vermitteln, was dieses Werk ausmacht. Offensichtlich ist es dem Liquid Penguin Ensemble jedoch gelungen, nicht nur zwei Fachjurys, sondern auch die HörerInnen zu überzeugen. Gras wachsen hören scheint damit offensichtlich zu den Hörspielen zu gehören die sui generis funktionieren. Es ist seit gestern 3fach preisgekrönt:
- Hörspiel des Monats Dezember 2007, vergeben durch die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste
- Deutscher Hörspielpreis der ARD 2008, vergeben durch die von der ARD berufene Fachjury
- ARD-Online Award 2008, Publikumspreis der ARD.
Da das Siegerstück des ARD-Hörspielpreises erneut von alle Landesrundfunkanstalten ausgestrahlt wird, besteht in den kommenden Wochen reichlich Gelegenheit, Gras wachsen [zu] hören.
Folgende Sendetermine sind bis jetzt bekannt:
- Mittwoch, 12.11.2008, 21:30 Uhr, HR 2
- Sonntag, 23.11.2008, 21:05 Uhr, NDR Info (Live-Stream MP3 128 kb/s)
*Vom Gegenteil lasse ich mich gerne überzeugen. Bitte schreiben Sie einen Kommentar mit genauen bibliografischen Angaben.
Weiterführende Link:
Eintrag zu Gras wachsen hören in der ARD-Hörspieldatenbank
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Hörspieltage 2008 6 Von Ernstmania in die Juxzone
Verfasst von theiresias am 8. November 2008
So kann man sich irren. Ein Hörspiel, das ich großartig fand, dem ich meine Stimme für den Online Award gab, weil ich, währenddessen ich es hörte, vor Begeisterung in meinem Zimmer hin und her lief. Die Rede ist übrigens von (Eintrag auf der offiziellen Seite zu den Hörspieltagen 2008).
Ausgangspunkt des Stücks ist die Aussage Karl-Heinz Stockhausens, der Anschlag auf die Zwillingstürme sei das größte Kunstwerk. Eine Ungeheuerlichkeit, die damals sicherlich vollkommen deplatziert war, übersah Stockhausen doch die Opfer des Anschlags und vor allem deren Angehörige. Seine Tochter habe sich damals von ihm abgewendet, teilt mir mein ambitionierter Sitznachbar im Kubus mit. Er bringt mich in Sachen Stockhausen sowieso auf den neusten Stand. Dessen Tod hatte ich nämlich nicht registriert. Übrigens habe sich Stockhausens Tochter vollkommen zu Recht von ihm abgewendet. Diese Äußerung seien eine Unverschämtheit gewesen sagte er und nickt energisch dazu.
Nun sind diese Äußerungen aber in der Welt und man sollte es sich nicht zu leicht damit machen und sie moralisierend über den Haufen werfen. Das Wunderwerk nimmt Stockhausen beim Wort und versucht die Annäherung über eine Radiorealityshow; multiperspektivisch mit und ohne Hollywoodflair. Ob intendiert oder unintendiert, das ist mir ziemlich egal, dieses Stück deskonstruiert in meiner bescheidenen Interpretation den Satz Stockhausens. Das ist aber nur ein ganz kleiner Teil dieses Hörspiels und es verdient sicherlich einer eigenständigen Behandlung, die ich in Kürze nach den Hörspieltagen nachliefern will. Trotzdem verstörte es, im Publikum wie in Teilen der Jury. Wir verließen den Kubus alle mit ernsten Gesichtern.
Zudem hatten wir schon vorher schwer geladen, da lief nämlich El Niño und irgendwie hatte nicht nur ich mit diesem Werk extreme Probleme. Die Diskussion mit Götz Lemberg auf dem Musikbalkon klärte dann so einiges, half mir beim Begreifen dieser akustischen Kunst aber letztendlich auch nicht weiter. Auf jeden Fall eine ganz ernste Angelegenheit, geht ja auch um Weltuntergang und absaufende Entwicklungsländer. Irgendwie schien mir die Sache um 20:00 Uhr dann aber doch ein wenig ernst, ich fand inzwischen alles ätzend. Nur ein wenig ironische Distanz wäre da angebracht gewesen. Entgegen meinen ursprünglichen Plänen erstand ich fix noch eine Karte für die Live-Radioshow Das magische Auge mit Axel Naumer. Danach erklomm ich zur Diskussion des letztgehörten Stücks erneut den Musikbalkon.
