Pseudokrimi mit bleibendem Beklommenheitsgefühl
Verfasst von theiresias am 21. Mai 2008
Der Bremer Radiotatort ist ein gewagtes Stück Hörspiel, das unter Umständen nur wenige bis zu seinem radikal modern-tragischen Ende gehört haben.
Radio Bremen mutet den Hörerinnen und Hörern des ARD-Radiotatortes einiges zu. Anders ausgedrückt: Die Rundfunkanstalt präsentiert dem Publikum einen Hörkrimi, der mit jeder voranschreitenden Minute zum Abschalten reizt. Als Hauptfiguren kreiert John von Düffel, Autor des Stücks Schrei der Gänse, eine Polizistin und einen Staatsanwalt, die beide nicht zum Helden taugen. Sie: eine eigenbrötlerische, selbstbewusste Dame mit Haren auf den Zähnen; er: ein eingebildeter Staatsanwalt, der Wert darauf legt, ungeheuer gebildet zu sein, dies sein Gegenüber spüren lässt und zudem gerne Polizist spielt.
Diese beiden stürzen sich auf einen Fall, der offiziell kein Fall sein kann, da es keine Leiche und keine Vermissten gibt. Die Einzige, die fehlt, ist eine Gans. Die Streifenpolizisten, die diese Meldung des Leiters eines Landschulheims aufnehmen, lachen den guten Mann aus und doch benachrichtigen sie Kommissarin Claudia Evernich, die vor drei Jahren in einer Sonderkommission arbeitete, welche den Missbrauch mit anschließendem Mord an einem kleinen Jungen aufklären sollte. Der Junge verschwand damals aus eben diesem Landschulheim.
Zunächst einmal wirkt alles übereifrig: Die Gänse waren als lebende Alarmanlage angeschafft worden, folglich muss das Verschwinden einer Gans laut Evernich ernst genommen werden. Dann ist da noch der kleine Alexander, der behauptet, dass ihn nachts ein Mann im Jungenschlafsaal besuche. Niemand glaubt ihm, seine Erzählungen hält man für Träume. Evernich spricht mit dem Kind und glaubt in seinem Bericht, Indizien für den „weichen“ Missbrauch durch einen mutmaßlichen männlichen Täter zu finden.
Nun mischt John von Düffel diese ersten Indizien mit anderen Indizienketten. Auch der übereifrige Staatsanwalt fördert so einiges zutage, die Ermittlungen der damaligen Sonderkommission sorgen für ein Übriges. Nicht zu vergessen der Profiler, der schon damals an dem Fall arbeitete, wird erneut zu Rate gezogen. Dem Medium entsprechend sucht man nicht mit einem Phantombild. Keines der Opfer hat den Täter gesehen, aber alle haben seine Stimme gehört. Folglich sucht man nach einer charakteristischen Stimme. Diese Stimme tritt im Hörspiel unverkennbar auf, Hörerinnen und Hörer kennen die dazugehörige Person, sie zählen eins und eins zusammen und kennen nach rund 30 Minuten damit auch den Täter. Was nun? Will man uns rund 20 Minuten lang mit dem Gezänk der beiden Hauptfiguren beschallen? Im Grunde läuft es darauf hinaus. Und es ist richtig, dies zu tun. Beiden Hauptfiguren muss zugute gehalten werden, dass ihnen das Wohl der Kinder am Herzen liegt, und sie weitere Taten verhindern wollen. Beide ziehen daraus unterschiedliche Schlüsse. Trotz des kriminologischen Finger-Juckens mahnt der Staatsanwalt zu Dienst nach Vorschrift und unterstellt der Kommissarin voreilige Verdächtigungen. Indes ist er nicht objektiv, denn derjenige, den die drahtige Polizistin verdächtigt, ist sein alter Schulfreund. Claudia Evernich hingegen gehen die zurückliegenden Fälle nicht aus dem Kopf. Es darf kein weiterer Junge verschwinden. Die Kinder des kleinen Bundeslandes Bremens müssen vor diesem Gewalttäter geschützt werden. Sie argumentiert utilitaristisch, wenn sie versucht zu rechtfertigen, den kleinen Alexander als Lockvogel einzusetzen.
Der Übereifer der beiden findet sein radikales Ende im Überfluss. Die wenigen Worte eines unbedeutenden Polizisten, die hier nicht verraten werden, jedoch die letzten Worte des Hörstücks sind, rücken alles Vorhergegangene in ein ganz anderes Licht. Der nicht existierende Fall wird nie gelöst werden und das scheint zumindest für den Augenblick auch vollkommen sekundär zu sein.
Dabei ist der Schluss keinesfalls dekonstruktivistisch. Allerdings bleibt es den Hörerinnen und Hörern überlassen, die letzten Worte mit der vorhergehenden Handlung in einen Dialog zu setzen. Dann können nämlich spannende Fragen entstehen, die sich eine Gesellschaft, die immer und immer wieder von neuen Gewalttaten und Missbrauchsfällen medial in Kenntnis gesetzt wird, dringend stellen muss.
Akustisch ist dieses Stück grundsolide, doch akkurat, gearbeitet. Der übliche Stereomix während der Dialoge, Standardfilter während der Telefonate, solider Einsatz der Atmosphärengeräusche. Die Musik, von Sabine Worthmann verantwortet, ist zwar puritanisch, Klarinetten-Ensemble und Knabenchor, jedoch fest dramaturgisch verankert. So werden diverse Kinderlieder und Kindersprüche wie Fuchs Du hast die Gans gestohlen und Wer fürchtet sich vor’m schwarzen Mann in Form Angst erregender Variationen leitmotivisch in die Handlung montiert.
Schrei der Gänse ist ein mutiger Hörspieltext mit solider und professioneller Umsetzung durch Radio Bremen. Dieser Text fordert jedoch den/die mündige HörerIn, die auch dann bereit ist weiter zu hören, wenn ein Hörspiel das Äußerste an Geduld abverlangt. Der Lohn für das Nicht-Abschalten ist ein unbefriedigender Schluss, der jedoch zwangsläufig den Hirnkasten in Bewegung setzt, was ja gelegentlich zu guten Ergebnissen geführt haben soll.
Schrei der Gänse
von John von Düffel
aus der Serie ARD Radiotatort
Regie: Christiane Ohaus
Komposition: Sabine Worthmann
Produktion: Radio Bremen, 2008
Download bis zum 26.05.2008 unter www.radio-tatort.de