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die dinge mit den augen des blinden sehers

Archiv für die Kategorie ‘Hörfunk’

Die Spinne im Netz

Verfasst von theiresias am 24. August 2009

Während des NS-Rgimes war er einer der Kommentatoren der Nürnberger Rassengesetze. Ein paar Jahre später saß er auf einem der bedeutendsten Posten in der jungen Bundesrepublik. Hans Werner Globke war Staatssekretär im Bundeskanzleramt und die rechte Hand Kanzler Adenauers. Wie war es möglich, dass jemand, der damit unzweifelhaft der Ermordung und Deportation unzähliger Menschen den Weg bereitete, bereits wenige Jahr nach der Bankrotterklärung des menschenverachtenden Staates wieder oben auf war?
Die Autoren Jürgen Bevers und Bernhard Pfletschinger begeben sich in ihrem Feature Die Spinne im Netz auf eine biographische Spurensuche. Ihre sorgfältig audiocollagierten Recherchen beantworten jedoch mehr als die oben skizzierte Frage. Das Faszinierende ist, dass die beiden Autoren so wenig wie möglich als gegeben voraussetzen und ihr biographisches Feature am Punkt Null beginnen. Mit akribischer Genauigkeit, sprachlicher Prägnanz und punktgenauem O-Ton-Einsatz legen sie nicht nur dar, dass Globke Mitautor des Kommentars der Rassegesetze war, sondern klären auch, welche Aufgaben er in dieser Funktion genau übernahm. Dabei wird die historische Bedeutung des Kommentars nicht nur auf irgendeine Weise behauptet, sondern kontrovers vermessen.
Mit gängigen Erklärungsmustern geben sich Bevers und Pfletschinger nicht zu frieden. Weder wenn sie detailversessen den Weg Globkes ins NS-Innenministerium beschreiben, noch bei der Markierung seines Weges ins Bundeskanzleramt. So erzählen sie ganz nebenbei einen Teil der Geschichte der konservativen Parteienlandschaft vor 1933 und nach 1945.

Doch Lob gebührt nicht nur der journalistischen Recherche und der Konzeption des Featuretextes, sondern auch dessen radiophoner Umsetzung durch den Regisseur und Redakteur des Westdeutschen Rundfunk Wolfgang Bauernfeind.
Dabei beginnt das Feature kurios und nahezu verharmlosend. Während die Sprecher beschrieben, wie ein Mann ins Bundeskanzleramt einzieht, den einige seiner Zeitgenossen für einen der schlimmsten Nazis halten, erklingt dazwischen leichtfüßige Easy-Listening-Musik, der typische Klang der 1950er Jahre. Ausdruck einer politisch-öffentlichen Scheißegal-Haltung?
Der Featuretext verfolgt die These, dass Globke insbesondere durch sein Wirken im Hintergrund enorme Bedeutung zukommt. Diese These wird 1:1 akustisch umgesetzt. Ob Adenauer, zeitgenössische Radiobeiträge oder andere Teilnehmer des öffentlich-plitischen Geschehens. Ihre Stimmen treten mit seltenen Ausnahmen hörbar hinter der Person Globkes zurück und verhallen.

Dieses Feature gehört sicher zu den hervorragendsten Produktionen des Jahres 2009.

Jürgen Bevers und Bernhard Pfletschinger

Die Spinne im Netz

Adenauers Staatssekretär Hans Maria Globke

Regie: Wolfgang Bauernfeind

Produktion: Westdeutscher Rundfunk, 2009

Ausstrahlung: Montag, 24. August 2009, 20:05 Uhr, WDR 5

Danach hier für eine Woche zum Download

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Wise Guys – sinfonisch

Verfasst von theiresias am 10. Juli 2009

Schuster bleib bei Deinen Leisten! Das hätte man den Wise Guys am Liebsten zugerufen, als man an Fronleichnam der ersten Nummer ihres Konzertes Wise Guys sinfonisch lauschte, das die fünfte Welle des Westdeutschen Rundfunks in der Sendereihe Streng öffentlich in Auszügen ausstrahlte. Diese erste Nummer ist, um es zu überspitzen, Männerchor mit Streichersoße. Allerdings greift dieser erste Eindruck zu kurz und der Schreiber täte sehr vielen, wenn auch nicht allen, Beteiligten unrecht. Übrigens können Sie, geneigteR LeserIn, sich selbst einen Eindruck verschaffen, und zwar wenn am 11. Juli 2009 um 20:05 Uhr auf WDR 4 das gesamte Konzert vom 21. März 2009 ausgestrahlt wird.

Zum Konzept des Konzerts: Einige der Wise Guys-Songs wurden für sinfonisches Orchester umarrangiert. Also überspringen wir in dieser kleinen Vorausschau einmal die Nummern, die das Vokalensemble ohne diesen Klangapparat bestritt.

Nach dem dürftigen Einstieg braucht es leider eine Weile, bis die gemeinsam vorgetragenen Stücke wirklich vom Hocker reißen (die Zeitangaben beziehen sich auf die an Fronleichnam ausgestrahlte Sendung). So liefert die Formation zunächst einmal eine Version des Alla Turcas aus Mozarts Klaviersonate in A-Dur KV 331 ab, die so stumpfsinnig und effekthascherisch ist, dass sie – zumindest im Radio – zur Peinlichkeit geriert. Hinter der Stimmakrobatik, die das Vokalensemble mit ihrer Adaption des Root Beer Rags von Billy Joel einst lieferte, bleibt dieses dahingeschmierte Arrangement bei weitem zurück.
Zum Misserfolg der Konzerteröffnung trägt aber auch die Aufnahmeleitung und die Tontechnik dieser Veranstaltung bei. Man muss mutmaßen, dass die Erwähnten vorher kaum ein Album der Gruppe gehört haben. Dann hätten sie nämlich festgestellt, dass ihre Kunst auf das Äußerste gefragt gewesen wäre.