Einige ARD-TypInnen versuchten dem Ernst bereits seit dem frühen Nachmittag mit anderen Mitteln zu entfliehen, sie soffen sich die Dinge schön. Während der Diskussion zu Das Wunderwerk stand ich unter einigen von ihnen. Das roch wie der leibhaftige Schnapsladen. Trotzdem waren sie alle irgendwie immer noch verdammt ernst. Warum saufen die dann? Oder gibt es einen wortwörtlichen Bierernst? Die Alkoholmethode?
20:55 Uhr: Höchste Zeit zum Aufbruch. Immerhin ging ja die Live-Sendung um 21:03 Uhr los. Als ich den Lichthof des ZKMs betrat, war der zwar nicht gerammelt voll, aber solide gefüllt. In den letzten Reihen gab es noch einige Plätze. Hierher verkroch ich mich. Naumer befand sich derweil mitten im Warm-up, erklärte was so kommen würde, man solle sich nicht wundern wenn so ab 22:20 Uhr alle auf der Bühne nervös würden, dann stünde man unter Zeitdruck. Schließlich ginge das ja live über den Sender. Wenn man am Ende noch Zeit übrig hätte, müsste das Publikum die Zeit halt mit Applaus überbrücken. Die BesucherInnen in den ersten Reihen waren schon hörbar gut gelaunt, hinten hinter den Säulen hielten wir uns noch dezent zurück. Naumer legte nach und präsentierte schon mal frei und souverän moderiert ein paar Radiopannen aus der Konserve. Funktionierte wie immer prächtig. Übrigens, so klärte uns der Gastgeber auf, habe man vorne auf der Bühne ein Display, wo die Nummer jedes klingelnden Handys riesengroß angezeigt werde. Das üblich Wühlen in den Hosen und Handtäschchen. Dann schalteten sie uns die Nachrichten drauf, von denen wir gerade noch den Wetterbericht mitbekamen. (O-Ton Naumer: „Wir haben die Kollegen gebeten, Ihnen nur die guten Nachrichten vorzuspielen.“). Und dann 90 Minuten leichte Unterhaltung vom Feinsten. Alles live mit leicht jazzigem Sound. Nur die Top10 der Radiopannen kamen aus der Konserve. Zunächst einmal gab es eine akustische humorvolle Stippvisite in diversen Ländern. Gängige Klangsujets von SprecherInnen und MusikerInnen liebevoll in Szene gesetzt. Höhepunkt war der Blick in Sarkozys Schlafzimmer, Verzeihung Präsidentschaftspalast. Die Anfangszeiten des Radios brachte Robert Kreis zu Gehör. Ganz klar mit einem eigenen Sound, der aber ganz ohne diesen doch oft so störenden Max-Rabe-Dauer-Dämpfer auskommt. Kreis stellt den historischen Link nicht über Klänge her, die auf Alt gemacht sind, ihm genügt eine pfiffige Textauswahl und sein prunkvolles Klavierspiel, das manchmal doch etwas zu martialisch daher kommt, tut ein Übriges.
Zu den Höhepunkten dieser Radiounterhaltung, wie sie heute eher selten ist, aber noch in den 50ern Gang und Gäbe war, gehörte sicher eine Krimiseifenopernsatire, die in drei separaten Teilen mit obligatorischem Cliff-Hanger als Live-Hörspiel vorgetragen wurde. Hierbei beschränkten sich die Handelnden auf die Produktion eines radiophonen Klangs und hampelten nicht über die Bühne. Das war wahrlich genug Arbeit. Denn alles musste zur rechten Zeit kommen. Hatte jemand einen Part zu sprechen, der nach Telefonübertragung klingen sollte, musste derjenige schon mal flux über die Bühne laufen, um das passende Mikrofon zu benutzen. Außerdem agierten hier äußerst multiple Persönlichkeiten. Bei drei hörte ich auf die Figuren zu zählen, die allein Jochen Busse verstimmlichte. Die Kunst, die die Geräuschemacherin Nina Wurman vollführte ist gar nicht genug zu rühmen. Alles in allem entstand langsam aber sicher eine komische Diskrepanz nämlich zwischen Gehörtem und zu Sehendem. Einen optimaleren Werkstattbericht können HörfunkerInnen nicht bieten.
