Nur, für den Fall, dass irgendwer Theiresias ab diesen Mittwoch suchen sollte: Ich verstecke mich ab Mittwochabend wieder in dieser sympathischen Kiste.

Dabei schottet sich Theiresias vollkommen von der Außenwelt ab, was weniger eine Haltung denn ein Diktat der Architektur dieses Raumes ist. Der sogenannte Kubus des Zentrums für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (ZKM) steht nämlich keinesfalls auf solidem Karlsruher Boden, sondern schwebt darüber. Wenig physischen und damit klanglichen Kontakt zur Außenwelt soll dieser Bau haben, erfuhr ich vor ein paar Jahren während einer Führung. Egal ob vor dem ZKM die Straßenbahnen vorbeirauschen oder ein Bauunternehmer vor der Tür ein Konzert für Presslufthammer und Vierzigtonner improvisiert, wer sich im Kubus befindet, wird das nicht mitbekommen. Der Raum selbst hat eine etwas befremdliche Akustik, die bewusst – um es trivial auszudrücken – trocken bzw. direkt gehalten ist. Durch die Benutzung von Vorhängen und ominöser, an der Decke montierter Platten kann die akustische Tragweite jedoch geringfügig beeinflusst werden.
Fassen wir zusammen: Ein akustisch abgeschotteter Raum, der dazu eine trockene bzw. direkte Klangcharakteristik aufweist; Wer hier abtaucht, muss also gewaltig einen an der Waffel haben. Weit gefehlt!
Ich schrieb bislang noch nicht über die Inneneinrichtung. Und spätestens jetzt dürften Hifi-Fans neidisch werden. Ich sage nur: Über 40 Lautsprecher und jeder davon kann einzeln angesprochen und teilweise elektronisch gesteuert in die gewünschte Position verbracht werden. Damit wird klar, warum bei der Erbauung des Raums auf kontrollierbare akustische Rahmenbedingungen geachtet wurde. Wer für den sogenannten Klangdom komponiert, bekommt u. a. die Möglichkeit, ein Tonsignal gezielt an einem ganz bestimmten Ort im Raum zu positionieren. Weiter gedacht bedeutet dies, dass die räumliche Dimension konstitutiver Bestandteil einer Komposition bzw. einer Interpretation werden kann.
Im Rahmen der ARD Hörspieltage, über die ich ja, wie mir gerade einfällt, ursprünglich schreiben wollte, gewährt das ZKM wieder Einblicke in diese faszinierende künstlerische, aber für mein Empfinden oft intuitiv nicht nachvollziehbare, Arbeit. Das Reinhören lohnt sich auf jeden Fall. Gelegenheit dazu besteht am Samstag, 08.11.2008 um 19:00 Uhr.
Doch es braucht gar nicht so viele Lautsprecher, um diesen Raum schätzen zu lernen. Das geht auch bei einem klassischen Kammerkonzert, bei dem große Räume mit charakteristischer Akustik oft hinderlich sein können. Es reichen ebenfalls lediglich zwei Lautsprecher, vor denen man in aufgestuhlten Reihen Platz nimmt und den Darbietungen der zum ARD-Hörspielpreis eingereichten Stücke lauscht. Nicht zu weit vorn nicht zu weit hinten und immer genau in der stereophonen Mitte, so lautet die Formel für das optimale Hörergebnis. Wobei ich nicht schlecht staunte als ich angesichts des Prelistening zum ARD-Radiotatort im vergangenen Jahr in einer der hinteren Ecken auf dem Fußboden platznahm. Auch hier noch ein betörendes Hörerlebnis, um das einen so manch bekennender Hifiast beneiden dürfte.
