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die dinge mit den augen des blinden sehers

Mein unpatriotischer Tag

Geschrieben von theiresias am 18. Juni 2010

07:00 Uhr: Der Deutschlandfunk weckt mich (wie üblich). Staune, was die Koalition heute alles durch den Bundestag winken will. U. a. einen der radikalsten Eingriffe in die plurale Begabtenförderung. Verdöse die Presseschau. Ging unter anderem um die mögliche rot-grüne Regierung in Nordrhein-Westfalen.

07:15 Uhr: Schrecke hoch. Es wird ein Interview mit Edmund Stoiber angekündigt. Über was? Ah, Fußball. Passt, rhetorisch bewegt er sich ungefähr auf dem Niveau der Nationalelf.

07:16 Uhr: Geht los (Audio, Transkript). Stoiber ist hörbar gut drauf. Ja, er hat nichts mehr zu befürchten. Er preist die Professionalität der Truppe und mahnt vor dem Gegner. Dann schießt er mit Namen der serbischen Mannschaft nur so um sich (hier und da ein “öh”), damit man weiß: Er IST ein Experte. Christoph Heinemann beteuert, man wolle ja nicht über Politik sprechen, aber mit welcher Mannschaft ließe sich denn die Regierungskoalition vergleichen?
Stoiber: “Ja, das ist natürlich schwierig. Ich würde mal sagen, wir haben ja gestern ein Spiel gesehen, wo wir doch erstaunt waren, wie aus elf Superspielern in Frankreich doch keine richtige Mannschaft gebildet werden konnte. Das ist dem Trainer nicht gelungen. Ich will jetzt keine direkten Vergleiche ziehen …”
Heinemann: “Haben Sie aber gerade!”

Staune, wie souverän der DLF inzwischen mit der Sendezeit klotzt. Da faselt man minutenlang über Fußball nur um aus berufenem CSU-Mund zu erfahren, dass die Regierung eine Gurkentruppe ist. Nun ja, großes Kabarett.

08:00 Uhr Während des Frühstücks höre ich die Zeit. In einer vorgeblich positiven Kritik, wird Christa Wolf runtergeputzt. Kann man machen, aber wozu? Die Autorin war mir bis heute relativ egal, jetzt ist sie mir unsympathisch. Dann erklären sie noch, warum die Truppe von und zu Guttenberg immer noch nicht hasst und fragen nach den Rechten der Rechten.

08:30 Uhr Soll ich als guter Deutscher, gleich nebenher Phönix laufen lassen und mir die Debatte reinziehen. Ach nein, dann schaff ich nichts.

10:00 Uhr: Mein Musikalienhändler ruft an und teilt mit, die bestellten Noten seien da. Ich plane eine erste perfide unpatriotische Aktion für die Mittagszeit.

10:30 Uhr: Verfluche gerade das Notensatzprogramm, und zwar laut, die Nachbarn sollen schließlich auch was davon haben, als das Fernsprechgerät erneut läutet: “Bist Du einer, der sich auf das Ereignis heute Mittag freuet, oder einer, der es kaum erwarten kann, dass der ganze Zauber vorbei ist?” – “Letzteres.” – “Und tschüss!”

13:20 Uhr: Breche zu meiner perfiden unpatriotischen Aktion auf. In der Bahn platzgenommen, schalte ich das Rundfunkgerät ein.

13:40 Uhr: 0:0 Doch mehr Betrieb in der Fußgängerzone als ich dachte.

13:45 Uhr: Betrete die Notenabteilung. Gähnende Leere. Ein Verkäufer bemüht sich aus dem Seitenraum. Nenne meinen Namen und den bestellten Artikel. “Finde ich nicht. Wann haben sie denn bestellt?” “Sie haben angerufen, die Noten seien da.” Sein Kollege eilt hinzu und macht sich am PC zu schaffen. “Maximal fünf Kunden im Laden und wir müssen auf dem Posten sein.” Vuvuzelas klingen aus den Aktivlautsprechern. Er hat sich einen Stream ergoogled. “Der kommt aus dem Irak. Na, dann hat es sich ja doch gelohnt, dass wir da rein sind.” – Wir? – Der mich Bedienende: “Ja mit abhören und so kennen die sich aus.” – He? – Ich werde die zur Ansicht bestellten Noten von vorne bis hinten durchlesen. Hauptsache es dauert und ich halte sie bei der Arbeit.