Den Charme der Wise Guys-Alben macht meiner Meinung nach der betonte Einsatz der digitalen Klangmanipulation aus. Hier wird bei der Abmischung und beim Mastering mindestens genau so genial Musik gemacht, wie bei der Aufnahme des Rohmaterials.
Das gelingt grob auch in diesem Live-Mitschnitt, aber nur bei den Nummern ohne Orchester. Musizieren beide Klangkörper gemeinsam, muss man bestimmte Teile des Gesangs regelrecht suchen. Geschickte Finger an den Gainreglern und geringfügige Manipulationen im Frequenzbereich – insbesondere bei den tiefen Stimmen – hätten hier Wunder wirken können.

Um so mehr ist es anzuerkennen, dass alle beteiligten MusikerInnen diese widrigen äußeren Umstände musizierend überwinden und mit dem Lied König fit erstmalig überzeugen können.
Ein wahrhafter Höhepunkt des Abends ist sicherlich ein Potpurri aus angeblich 20 Hts des Vokalensembles, welches allein durch das Rundfunkorchester vorgetragen wird. Lieder ohne Worte im Schnelldurchlauf, die obwohl ihres Textes beraubt, den Kenner immer wieder schmunzeln lassen, da ihr jeweiliger Charakter durchaus erhalten bleibt. Am plakativsten offenbart sich dies in dem frechen Bläsersatz zum kabarettistischen Gassenhauer Kinder (Album Klartext). Diese Vorlage verwandeln dann beide Klangkörper gemeinsam gewissermaßen zum Finale, indem das Potpurri in den Song Jetzt ist Sommer (Album Ganz weit vorne) mündet.

Trotz einiger Startschwierigkeiten auf jeden Fall ein zu empfehlender Konzertmitschnitt.

Wise Guys – sinfonisch
Wise Guys und Rundfunkorchester des Westdeutschen Rundfunks unter Heribert Feckler
MItschnitt vom 21. März 2009
Samstag, 11. Juli 2009, 20:05 Uhr, WDR 4

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Volkstümliches für den Abend

Verfasst von theiresias am 21. Februar 2009

Das Krätzchen ist nicht nur ein putziges Haustier auf dem Kontinent Zamonien und spielt eine entscheidende Rolle in Walter Moers letztem Roman Der Schrecksenmeister, es ist vor allem den BewohnerInnen einer gewissen Rheinmetropole als Gesangsform aus der Eckkneipe oder von der Karnevalsbühne bekannt. Kurze in kölscher Mundart verfasste Liedchen, die sich meistens reimen und mit einer obligatorischen Schlusspointe enden. Diese funktioniert nicht selten über einfache Sprachverdreher.
Dieser Form gleicht eine andere Gesangsform aus dem Bajuwarischen: das Gstanzl. Dieses fällt jedoch oft noch knapper aus. Zumeist Vierzeiler im Dreiviertel Takt gspritzig mit der Quetschen (der Zieharmoniker) vorgetragen.

Im Jahr 2006 zeichnete der Westdeutsche Rundfunk erstmals eine Veranstaltung auf, bei der diese beiden Formen aufeinandertrafen. Eine Kölner Rockband, die das Krätzchen für sich wiederentdeckt hatte, und ein urbayrisches Gstanzl-Duo traten den musikalischen Wettstrett an, um doch letztlich in einem „Gstanzl-Krätzchen-Crossover“, wie sie es nannten, zueinander zu finden. Als Mittler zwischen den Welten diente Wolfgang Jaegers, der dem rheinischen Publikum die Gstanzl in Kölsche Zung übersetzte und somit unbestritten der Star des Abends war.

Nun scheint es, wenn man den Mediendaten des Pressedienstes trauen darf, eine Neuauflage des Programms zu geben. Doch selbst wenn heute Abend um 20:05 Uhr auf der fünften Welle noch einmal der Mitschnitt aus 2006 ausgestrahlt wird, ist das auf jeden Fall hörenswert.

Eine Sendung für die, die Freude am Sprachwitz haben, Derbheiten schätzen und die vielen Dialekte der deutschen Sprache lieben.

Samstag, 21.02.2009, 20:05 Uhr, WDR 5 (Live-Stream MP3 128 kb/s)

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„Wenn Kabel, dann aus der eigenen Schüssel.“

Verfasst von theiresias am 14. November 2008

Nein dieser Satz ist nicht von Theiresias, er stammt entweder von Frieda oder Annelise, die dereinst vor Urzeiten das Frühstyxradio bei Radio-FFN bereicherten. So blödelnd er damals gemeint sein mochte, so wahrheitsschwer wiegt er doch heute.

