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die dinge mit den augen des blinden sehers

Orgelmusik von Komponistinnen I: Fanny Hensel

Geschrieben von theiresias am 4. März 2011

Vom frühen Ende einer musikalischen Karriere

„Was Du mir über Dein musikalisches Treiben im Verhältnis zu Felix in einem Deiner früheren Briefe geschrieben, war ebenso wohl gedacht als ausgedrückt. Die Musik wird für ihn vielleicht Beruf, während sie für Dich stets nur Zierde, niemals Grundbaß Deines Seins und Tuns werden kann und soll; ihm ist daher Ehrgeiz, Begierde, sich geltend zu machen in einer Angelegenheit, die ihm sehr wichtig vorkommt, weil er sich dazu berufen fühlt, eher nachzusehen, während es Dich nicht weniger ehrt, daß Du von jeher Dich in diesen Fällen gutmütig und vernünftig bezeugt und durch Deine Freude an dem Beifall, den er sich erworben, bewiesen hast, daß Du ihn Dir an seiner Stelle auch würdest verdienen können. Beharre in dieser Gesinnung und diesem Betragen, sie sind weiblich, und nur das Weibliche ziert die Frauen.“

Mit diesen Worten beendete Abraham Mendelssohn in einem Brief vom 16. Juli 1820 die musikalische Karriere seiner Tochter, bevor sie begann. Alle verfügbaren Quellen berichten übereinstimmend, dass die musikalischen Leistungen Fanny und Felix Mendelssohns durchaus gleichwertig waren. Beide waren sogenannte Wunderkinder, brillierten am Klavier und übten sich früh in der Komposition. Legt man die bekannten Briefe der Familie zu Grunde, so waren die beiden zu tiefst miteinander verbunden. Die gegenseitige Wertschätzung der musikalischen Arbeit war sehr hoch. So trugen die Geschwister gegenseitig Kompositionen in ihre Alben ein.
Die Frage, warum Abraham Mendelssohn der Tochter eine musikalische Laufbahn verwehrte, ließe sich sicherlich mittels des damaligen Zeitgeists schnell beantworten. Es sei hier jedoch zumindest angemerkt, dass diese Antwort allein zu kurz greift. Zumal die Anbiederung des Familienoberhauptes an den Zeitgeist wiederum triftige Gründe hatte, u. a. den im 19. Jahrhundert bis ins Extreme anwachsenden Antisemitismus. Mendelssohns pragmatische Maxime war die bestmögliche Anpassung. So ließ er beide Kinder christlich taufen und zusätzlich den Namen Bartholdy annehmen. Die Kinder respektierten diese Haltung, folgten ihr jedoch nicht. Beide führten in ihren Veröffentlichungen stets den Namen Mendelssohn Bartholdy; Fanny Hensel nach ihrer Hochzeit weiterhin als Zusatz.
Auch Felix Mendelssohn Bartholdy sprach sich in einem Brief an seine Mutter gegen die Veröffentlichung von Kompositionen seiner Schwester aus. Erst ihr Mann ermutigte sie dazu und veröffentlichte ein paar ihrer Werke postum.

Das musikalische Werk Fanny Hensels

Fanny Hensel komponierte ein Oratorium, mehrere Kantaten, Kammermusik, sowie zahlreiche Lieder und Klavierstücke. Einige ihrer Kompositionen veröffentlichte Felix Mendelssohn Bartholdy mit ihrer Genehmigung unter seinem Namen. Trotz des väterlichen Vorsatzes, sie zur Hausfrau auszubilden, blieb sie Zeit Lebens eine wirkende Musikerin. Wenn sie auch sehr wenig veröffentlichte, so veranstaltete sie regelmäßig sehr beliebte musikalische Salons, während derer zum einen ihre Kompositionen zu hören waren, zum anderen sie als Pianistin glänzte.