Natürlich dürfen in einer lustigen Radiounterhaltungsshow die berühmten stimmlichen PolitikerInnen-Alter-Egos nicht fehlen und so gaben sich der Morgenmünte und die Merkelin die Ehre. Aber genug geschwätzt. Wenn sie es selbst im Radio nicht gehört haben, kann ich Ihnen auch nicht helfen.
Alles in allem hätte man sich nur gewünscht, dass auch bei den Hörspieltagen und nicht nur in deren Rahmenprogramm manchmal ein wenig mehr von dieser Leichtigkeit aus der Hüfte zu spüren wäre.
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Hörspieltage 2008 5: Ein humorvoller Blick hinter die Kulissen – Die SWR Dramaturgen gehen mit sich selbst ins Gericht
Verfasst von theiresias am 6. November 2008
Menschen, Möbel, Dialoge. Das ist Dramaturgie, langweilig wird sie nie. Scheint der Titel banal, die Live-Performance die am 06.11.2008 bei den Hörspieltagen geboten wurde, überzeugt durchaus, auch wenn nur vereinzelt gelacht wurde, dafür aber herzlich.
Denn sind wir mal ehrlich, wer weiß so genau, was ein Film oder Hörspieldramaturg bzw. -dramaturgin macht? Wir lesen dieses seltsame Wort immer nur im Filmabspann oder hören es am Ende eines Hörspiels. „Dramaturgie: Hubert Hächsler Textzersetzer“. Aus Autorensicht mag diese Umschreibung die zutreffendste sein. Denn, das wurde im Verlauf der halben Stunde deutlich, DramaturgInnen können wahre Nervensägen sein. Dabei wollen sie doch immer nur das Beste, den/die AutorIn bei der Erstellung des Drehbuches beraten, alles zum Wohle des Werkes. Hierbei gerieren sie sich, jedenfalls innerhalb der Fiktion des Stückes, zu Therapeuten vom Dienst. Zunächst einmal sind sie stinkfreundlich, sie schleimen sich gerade zu beim Dichter bzw. bei der Dichterin ein. Doch dann, wehe ein Termin wurde geschmissen, oder ein Wort im Text missfällt, eine momentane Schreibschwäche tritt auf, dann werden sie zu Alphatieren. Innerhalb des Live-Hörspiels kulminiert dieser Arbeitseifer in dem Satz: „Schreiben sie mir, was sie an ihrem Text hassen.“ Spätestens hier konnten sich die versammelten ARD-MitarbeiterInnen nicht mehr halten. Schon vereinzelt brach die ein oder der andere vorher in einen krampfhaften Lachanfall aus, auch kleine Grüppchen prusteten los. Die normalsterblichen ZuhörerInnen hatten am Anfang noch nicht begriffen, was hier vom sogenannten Dramaturgenchor des SWR geboten wurde. Doch so langsam tauten dann auch wir auf und wir begriffen, dass sich hier eine kleine und, in Film und Hörspiel nicht wegzudenkende, Berufsgruppe zum Besten nahm. Nicht etwa, dass die Briefe und E-Mails an die AutorInnen, aus denen das Stück bestand, von professionellen SprecherInnen gelesen wurden, nein die Ensemblebezeichnung Dramaturgenchor ist wörtlich zu nehmen.
Alles in allem eine sympathische halbe Stunde im Kreise der ARD MitarbeiterInnen (sowohl im Hörspiel als auch zahlreich im Publikum). Danke!
PS: Derweil ich diesen Text im Foyer des ZKM verfasse, reden neben mir zwei Damen gedämpft. Es geht um irgend einen Hörspiel- oder Featuretext. Zufälle gibt’s.
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Hörspieltage 2008 4: Wohin mit der Leiche?