Vor ein paar Tagen „modernisierte“ der Kabelnetzbetreiber unsere hausinterne Anlage. Sie nennen das jetzt „Multimediaanschluss“. Letztendlich bedeutet dies nichts anderes, als dass man neben TV und Radio analog und digital (soweit lief das vorher auch schon) jetzt auch über das Kabelnetz (mit zugegeben gigantischer Geschwindigkeit durchs Netz surfen kann. Die Modernisierung bestand also darin, jede Wohnung des Hauses eindeutig adressierbar zu machen, denn wer surfen will braucht nun mal eine Internet Protokoll-Adresse.

Doch wie verwegen waren Theiresias Hoffnungen, jetzt würden auch einige grundlegende Mängel im Kabelnetz beseitigt. Diese lassen sich mit einem Wort zusammenfassen: Paketverlust. Als Theiresias analoger Radioempfänger vor geraumer Zeit den Geist aufgab, holte er sich auf Ebay einen digitalen Empfänger. Seit einigen Monaten empfängt er dadurch alle Radiowellen der ARD, Fernsehen Privat und Öffentlich Rechtlich sowieso in der so hoch gerühmten digitalen Qualität, was auch immer das sein soll. Bei Lichte besehen ist der DVB-C-Standard, vermittels dessen die Audio- und Videosignale durch die Netze gejagt werden, eine absolute Flickschusterei und technisch vollkommen veraltet. Trotzdem sollte es damit möglich sein, verlustfrei Radio und Fernsehen auszuliefern. Dem hiesigen Kabelnetzbetreiber gelingt dies jedoch nicht. Da kann es schon mal passieren, dass bei einem wunderschönen Klavierabend, den Deutschlandradio Kultur dankenswerterweise ausstrahlt, einfach mal ein paar Sekunden fehlen und stattdessen ein nervtötendes Knirschen bzw. Knacksen zu hören ist. Was passiert da?
Die analogen Audiosignale werden digitalisiert, also in Nullen und Einsen umgewandelt. Diese werden in Pakete geschnürt und durch das Kabelnetz geschickt. Der Empfänger greift diese Signale ab und das Empfangsgerät macht daraus wieder Musik. Wenn nun aber ein Paket verloren geht, was soll das arme Empfangsgerät da machen? Es kann nur Knirschen und Knacksen.

Der DVB-S Standard funktioniert ähnlich. Erstaunlicherweise hat man es hier geschafft, dem Paketverlust Herr zu werden. Davon konnte ich mir bei unzähligen Gelegenheiten ein akustisches Bild machen. Über Satellit macht Radio wirklich Freude, man kann, das entsprechende Equipment vorausgesetzt, manche Konzerte und Hörspiele sogar im Raumklang empfangen.
Nur die tollen Kabelnetze kriegen das nicht hin.

Was den heutigen Klavierabend angeht, bin ich inzwischen auf den Hochwertigen OGG-Vorbis-Stream des Deutschlandradios umgestiegen. Wenn schon IP, dann aber richtig. Jetzt sitze ich halt mit einem guten Kopfhörer, der in eine exzellente Soundkarte eingestöpselt ist, vor dem Computer.

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Hörspieltage 2008 8: Hören Sie das Gras wachsen?!

Verfasst von theiresias am 10. November 2008

Dazu besteht in den kommenden Wochen mehrmals die Gelegenheit. Sie müssen einfach nur Ihr Radiogerät einschalten, die Antennen erden; schon kann es losgehen. Dabei ist hier alles wortwörtlich zu verstehen. In dem monumentalen Stück Gras wachsen hören. Das biolingua Institut wird 100 Jahre alt können Sie auf Grund des exzellenten Einsatzes radiophoner Verfahren und Methoden Pflanzen beim Wachsen zuhören. Und das ist noch nicht alles. Sie werden Menschen kennen lernen, die nicht nur mit ihren grünen Gefährten reden, sondern wissenschaftlich nachweisbar von diesen auch Antwort erhalten. Möglich macht es das Biolingua Institut, das im Vergangenen Jahr seinen 100. Geburtstag feierte. Mit akribischem Forscherdrang entwickelten und entwickeln WissenschaftlerInnen nicht nur akustische Messverfahren, sondern erschufen erste Strategien und Methoden zur Etablierung einer Mensch-Pflanzen-Kommunikation. Eine Fundgrube von unschätzbarem historisch-wissenschaftlichem Wert ist das Institutsarchiv, in dem alle Experimente, Ergebnisse, Verfahren, Messreihen, kurz und gut alle forschungsrelevanten Fakten Ereignisse und Äußerungen seit Anbeginn akustisch konserviert wurden und werden.

Das ist Kokolores und Fiktion! Sagen Sie. Das Liquid Penguin Ensemble, bestehend aus der Regisseurin Katharina Bihler und dem Komponisten Stefan Scheib, wird Ihnen sicherlich widersprechen. Warum soll beispielsweise eine Pflanze nicht auf dem Kopf eines Mannes wachsen können? Was sie brauche, so Katharina Bihler bei den Hörspieltagen, sei etwas, woran sie sich festklammern könne; also den Kopf. Ferner benötige das Gewächs Licht, Wärme und Wasser. Licht und Wärme wären wohl unproblematisch, Wasser bekäme es über den Regen. Das gebe es nicht, aber es wäre denkbar, erklärte die Autorin schmunzelnd. Damit schilderte sie nur eine der vielen Methoden, die bei der Komposition des Hörspiels zum Einsatz gekommen sind.  Hortensia Völckers, Jury-Vorsitzende des Dutschen Hörspielpreises der ARD, traf somit ins Schwarze, als sie zur Eröffnung der öffentlichen Jury-Diskussion im Anschluss an die Vorführung das Spannungsfeld „Fact, Fiction, Fake“ aufspannte. Eine Vorlage die Jurykollege Jochen Hieber durch Nicht-Verwandlung verwandelte: Er glaube diesem Stück alles, erklärte er mit Inbrunst. „Weil ich es glauben will!“, setzte er nach und stellte damit zur Schau, dass es uns HörerInnen in seinen Bann zieht.