14:20 Uhr: Jetzt wird es mir zu doof. Zahle und entschwinde in die Bib. Ruhe. Herrlich. Wenn doch jeden Tag ein Länderspiel wär’. Hier kann ich leider niemanden ans Arbeiten bringen. Sind sowieso alle auf dem Posten.

14:50 Uhr: Im Drogeriemarkt stehen meine Chancen besser. Beschäftige fünf Mitarbeiterinnen mit meinen Einkäufen. Vielleicht waren die eh nicht scharf auf Fußball?

15:13 Uhr: Wieder in der Bahn und Empfängnisgerät eingeschaltet. Serbien führt mit einem Tor. Die Radiokommentatoren preisen die deutsche Mannschaft keines Wegs. Die Abwehr ist laut Kommentatoren quasi die Christa Wolf des Fußballs. Die deutsche Mannschaft müsse noch viel lernen. Wundere mich: Sollte Stoiber sich geirrt haben? Unvorstellbar. Nehme mir vor, im Netz später nach einem alten Schlager zu suchen. Der Text geht in etwa so: “So ein Quatsch, so ein Quatsch / da rennen zweiundzwanzig Männer durch den Matsch. / An den Ball zu kommen ist der höchste Zweck, / und wer ihn hat, der wirft ihn wieder weg.”

15:45 Uhr: Durchsage der Verkehrsbetriebe in allen Bahnen. Einer der Abzweige in der Innenstadt muss gesperrt werden, wegen eines Unfalls mit einem Auto-Korso.
Ich beschließe, den Widerstand aufzugeben. Werde nur noch versuchen, sicher in meine vier Wände zu kommen. Die Straße ist zu radikal.

15:55 Uhr: Daheim.

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Tipp: Audiophiles Erlebnis der Extraklasse für jedermann

Geschrieben von theiresias am 13. Juni 2010

Seit einigen Jahren experimentieren die Rundfunkanstalten im Hörspiel wieder verstärkt – wenn auch noch immer zu wenig – mit einer akustisch mehrdimensionalen Inszenierung der Stücke. In Krimi, Abendteuer oder Science Fiction Hörspielen wird vermittels von 5 Lautsprechern versucht, akustische Räume zu evozieren, durch die U-Boote fahren (z. B. 20.000 Meilen unter den Meeren) oder Elfen schweben (z. B. Artemis Fowl). Die zweite Strömung besteht darin, ohne großes Spektakel, das gesprochene Wort, neu erlebbar zu machen, in dem beispielsweise, ein Sprecher gewissermaßen an eine ganz bestimmte Position im Raum gestellt wird. Die Richtung ist somit eine bedeutungstragende Dimension.

Zu diesem Schritt haben sich die Rundfunkanstalten erst entschlossen, als sich digitale Satelitenanlagen in der Bundesrepublik rapide verbreiteten und immer mehr Leute sich so genannte 5.1-Surroundsysteme anschafften.

Oder sagen wir es anders: Man hatte eine Zeit lang, den Raumklang ad acta gelegt. Denn bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts, interessierten sich die Hörspiel Regisseure durchaus für die Möglichkeiten des Raumklangs, die ihnen das Radio schon immer bot, und zwar das simple Stereogerät, welches überall herumsteht. Einzige Voraussetzung: Die Hörerin bzw. der Hörer müssen die Lautsprecher direkt am Ohr haben, also einen Kopfhörer tragen. So lässt sich mit Hilfe der so genannten Kunstkopf-Stereofonie Raumklang erzeugen. Da bei diesem Verfahren wirklich nur mit zwei Mikrofonen aufgezeichnet werden kann, ist es in der Produktion ein Wagnis. Alle Beteiligten müssen genau wissen, was sie tun. Steht beispielsweise eine Sprecherin falsch, dann lässt sich der Fehler in der Nachbearbeitung nicht mehr beheben (heut kaum vorstellbar).

