www.theiresiasweb.de

die dinge mit den augen des blinden sehers

SightCity 1: Ein Messerückblick

Verfasst von theiresias am 16. Mai 2008

Das mediale Lamentoso zu den regelmäßigen Technikschauen wie CeBIT (Zentrum für Büro- und Informationstechnologie) und IFA (Internationale Funkausstellung) ist gleichsam einhellig wie langweilig: Es gebe ja kaum noch etwas neues zu entdecken, keine wirklichen Innovationen. Auf der SightCity in Frankfurt bestand durchaus die Gefahr, diesem Eindruck auch zu erliegen, wenn man sich von dem üblichen Werbegehabe der Platzhirsche anziehen ließ, wenn nicht, dann gab es in der Tat sehr viel innovatives zu entdecken. Die SightCity, die seit 2003 jährlich in Frankfurt stattfindet, versteht sich als Fachmesse für Sehbehinderte. Das Gros der Austeller bilden die Hersteller und Vertriebsfirmen elektronischer Sehhilfen, Lesesysteme, Braillezeilen und Screenreader (Bildschirmleseprogramme). Vermehrt finden aber auch Optiker und Hersteller optischer Sehhilfen auf die Messe. Den ergonomischen Tisch passend zum neuen Computerarbeitsplatz kann man inzwischen auf der SightCity ebenfalls aussuchen.
Zu den diesjährigen Höhepunkten der Messe, die vom 07. bis zum 09. Mai stattfand, gehörte sicherlich ein Mobiltelefon, das Bücher oder andere beliebige Dokumente vorliest, Vergrößerung, Sprach- und Brailleausgabe für das Apple-Betriebssystem und ein Bildschirmlesegerät mit hochauflösendem Bild. Immerhin drei Innovationen.
Bei anderen Exponaten fragt man sich hingegen, ob das Wörtchen innovativ wirklich den Kern der Sache trifft. Kurios sind sie auf jeden Fall: Ein Blindenstock, den man an die Ampel hält, um zu erfahren, ob rot oder grün signalisiert wird. Wenn das grüne Männchen leuchtet, vibriert der albine Begleiter. Der praktische Nutzen kann dieser Idee nicht abgesprochen werden. Die meisten Ampeln sind nicht blindengerecht. Doch werden sie es durch diesen Stock? Was ist, wenn man das grüne Männchen mit dem Farbsensor nicht trifft. Dann hat das Hilfsmittel nicht die geringste Chance, sich zu rühren. Bedauerlich auf jeden Fall, dass man solch immerhin mutige Ideen auf der Messe suchen muss. Hier hilft nur das Durchsehen des Kataloges und der Aufruf jeder dort gelisteten Internetadresse.

Babylonische Verhältnisse

Die Sortierung und „Benutzbarkeit“ der Ausstellung ist überhaupt nur peinlich. Ja, es gibt einen Abholservice, der die Besucherinnen und Besucher von den naheliegenden Bahnhöfen zum Ausstellungsort geleitet. Dort angekommen steht man im Regen. Ein Leitsystem ist nicht vorhanden. Die Aussteller sind wie Kraut und Rüben sortiert. War es auf der ersten SightCity noch so, dass sich zwei bis drei Aussteller einen Raum teilten, die großen sogar eigene Räume allein besetzten, tummeln sich jetzt die meisten Firmen auf drei größeren Ausstellungsflächen. Das Ergebnis ist ein unerträglicher Geräuschpegel. Babylonische Verhältnisse: Ungefähr 50 Sprachausgaben quasseln gleichzeitig durcheinander. Die einzige Chance, etwas zu verstehen: Lauter drehen. Das machen dann wiederum alle, und so weiter und so fort … Unerträglich waren diese Missstände in dem Saal, den traditionell die Großen der Brache belegen. Baum, Freedom Scientific, Handy Tech, Tiemann, Papenmeier und wie sie alle heißen gefielen sich darin, ein auditives Sperrfeuer aufeinander zu eröffnen.

Microsoft-Kosmos?

