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die dinge mit den augen des blinden sehers

Tsunami über Deutschland

Verfasst von theiresias am 26. September 2008

Eine Mediensatire zum Kugeln aus dem Jahr 2007, die 2008 gehört noch viel lustiger ist.

Eine dunkle Sturmwolke nähert sich von der Ostsee der Bundesrepublik Deutschland und rast gnadenlos auf Berlin zu. Ein kleines Kuhdorf fiel ihr bereits zum Opfer, als das ARD Krisen Center in Berlin endlich mit der Berichterstattung beginnt und das laufende Hörspiel den ach so wichtigen aktuellen Ereignissen zum Opfer fällt.
Zunächst schaltet man zum Reporter vor Ort, der aber anstatt zu reportieren kuriose Meldungen, die ihm auf Zetteln zugesteckt werden, ungefiltert in den Äther plappert. Es folgen die Nachrichten. Ihr einziges Thema: Die Sturmwolke. Nach diesen fiktiven drei Minuten der Ruhe bringt das ARD Krisen Center die mediale Walze ins Rollen. Die ersten Politikerstatements, vermeintliche Experten.
Die ersten Gerüchte kommen auf. Live verkündet irgend ein verkappter Wissenschaftler, Ursache des akustischen Tsunamis seien geheime Experimente der NATO mit sogenannten Schalldruck-Bomben. Es folgen Dementis und Empörung. Der gerade aus dem Amt verschiedene Ministerpräsident Stoiber fordert den sofortigen Abbruch der Experimente. Die Bundespolitik beharrt darauf, es sei ein natürliches Phänomen, ein anderer Experte, natürlich mit Professorentitel, bestätigt diese Haltung.
Und dann zeigt der öffentlich rechtliche Journalismus mal so richtig, was er drauf hat. Als Fuchs Spürpanzer an den Ort des Geschehens geschickt werden, wittert der Comoderator direkt den Einsatz der Bundeswehr im Inneren. Aufrichtig enttäuscht berichtet daraufhin der Außenreporter, die Panzer wären, nachdem sie die Wolke dreimal umfahren hätten, wieder verladen worden. Zurück ins Studio, wo der in Fragen der Innen- und Verteidigungspolitik vertraute Redakteur darauf beharrt: “Dieser Vorfall wird ein politisches Nachspiel haben.” Aber genug des Inhalts. Nur noch kurz, was Ihnen entgangen ist, wenn Sie die Ausstrahlung gestern Abend auf 1 LIVE versäumten und die voraussichtlichen Wiederholungen auf anderen Wellen verpassen werden: Die Live-Reportage eines ORF-Reporters aus dem Inneren des Tsunamis unter Verlust seines Lebens, 235 teilweise ertaubte Bundeswehrsoldaten, den Untergang Berlins und des Rests der Welt.
Und glaubt man, die HörspielmacherInnen sind mit ihrem Repertoire am Ende, legen sie erst so richtig los. Dabei ist das mediale Instrumentarium keineswegs aus der Luft gegriffen. Es begegnet uns täglich ob im Radio oder Fernsehen. Was hier in der Fiktion praktiziert wird, ist auditiver Realismus, der in seiner konkreten Darbietung zur Karikatur wird. Autor und Regisseur Heiner Grenzland macht sich gar nicht erst die Mühe, Namen für seine Figuren zu erfinden. Die Bundeskanzlerin heißt Merkel, der Verteidigungsminister Jung usw. usf. Die Handlung, in die er die literarischen Alter-Egos der zeitgeschichtlichen Personen versetzt, ist so absurd und auf hohem Niveau bekloppt, dass er sich diesen von manchem Betroffenen sicherlich als schändlich empfundenen Fehltritt ohne Probleme erlauben kann. Die Absurdität der Handlung bewirkt ferner, dass Hörerinnen und Hörer ihr Ohrenmerk auf gängige politische und mediale Gepflogenheiten richten. Theiresias brach beispielsweise in schallendes Gelächter aus, als vom “Landeskommando der Bundeswehr” die Rede war. Auch die Multiplikation einer Einzelmeinung zu einer öffentlichkeitswirksamen These lässt sich neben ganz vielen anderen Dingen an diesem Hörspiel nachvollziehen. Prompt schwebten Theiresias die Bilder des drohenden Weltuntergangs vor Augen, der durch ein schwarzes Loch herbeigeführt werden sollte, welches wiederum durch die Inbetriebnahme des neuen Teilchenbeschleunigers am CERN verursacht würde. So verkündete es jedenfalls vor ein paar Wochen ein chaotischer Chaostheoretiker, der aber kein ausgewiesener Physiker, sondern Metaphysiker …. öhhhhh …. Chemiker der Professur nach ist. Alle fanden diese Idee des Weltuntergangs so geil, dass sie dem verwirrten alten Mann extra viel Sendezeit einräumten.

In Grenzlands Hörspiel geht die Welt übrigens tatsächlich unter und wird – quasi im Epilog – wieder besiedelt.

Unbedingte Hörempfehlung, wenn es irgendwann mal wieder gesendet wird.

Tsunami über Deutschland
Hörspiel von Heiner Grenzland
Regie: der Autor
Produktion: RBB, 2007

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