Die Kompositionen für Orgel

Für Kirchenorgel sind insgesamt drei Stücke überliefert, die für eine romantische Orgel mit rund 40 Registern erdacht wurden. Sie lassen sich jedoch alle auf kleineren Instrumenten aufführen. So ist nur an einer Stelle ein zweites Manual zwingend nötig. (Hier werde ich bei der Aufführung so schummeln, dass es nicht auffallen dürfte.) Entstanden sind zwei der Stücke zu ihrer Hochzeit mit dem Maler Wilhelm Hensel am 03. Oktober 1829. Zu dem dritten Stück, das nur als Fragment in 30 Takten vorliegt, ist der Entstehungszusammenhang unbekannt. Ronald Herrmann-Lubin, der es im Furore-Verlag herausgegeben und dazu ergänzt hat, vermutet in seinem Vorwort, dass es auch im Zusammenhang mit einer Festivität entstand.

Dieses Präludium in G-Dur erklingt im Gottesdienst am 06. März als Vorspiel. Es beginnt in einem majestätischen Grave, dass immer durch spielerische, flinke Einwürfe aufgeheitert wird. Den zweiten Teil deutet Hermann-Lubin als kurze Abschnitte eines erfundenen Chorals, der durch quasi barocke Einwürfe unterbrochen wird, die wie kleine Fugen bzw. Kanons scheinen. Aus diesem Teil führt Hermann-Lubin das Stück zunächst in den Anfangsteil zurück um, dann den Choral in der Grundtonart am Stück erklingen zu lassen und somit das Präludium zu beschließen.

Das Präludium in F-Dur, welches am 06. März am Ende des Gottesdienstes zu hören ist, schrieb Fanny Hensel für ihre eigene Hochzeit. Ihm liegt ein strikter Marschrhythmus zugrunde, so dass das Brautpaar (bzw. nur die Braut geleitet vom Brautvater) zu dieser Musik in die Kirche einziehen konnte. Der Furore-Verlag gibt das Stück zusammen mit der zweiten Komposition, die Hensel zu ihrer Hochzeit anfertigte, in einem Band mit dem Titel Orgelstücke zur Hochzeit heraus, womit nicht nur der historischen Tatsache Respekt gezollt wird, sondern auch dafür geworben wird, die Musik wieder zu Trauungen und Ehejubiläen zu spielen. Eine Empfehlung, der der Rezensent der Zeitschrift Forum Kirchenmusik in seinem Beitrag beipflichtet und der man als Organist gern folgen mag, so die Brautpaare denn wollen. Denn trotz seiner vielen breiten Akkorde (die Dame muss große Hände gehabt haben) ist das Präludium höchst abwechslungsreich. In F-Dur, seiner vorgegebenen Grundtonart, verweilt es kaum, kehrt selten dahin zurück und schafft es knapp zum Schluss wieder dorthin zurück. Ansonsten springt es auf Melodien, die zum Ohrwurm führen können, geschwind durch die Tonarten.

Ein zu hebender Schatz

Bei Mozart ist es das „Nannerl“, bei Schumann seine Frau Clara, bei Mendelssohn eben seine Schwester Fanny. Insbesondere bei den Komponistinnen der Romantik dürfte noch ein Schatz an Kompositionen ruhen, der noch zu heben ist. Um einen Eindruck davon zu bekommen, wie viel Frau bereits zu dieser Zeit wirklich komponiert hat, lohnt sich beispielsweise ein Blick in das Furore Verlagsprogramm, ein Haus, das sich darauf spezialisiert hat, allein Werke von Komponistinnen und Literatur zu diesen zu veröffentlichen.
Ein Umdenken in der musikwissenschaftlichen Forschung und der musikalischen Praxis scheint gerade stattzufinden. In dem Begleitheft zum Album Mendelssohn Rarities. Rare Piano Works des italienischen Pianisten Roberto Prosseda behandelt der Mendelssohn-Forscher R. Larry Todd beide Geschwister gleichwertig und geht insbesondere auf die gegenseitige musikalische Beeinflussung ein.

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