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die dinge mit den augen des blinden sehers

Mächtig was auf die Ohren

Verfasst von theiresias am 11. November 2007

Die ARD feiert das Comeback des Hörspiels

Zehn von den einzelnen Rundfunkanstalten nominierte Hörspiele treten seit vier Jahren bei den ARD-Hörspieltagen gegeneinander an. Sie stellen sich einer Fachjury und dem breiten Publikum. Alle interessiereten HörerInnen konnten seit Oktober ihre Stimme für ihr Lieblingsstück im Internet abgeben und dieses selbstverständlich vorher im Netz hören. Der Sieger erhielt gestern Abend den ARD-Online-Award.
Zudem stellten sich 140 Hörspiele aus der freien Szene einer Jury aus Hörspieldramaturgen und Hörfunkredakteuren. Sie feierten “Premiere im Netz”.

“Ein Fest für das Hörspiel”
Doch bis die Preise verteilt, die Hände geschüttelt und die Gewinner gefeiert wurden, gab es seit vergangenen Mittwoch erstmal einiges zu hören. Darunter selbstverständlich alle Kandidaten für die beiden Preise. Nach der Vorführung im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe durfte man dort der Fachjury lauschen, über die ich in einem gesonderten Beitrag ein paar Worte verlieren muss. Soviel vorweg: Nicht immer stimmte das anwesende Publikum mit den sogenannten Experten überein. Latentes und anschwellendes Rumoren scheint mir hier doch ein eindeutiger Indikator zu sein. Da war es gut, dass man als Normalsterblicher im Anschluss an die geistigen Ergüsse und sonstigen Fachejakulate selber Fragen an die Macher stellen konnte. Hierbei entstanden sehr häufig interessantere Gespräche als auf dem Podium. Wem das immer noch nicht reichte, der ging nach dieser Diskussion einfach vor und sprach mit Autoren, Regisseuren, Schauspielern, Dramaturgen und Redakteuren so ganz ungezwungen.
Kuschelatmosphäre? Keinesfalls. Im Gegenteil: Wir HörerInnen scheuten uns nicht zu sagen, was uns an diesem und jenem Hörspiel nicht gefiel, was die MacherInnen nur dazu herausforderte, ihr Werk zu verteidigen. Dabei ging man jedoch stets respektvoll miteinander um und stellte nicht sinngemäß die Frage, wie es der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) wagen könne, ein solches Hörspiel einzureichen.
Wwenn man die Jury ignorierte, konnte man viel Freude während der Hörspieltage haben. Dazu noch ein Gläschen Sekt oder sonstwas und schon bekam das Ganze wirklich den Charakter eines Festes.
Auf diesem Fest wurde so einiges geboten: Die Premiere einer Kammeroper, deren Libretto aus der Feder Silke Scheuermanns stammt, Live-Performance von alten Hörspielhasen im Foyer des ZKM, Klangkompositionen für 40 Kanäle und und und …

And the winner is …
Wie es sich für einen anständigen Wettbewerb gehört, bekamen alle Gewinner Preise überreicht. Für den Netz-Debütanten ist das nicht nur ein schickes Staubfängerchen. Ihm wird ein Studio mit hervorragender Ausstattung, professionellen Technikern, Dramaturgen etc. für eine Hörspielproduktion zur Verfügung gestellt. Produktionsstipendium nennt das die ARD. Dieses erkämpfte sich in diesem Jahr Jürgen Palmtag mit seinem Stück “SonderSaundernAnders”.
Die Internetgemeinde kürte Ulrich Bassenges Hörspiel “Walk of fame” zum Gewinner des ARD-Online-Awards. Eine “Hommage” an die schlechtesten Filme der 60er und 70er Jahre. Und dieses Ergebnis war eindeutig. 64 Prozent der Stimmen konnte das Hörspiel unter der Regie Leonhard Koppelmanns für sich gewinnen.
Die Fachjury, die auch Walk of fame in ihrer öffentlichen Debatte äußerst positiv besprach, entschied sich hingegen für ein Stück, das mit weniger Effekten große Wirkung erzielt. Irm Hermann schlüpft in die Rolle der Emmy Göring. Der Autor Werner Fritsch lässt mit seinem Stück jedoch keinesfalls alte Nazis wiedererstehen. Er entlarvt die Ästhetik bzw. das “Schauspiel” des Nationalsozialismus und führt vor wie Hitler, Göring und Konsorten nicht nur die Welt sondern auch sich selbst anlogen. Es bleibt nicht wie bei Bruno Ganz ein Verbrecher, der ja irgendwie auch mensch sei, das Stück braucht keine Propaganda-Filme der Nazis, um “Hitlers Putzfrau” auf den Bildschirm zu zaubern, es braucht nur Irm Hermann, ein paar alte Schlager, ein paar Neukompositionen, den Text und die Klangregie Werner Fritschs. Damit ist das Stück jetzt schon mehrfach preisgekrönt. Denn auch die Kriegsblinden hielten dieses Werk für das beste des Jahres und vierliehen ihm den wohl renomiertesten Hörspielpreis.
Bleibt nur noch eines zu sagen: Glückwunsch an alle GewinerInnen!

Eile ist geboten
Zunächst die gute Nachricht: Sie können sich alle Gewinnerstücke auf das eigene Abspielgerät laden. Außerdem gibt es hier auch einige Stücke, die ebenfalls bei den Hörspieltagen zur Vorführung kamen bzw. im Netz premierten. Jetzt die schlechte Nachricht: Der Download steht nur noch bis morgen zur Verfügung. So erfuhr ich es zumindest gestern Abend während der Preisverleihung.

In den kommenden Tagen werde ich hier die Siegerstücke besprechen und noch einiges von den Hörspieltagen berichten

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