Das tut es  nicht nur auf der inhaltlichen Ebene. Auch die stringente Logik, mit der hier Kokolores produziert wird, reicht bei weitem nicht aus. Letztendlich ist es die gewählte Form und deren perfektionistische Umsetzung, die dieses Hörspiel zu dem liebevollsten und feinsten Humor werden lässt, der mir je im Hörspiel untergekommen ist. Ich will mich hier mit ein paar Beispielen begnügen, doch es fällt mir schwer, mich zurückzuhalten:
Äußerlich tritt das Hörspiel auf, als sei es ein Feature, also ein Vertreter des großen und einzigartigen Radiodokumentationsformats. Dabei gelingt es den flüssigen Pinguinen ureigene Featureelemente im Hörspiel täuschend echt zu parodieren. Eine Differenzierung zwischen real existierenden Personen und fiktiven Figuren ist unmöglich. Ich hatte mich inzwischen zur Variante „alles Fake“ durchgerungen, als mich die Jurydiskussion eines Besseren belehrte. Hieber gab Einblick in das Hörspielmanuskript, aus dem hervorging, dass zumindest ein Forscher echt ist. Der Herr war übrigens anwesend. Katharina Bihler nahm während einer Diskussion zur Glaubwürdigkeit des Radios den Schleier von einer weiteren Figur ihres Hörspiels: Im Zuge ihrer Recherchen zum Stück besuchte sie die Insel Reichenau und zeichnete das Zusammentreffen mit einem Gärtner akustisch auf. Dieser wird im Hörspiel zum Institutsgärtner des Biolingua Instituts. Durch Versetzung eines Interviews in einen anderen Kontext wird neuer Sinn produziert.
Bleibt die Frage, warum klingen alle anderen so täuschend echt bzw. wie kriegt man SprecherInnen dazu, so unprofessionell und umgangssprachlich daher zu reden? Die Antwort, die Bihler auf diese Frage während der Diskussion mit dem Publikum gab, scheint simpel, ist aber in ihrem Gehalt wahrscheinlich nicht hoch genug zu achten: Man nehme einfach keine Sprechprofis, sondern Laien, die sich mit dem betroffenen Fachgebiet gut auskennen. Die müsse man dann noch dazu bringen, das zu sagen, was man sich ausgedacht habe.

So entsteht ein Hörspiel, dessen literarische Gattung nicht eindeutig ist. Gerda Hollunder, ebenfalls Jury-Mitglied, wies zu Recht darauf hin, dieses Stück sei Science Fiction. Aber nicht nur, will man einfallen. Es ist auch Parodie und Satire, Humoreske und und und … Vergleiche mit Größen des Literatur- und Kunstbetriebes strebten die Jurymitglieder an: In den kleinen aber in sich geschlossenen Archivnummern, die während des Stücks immer zu Gehör gebracht werden, klinge die Kunstfertigkeit eines Loriots an.
Ich verweigere mich solchen Vergleichen, derweil ich genau darüber nachdenke. Gerade im Bereich der Science Fiction wird vielleicht deutlich, dass solche Vergleiche dem Stück nicht gerecht werden: Man zeige mir ein Hörspiel, einen Roman, was auch immer, der/die/das dermaßen im Hier und Jetzt seines Entstehungszeitraumes verankert ist und nur aus dessen kulturellen, technischen und wissenschaftlichen Gegebenheiten, so ganz ohne Zukunftsgeplänkel, Science Fiction erzeugt.
Vielleicht ist diese eine der verborgenen Qualitäten des Stückes, sie scheint mir derzeit – insbesondere im Hörspiel – jedoch ein Alleinstellungsmerkmal zu sein.*

Wie alle Besprechungen kann auch diese nur einen kleinen Eindruck dessen vermitteln, was dieses Werk ausmacht. Offensichtlich ist es dem Liquid Penguin Ensemble jedoch gelungen, nicht nur zwei Fachjurys, sondern auch die HörerInnen zu überzeugen. Gras wachsen hören scheint damit offensichtlich zu den Hörspielen zu gehören die sui generis funktionieren. Es ist seit gestern 3fach preisgekrönt:

Da das Siegerstück des ARD-Hörspielpreises erneut von alle Landesrundfunkanstalten ausgestrahlt wird, besteht in den kommenden Wochen reichlich Gelegenheit, Gras wachsen [zu] hören.

Folgende Sendetermine sind bis jetzt bekannt:

*Vom Gegenteil lasse ich mich gerne überzeugen. Bitte schreiben Sie einen Kommentar mit genauen bibliografischen Angaben.

