Sonntag, 21. Juni 2009, 10:00 Uhr, Evangelische Kirche Hohenwettersbach

Zdeněk Fibich (1850 – 1900)
Rej blažených (Reigen der Seligen), op. 56 Nr. 3
aus dem Zyklus Studien nach Bildern, Komposition zum gleichnamigen Bild von Fra Giovanni Angelico da Fiesole, bearbeitet für Orgel von Wolfgang Stockmeier
Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)
Kleines Präludium und Fuge in B-Dur
BWV 560
Grenzenlose Kunst
Der Reigen der Seligen des tschechischen Komponisten Zdeněk Fibich erscheint in einem Zyklus namens Studien nach Bildern. Als Quelle der Inspiration dient dem Komponisten gemalte Bilder. Mit dieser Praktik ist Fibich alles andere als ein Einzelgänger. Erinnert sei nur an die Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgski. Ihre Stoffe finden Komponisten jedoch nicht nur in der Malerei, literarische Texte dienen ebenso als Vorlage. So entstanden zu einer Menge von Dramen Schauspielmusiken. Exemplarisch sei an Mendelssohns Musik zu Shakespeares Ein Mittsommernachtstraum erinnert (darin u. a. der berühmte Hochzeitsmarsch).
Die Musik wiederum kann auch Inspiration für andere Kunstrichtungen, z. B. die Literatur, sein. Thomas Bernhard verarbeitet beispielsweise in dem Stück Die Macht der Gewohnheit die Aufführung des berühmten Forellenquintetts von Franz Schubert, Klaus Mann widmet der Symphonie Partetique Peter Iljitsch Tschaikowskis einen ganzen Roman, und in seinem Doktor Faustaus fasst Thomas Mann ganze, nie komponierte, Werke in Worte.
Dabei ist beispielsweise die Musik zu bzw. über ein Bild mehr als dessen Verwandlung in Töne. Wie sollte diese auch funktionieren? Das neue Medium eröffnet gewissermaßen neue Perspektiven.
Der Reigen der Seligen
Wie Fibich das Bild Das jüngste Gericht Fra Giovanni Angelicos kennenlernte, ist unbekannt. Und warum beschränkte er sich insbesondere auf einen Teil daraus, nämlich den Reigen der Seligen? Auf jeden Fall folgt er damit einer Unterteilung, die die Kunstwelt getroffen zu haben scheint, in dem sie insbesondere den rechten und manchmal den oberen Teil des Bildes gewissermaßen ausblendet und das verbleibende Bild als Reigen der Seligen bezeichnet, welches wiederum Teil des Bildes Das jüngste Gericht sei.

Ein Grund, warum der Komponist sich nur mit dem Reigen befasst, mag darin liegen, dass in diesem der musikalische Grundstein schon gelegt ist. Für den Reigen als musikalische Form ist entscheidend, dass die Motive kurz und prägnant sind und wiederkehren, sodass bei der tänzerischen Ausführung jedem Motiv eine Tanzfigur zugeordnet werden kann. Allerdings muss eingeräumt werden, dass der Komponist mit den Wiederholungen doch etwas sparsam umgeht. Eine Volkstanzgruppe würde hier sicherlich zum erneuten Spiel auffordern, da das Stück gerade wenn die Tänzer in Schwung kommen schon wieder vorüber ist.
Dabei lässt Fibich keine Gelegenheit aus, die Tänzer in Schwung zu bringen. Mit jedem Themenwechsel verbindet er eine Tempo- bzw. Interpretationsanweisung. Da soll der Pianist beispielsweise eine Sequenz zunächst langsamer und leise, wie von einem Chor gesungen spielen (meno mosso, quasi coro), bei ihrem zweiten Auftreten ist sie dann majestätisch und im Eingangstempo vorzutragen (maestoso ma in tempo).
In seiner Orgelbearbeitung verzichtet Wolfgang Stockmeier auf einige dieser Spielanweisungen. Auch die meisten der Crescendi und Decrescendi, wodurch sich die Klavierkomposition quasi in stetiger Wallung befindet, übernimmt Stockmeier nicht. Crescendi und Decrescendi (das allmähliche Lauter- und Leiserwerden während des Spiels) können auf der Hohenwettersbacher Orgel sowieso nicht gespielt werden. Hierfür fehlt ein so genannter Schweller. Dabei handelt es sich um Lammelen, die vor den Pfeifen montiert werden. Über ein Pedal können die Lamellen stufenlos geöffnet bzw. geschlossen werden.
Dafür klingt die Orgelbearbeitung an manchen Stellen voller und gewaltiger, da Stockmeier die Bassstimme in das Pedal auslagert und konsequenterweise noch um eine Oktave nach unten verlegt. Vielfalt wird in der Orgelversion durch häufiges Wechseln der Register erreicht. Gewissermaßen wird der Reigen der Seligen dadurch farbenfroher.
Die kleinen Präludien Bachs …
… sind nicht von Bach, jedenfalls wenn man einigen MusikwissenschaftlerInnen glauben mag. Letztendlich spielt es aber auch keine Rolle. Weiterhin werden Generationen von OrgelschülerInnen mit diesen Stücken ihre ersten ernsthafteren Gehversuche bestreiten. Insbesondere auf den nebenamtlich besetzten Orgelbänken sind die kleinen Präludien dadurch oft zu hören. Allerdings hat jedeR OrganistIn so ihre Vorlieben und einige Stücke fallen dabei so ziemlich unter den Teppich. So wird beispielsweise das letzte der acht Präludien in B-Dur von vielen OrgellehrerInnen gern gemieden, bedarf es doch einer gewissen Finger- und Fußfertigkeit (Pedalsolo) zu Beginn des Stückes. Ein weitaus schwerwiegenderes Argument gegen dieses Stück ist freilich, dass es großartige Unterhaltungsmusik ist.
Höchste Zeit, es also im Rahmen dieser musikalischen Reihe aus der Mottenkiste zu kramen und meinem Orgellehrer ein spätes Schnippchen zu schlagen.
Das Präludium beginnt durchaus typisch. Schnelle Läufe über das gesamte Orgelmanual, die danach mit den Füßen bis in den Bassbereich fortgesetzt werden. Das Hauptthema wird jetzt groß und kräftig mit Harmonien ausgestattet und über verschiedene Tonstufen gejagt. Ende des Präludiums. Die Fuge präsentiert ein schmissiges Thema im Dreivierteltakt. Der Schluss des Themas ist so gewählt (Quart- und Quintsprünge), dass sich bereits mit dem Hinzutreten der zweiten Stimme lustig springende Akkorde ergeben. Mit allen vier Stimmen gerät dies zu einer Musik, die sich ebenfalls mit Fug und Recht als ein „Tanz der Glückseligen“ bezeichnen darf.