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die dinge mit den augen des blinden sehers

Mieten statt selber zeugen

Verfasst von theiresias am 7. November 2007

Kurz und gut: Es wird zu wenig gevögelt und zu viel verhütet. Erst einmal studieren oder die Ausbildung und dann … tickt die Uhr und klingeling ist sie abgelaufen. Was wird aus diesen Menschen, wenn sie dann mit 70 Jahren in Rente gehen? Eine mögliche wie grandiose Antwort gibt der Autor Thilo Reffert mit seinem Hörstück “Queen Mary 3″, das unter der Regie Stefan Kanis in den Studios des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) inszeniert wurde. Gestern wurde dieses Stück urgesendet.

Die Handlung
Wir schreiben das Jahr 2040: Andreas und Anja schwimmen im Geld. Andreas arbeitet bei einem Global-Data-Player und ist ein Perfektionist. Das war nicht immer so. Nach dem Studium hat er auch mal Pommes und Curry verkauft, bevor er dann seinen Weg in das finanziell erfolgreiche Berufsleben fand. Anja lernte er erst mit 37 kennen und erst drei Jahre später zogen die beiden zusammen. Kinder wollten sie natürlich haben. Doch zum Zeitpunkt des Eisprungs glänzte Andreas berufsbedingt durch Abwesenheit oder brachte es dann irgendwie nicht mehr.
Anja kann damit nicht leben. Geld erweist sich für das alternde Paar als Lösung. Sie mieten sich Kinder. 2040 gibt es in Refferts Fiktion Kinder-Agenturen, die im Großen und Ganzen wie ein Eskort-Service funktionieren. Und somit mieten sich die Kinderlosen Hely als erwachsene Tochter. Als diese eine Beziehung mit Henri beginnt, wird er auch unter Vertrag genommen. Henri und Hely leben vom Geld ihrer Möchtegerneltern und diese haben eine Tochter/Schwiegersohn-Illusion. Doch Anja ist dies nicht genug. Sie will mehr. Auf einer Kreuzfahrt durch die Arktis auf der Queen Mary 3, dem Luxusliner überhaupt, kommt es heraus: Anja und Andreas wollen Hely adoptieren und Hely und Henri sollen heiraten. Das könne man hier an Bord alles klären, hier gäbe es einen Priester, alles ganz unbürokratisch …

Indes, Hely und Henri wissen nicht so recht, was sie von dem Angebot halten sollen. Von dem Geld der Kinderlosen leben sie nicht schlecht, aber was ist mit ihrem Kinderwunsch? Wollen Andreas und Anja überhaupt Großeltern werden? Müssen sie nach der Adoption bei ihnen einziehen?

Zerüttete Verhältnisse
Es ist Family Fiction. Wenn es keine Familien mehr gibt, backt man sich welche. In bester Science-Fiction-Manier ist Reffert mit seinem Stück radikal. Fortpflanzung findet ausschließlich durch künstliche Befruchtung statt. Zwischen den Zeilen deutet der Autor an, das dabei das Kind vollkommen durchgeplant werden kann. Und damit ja kein Kind auf undeterminierten Wegen zur Welt kommt, trägt Frau die Verhütung inwändig.
Die gesamte Gesellschaft kotzt sich gegenseitig an. Keiner gönnt dem anderen etwas. Wer auffällt, wird mit Medikamenten ruhig gestellt oder vor den Augen der heilen Welt versteckt. Offenes Miteinander – Fehlanzeige. Es ist eine Scheinwelt, deren Durchbrechung unerwünscht ist.
Trotz der situativen Kälte mangelt es dem Stück nicht an Komik. Man muss über Andreas lachen, wenn der Kinderlose doziert, auf Welche Eigenschaften es bei einem Kind ankomme und das man diese auf keinen Fall der Natur überlassen dürfe. Doch genau das machen Hely und Henri. Nachdem der Schiffsgynäkologe Helys “Inhibition” entfernt hat, zeugen die beiden ein Kind auf althergebrachte Weise. Danach folgt die wohl wunderlichste postcoitale Szene aus Literatur bzw. Film, die ich in den letzten Jahren, gehört, gelesen oder gesehen habe.

Umsetzung
Mit “Queen Mary 3″ legt der MDR neben “Adler und Engel” und “In achtzig Tagen um die Welt” ein weiteres Raumklang – Hörspiel (Dolby Digital 5.1) vor. Hierbei ist interessant, dass der Regisseur Stefan Kanis diese Technik lediglich als “zusätzliches Angebot” versteht. Man könne mit der herkömmlichen Stereoübertragung genau so viel erzielen, sagte Kanis in einem Gespräch, das MDR-Figaro im Anschluss an das Hörspiel ausstrahlte. Während der Hörspieltage 2006 in Karlsruhe äußerte Kanis ähnliche Gedanken und teilte nach der Ausstrahlung des von ihm realisierten Hörspiels “Adler und Engel” (nach dem gleichnamigen Roman Juli Zehs) mit, dass er lieber die Stereofassung vorgeführt hätte, wenn er gewusst hätte, wie die 5.1.-Version in diesen Räumen klinge.
Ich will den Radiomachern ihre Zurückhaltung in Punkto Raumklang nicht vorwerfen. Man muss bedenken, dass die Umsetzenden darauf zu achten haben, dass das Hörspiel auf dem Mono-Kofferradio in der Küche, der HiFi-Anlage im Wohnzimmer und jetzt auch noch im 5.1.-Klang gut klingt. Und wie viele Leute können dieses Signal überhaupt empfangen?
Und doch würde ich etwas mehr Mut gegenüber dieser neuen Technik begrüßen. Oder wie wäre es mit einer alten Technik. Mit der Kunstkopf-Stereophonie konnte man bereits in den 70er Jahren Raumklang sehr realistisch übertragen. Einzige Voraussetzung: Der/die HörerIn musste einen Kopfhörer verwenden. Ansonsten war es halt eine Stereoübertragung. Wäre das in Zeiten mobiler Abspielgeräte nicht noch mal eine Überlegung wert?

Wie dem auch sei, ich konnte nur die Stereofassung hören, da ich derzeit nicht über das nötige Kleingeld und den Platz verfüge, mir eine aufwendige 5.1.-Anlage zu installieren. Die Stereoversion von “Queen Mary 3″ ist auch klanglich ein Erlebnis. Durch geschickten links-rechts-Wechsel haut uns Kanis die Geschehnisse im wahrsten Sinne des Wortes um die Ohren. Er scheint dabei jeden Punkt zwischen den beiden Lautsprechern zu nutzen. Es lohnt sich, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk für 5.1.-Klang und Stereo seperate Produktionswege fährt.

Nach einem solchen Hörspielabend freut man sich schon auf die Sendung der nächsten Woche. Dann kramt der MDR einen Klassiker aus der Kiste und präsentiert – für die, die es empfangen können – ebenfalls im neuen Klangdesign den Jules Verne-Klassiker “20.000 Meilen unter den Meeren”.

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