Verfasst von theiresias am 6. November 2008
Irrungen und Wirrungen; Nicht nur Theiresias ist von ihnen umfangen, sondern auch Teile der Jury. Denn so schnell wie Theiresias, und auch die Jury, das Hörspiel Abgesoffen absaufen lassen wollten, geht es dann vielleicht doch nicht.
Warum fahren in einem Pseudokrimi zwei Männer mit einer Leiche quer durch Spanien bis an die Küste von Gibraltar? Sie wollen sie ins Meer werfen, lautet vermutlich die Conclusio. So schrieb ich es hier und das behauptete gestern Abend während der Jury-Diskussion auch Jochen Meißner. Das war dann der Zeitpunkt, an dem sich Theiresias wieder beruhigen konnte. Denn es gab da eine längere Gesprächspassage, in der sich die beiden Mörder fragen, wo ihre Opfer beerdigt werden? Einer will sogar den Friedhof aufsuchen.
Offenbar ist der Rahmen der Handlung noch beliebiger als ihr Kern.
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Hörspieltage 2008 3: Verbrecherromantik die vielleicht mehr sein will
Verfasst von theiresias am 5. November 2008
Zwei spanische Auftragskiller ertränken Immigranten in der Badewanne und versenken die Leichen danach im Meer. Die HörerInnen des Hörspiels Abgesoffen, nach dem gleichnamigen Roman von Carlos Eugenio López, werden Zeugen der 29. Entsorgungsfahrt, die – da die Morde im Landesinnern verübt werden – etwas länger dauert. Zumindest einer der beiden Killer scheint ein belesenes und historisch affines Köpfchen zu sein. Unentwegt treibt er seinen Kumpanen von einem Thema zum nächsten. Da geht es im Schweinsgalopp von Alexander dem Großen über Analverkehr zurück zu Julius Cäsar. So wie die Stichwörter gerade daher kommen. Ach ja, und einer der Täter leidet ganz furchtbar an dem, was er da tut. Er kenne jedes der 29. Gesichter der Menschen, die sie ermordet haben. Der Wortschatz des Stückes schwankt exorbitant zwischen niedrigstem Gaunerjargon und intellektuellem Diskurs. Phrasen werden quasi im Sekundentakt gedroschen. „Das Leben ist wie diese Straße“. Oder: „Keiner schreibt ein Buch über den Gallischen Krieg, wenn er denkt, er holt ein Bier an der Ecke.“ Ich lese gerade Sven Regeners Lehmann-Trilogie. Ja, auch Regener kann man sicherlich Phrasendrescherei vorwerfen. Würde man jedoch den Hörspieltext mit einigen Aussagen von „Herrn Lehmann“ abgleichen, würde sicherlich der Autor Regener haushoch gewinnen. Das, was im Hörspiel, also vermutlich auch in der Romanvorlage, geliefert wird, ist sprachlich zu abgewetzt. Klug und dumm liegen zu weit auseinander.
Denn was anderes kann diese Hörspielversion sein, als eine Charakterstudie zweier Schwerstkrimineller am Anfang des 21. Jahrhunderts. Dafür ist die dialogische Form sicherlich angebracht. Sie bedarf allerdings einiger kompositorischer Raffinesse. Der Ansatz, dass solche Leute nicht Persee strunzdumme Typen sind, sondern intelligente Individuen, ist, obwohl uralt, sicherlich immer noch literarisch interessant. Solche Charakterstudien sollten bei aller Vielfältigkeit aber bitte einen bleibenden Eindruck ihrer Studienobjekte hinterlassen. Das funktioniert mit Verlaub bei diesem Stück nicht. Zu oft, zu wenig verknüpft hüpfen hier die Themen über die akustische Bühne. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die beiden Sprechstimmen ähneln. Auch auf der klanglichen Ebene also keine klare Differenzierung.
Äußerst seltsam mutet es dann an, wenn die beiden Diskutanten in der Fiktion in einen Antisemitismus abgleiten, dessen reale Korrespondenz sicherlich vorhanden ist. Durch die oben beschriebene Sprunghaftigkeit, oder Beliebigkeit, findet eine dringend notwendige Reflexion jedoch nicht statt. Folgende Vorurteile rasen nur so an Hörerin und Hörer vorbei: „Als Deutschland nach dem ersten Weltkrieg auf dem Zahnfleisch gekrochen ist, haben die Juden nur an sich selbst gedacht. Deutschland war denen einfach scheißegal. Das beschreibt Hitler in Mein Kampf.“ Der Umgang mit diesen Worten innerhalb des Hörspiels ist mir entschieden zu lax, zudem textintern unmotiviert.
