07:00 Uhr: Der Deutschlandfunk weckt mich (wie üblich). Staune, was die Koalition heute alles durch den Bundestag winken will. U. a. einen der radikalsten Eingriffe in die plurale Begabtenförderung. Verdöse die Presseschau. Ging unter anderem um die mögliche rot-grüne Regierung in Nordrhein-Westfalen.
07:15 Uhr: Schrecke hoch. Es wird ein Interview mit Edmund Stoiber angekündigt. Über was? Ah, Fußball. Passt, rhetorisch bewegt er sich ungefähr auf dem Niveau der Nationalelf.
07:16 Uhr: Geht los (Audio, Transkript). Stoiber ist hörbar gut drauf. Ja, er hat nichts mehr zu befürchten. Er preist die Professionalität der Truppe und mahnt vor dem Gegner. Dann schießt er mit Namen der serbischen Mannschaft nur so um sich (hier und da ein “öh”), damit man weiß: Er IST ein Experte. Christoph Heinemann beteuert, man wolle ja nicht über Politik sprechen, aber mit welcher Mannschaft ließe sich denn die Regierungskoalition vergleichen?
Stoiber: “Ja, das ist natürlich schwierig. Ich würde mal sagen, wir haben ja gestern ein Spiel gesehen, wo wir doch erstaunt waren, wie aus elf Superspielern in Frankreich doch keine richtige Mannschaft gebildet werden konnte. Das ist dem Trainer nicht gelungen. Ich will jetzt keine direkten Vergleiche ziehen …”
Heinemann: “Haben Sie aber gerade!”
Staune, wie souverän der DLF inzwischen mit der Sendezeit klotzt. Da faselt man minutenlang über Fußball nur um aus berufenem CSU-Mund zu erfahren, dass die Regierung eine Gurkentruppe ist. Nun ja, großes Kabarett.
08:00 Uhr Während des Frühstücks höre ich die Zeit. In einer vorgeblich positiven Kritik, wird Christa Wolf runtergeputzt. Kann man machen, aber wozu? Die Autorin war mir bis heute relativ egal, jetzt ist sie mir unsympathisch. Dann erklären sie noch, warum die Truppe von und zu Guttenberg immer noch nicht hasst und fragen nach den Rechten der Rechten.
08:30 Uhr Soll ich als guter Deutscher, gleich nebenher Phönix laufen lassen und mir die Debatte reinziehen. Ach nein, dann schaff ich nichts.
10:00 Uhr: Mein Musikalienhändler ruft an und teilt mit, die bestellten Noten seien da. Ich plane eine erste perfide unpatriotische Aktion für die Mittagszeit.
10:30 Uhr: Verfluche gerade das Notensatzprogramm, und zwar laut, die Nachbarn sollen schließlich auch was davon haben, als das Fernsprechgerät erneut läutet: “Bist Du einer, der sich auf das Ereignis heute Mittag freuet, oder einer, der es kaum erwarten kann, dass der ganze Zauber vorbei ist?” – “Letzteres.” – “Und tschüss!”
13:20 Uhr: Breche zu meiner perfiden unpatriotischen Aktion auf. In der Bahn platzgenommen, schalte ich das Rundfunkgerät ein.
13:40 Uhr: 0:0 Doch mehr Betrieb in der Fußgängerzone als ich dachte.
13:45 Uhr: Betrete die Notenabteilung. Gähnende Leere. Ein Verkäufer bemüht sich aus dem Seitenraum. Nenne meinen Namen und den bestellten Artikel. “Finde ich nicht. Wann haben sie denn bestellt?” “Sie haben angerufen, die Noten seien da.” Sein Kollege eilt hinzu und macht sich am PC zu schaffen. “Maximal fünf Kunden im Laden und wir müssen auf dem Posten sein.” Vuvuzelas klingen aus den Aktivlautsprechern. Er hat sich einen Stream ergoogled. “Der kommt aus dem Irak. Na, dann hat es sich ja doch gelohnt, dass wir da rein sind.” – Wir? – Der mich Bedienende: “Ja mit abhören und so kennen die sich aus.” – He? – Ich werde die zur Ansicht bestellten Noten von vorne bis hinten durchlesen. Hauptsache es dauert und ich halte sie bei der Arbeit.
14:20 Uhr: Jetzt wird es mir zu doof. Zahle und entschwinde in die Bib. Ruhe. Herrlich. Wenn doch jeden Tag ein Länderspiel wär’. Hier kann ich leider niemanden ans Arbeiten bringen. Sind sowieso alle auf dem Posten.
14:50 Uhr: Im Drogeriemarkt stehen meine Chancen besser. Beschäftige fünf Mitarbeiterinnen mit meinen Einkäufen. Vielleicht waren die eh nicht scharf auf Fußball?
15:13 Uhr: Wieder in der Bahn und Empfängnisgerät eingeschaltet. Serbien führt mit einem Tor. Die Radiokommentatoren preisen die deutsche Mannschaft keines Wegs. Die Abwehr ist laut Kommentatoren quasi die Christa Wolf des Fußballs. Die deutsche Mannschaft müsse noch viel lernen. Wundere mich: Sollte Stoiber sich geirrt haben? Unvorstellbar. Nehme mir vor, im Netz später nach einem alten Schlager zu suchen. Der Text geht in etwa so: “So ein Quatsch, so ein Quatsch / da rennen zweiundzwanzig Männer durch den Matsch. / An den Ball zu kommen ist der höchste Zweck, / und wer ihn hat, der wirft ihn wieder weg.”
15:45 Uhr: Durchsage der Verkehrsbetriebe in allen Bahnen. Einer der Abzweige in der Innenstadt muss gesperrt werden, wegen eines Unfalls mit einem Auto-Korso.
Ich beschließe, den Widerstand aufzugeben. Werde nur noch versuchen, sicher in meine vier Wände zu kommen. Die Straße ist zu radikal.
15:55 Uhr: Daheim.