Weiterführende Link:
Eintrag zu Gras wachsen hören in der ARD-Hörspieldatenbank

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Hörspieltage 2008 6 Von Ernstmania in die Juxzone

Verfasst von theiresias am 8. November 2008

So kann man sich irren. Ein Hörspiel, das ich großartig fand, dem ich meine Stimme für den Online Award gab, weil ich, währenddessen ich es hörte, vor Begeisterung in meinem Zimmer hin und her lief. Die Rede ist übrigens von  (Eintrag auf der offiziellen Seite zu den Hörspieltagen 2008).
Ausgangspunkt des Stücks ist die Aussage Karl-Heinz Stockhausens, der Anschlag auf die Zwillingstürme sei das größte Kunstwerk. Eine Ungeheuerlichkeit, die damals sicherlich vollkommen deplatziert war, übersah Stockhausen doch die Opfer des Anschlags und vor allem deren Angehörige. Seine Tochter habe sich damals von ihm abgewendet, teilt mir mein ambitionierter Sitznachbar im Kubus mit. Er bringt mich in Sachen Stockhausen sowieso auf den neusten Stand. Dessen Tod hatte ich nämlich nicht registriert. Übrigens habe sich Stockhausens Tochter vollkommen zu Recht von ihm abgewendet. Diese Äußerung seien eine Unverschämtheit gewesen sagte er und nickt energisch dazu.

Nun sind diese Äußerungen aber in der Welt und man sollte es sich nicht zu leicht damit machen und sie moralisierend über den Haufen werfen. Das Wunderwerk nimmt Stockhausen beim Wort und versucht die Annäherung über eine Radiorealityshow; multiperspektivisch mit und ohne Hollywoodflair. Ob intendiert oder unintendiert, das ist mir ziemlich egal, dieses Stück deskonstruiert in meiner bescheidenen Interpretation den Satz Stockhausens. Das ist aber nur ein ganz kleiner Teil dieses Hörspiels und es verdient sicherlich einer eigenständigen Behandlung, die ich in Kürze nach den Hörspieltagen nachliefern will. Trotzdem verstörte es, im Publikum wie in Teilen der Jury. Wir verließen den Kubus alle mit ernsten Gesichtern.
Zudem hatten wir schon vorher schwer geladen, da lief nämlich El Niño und irgendwie hatte nicht nur ich mit diesem Werk extreme Probleme. Die Diskussion mit Götz Lemberg auf dem Musikbalkon klärte dann so einiges, half mir beim Begreifen dieser akustischen Kunst aber letztendlich auch nicht weiter. Auf jeden Fall eine ganz ernste Angelegenheit, geht ja auch um Weltuntergang und absaufende Entwicklungsländer. Irgendwie schien mir die Sache um 20:00 Uhr dann aber doch ein wenig ernst, ich fand inzwischen alles ätzend. Nur ein wenig ironische Distanz wäre da angebracht gewesen. Entgegen meinen ursprünglichen Plänen erstand ich fix noch eine Karte für die Live-Radioshow Das magische Auge mit Axel Naumer. Danach erklomm ich zur Diskussion des letztgehörten Stücks erneut den Musikbalkon.

Einige ARD-TypInnen versuchten dem Ernst bereits seit dem frühen Nachmittag mit anderen Mitteln zu entfliehen, sie soffen sich die Dinge schön. Während der Diskussion zu Das Wunderwerk stand ich unter einigen von ihnen. Das roch wie der leibhaftige Schnapsladen. Trotzdem waren sie alle irgendwie immer noch verdammt ernst. Warum saufen die dann? Oder gibt es einen wortwörtlichen Bierernst? Die Alkoholmethode?