Es mag sein, dass die Charakterstudie im Roman funktioniert, im Hörspiel scheitert sie.
Abgesoffen von Carlos Eugenio López | Norddeutscher Rundfunk 2008 | Mittwoch, 05. November 2008, 22:00 Uhr, ZKM Kubus | Eintrag auf der offiziellen Seite zu den Hörspieltagen 2008
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Hörspieltage 2008 2: Vom faden Beigeschmack des Nicht-Begreifens
Verfasst von theiresias am 5. November 2008
Ich schalte das Radio ein, oder begebe mich auf eine Internetseite, um einem Hörspiel zu lauschen. Insbesondere bei den Nominierten zum ARD Hörspielpreis bzw. ARD Online Award gönne ich mir stets den Luxus, mich nicht vorab zu informieren. Ich lese den Titel und schalte ein.
Vollkommen frei vom phrasenbehafteten Kulturbalast der Kurzbeschreibungen räume ich damit jedem Stück die Chance ein, auf mich zu wirken, mich anzusprechen, zu provozieren, sich zu offenbaren; aus sich selbst heraus.
Immer wieder gelingt dies diversen Hörspielproduktionen nicht. Das liegt ganz sicher an mir, denn ich bin ein ungebildeter Typ, der den hehren Ansprüchen des Kulturradios nicht gerecht wird. Diesen Glauben mag man bei einigen Stücken gewinnen, die dieses Jahr bei den Hörspieltagen präsentiert werden.
Muss nun jedes Hörspiel sui generis begreifbar sein? Ganz sicher nicht. Vor allem stünde zu befürchten, dass die Realisierung einer solchen Maximalforderung einige Radioperlen verhindern würde. Also wie umgehen mit solchen Hörstücken, in denen beispielsweise keine Handlung erzählt wird, die über die Musik, über die Montage verschiedener akustischer Inhalte o. ä. wirken? Wie viel kann man den HörerInnen zumuten? Wie gehen die HörerInnen mit solchen Hörstücken um?
Die letzte könnte ein Schlüssel zur Beantwortung der vorangehenden Fragen sein. Gestern Abend hatte das Hörspiel El Niño auf der Seite zu den Hörspieltagen lediglich einen Kommentar und der war vernichtend. Das Stück wird nicht verstanden bzw. es kommuniziert inadäquat. Die Beschreibung, die zu lesen ist, klärt einige der akustischen Elemente, man identifiziert sie und versucht ein Großes oder Ganzes herzustellen. Offensichtlich scheint jedoch nicht nur Theiresias an dieser Aufgabe gescheitert zu sein. Zum akustischen Erlebnis, das zum Nachdenken oder zur Auseinandersetzung mit dem Naturphänomen El Niño (siehe Wikipedia) einlädt, wird das Stück nicht. Für viele dürfte es eine Kakophonie wild montierter Geräusche bleiben.
Etwas mehr Zustimmung fand bis jetzt das Stück Speicher. Ursprünglich war Speicher eine Klanginstallation, erarbeitet in einem der ersten Studios für elektronische Musik. Das Kunstwerk selbst ist, obwohl eigentlich sehr jung, heute verschollen. Somit muss das gleichnamige Hörspiel als Hommage an das ursprüngliche Stück verstanden werden. Die Autorin habe sich, so liest man im Begleittext, in das Originalstudio begeben, um die Klänge für das Stück zu produzieren, quasi ein Hauch von historischer Aufführungspraxis für elektronische Musik.
Thematisch befasst sich Speicher mit dem Motiv des Reisens. Klassische Texte (Heinrich Heine, Wilhelm Müller u. a.) werden mit der Stimme eines Navigationssystems und akustischen Signalen montiert. Irgendwie mangelt es hier aber auch am Gesamteindruck. Das Stück zerfällt in seine Einzelteile. Die elektronische Musik wirkt eher als Fremdkörper, denn als bindendes Glied.