Die Welt schaut durch Microsofts Fenster und die die nicht schauen, oder die sich mit dem Schauen etwas schwer tun, sitzen doch trotzdem stets an diesen Fenstern. Das ist nur zu verständlich, denn die Microsoft-Betriebssysteme sind schlicht und ergreifend die verbreitetsten. Dem entsprechend gesättigt ist der Markt mit guter bis sehr guter Software, die die Informationen per Sprachausgabe, Brailledarstellung oder stark vergrößert wiedergibt. Microsoft wiederum stellt den Entwicklern von Bildschirmleseprogrammen und Vergrößerungssoftware eine Menge an Schnittstellen zur Verfügung, damit diese standardisiert bestimmte Informationen des Betriebssystems abgreifen können. Wenn nun wiederum andere Softwareentwickler hingehen und korrekt und sauber ihre Programme auf die sogenannte Windows-API anpassen, dann können diese Programme auch von sehbehinderten Nutzerinnen und Nutzern verwendet werden. In vielen Fällen ist dies der Fall. In vielen Fällen leider auch nicht. Insbesondere die Open-Source-Community zeigt kein Interesse für die Windows-API. So laufen qualitativ hervorragende Programme wie OpenOffice oder alle Programme der Mozilla-Foundation nur mit den aktuellsten Bildschirmleseprogrammen und installierten Zusatztools. Die Hilfsmittelproduzenten zeigen bis heute kein großes Interesse für diese freie Szene, widerspricht doch alles, was diese Leute tun, den traditionellen Geschäftsmodellen alt angesessen Firmen. Zudem muss eingeräumt werden, dass die Entwicklung von Bildschirmleseprogrammen, die freie Software unterstützen, dadurch zur Sisyphusarbeit wird, dass die freie Software-Szene nahezu unberechenbar ist.

Open Source verkennen bedeutet die bewusste Inkaufnahme sehbehinderter Arbeitsloser

Trotzdem ist die Entscheidung, sich nicht mit Open Source, insbesondere dem freien Betriebssystem Linux, zu befassen, kurzsichtig und wird aller Voraussicht nach für uns Nutzerinnen und Nutzer fatale Folgen haben. Seit mehreren Jahren gibt es nämlich einen unverkennbaren Trend hin zum Einsatz offener Software. Diverse Kommunen satteln auf Linux um, weil sie in offenen Standards u.a. die Lösung zur Langzeitarchivierung sensibler Daten sehen. Außerdem erlauben es die offenen Quellcodes, nach Jahren die verwendete Software dem aktuellen Stand der Technik anzupassen. Softwarelizenzgebühren fallen nicht mehr an, lediglich die Wartung der EDV muss finanziert werden, was sich nicht beim Umstieg jedoch langfristig rechnet.
Im deutschen Bundestag tummeln sich schon seit Jahren die Pinguine und verrichten dort zuverlässig ihre Arbeit. Das Bundesaußenministerium wurde kürzlich für sein Bekenntnis zu Open Source ausgezeichnet. Über kurz oder lang wird es in der öffentlichen Verwaltung nur noch wenige Microsoftsysteme geben.
Großkonzerne setzen schon lange auf alternative Software. Mit zunehmender Bedienbarkeit wird sie auch für mittelständische und kleinere Unternehmen interessant werden.

Gibt es einen Screenreader für Linux?

Trübe und zaghafte Ansätze

Zunächst einmal lautet die Antwort Ja, es gibt sogar mehrere und derzeit entsteht auf Rügen ein weiterer. Allerdings taugen die verfügbaren Programme gänzlich nicht zum produktiven Einsatz. Die Bedienbarkeit ist nahezu abenteuerlich, die Großschrift ist verschwommen, häufige Abstürze unterbrechen den Arbeitsfluss.
Auf der Messe musste man diese Programme suchen und konnte sie kaum finden. Es sei denn, man fand den Weg zum Studienzentrum für Sehgeschädigte der Universität Karlsruhe (TH). Hier wird an einem Schulungskonzept gearbeitet, mit dessen Hilfe Sehbehinderte die Benutzung des Linux-Betriebssystems unter Verwendung des noch in der Entstehung befindlichen Screenreaders Sue erlernen können.
Hilfsmittelhersteller interessieren sich anscheinend überhaupt nicht für dieses Thema. Vor Jahren zeigte die Baum Retec AG eine Lösung, die jedoch so instabil lief, dass ein Jahr später das Exponat nicht mehr zu hören, fühlen oder sehen war und von einer Kooperation mit Sun Microsystems überhaupt nicht mehr gesprochen wurde. Ähnlich schweigsam verhält sich auch der Rest der Branche.

