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die dinge mit den augen des blinden sehers

„Reply – Ein Kommentar zum Mozartjahr“

Verfasst von theiresias am 28. Januar 2008

Einem angeblich finanzschwacher Komponisten wird geraten: „Machen Sie es doch wie ihre früheren Kollegen, die waren doch erfolgreich.“ „Danke für den Rat“, könnte der Komponist und Medienkünstler Christoph Theiler ausrufen, „aber genau das mache ich doch gerade.“ Und Theiler versucht wirklich von einem der aller Größten seines Faches zu lernen. Wolfgang Amadeus Mozart war ständig in Geldnöten. Aus diesen versuchte er sich mit den heute so genannten „Bettelbriefen“ zu befreien. Adressaten der literarisch höchst wertvollen Seiten waren steinreiche Bekannte des Komponisten, häufig aus Freimauererkreisen. So schreibt er die Herren der Schöpfung gerne als „lieben Bruder“ und die Damen als „liebe Schwester“ oder „liebe Freundin“ an. Und damit war er nicht unerfolgreich. Kurz gesagt: Reichtum fördert die Kunst. Eigentum verpflichtet? Und wie sieht es 250 Jahre später aus? Wie funktioniert der Kulturbetrieb, genauer genommen dessen finanzielle Fundierung?

Das fragten sich anlässlich des Mozartjahres 2006 auch Theiler und der Hörspielmacher Götz Fritsch. Theiler nahm Mozarts Briefe, passte die Geldsummen den aktuellen Verhältnissen an, strich das ein oder andere Wort und bat (oder bettelte) bei den Reichen und politisch Verantwortlichen unserer Tage um Geld. Mozarts Originale, Theilers Version und die anonymisierten Antworten montierte Fritsch zu einer großartigen musikalischen Realsatire, in der sich einige der Abgründe des aktuellen Kulturbetriebes auftun. Nicht dadurch, dass alle die Unterstützung ablehnen, sondern durch die Art wie sie es tun und welche Erwartungen sie gegenüber bildender Kunst, Musik etc. äußern. „Wie? Was? Wann? Und was der Geldgeber davon hat“, darum geht es im Kern. Überhaupt scheinen „soziale Projekte“ höher in der Gunst zu stehen. Die eigene Gunst muss sich selbst ins rechte Licht rücken.
Ganz anders bei den Introvertierten: Ihnen ist es egal, für welche Dinge ihr Geld ausgegeben wird. Hauptsache sie haben ihre Ruhe und niemand belästigt sie. Reichtum kann offenbar einsam machen. Dies sind nur einige der Aspekte, die das Stück tangiert.
Doch das offensichtlich Erschreckende aber auch Lustige dieses Stücks: Nur wenige Adressaten bemerken, dass diese Briefe sprachlich nicht mehr so ganz auf der Höhe der Zeit, quasi von gestern sind. Einige äußern dafür sogar Bewunderung: „Herr Theiler, ich habe heute ihre Briefe noch mal gelesen, und ich muss schon sagen, ein schönes Deutsch schreiben Sie.“ Auf die Idee, dass die Bittbriefe weltberühmte Referenzexemplare haben, kommt kein Ministerialbeamter, kein Kulturreferent, kein Dirigent, kein Staatstheaterleiter, kein Bonze … Halt, einen gibt es: Er ruft an und fragt ganz direkt, von wem denn die Texte seien, von Theiler offensichtlich nicht, Beethoven? Theilers Antwort: „Der Kandidat hat 98 Punkte.“

Es ist zu loben, dass dieses Hörspiel nicht in Vergessenheit gerät und der SWR es gestern zum 252. Geburtstag Mozarts erneut ausstrahlte.

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