20:55 Uhr: Höchste Zeit zum Aufbruch. Immerhin ging ja die Live-Sendung um 21:03 Uhr los. Als ich den Lichthof des ZKMs betrat, war der zwar nicht gerammelt voll, aber solide gefüllt. In den letzten Reihen gab es noch einige Plätze. Hierher verkroch ich mich. Naumer befand sich derweil mitten im Warm-up, erklärte was so kommen würde, man solle sich nicht wundern wenn so ab 22:20 Uhr alle auf der Bühne nervös würden, dann stünde man unter Zeitdruck. Schließlich ginge das ja live über den Sender. Wenn man am Ende noch Zeit übrig hätte, müsste das Publikum die Zeit halt mit Applaus überbrücken. Die BesucherInnen in den ersten Reihen waren schon hörbar gut gelaunt, hinten hinter den Säulen hielten wir uns noch dezent zurück. Naumer legte nach und präsentierte schon mal frei und souverän moderiert ein paar Radiopannen aus der Konserve. Funktionierte wie immer prächtig. Übrigens, so klärte uns der Gastgeber auf, habe man vorne auf der Bühne ein Display, wo die Nummer jedes klingelnden Handys riesengroß angezeigt werde. Das üblich Wühlen in den Hosen und Handtäschchen. Dann schalteten sie uns die Nachrichten drauf, von denen wir gerade noch den Wetterbericht mitbekamen. (O-Ton Naumer: „Wir haben die Kollegen gebeten, Ihnen nur die guten Nachrichten vorzuspielen.“). Und dann 90 Minuten leichte Unterhaltung vom Feinsten. Alles live mit leicht jazzigem Sound. Nur die Top10 der Radiopannen kamen aus der Konserve. Zunächst einmal gab es eine akustische humorvolle Stippvisite in diversen Ländern. Gängige Klangsujets von SprecherInnen und MusikerInnen liebevoll in Szene gesetzt. Höhepunkt war der Blick in Sarkozys Schlafzimmer, Verzeihung Präsidentschaftspalast. Die Anfangszeiten des Radios brachte Robert Kreis zu Gehör. Ganz klar mit einem eigenen Sound, der aber ganz ohne diesen doch oft so störenden Max-Rabe-Dauer-Dämpfer auskommt. Kreis stellt den historischen Link nicht über Klänge her, die auf Alt gemacht sind, ihm genügt eine pfiffige Textauswahl und sein prunkvolles Klavierspiel, das manchmal doch etwas zu martialisch daher kommt, tut ein Übriges.
Zu den Höhepunkten dieser Radiounterhaltung, wie sie heute eher selten ist, aber noch in den 50ern Gang und Gäbe war, gehörte sicher eine Krimiseifenopernsatire, die in drei separaten Teilen mit obligatorischem Cliff-Hanger als Live-Hörspiel vorgetragen wurde. Hierbei beschränkten sich die Handelnden auf die Produktion eines radiophonen Klangs und hampelten nicht über die Bühne. Das war wahrlich genug Arbeit. Denn alles musste zur rechten Zeit kommen. Hatte jemand einen Part zu sprechen, der nach Telefonübertragung klingen sollte, musste derjenige schon mal flux über die Bühne laufen, um das passende Mikrofon zu benutzen. Außerdem agierten hier äußerst multiple Persönlichkeiten. Bei drei hörte ich auf die Figuren zu zählen, die allein Jochen Busse verstimmlichte. Die Kunst, die die Geräuschemacherin Nina Wurman vollführte ist gar nicht genug zu rühmen. Alles in allem entstand langsam aber sicher eine komische Diskrepanz nämlich zwischen Gehörtem und zu Sehendem. Einen optimaleren Werkstattbericht können HörfunkerInnen nicht bieten.
Natürlich dürfen in einer lustigen Radiounterhaltungsshow die berühmten stimmlichen PolitikerInnen-Alter-Egos nicht fehlen und so gaben sich der Morgenmünte und die Merkelin die Ehre. Aber genug geschwätzt. Wenn sie es selbst im Radio nicht gehört haben, kann ich Ihnen auch nicht helfen.

Alles in allem hätte man sich nur gewünscht, dass auch bei den Hörspieltagen und nicht nur in deren Rahmenprogramm manchmal ein wenig mehr von dieser Leichtigkeit aus der Hüfte zu spüren wäre.

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Ab in die Klangkiste – ARD Hörspieltage 2008

Verfasst von theiresias am 3. November 2008

Nur, für den Fall, dass irgendwer Theiresias ab diesen Mittwoch suchen sollte: Ich verstecke mich ab Mittwochabend wieder in dieser sympathischen Kiste.

Dabei schottet sich Theiresias vollkommen von der Außenwelt ab, was weniger eine Haltung denn ein Diktat der Architektur dieses Raumes ist. Der sogenannte Kubus des Zentrums für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (ZKM) steht nämlich keinesfalls auf solidem Karlsruher Boden, sondern schwebt darüber. Wenig physischen und damit klanglichen Kontakt zur Außenwelt soll dieser Bau haben, erfuhr ich vor ein paar Jahren während einer Führung. Egal ob vor dem ZKM die Straßenbahnen vorbeirauschen oder ein Bauunternehmer vor der Tür ein Konzert für Presslufthammer und Vierzigtonner improvisiert, wer sich im Kubus befindet, wird das nicht mitbekommen. Der Raum selbst hat eine etwas befremdliche Akustik, die bewusst – um es trivial auszudrücken – trocken bzw. direkt gehalten ist. Durch die Benutzung von Vorhängen und  ominöser, an der Decke montierter Platten kann die akustische Tragweite jedoch geringfügig beeinflusst werden.
Fassen wir zusammen: Ein akustisch abgeschotteter Raum, der dazu eine trockene bzw. direkte Klangcharakteristik aufweist; Wer hier abtaucht, muss also gewaltig einen an der Waffel haben. Weit gefehlt!
Ich schrieb bislang noch nicht über die Inneneinrichtung. Und spätestens jetzt dürften Hifi-Fans neidisch werden. Ich sage nur: Über 40 Lautsprecher und jeder davon kann einzeln angesprochen und teilweise elektronisch gesteuert in die gewünschte Position verbracht werden. Damit wird klar, warum bei der Erbauung des Raums auf kontrollierbare akustische Rahmenbedingungen geachtet wurde. Wer für den sogenannten Klangdom komponiert, bekommt u. a. die Möglichkeit, ein Tonsignal gezielt an einem ganz bestimmten Ort im Raum zu positionieren. Weiter gedacht bedeutet dies, dass die räumliche Dimension konstitutiver Bestandteil einer Komposition bzw. einer Interpretation werden kann.

Im Rahmen der ARD Hörspieltage, über die ich ja, wie mir gerade einfällt, ursprünglich schreiben wollte, gewährt das ZKM wieder Einblicke in diese faszinierende künstlerische, aber für mein Empfinden oft intuitiv nicht nachvollziehbare, Arbeit. Das Reinhören lohnt sich auf jeden Fall. Gelegenheit dazu besteht am Samstag, 08.11.2008 um 19:00 Uhr.