Vergleichsweise Begeisterungsstürme (sechs Kommentare bis zum 04. November) löste das Hörspiel Minutentexte aus. Ein Hörspiel zum Film The Night of the Hunter bzw. ein Hörspiel zum Buch, das 93 Texte von 93 Autoren zu jeder der 93 Filmminuten versammelt. Das Hörspiel montiert diese Texte mit Filmminuten und Ausschnitten aus dem gleichnamigen amerikanischen Originalhörspiel. Wenn man den Film aber nicht kennt? Pech gehabt. Man lernt ihn, da widerspreche ich den Kommentatoren auf der Seite zum Stück aufs Äußerste, durch diese Hörspielbearbeitung nicht kennen. Das könnte unter Umständen an einer intermedialen Überfrachtung liegen.
In Minutentexte wird zu Beginn immerhin der Gegenstand des Stücks benannt. Das war’s dann aber auch.
El Niño will erklärtermaßen nicht narrativ sein.
Das mag ich akzeptieren. Man müsste dann aber zu Beginn des jeweiligen Stückes das Hörinstrumentarium sensibler einführen. Den verwendeten akustischen Signifikaten fehlen Signifikanten. Solche Beziehungen lassen sich durchaus über Montagen herstellen. Liebevollere Schnitte statt kakophonischem Gelärme lautet für diese Art der Hörspiele meiner Meinung nach das Gebot der Stunde.
Speicher von Michaela Melián | Bayrischer Rundfunk 2008 | Mittwoch, 05. November 2008, 20:00 Uhr, ZKM Kubus | Eintrag auf der offiziellen Seite zu den Hörspieltagen 2008
EL NIÑo Verweht, geröstet, schockgefroren von Götz Lemberg | Bayrischer Rundfunk, Südwestrundfunk, Rundfunk Berlin Brandenburg 2007 | Freitag, 07. November 2008, 17:00 Uhr, ZKM Kubus | Eintrag auf der offiziellen Seite zu den Hörspieltagen 2008
Minutentexte von Volker Pantenburt | Hessischer Rundfunk, Deutschlandfunk 2008 | Samstag, 08. November 2008, 11:00 Uhr, ZKM Kubus | Eintrag auf der offiziellen Seite zu den Hörspieltagen 2008
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Hörspieltage 2008 1: Eine neue Jury
Verfasst von theiresias am 5. November 2008
Soll man weinen oder lachen? Auf der einen Seite war die fachliche Herangehensweise der Jury des ARD Hörspielpreis in den beiden vergangenen Jahren grauenvoll, auf der anderen Seite wurde man dadurch teilweise auf das Köstlichste unterhalten (siehe gestrigen Beitrag). Inzwischen habe ich mal die Zeitungsbeilage zu den Hörspieltagen durchgeblättert und es traf mich – so oder so – wie ein Schlag: Das gesamte (In)Kompetenzteam wurde gegen ein anderes Team ausgetauscht. Damit ist natürlich das gestern ausgelobte Wettbüro hinfällig.
Die Kurzbiografien der Damen und Herren JurorInnen lesen sich sehr angenehm. Fachlich macht das Team einen ausgewogenen Eindruck. Literaturwissenschaften, Theaterwissenschaften, Kunstgeschichte, Philosophie; all das ist vertreten. Die musikalische Kompetenz der Juroren ist aus den Biografien nicht zu erlesen, was natürlich nicht heißt, dass sie diese nicht unter Beweis stellen können. Ich halte es deshalb für erwähnenswert, da zwei Wettbewerbsbeiträge (El Niño und Speicher) bei mir – trotz Nichtgefallen – einen konstitutiv musikalischen Eindruck hinterlassen haben.
Mit Gerda Hollunder sitzt eine Dame in der Jury, die mit allen Hörfunkwassern dieser Republik gewaschen wurde. Eine solche Fachkraft fehlte der letzten Jury vor allem. Begrüßenswert außerdem, dass der neuen Jury wieder eine Autorin angehört. Die Fußstapfen, die Marcel Beyer seiner Jurynachfolgerin Theresia Walser überlässt, sind die einzigen, die groß sind.
