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die dinge mit den augen des blinden sehers

50 Jahre “Danke”

Geschrieben von theiresias am 20. Mai 2011

Momente der Musik im gottesdienst

Sonntag Kantate (22.05.2011), 10 Uhr, Ev. Kirche Hohenwettersbach

Susanne Kugelmeier (* 1962)
Variationen über „Danke“

Zu Beginn des Gottesdienstes:
Thema – Intrade – Eine kleine Dankmusik

Nach der Predigt:
Thema – Frei nach Johann Sebastian Bach – Pavane – Nachtanz

Als Nachspiel:
Adagietto – Toccata

In den späten 80er Jahre lief in meinem Elternhause am Sonntagnachmittag eine Radiosendung mit dem Titel „Was darf es sein? Melodien, die sich Hörer wünschen“. Eine Single strahlte die vierte Welle des Westdeutschen Rundfunks während dieser Sendung immer und immer wieder aus: Danke für diesen guten Morgen. Bestaunten die Eltern den Erfolg des Liedes in der Fassung des Botho-Lucas-Chores, fiel es dem Sohn spätestens nach dem vierten Sonntag auf die Nerven. Dabei hatte das Lied zu dieser Zeit seinen Höhenflug in den deutschen Charts schon lange hinter sich und war längst in diversen Beiheften zum damaligen Gesangbuch zu finden. Festzuhalten bleibt jedoch, dass der Erfolg des Danke-Liedes (EG 334) ohne das Radio und den Schallplattenmarkt nicht denkbar gewesen wäre.

Die Anfänge

Im Jahr 1961 richtete der Pfarrer Günther Hegele an der Evangelischen Akademie Tutzing ein Preisausschreiben aus, das zur Einreichung von Liedern aufforderte, die mit Elementen des Jazz oder der sogenannten Unterhaltungsmusik gestaltet waren. Es wurden über 2.000 Lieder eingesandt. Die Beiträge kamen sowohl aus der Bundesrepublik, als auch aus der DDR. Das Lied Danke von Martin Gotthard Schneider gewann den mit 1.000 DM dotierten ersten Platz.
Hegele war an der Verbreitung dieser neuen geistlichen Musik gelegen und so nutzte er einen bestehenden Kontakt zum Plattenlabel Elektrola, um das Lied einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Dort nahm man den Titel zunächst nicht besonders ernst und gab ihn an den Musiker und Produzenten Botho Lucas mit dem Hinweis, er solle das doch mal aufnehmen, man bekäme es von einem Pfarrer exklusiv, das Studio sei ja gerade frei.

Der Danke-Sound

Das Arrangement für die Aufnahme besorgte Werner Last, der Bruder von James Last, und Lucas nahm es daraufhin mit einer Sängerin im Mehrspurverfahren auf. Dabei wurde mehrmals über eine bereits bestehende Aufnahme gesungen. So lässt sich dann ein Frauenchor aus einer einzigen Dame bilden.

Botho Lucas Fassung auf Tonträger

 

Für Besitzerinnen und Besitzer eines Schalplattenspielers besteht die Möglichkeit, über einschlägige Internetplattformen das Original aus dem Jahr 1962 (Elektrola) zu erwerben. Ansonsten empfiehlt sich die Recherche bei einem größeren Online-Musikhändler und der Einzelerwerb via Download. CDs mit dem Charts-Hit sind eher Mangelware.

Lasts Bearbeitung muss man im Nachhinein als einen kleinen Geniestreich bezeichnen. Er erfindet eine Oberstimme, die von einer Querflöte konsequent durchgespielt wird und sich äußerst harmonisch zur Melodie des Liedes verhält. Als weitere Begleitinstrumente treten ein Cembalo, ein Bass, eine Gitarre und ein dezent eingesetztes Schlagzeug hinzu. Flöte, Cembalo und Schlagzeug beginnen, Kontrabass und Gitarre setzen jeweils etwas später ein. Der Frauenchor führt zunächst nur das Wort „danke“ als vollen Akkord aus. Ab der dritten Strophe spielen alle Instrumente mit. Außerdem wird ab hier mit Beginn jeder neuen Strophe das Lied jeweils um einen halben Ton nach oben verschoben. Der Chor tritt ab jetzt, erst dezent dann deutlich, als Hintergrundchor in Erscheinung. Die allerletzte Phrase „Danke, ach Herr, ich will dir danken, daß ich danken kann.“, wird wiederholt. Bei der Wiederholung greift entweder Produzent Lucas oder Arrangeur Last zum Klischee: Sie wird von einer imitierten Kirchenorgel untermalt und das Stück endet mit einem in Choralsätzen zu häufig verwendeten Quartvorhalt.

 

Ein Stein des Anstoßes

Die Single bleibt zunächst nahezu unbeachtet. Den weiteren Erfolg beschreibt Botho Lucas in einem Interview:

“Der Vertrieb bei uns sagte, na ja, pressen wir mal 900 davon an. Es wird ja so viel auf den Markt geworfen.
Anschließend blieb aber alles still. Es war also nichts. Aber dann lief wieder der Pfarrer Hegele von Tür zu Tür, und allmählich ging in den Kirchenblättern ein ziemliches Gerangel los; pro und kontra. Meistens allerdings kontra. Ich glaube, erst der Protest dieser Kirchenleute hat den Titel zu einem Renner gemacht. Nach zwei, drei Monaten rief mich Herr Illgner [Lucas Mitproduzent und Vorgesetzter] in den Vertrieb und sagte: ‚Das scheint ganz witzig zu werden mit deinem Danke; wir haben eine unerklärliche Lawine von Bestellungen’”
Zitiert nach Andreas Malessa: Der neue Sound. Christliche Popmusik – Geschichten und Geschichten, Wuppertal 1980, S. 27 f.

Das Lied landete für mehrere Wochen in den Charts der deutschen Hitparade und wurde infolgedessen von sehr vielen Radiosendern gespielt. Wie eingangs bereits erwähnt, hielt sich seine Popularität im Radio und im kirchlichen Gebrauch bis in die 1980er Jahre. Seine Aufnahme in den in allen Landeskirchen gleichen Stammteil des Evangelischen Gesangbuchs erscheint daher folgerichtig.

Die Variationen von Susanne Kugelmeier

Die Komponistin schert sich überhaupt nicht um den Unterschied zwischen „ernster“ und „Unterhaltungsmusik“, ein Aspekt, der in der Debatte um das Lied in den 60er Jahren nicht unerheblich war. Im Gegenteil: Kugelmeier vereint beide Welten miteinander, indem sie für jede Variation eine musikalische Patin aus der klassischen Musik wählt. Diese Patin kann sowohl eine musikalische Gattung (Pavane, Tanz, Intrade oder Toccata), als auch ein konkretes Werk der klassischen Musik wie die Air von Bach oder der erste Satz aus Mozarts Kleiner Nachtmusik sein. Durch diese Verknüpfungen führt die Komponistin – beabsichtigt oder nicht – einen der heftigsten Kritikpunkte an dem Lied musikalisch ad absurdum. Wer die Melodie von Danke zu simpel findet und wem die Begleitharmonien ein Graus sind, der muss die gleichen Vorwürfe gegen unzählige Werke der klassischen Musik erheben. Am deutlichsten wird diese These durch die Bearbeitung Frei nach Johann Sebastian Bach unterstrichen. Die Harmonien der ersten Takte aus Bachs Air lassen sich eins zu eins als Begleitung für die ersten beiden Zeilen des Liedes verwenden.

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