Dazu besteht in den kommenden Wochen mehrmals die Gelegenheit. Sie müssen einfach nur Ihr Radiogerät einschalten, die Antennen erden; schon kann es losgehen. Dabei ist hier alles wortwörtlich zu verstehen. In dem monumentalen Stück Gras wachsen hören. Das biolingua Institut wird 100 Jahre alt können Sie auf Grund des exzellenten Einsatzes radiophoner Verfahren und Methoden Pflanzen beim Wachsen zuhören. Und das ist noch nicht alles. Sie werden Menschen kennen lernen, die nicht nur mit ihren grünen Gefährten reden, sondern wissenschaftlich nachweisbar von diesen auch Antwort erhalten. Möglich macht es das Biolingua Institut, das im Vergangenen Jahr seinen 100. Geburtstag feierte. Mit akribischem Forscherdrang entwickelten und entwickeln WissenschaftlerInnen nicht nur akustische Messverfahren, sondern erschufen erste Strategien und Methoden zur Etablierung einer Mensch-Pflanzen-Kommunikation. Eine Fundgrube von unschätzbarem historisch-wissenschaftlichem Wert ist das Institutsarchiv, in dem alle Experimente, Ergebnisse, Verfahren, Messreihen, kurz und gut alle forschungsrelevanten Fakten Ereignisse und Äußerungen seit Anbeginn akustisch konserviert wurden und werden.
Das ist Kokolores und Fiktion! Sagen Sie. Das Liquid Penguin Ensemble, bestehend aus der Regisseurin Katharina Bihler und dem Komponisten Stefan Scheib, wird Ihnen sicherlich widersprechen. Warum soll beispielsweise eine Pflanze nicht auf dem Kopf eines Mannes wachsen können? Was sie brauche, so Katharina Bihler bei den Hörspieltagen, sei etwas, woran sie sich festklammern könne; also den Kopf. Ferner benötige das Gewächs Licht, Wärme und Wasser. Licht und Wärme wären wohl unproblematisch, Wasser bekäme es über den Regen. Das gebe es nicht, aber es wäre denkbar, erklärte die Autorin schmunzelnd. Damit schilderte sie nur eine der vielen Methoden, die bei der Komposition des Hörspiels zum Einsatz gekommen sind. Hortensia Völckers, Jury-Vorsitzende des Dutschen Hörspielpreises der ARD, traf somit ins Schwarze, als sie zur Eröffnung der öffentlichen Jury-Diskussion im Anschluss an die Vorführung das Spannungsfeld “Fact, Fiction, Fake” aufspannte. Eine Vorlage die Jurykollege Jochen Hieber durch Nicht-Verwandlung verwandelte: Er glaube diesem Stück alles, erklärte er mit Inbrunst. “Weil ich es glauben will!”, setzte er nach und stellte damit zur Schau, dass es uns HörerInnen in seinen Bann zieht.
Das tut es nicht nur auf der inhaltlichen Ebene. Auch die stringente Logik, mit der hier Kokolores produziert wird, reicht bei weitem nicht aus. Letztendlich ist es die gewählte Form und deren perfektionistische Umsetzung, die dieses Hörspiel zu dem liebevollsten und feinsten Humor werden lässt, der mir je im Hörspiel untergekommen ist. Ich will mich hier mit ein paar Beispielen begnügen, doch es fällt mir schwer, mich zurückzuhalten:
Äußerlich tritt das Hörspiel auf, als sei es ein Feature, also ein Vertreter des großen und einzigartigen Radiodokumentationsformats. Dabei gelingt es den flüssigen Pinguinen ureigene Featureelemente im Hörspiel täuschend echt zu parodieren. Eine Differenzierung zwischen real existierenden Personen und fiktiven Figuren ist unmöglich. Ich hatte mich inzwischen zur Variante “alles Fake” durchgerungen, als mich die Jurydiskussion eines Besseren belehrte. Hieber gab Einblick in das Hörspielmanuskript, aus dem hervorging, dass zumindest ein Forscher echt ist. Der Herr war übrigens anwesend. Katharina Bihler nahm während einer Diskussion zur Glaubwürdigkeit des Radios den Schleier von einer weiteren Figur ihres Hörspiels: Im Zuge ihrer Recherchen zum Stück besuchte sie die Insel Reichenau und zeichnete das Zusammentreffen mit einem Gärtner akustisch auf. Dieser wird im Hörspiel zum Institutsgärtner des Biolingua Instituts. Durch Versetzung eines Interviews in einen anderen Kontext wird neuer Sinn produziert.
Bleibt die Frage, warum klingen alle anderen so täuschend echt bzw. wie kriegt man SprecherInnen dazu, so unprofessionell und umgangssprachlich daher zu reden? Die Antwort, die Bihler auf diese Frage während der Diskussion mit dem Publikum gab, scheint simpel, ist aber in ihrem Gehalt wahrscheinlich nicht hoch genug zu achten: Man nehme einfach keine Sprechprofis, sondern Laien, die sich mit dem betroffenen Fachgebiet gut auskennen. Die müsse man dann noch dazu bringen, das zu sagen, was man sich ausgedacht habe.
So entsteht ein Hörspiel, dessen literarische Gattung nicht eindeutig ist. Gerda Hollunder, ebenfalls Jury-Mitglied, wies zu Recht darauf hin, dieses Stück sei Science Fiction. Aber nicht nur, will man einfallen. Es ist auch Parodie und Satire, Humoreske und und und … Vergleiche mit Größen des Literatur- und Kunstbetriebes strebten die Jurymitglieder an: In den kleinen aber in sich geschlossenen Archivnummern, die während des Stücks immer zu Gehör gebracht werden, klinge die Kunstfertigkeit eines Loriots an.
Ich verweigere mich solchen Vergleichen, derweil ich genau darüber nachdenke. Gerade im Bereich der Science Fiction wird vielleicht deutlich, dass solche Vergleiche dem Stück nicht gerecht werden: Man zeige mir ein Hörspiel, einen Roman, was auch immer, der/die/das dermaßen im Hier und Jetzt seines Entstehungszeitraumes verankert ist und nur aus dessen kulturellen, technischen und wissenschaftlichen Gegebenheiten, so ganz ohne Zukunftsgeplänkel, Science Fiction erzeugt.
Vielleicht ist diese eine der verborgenen Qualitäten des Stückes, sie scheint mir derzeit – insbesondere im Hörspiel – jedoch ein Alleinstellungsmerkmal zu sein.*
Wie alle Besprechungen kann auch diese nur einen kleinen Eindruck dessen vermitteln, was dieses Werk ausmacht. Offensichtlich ist es dem Liquid Penguin Ensemble jedoch gelungen, nicht nur zwei Fachjurys, sondern auch die HörerInnen zu überzeugen. Gras wachsen hören scheint damit offensichtlich zu den Hörspielen zu gehören die sui generis funktionieren. Es ist seit gestern 3fach preisgekrönt:
Da das Siegerstück des ARD-Hörspielpreises erneut von alle Landesrundfunkanstalten ausgestrahlt wird, besteht in den kommenden Wochen reichlich Gelegenheit, Gras wachsen [zu] hören.
Folgende Sendetermine sind bis jetzt bekannt:
*Vom Gegenteil lasse ich mich gerne überzeugen. Bitte schreiben Sie einen Kommentar mit genauen bibliografischen Angaben.
Weiterführende Link:
Eintrag zu Gras wachsen hören in der ARD-Hörspieldatenbank