Doch es braucht gar nicht so viele Lautsprecher, um diesen Raum schätzen zu lernen. Das geht auch bei einem klassischen Kammerkonzert, bei dem große Räume mit charakteristischer Akustik oft hinderlich sein können. Es reichen ebenfalls lediglich zwei Lautsprecher, vor denen man in aufgestuhlten Reihen Platz nimmt und den Darbietungen der zum ARD-Hörspielpreis eingereichten Stücke lauscht. Nicht zu weit vorn nicht zu weit hinten und immer genau in der stereophonen Mitte, so lautet die Formel für das optimale Hörergebnis. Wobei ich nicht schlecht staunte als ich angesichts des Prelistening zum ARD-Radiotatort im vergangenen Jahr in einer der hinteren Ecken auf dem Fußboden platznahm. Auch hier noch ein betörendes Hörerlebnis, um das einen so manch bekennender Hifiast beneiden dürfte.

Auf die einzelnen Stücke werde ich in den kommenden Tagen an dieser Stelle noch eingehen. Es ist wieder alles dabei: Wunderbare Hörstücke, die fesseln, zum Staunen einladen oder gar Begeisterungsstürme hervorrufen, Stücke bei denen ich offen bekenne, sie nicht zu begreifen, Stücke die mir auf das Äußerste missfallen. Kurz und gut: Ein optimales Festivalprogramm! Anerkennend nehme ich auch zur Kenntnis, dass die Hörfunkanstalten die Stücke im Rahmen ihrer rechtlichen Möglichkeiten bereits vor der Veranstaltung im Netz präsentieren. Dabei sind sie dieses Jahr besonders kreativ, indem sie Inhalte, die sie zum Download und OnDemand nicht anbieten dürften, einfach in repetierende Webchannels verfrachten. Das ist zwar für die HörerInnen etwas aufwendiger, mit dem ein oder anderem Hilfsmittel jedoch unproblematisch.

Nach der Vorführung eines Hörspiels während der Hörspieltage folgt eine kurze Jurydiskussion. Hier verließen in den vergangenen Jahren oft diverse Leute den Kubus, da einige Diskussionen selbst zu einem tragisch/komischen Fünfzehnminüter gerieten. So zum Beispiel, als man im vergangenen Jahr die Hörspielbearbeitung des Bestsellers Tannöd (von Andrea-Maria Schenkel) besprach. Dabei sei jeder Jury zugestanden, dass sie eine Einreichung aburteilt und für unwürdig befindet (wie damals geschehen). Wenn man aber versucht, analytisch vorzugehen und den Hörspieltext von der Romanvorlage abzugrenzen, dann ist es für Kenner lächerlich und für die Betroffenen ärgerlich, wenn einzelne Jurymitglieder virtuos ins Klo greifen. Behauptete doch dereinst tatsächlich eine Frau Doktor, u. a. Literaturkritikerin bei einer großen Süddeutschen Zeitung ihres Zeichens, es sei unklar, wer den Roman erzähle, ja der Erzähler trete nicht auf. Die Lektüre der ersten beiden Romanseiten hätte sie eines Besseren belehren können.

Aber zum Glück bleiben derartige Juryschnitzer inzwischen nicht mehr ungesühnt, denn ebenfalls nach jedem Hörspiel gibt es eine Diskussion mit den HörspielmacherInnen (Regie, Dramaturgie, Redaktion, AutorInnen etc.) auf dem Musikbalkon direkt vor dem Kubus. Hier darf sich jede und jeder beteiligen.
Natürlich hatte im obigen Fall der Leiter der Hörspielabteilung des Norddeutschen Rundfunks, Norbert Schaeffer, eine undankbare Aufgabe. Um dem Verriss seiner Tannöd-Inszenierung zu widersprechen, musste er erst mal solides literaturwissenschaftliches Erstsemesterwissen populär aufbereiten. So konnte er einige der schlimmsten sachlichen Jurypatzer zumindest sachlich korrigieren.
Ich nehme übrigens Wetten entgegen, an welchem Stück sich die Jury dieses Jahr „vergreift“. Wobei ich noch nicht weiß, wer ihr angehört.

Kein Geheimtipp ist inzwischen auch das Rahmenprogramm der Hörspieltage. Hierbei setzt man auf die großen Publikumsmagnete. Eine Radioshow mit Jochen Busse die Freitag, 08.11.2008 auf hr 2 und SWR 2 direkt übertragen wird gehören dazu, wie auch die „Wortoper“ Rotkäppchen, die vom letztjährigen Büchnerpreisträger Martin Mosebach kreiert wurde.
Theiresias wird sich nach der Preisverleihungsgala am Samstag sicherlich noch das Motion-Trio anhören, das laut Leporello zur Veranstaltung das Akkordeonspiel neu definiere.
Wenn die Kräfte dann noch einigermaßen reichen, der Hörspieltag geht ja immerhin am Samstag um 11:00 Uhr los, entschwebt Theiresias nach diesem Konzert in die Radiotatort-Nacht. Hier gibt es zwei Prelistenings (Ausstrahlung im nächsten Jahr), die leider durch den schwachen Radiotatort des Hessischen Rundfunks aus diesem Jahr unterbrochen werden. Nun ja, der HR ist Gastgeber, was will man machen.

Vor allem nicht meckern, ist es doch durchaus nicht selbstverständlich, dass die Hörspieltage inzwischen zum dritten Mal in Folge im ZKM stattfinden. Mit Kubus und Medientheater hat das Zentrum allerdings auch einiges zu bieten.

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Das Aus für den Deutschlandfunk?

