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die dinge mit den augen des blinden sehers

Die schweigende Mehrheit redet

Verfasst von theiresias am 24. Januar 2008

Sind die Braunen bereits in der Mitte der Gesellschaft angekommen?

Wer diese Frage qualifiziert beantworten möchte, der muss erst einmal die Mitte der Gesellschaft suchen und benennen. Repräsentiert die Bild-Zeitung diese Mitte? Meiner Meinung nach ja. Ob es mir nun gefällt oder nicht, dieses Blatt wird (trotz sinkender Zahlen) von sehr vielen Bundesbürgerinnen und Bundesbürgern „gelesen“. Viele greifen darauf zurück, da sie ein Mehr an Information nicht wahrnehmen wollen oder können. Das wichtigste ist unterstrichen und Unterhaltung, Herz-Schmerz und eine ordentliche Priese Sex ist auch dabei. Diesen Status Quo muss mann nicht hinnehmen, die Bekämpfung dessen darf jedoch nicht dazu führen, die gesellschaftliche Bedeutung des Blattes zu vernachlässigen und es nicht dementsprechend ernsthaft in aktuelle Diskurse zu integrieren.

Nach dem Auftritt Eva Herrmanns in der Gesprächsrunde Kerners (ZDF) ärgerte das Blatt seine Leserinnen und Leser. Während der Rest des Blätterwaldes die selbst ernannte Mutter der Nation in Schutz nahm, man vermutete einen bewusst provozierten Skandal und schrieb von öffentlicher Hinrichtung, fand die Bild-Zeitung keine schützenden Worte für die Antiemanze. Das ärgerte vor allem das zahlende Publikum. Bis zu 400 Zuschriften erreichten die Redaktion tägliche. Die Bildzeitung als Forum?

Ja, meint der Historiker Wolfgang Wippermann. 2000 dieser Zuschriften hat er sich sehr genau angesehen und entdeckt etwas neues. Eine „schweigende Mehrheit“ rede auf einmal. Und was da geredet wird ist wirklich erschreckend: unverblümter Antisemitismus, Fremden- und Minderheitenhass.

Das DLF-Magazin des Deutschlandfunks hat Wippermanns Ergebnisse in einem Beitrag zusammengestellt. Die schweigende Mehrheit kommt hier auch zu Wort, was kaum erträglich, doch daher um so nötiger ist.

 

Eine Antwort zu “Die schweigende Mehrheit redet”

  1. ephemeridenzeit sagte

    Wieviele Politiker haben für sich schon die „schweigende Mehrheit“ reklamiert; vor allem solche, denen es ansonsten an Argumenten fehlt und denen die „Mitte“ auch nicht so sehr folgen mag. Die Ephemeridenzeit fragt sich allerdings: Wie kann man wissen, was Schweigende wollen? Wenn sie es sagen, sind sie keine Schweigenden mehr. Und wenn sie es nicht sagen, ist es kein Wissen, nicht einmal Vermutung, es ist einfach Kaffeesatzleserei – oder eben Instrumentalisierung eines Schlagworts.

    Leider ist das, was der Deutschlandfunk zusammengestellt hat, eben nicht die hirnlose Ausgeburt von „Schweigenden“. Sie verschaffen sich tausendfach eine Stimme und geben das wieder, was man ihnen einflüsterte. Antisemitismus, nachgeplapperter Minderheitenhass, Obrigkeitshörigkeit gehören zu ihrem Standardrepertoire, weil sie uninformiert genug sind, um formbar zu bleiben, weil sie fantasielos genug sind, um ihre Alltagshetze nicht zu Ende zu denken und weil sie unselbstständig genug sind, um immer dann Hurra oder Pfui zu rufen, wenn es ihnen einer vormacht.

    Würden sie schweigen, wäre es keine Mehrheit, für die sich irgendjemand interessierte. So aber ist die latente Wühlarbeit von vielen Nadelstichen, von Vorurteilen, Gerüchten und halbfertigen Meinungen das Potenzial, von dem die Braunen schon immer schlürften…

    …Koch zum Gruße
    Die Ephemeridenzeit

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