Auf die einzelnen Stücke werde ich in den kommenden Tagen an dieser Stelle noch eingehen. Es ist wieder alles dabei: Wunderbare Hörstücke, die fesseln, zum Staunen einladen oder gar Begeisterungsstürme hervorrufen, Stücke bei denen ich offen bekenne, sie nicht zu begreifen, Stücke die mir auf das Äußerste missfallen. Kurz und gut: Ein optimales Festivalprogramm! Anerkennend nehme ich auch zur Kenntnis, dass die Hörfunkanstalten die Stücke im Rahmen ihrer rechtlichen Möglichkeiten bereits vor der Veranstaltung im Netz präsentieren. Dabei sind sie dieses Jahr besonders kreativ, indem sie Inhalte, die sie zum Download und OnDemand nicht anbieten dürften, einfach in repetierende Webchannels verfrachten. Das ist zwar für die HörerInnen etwas aufwendiger, mit dem ein oder anderem Hilfsmittel jedoch unproblematisch.
Nach der Vorführung eines Hörspiels während der Hörspieltage folgt eine kurze Jurydiskussion. Hier verließen in den vergangenen Jahren oft diverse Leute den Kubus, da einige Diskussionen selbst zu einem tragisch/komischen Fünfzehnminüter gerieten. So zum Beispiel, als man im vergangenen Jahr die Hörspielbearbeitung des Bestsellers Tannöd (von Andrea-Maria Schenkel) besprach. Dabei sei jeder Jury zugestanden, dass sie eine Einreichung aburteilt und für unwürdig befindet (wie damals geschehen). Wenn man aber versucht, analytisch vorzugehen und den Hörspieltext von der Romanvorlage abzugrenzen, dann ist es für Kenner lächerlich und für die Betroffenen ärgerlich, wenn einzelne Jurymitglieder virtuos ins Klo greifen. Behauptete doch dereinst tatsächlich eine Frau Doktor, u. a. Literaturkritikerin bei einer großen Süddeutschen Zeitung ihres Zeichens, es sei unklar, wer den Roman erzähle, ja der Erzähler trete nicht auf. Die Lektüre der ersten beiden Romanseiten hätte sie eines Besseren belehren können.
Aber zum Glück bleiben derartige Juryschnitzer inzwischen nicht mehr ungesühnt, denn ebenfalls nach jedem Hörspiel gibt es eine Diskussion mit den HörspielmacherInnen (Regie, Dramaturgie, Redaktion, AutorInnen etc.) auf dem Musikbalkon direkt vor dem Kubus. Hier darf sich jede und jeder beteiligen.
Natürlich hatte im obigen Fall der Leiter der Hörspielabteilung des Norddeutschen Rundfunks, Norbert Schaeffer, eine undankbare Aufgabe. Um dem Verriss seiner Tannöd-Inszenierung zu widersprechen, musste er erst mal solides literaturwissenschaftliches Erstsemesterwissen populär aufbereiten. So konnte er einige der schlimmsten sachlichen Jurypatzer zumindest sachlich korrigieren.
Ich nehme übrigens Wetten entgegen, an welchem Stück sich die Jury dieses Jahr „vergreift“. Wobei ich noch nicht weiß, wer ihr angehört.
Kein Geheimtipp ist inzwischen auch das Rahmenprogramm der Hörspieltage. Hierbei setzt man auf die großen Publikumsmagnete. Eine Radioshow mit Jochen Busse die Freitag, 08.11.2008 auf hr 2 und SWR 2 direkt übertragen wird gehören dazu, wie auch die „Wortoper“ Rotkäppchen, die vom letztjährigen Büchnerpreisträger Martin Mosebach kreiert wurde.
Theiresias wird sich nach der Preisverleihungsgala am Samstag sicherlich noch das Motion-Trio anhören, das laut Leporello zur Veranstaltung das Akkordeonspiel neu definiere.
Wenn die Kräfte dann noch einigermaßen reichen, der Hörspieltag geht ja immerhin am Samstag um 11:00 Uhr los, entschwebt Theiresias nach diesem Konzert in die Radiotatort-Nacht. Hier gibt es zwei Prelistenings (Ausstrahlung im nächsten Jahr), die leider durch den schwachen Radiotatort des Hessischen Rundfunks aus diesem Jahr unterbrochen werden. Nun ja, der HR ist Gastgeber, was will man machen.
Vor allem nicht meckern, ist es doch durchaus nicht selbstverständlich, dass die Hörspieltage inzwischen zum dritten Mal in Folge im ZKM stattfinden. Mit Kubus und Medientheater hat das Zentrum allerdings auch einiges zu bieten.