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Ab in die Klangkiste – ARD Hörspieltage 2008
Verfasst von theiresias am 3. November 2008
Nur, für den Fall, dass irgendwer Theiresias ab diesen Mittwoch suchen sollte: Ich verstecke mich ab Mittwochabend wieder in dieser sympathischen Kiste.
Dabei schottet sich Theiresias vollkommen von der Außenwelt ab, was weniger eine Haltung denn ein Diktat der Architektur dieses Raumes ist. Der sogenannte Kubus des Zentrums für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (ZKM) steht nämlich keinesfalls auf solidem Karlsruher Boden, sondern schwebt darüber. Wenig physischen und damit klanglichen Kontakt zur Außenwelt soll dieser Bau haben, erfuhr ich vor ein paar Jahren während einer Führung. Egal ob vor dem ZKM die Straßenbahnen vorbeirauschen oder ein Bauunternehmer vor der Tür ein Konzert für Presslufthammer und Vierzigtonner improvisiert, wer sich im Kubus befindet, wird das nicht mitbekommen. Der Raum selbst hat eine etwas befremdliche Akustik, die bewusst – um es trivial auszudrücken – trocken bzw. direkt gehalten ist. Durch die Benutzung von Vorhängen und ominöser, an der Decke montierter Platten kann die akustische Tragweite jedoch geringfügig beeinflusst werden.
Fassen wir zusammen: Ein akustisch abgeschotteter Raum, der dazu eine trockene bzw. direkte Klangcharakteristik aufweist; Wer hier abtaucht, muss also gewaltig einen an der Waffel haben. Weit gefehlt!
Ich schrieb bislang noch nicht über die Inneneinrichtung. Und spätestens jetzt dürften Hifi-Fans neidisch werden. Ich sage nur: Über 40 Lautsprecher und jeder davon kann einzeln angesprochen und teilweise elektronisch gesteuert in die gewünschte Position verbracht werden. Damit wird klar, warum bei der Erbauung des Raums auf kontrollierbare akustische Rahmenbedingungen geachtet wurde. Wer für den sogenannten Klangdom komponiert, bekommt u. a. die Möglichkeit, ein Tonsignal gezielt an einem ganz bestimmten Ort im Raum zu positionieren. Weiter gedacht bedeutet dies, dass die räumliche Dimension konstitutiver Bestandteil einer Komposition bzw. einer Interpretation werden kann.
Im Rahmen der ARD Hörspieltage, über die ich ja, wie mir gerade einfällt, ursprünglich schreiben wollte, gewährt das ZKM wieder Einblicke in diese faszinierende künstlerische, aber für mein Empfinden oft intuitiv nicht nachvollziehbare, Arbeit. Das Reinhören lohnt sich auf jeden Fall. Gelegenheit dazu besteht am Samstag, 08.11.2008 um 19:00 Uhr.
Doch es braucht gar nicht so viele Lautsprecher, um diesen Raum schätzen zu lernen. Das geht auch bei einem klassischen Kammerkonzert, bei dem große Räume mit charakteristischer Akustik oft hinderlich sein können. Es reichen ebenfalls lediglich zwei Lautsprecher, vor denen man in aufgestuhlten Reihen Platz nimmt und den Darbietungen der zum ARD-Hörspielpreis eingereichten Stücke lauscht. Nicht zu weit vorn nicht zu weit hinten und immer genau in der stereophonen Mitte, so lautet die Formel für das optimale Hörergebnis. Wobei ich nicht schlecht staunte als ich angesichts des Prelistening zum ARD-Radiotatort im vergangenen Jahr in einer der hinteren Ecken auf dem Fußboden platznahm. Auch hier noch ein betörendes Hörerlebnis, um das einen so manch bekennender Hifiast beneiden dürfte.
