„Wir haben noch nie so ein Programm gespielt. Und sie haben noch nie so ein Programm gehört.“ Mit diesen Worten eröffnete der Dirigent Nikolaus Harnoncourt am 05. Juni im Wiener Musikverein einen Konzertabend, den Deutschlandradio Kultur am 13. Juni sendete.
War man allein über den Inhalt des Programms auf Konzert oder Radioübertragung aufmerksam geworden, klang der zweite Satz Harnoncourts kühn. Schließlich gab er mit dem Concentus Musicus ein Programm, das im weitesten Sinne aus Unterhaltungsmusik bestand und eröffnete, wie schon beim Neujahrskonzert 2001, mit der Urfassung des Radetzky-Marsch von Johann Strauß Vater. Dies war aber auch das einzige Stück aus dem Strauß-Œuvre und dessen Umfeld, das den Zuhörerinnen und Zuhörern bekannt gewesen sein dürfte. „Es sind in diesem Programm viele Stücke, die überhaupt noch nie seit damals gespielt worden sind“, so Harnoncourt. Zudem wurde diese Musik seitdem nicht mehr auf den Instrumenten gespielt, die zu ihrer Entstehungszeit gebräuchlich waren. Harnoncourt verweist in seiner Einführung auf fünf unterschiedliche Klarinetten und zehn Trompeten in unterschiedlichsten Stimmungen. Teilweise wurden die Instrumente eigens für dieses Konzert rekonstruiert.
Generelle Kritiker der historischen Aufführungspraxis werden diese Herangehensweise ablehnen. Eben um damals moderne Musik zu spielen, seien immer wieder neue Instrumente entwickelt worden. Welche Musik hätte ein Bach schreiben können, hätte er die Möglichkeiten der modernen Trompete gekannt. Führt man sich diese weit verbreitete Hypothesen-Logik vor Augen, dann muten die Bemerkungen Harnoncourts vor Konzertbeginn geradezu musikphilosophisch an. Als er über die Trompeten spricht, gerät er zunächst ins Schwärmen:
„Der Klangunterschied ist ein viel reicherer Ton, eine Tonqualität an Farben, die unglaublich schön und liebenswert ist. Aber: Schönheit muss bezahlt werden; immer mit Sicherheit. Und nachdem die heutige Zeit immer mehr auf Sicherheit geht, haben wir die Schönheit weggeschmissen. Wir [zeitgenössischen Musiker] wollen halt Sicherheitstrompeten haben und alles soll sicher sein. Aber die Schönheit ist das, worauf wir [er und Concentus Musicus] setzen.“ (Hervorhebung und Ergänzungen durch Theiresias, aufgrund der Betonungen in der freien Rede)
Die Musiker zahlen diesen Preis hörbar. Im Kettenbrücke-Walzer patzen die Trompeten und die Parallelführung von Violine und einem Holzblasinstrument (welchem auch immer) im Walzer à la Paganini scheitertet in der konkreten Ausführung an der treffenden Intonation. Was vielleicht vom Komponisten als Schwebung intendiert war, gerät größtenteils schief. Und doch ist wunderbar. War es auch nur eine kurze Passage, in der man diesen fremden Klang zu erahnen glaubte, dann war dieser Moment jede klangliche Unpässlichkeit wert.
Ein Anliegen des Dirigenten ist es, mit diesem Konzert die späte Wiener Klassik (Haydn/Mozart) mit der frühen Tanzmusik des 19. Jahrhunderts zu verbinden. Das Bindeglied bildete eine Zusammenstellung später Tanzmusik Wolfgang Amadeus Mozarts. Diese Programmierung scheint gerechtfertigt, glaubt man doch derweil man diese vergessene Musik Mozarts hört zu erahnen, inwiefern sie für Strauß Vater und Lanner als Inspirationsquelle gedient haben mag.
Bereits bei seinem Neujahrskonzert im Jahr 2001 räumte Harnoncourt mit einem eigenen Block dem Strauß-Vater-Zeitgenossen Joseph Lanner breiteren Raum ein als dies andere Dirigenten zuvor taten. Warum Lanner im Gegensatz zu den Straußen nicht berühmt wurde klärt vielleicht eine von Otto Brusatti mit herausgegebene Biographie zu Lanner. Das Gespräch, das das Deutschlandradio anlässlich des Konzerts mit dem ehemaligen Musikredakteur des Österreichischen Rundfunks ausstrahlte klärt die Frage jedenfalls nicht. Brusatti erhebt Lanner hier zu einem der größten 100 Komponisten, die je gelebt haben und granteld gegen Gott und die Welt (insbesondere letztere). Dieses Gespräch hätte man bei gleichem Informationsgehalt auch nicht ausstrahlen können
Der Zuhörer folgte da lieber dem zweiten Teil des Konzert, in dem ausschließlich Werke Lanners erklangen. Die meisten davon gerieten mit dem Tod des Komponisten im Jahr 1843 in Vergessenheit. Harnoncourt hat also nahezu das komplette Programm in der Bibliothek des Musikvereins und der Wiener Stadtbibliothek recherchiert und für die Aufführung eingerichtet, stets in dem Bestreben sich bei der Interpretation historisch so weit als möglich der Musik zu nähern. Allerdings wird bei ihm die Methode nicht zur Manie. So sagt er direkt vor der Aufführung der Urfassung des Radetzky-Marsches:
„Es steht im Programm, dass der Radetzky-Marsch nicht eingeschlagen wird. Wir haben aber einen Einschlag gefunden im 6/8-Takt aus den 1840er Jahren und auf den können wir doch nicht verzichten.“