Verfasst von theiresias am 1. November 2008

Wie ja den Hörerinnen und Hörern der Sendung Krieg der Welten (siehe hier und hier) bekannt sein dürfte, existiert das Columbia Broadcasting System (CBS) seit dem Angriff der Marsianer nicht mehr. Ein ähnliches Schicksal droht jetzt auch dem deutschen Qualitätsradio. Allerdings sind die Angriffsmethoden in diesem Fall noch perfider. Konnten die CBS-Reporter ihre Vernichtung noch live reportieren, findet die Zersetzung des Deutschlandfunks von innen statt; das eigene Programm wird den Untergang herbeiführen. Die Anzeichen sind leider unverkennbar. So heißt es in der Vorankündigung der Sendung Klassik-Pop-et cetera:

Die Pianistin Lise de la Salle Sternzeichen Stier! Die gerade mal 20-jährige Pianistin Lise de la Salle begründet ihre Zielstrebigkeit mit den Sternen: [...]

Dieser Griff nach den Sternen symbolisiert die Invasion der Esoterikaner, die jenseits der Brandweinstrasse beheimatet sind.  Wie weit fortgeschritten die Zersetzung ist, davon zeugen die umgebenden nekrophilen Programmstunden. In altbekannter boulevardesker Manier begibt sich Das Wochenendjournal auf den Friedhof Melaten. Um kurz nach elf übernehmen mit letzter kosmopolitischer Restenergie die Gesichter Europas, in dem sie – wer hätte das gedacht – europäische Friedhöfe bereisen.

Wenn der Sender sich noch bis kurz vor fünf hält, dann ist Rettung nah. Diese liegt wie immer im Suff. Denn dann erfahren wir im Digitalen Logbuch endlich, wie man sich ein Vista-Bier braut.

Diverse Privatsender von der RTL-Gruppe bis zu Prosieben/Sat1 haben übrigens Interesse an den Frequenzen und dem Archivmaterial des sterbenden Senders geäußert. Mit Monothemismen kenne man sich mindestens genauso gut aus wie die pseudointerlektuellen öffentlich rechtlichen Sender. Man könne also den Sendebetrieb übernehmen, ohne dass überhaupt jemand etwas merke. Außerdem habe man noch diverse Wissenschaftssendungen (Transzendentia – Reinkarnations TV), Doku-Soaps (Bestatter sucht Leiche), aber auch Eventshows (Deutschland sucht den Superbeerdigungsorganisten) in petto. Gerade mit der letztgenannter Show werde man beweisen, das Qualitätsradio nicht nur öffentlichrechtlich sein müsse. Immerhin würden die Laienmusiker ja nur hervorragende Komponisten, weil tote Komponisten, zum Besten geben.

In diesem Sinne schließen wir diesen Bericht mit Bach:
„Wir setzen uns mit Tränen nieder und rufen Dir im Grabe zu: Ruhe sanfte, sanfte ruh!“

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Die Marsianer kommen

Verfasst von theiresias am 28. Oktober 2008

Eigentlich ist Theiresias angesichts einer exponentiell wachsenden Zahl von Texten, Klängen und bewegten Bildern der Ansicht, dass es zwangläufig keine medialen Erzeugnisse gibt, die jemand unbedingt kennen muss. Dieser strengen Haltung haben sich auch Goethes Faust (insbesondere Teil II) und Pulp Ficition zu unterwerfen. Dennoch gibt es Menschen, die an ihrem Canon hängen und stets um Erweiterung des selben bemüht sind. Wenn diese Menschen heute Abend um 22:00 Uhr nicht den Weg vor ihr Radiogerät finden, entgeht ihnen die deutsche Bearbeitung eines amerikanischen Hörspielklassikers, ach was sage ich, DES amerikanischen Hörspielklassikers ÜBERHAUPT.
Wir schreiben den 30. Oktober 1938: Es ist soweit, die Marsmenschen okkupieren die Erde. Voll Panik rennen Tausende unschuldige Amerikanerinnen und Amerikaner, ja sogar Kinder, aus ihren Häusern. Wohin sie fliehen wollen, wissen sie wahrscheinlich selber nicht. Außerdem gibt es zur Flucht auch überhaupt keinen Grund. Die Marsmenschen landeten nämlich nur in einer Live-Radiosendung, einem Hörspiel des Regisseurs Orson Welles.
Und dessen deutsche Bearbeitung aus dem Jahr 1972 sendet heute Abend MDR Figaro, bundesweit über Kabel und Satelit zu empfangen. Zur Not gibt es das Programm auch übers Web (Live-Stream).

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Zertifikate sind wie Wetten

Verfasst von theiresias am 16. Oktober 2008

Hermann Josef Tennhagen, Chefredakteur der Zeitschrift Finanz-Test, ist mit der Berichterstattung zur Finanzkrise höchst unzufrieden und rügt folglich den Blätterwald und die Mattscheibengesichter. Geradezu erhellend mutet es an, wenn er in der aktuellen Ausgabe des Radioeins-Medienmagazins (Downloadlink) erklärt, wie es denn richtig geht. Ob man mit seinen Lösungen tatsächlich einen journalistischen Lösungsweg pflastern kann, oder ob die Metaphorik vielleicht doch etwas schief läuft, davon mag man sich selbst ein Bild machen. Zur Reflexion taugt das sorgfältige durch Jörg Wagner geführte Interview allemal.

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