Auf die einzelnen Stücke werde ich in den kommenden Tagen an dieser Stelle noch eingehen. Es ist wieder alles dabei: Wunderbare Hörstücke, die fesseln, zum Staunen einladen oder gar Begeisterungsstürme hervorrufen, Stücke bei denen ich offen bekenne, sie nicht zu begreifen, Stücke die mir auf das Äußerste missfallen. Kurz und gut: Ein optimales Festivalprogramm! Anerkennend nehme ich auch zur Kenntnis, dass die Hörfunkanstalten die Stücke im Rahmen ihrer rechtlichen Möglichkeiten bereits vor der Veranstaltung im Netz präsentieren. Dabei sind sie dieses Jahr besonders kreativ, indem sie Inhalte, die sie zum Download und OnDemand nicht anbieten dürften, einfach in repetierende Webchannels verfrachten. Das ist zwar für die HörerInnen etwas aufwendiger, mit dem ein oder anderem Hilfsmittel jedoch unproblematisch.
Nach der Vorführung eines Hörspiels während der Hörspieltage folgt eine kurze Jurydiskussion. Hier verließen in den vergangenen Jahren oft diverse Leute den Kubus, da einige Diskussionen selbst zu einem tragisch/komischen Fünfzehnminüter gerieten. So zum Beispiel, als man im vergangenen Jahr die Hörspielbearbeitung des Bestsellers Tannöd (von Andrea-Maria Schenkel) besprach. Dabei sei jeder Jury zugestanden, dass sie eine Einreichung aburteilt und für unwürdig befindet (wie damals geschehen). Wenn man aber versucht, analytisch vorzugehen und den Hörspieltext von der Romanvorlage abzugrenzen, dann ist es für Kenner lächerlich und für die Betroffenen ärgerlich, wenn einzelne Jurymitglieder virtuos ins Klo greifen. Behauptete doch dereinst tatsächlich eine Frau Doktor, u. a. Literaturkritikerin bei einer großen Süddeutschen Zeitung ihres Zeichens, es sei unklar, wer den Roman erzähle, ja der Erzähler trete nicht auf. Die Lektüre der ersten beiden Romanseiten hätte sie eines Besseren belehren können.
Aber zum Glück bleiben derartige Juryschnitzer inzwischen nicht mehr ungesühnt, denn ebenfalls nach jedem Hörspiel gibt es eine Diskussion mit den HörspielmacherInnen (Regie, Dramaturgie, Redaktion, AutorInnen etc.) auf dem Musikbalkon direkt vor dem Kubus. Hier darf sich jede und jeder beteiligen.
Natürlich hatte im obigen Fall der Leiter der Hörspielabteilung des Norddeutschen Rundfunks, Norbert Schaeffer, eine undankbare Aufgabe. Um dem Verriss seiner Tannöd-Inszenierung zu widersprechen, musste er erst mal solides literaturwissenschaftliches Erstsemesterwissen populär aufbereiten. So konnte er einige der schlimmsten sachlichen Jurypatzer zumindest sachlich korrigieren.
Ich nehme übrigens Wetten entgegen, an welchem Stück sich die Jury dieses Jahr „vergreift“. Wobei ich noch nicht weiß, wer ihr angehört.
Kein Geheimtipp ist inzwischen auch das Rahmenprogramm der Hörspieltage. Hierbei setzt man auf die großen Publikumsmagnete. Eine Radioshow mit Jochen Busse die Freitag, 08.11.2008 auf hr 2 und SWR 2 direkt übertragen wird gehören dazu, wie auch die „Wortoper“ Rotkäppchen, die vom letztjährigen Büchnerpreisträger Martin Mosebach kreiert wurde.
Theiresias wird sich nach der Preisverleihungsgala am Samstag sicherlich noch das Motion-Trio anhören, das laut Leporello zur Veranstaltung das Akkordeonspiel neu definiere.
Wenn die Kräfte dann noch einigermaßen reichen, der Hörspieltag geht ja immerhin am Samstag um 11:00 Uhr los, entschwebt Theiresias nach diesem Konzert in die Radiotatort-Nacht. Hier gibt es zwei Prelistenings (Ausstrahlung im nächsten Jahr), die leider durch den schwachen Radiotatort des Hessischen Rundfunks aus diesem Jahr unterbrochen werden. Nun ja, der HR ist Gastgeber, was will man machen.
Vor allem nicht meckern, ist es doch durchaus nicht selbstverständlich, dass die Hörspieltage inzwischen zum dritten Mal in Folge im ZKM stattfinden. Mit Kubus und Medientheater hat das Zentrum allerdings auch einiges zu bieten.
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