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die dinge mit den augen des blinden sehers

Krokowski und Theiresias verreisen. Heute: Meran

Verfasst von theiresias am 6. März 2008

 

(Lektürevoraussetzungen: Sämtliche Ödipus-Dramen des Sophokles und Antigone, sowie Thomas Manns Zauberberg)

Krokowski und Theiresias in Meran

Theiresias: Zugegeben, gutes Wetter heute, reizende Häuschen, nette Kirchen, guter Wein. Aber sonst. Gibt es hier außer Konsumstätten auch noch ein paar Kulturstätten? Ein Schuhladen am anderen.
Krokowski: Das gefällt mir.
Theiresias: Wobei du zugeben musst, dass sie äußerst wenig Stiefel im Angebot haben.
Krokowski: Deswegen war ich ja gegen diese Reise, wir hätten einfach in meiner Wahlheimat Davos bleiben sollen.
Theiresias: Kapitalismus und Konsum, aber keine Kultur. Ist das allen Ernstes Dein Vorschlag? Außerdem gibt es keinen guten Wein.
Krokowski: Aber das gute Kulmbacher ersetzt ihn aufs Köstlichste, wie Du selbst immer behauptest. Die Bewirtung im Berghof ist exzellent. Außerdem was heißt hier eigentlich, keine Kultur? Das ist also die Wertschätzung die Du meinen allmontäglichen Vorträgen über das Verhältnis von Liebe und Krankheit entgegenbringst. Jeden zweiten Sonntag gibt es Blasmusik. Wer schleppte mich denn zuvor nach Hintertupfingen-Hinterland auf das dortige Blasorchester-Festival? Wir besitzen im Berghof die berühmtesten Opern auf Schellack. Außerdem könnte ich, wäre ich in Davos, die Methode der Seelenzergliederung weiter vorantreiben. Roland Koch hat sich bei mir für eine Sitzung angemeldet. Das verspricht höchst interessant zu werden.
Theiresias: Roland Koch? Ist er denn lungenleidend?
Krokowski: Noch nicht, aber Du weißt ja, das kommt mit der Zeit. Viele wissen ja gar nicht, dass sie die Krankheit schon in sich tragen.
Theiresias: Wenn ihr ihn so sieben Jährchen bei Euch da oben behalten könntet, das wäre für uns hier unten wahrlich ein Segen und für die CDU eine heilbare Therapie.
Krokowski: Lass mich mit den Niederungen der Politik zufrieden. Bei uns daoben denkt man in ganz anderen Dimensionen …
Theiresias: Es sei denn, ihr zelebriert das Weltwirtschaftsforum.
Krokowski: Damit habe ich nichts zu schaffen. Ich bin Seelenzergliederer und Arzt.
Theiresias: Du meinst Metaphysikerin.
Krokowski: Deine Geringschätzung offenbart die Verkommenheit Deines gesamten Berufsstandes. Ihr Seher wollt Euch einfach nicht mit den modernen wissenschaftlichen Methoden abgeben und Euren alten überkommenen Hokuspokus weitertreiben.
Theiresias: Fortbildungen fand ich schon immer doof …
Krokowski: Aha, deswegen bleibst Du also meinen Vorträgen fern.
Theiresias: Nicht nur ich, wie man hört, bleiben die Meraner der Veranstaltung auch fern, Du spielst, wie man so sagt, vor leerem Haus.
Krokowski: Kurort ist nicht gleich Kurort, deswegen will ich auch schnellstmöglich wieder nach Davos!
Theiresias: Aber zuvor bestehe ich auf eine professionelle Stadtführung. Ich weigere mich zu glauben, dass es hier nur Kommerz gibt.
Krokowski: Na, wenn das nur kein böses Erwachen gibt …

Eine Antwort zu “Krokowski und Theiresias verreisen. Heute: Meran”

  1. krokowski sagte

    Die Vorträge über den Zusammenhang von Krankheit und Liebe können künftig nur noch jeden Zweiten Montag angeboten werden. Krokowski muß sich um anderes kümmern (Koch, Seelen, Seelen fangen, Holger).

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