Weniger ist mehr

Stattdessen: Plappernde Handys, Organizer, Vorlesesysteme, Braillezeilen und noch mal Handys und Organizer … so weit die Ohren hören, die Finger grapschen und das Auge nicht reicht. Bei alledem fragt man sich, muss die Hilfsmittelbranche derart zwanghaft technisiert sein? Brauche ich für alles einen elektronischen Helfer zu Preisen jenseits der 1500-Euro-Grenze?

Die Antwort lautet Nein. Gerade für schwach bis hochgradig Sehbehinderte lohnt es sich, zunächst einmal einen gutausgestatteten und fachkundigen Optiker aufzusuchen. Eine kleine Lupe, eine optimal angepasste Brille oder Kontaktlinse, ein kleines Fernrohr für die Hand- oder Hosentasche können manchmal wahre Wunder vollbringen. Dazu bedarf es eines Händlers, der nicht nur die passenden Produkte führt, sondern auch in die grundlegende Handhabung einweist. Brille Fielmann und andere Optikdiscounter sind dazu nicht in der Lage. Es fehlt vor Ort am nötigen Know-How. Eine kleine aber feine Gruppe diverser Optiker hat die Liebe zum Handwerk trotz zahlungsunwilliger Krankenkassen nicht ad acta gelegt. Von der Beratung über das Ausprobieren bis zur Einweisung gibt es hier alles. Bis heute waren diese Optiker oft nur Kennern bekannt. Diesen Zustand möchten sie nun selbst ändern. Da sie bundesweit nicht all zu häufig auftauchen, sind sie im eigentlichen Sinne keine Konkurrenten. Daher haben sie sich im Low Vision Kreis zusammengeschlossen, um ihre Produkte besser an die Frau bzw. den Mann bringen zu können. Auf der SightCity musste man den Kreis suchen, er verbarg sich am äußersten Zipfel der Messe auf dem Eschenbachstand. Dafür war es hier möglich, ein gepflegtes Gespräch zu führen, da man zusammen mit ein paar anderen Herstellern in einem kleineren Raum untergekommen war. Am Nachbarstand gab es dann das passende Möbel zur Brille, denn warum soll ich mich über dem Lesegut verrenken, wenn ich es doch auf meine Augenhöhe holen kann.

Fazit

Die SightCity ist auch in ihrem fünften Jahr immer noch eine herausragende Ausstellung auf internationalem Niveau. Man findet Aussteller aus den unterschiedlichsten Ländern, namhafte wie Newcomer. Bei einem gut geplanten Rundgang gibt es jedes Jahr Perlen zu entdecken; mutige Unternehmen oder Organisationen, die ihre Produkte oder Ideen der bedürftigen Schwachsichtigkeit präsentieren. Je kleiner ein Stand, desto interessanter gestaltet sich oft das Gespräch oder die Vorführung. Das Anfassen, Hineinhören und Ausprobieren wird zum Erlebnis. Es sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ausstellenden Organisationen und Firmen, die die Messe prägen oder leider manchmal auch verhunzen. Ganz allein ihre Kompetenz, Gesprächsbereitschaft und Eloquenz entscheidet über wohl und wehe des Messebesuches. Da mutet es schon kurios an, wenn manche Aussteller sich darin gefallen, vor allem visuell äußerst extravagant aufzutreten. Sucht man dann aber gut lesbar den Namen des Ausstellers, vor dem man vielleicht zufällig gerade angehalten hat, starrt man sich das letzte bisschen Sehrest aus den Augen. Sehr schön auch eine Pyramide aus unterschiedlich langen Braillezeilen. Futter für die Pressefotografen und Kameras, den eigentlichen Kunden geht dieses Tamtam, verziehen Sie, am Arsch vorbei. Schlimmstenfalls rennen sie das gläserne Protzwerk um, weil es dämlich im Weg steht. Massentaugliche Hochglanzwerbestrategien taugen nichts bei einer Zielgruppe, deren visuelle Wahrnehmung auf das Äußerste eingeschränkt ist. Gut lesbare Ausstellerinformationen, ein Leitsystem, das den Besuch der Messe im blinden Alleingang ermöglicht, das wäre einer SightCity würdig.

Einen Kommentar schreiben

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <pre> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>