Einige mutige RadiomacherInnen ließen sich auf das Wagnis ein und produzierten eine überschaubare Zahl an Hörspielen mit dieser Technik. Digitalisierung hin oder her, diese Klangereignisse sind auch heute noch erfahrbar, gleich ob Sie über Antenne, Satellit oder Internet Radio hören. Einzige Voraussetzung: Sie müssen einen Kopfhörer benutzen.

Heute Abend sendet HR 2 um 22:00 Uhr eine Hörspielbearbeitung eines der berühmtesten inneren Monologe der Literaturgeschichte. Schnitzlers “Leutnant Gustl” … in Kunstkopf-Stereofonie.

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Internationales Orgelfestival im Eilverfahren

Geschrieben von theiresias am 15. Mai 2010

Auf die neue Orgel der Christuskirche hatte ich ja bereits via Twitter hingewiesen. Mit großem PR-Pomp sammelte die Gemeinden der Christuskirche Karlsruhe Spenden für das neue bzw. erweiterte alte Instrument der Firma Klais (Bonn) . Davon mag man halten was man will. Das Programm anlässlich der Einweihung des Instruments kann sich jedenfalls sehen lassen. Wer sich am Sonntagnachmittag Zeit nehmen mag und Sitzfleisch hat (ich rate zur Mitnahme eines Sitzkissens!), der bzw. dem sei das Internationale Orgelfest 6000 Pfeifen 6 Organisten empfohlen. Zwischen 15:00 und 22:00 Uhr spielen hier Organisten aus verschiedenen Ländern – die Stars – jeweils eine Stunde ein charakteristisches Programm. Hört man sich alle Beiträge an, kann man vielleicht sagen, ob der vollmundige Anspruch, ein Universalinstrument zu bauen, gelungen ist. Die Organisten und die Titel Ihrer Stunde im Einzelnen:

  • 15:00 Uhr: Thomas Trotter, Birmingham: Orgelfeuerwerk
  • 16:00 Uhr: Edoardo Bellotti, Mailand: Barocke Orgelmusik zwischen Italien und Deutschland
  • 17:00 Uhr: Bernhard Haas, Stuttgart: Neueste Orgelmeister
  • 19:00 Uhr: Vincent Dubois, Soissons: Orgelmusik des 19. Jahrhunderts
  • 20:00 Uhr: Carsten Wiebusch, Karlsruhe: Orgelmusik zwischen 1924 und 1944
  • 21:00 Uhr: Holger Gehring, Dresden: Johann Sebastian Bach

Konzertbesucherinnen und Konzertbesucher sollten eine Festschrift, die leider sehr schlecht redigiert ist, erwerben (5 €), denn hierin sind Biographien der Organisten und die Programme im Detail abgedruckt. Die Beiträge von Carsten Wiebusch (Kantor) und Martin Kares zu Geschichte und Konzeption des Instrumentes sind sehr lesenswert. Ihr offensiv genealogischer Charakter mindert das Lektürevergnügen nur gering und ist in einer Festschrift wohl unvermeidlich.

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Heitere und rauschende Prae- und Postludien

Geschrieben von theiresias am 13. Februar 2010

… und Wohlbekanntes sub communione

Sonntag, 14. Februar 2010, 10:00 Uhr, Ökumenisches Gemeindezentrum Bergwald

Robert Schumann (1810 – 1856)
Allegro aus dem Faschingsschwank aus Wien, Op. 26 (Auszüge)

Aus den Kinderszenen, Op. 15:
1. Von fremden Ländern und Menschen
7. Träumerei
5. Glückes genug
9. Ritter vom Steckenpferd

Titelgrafik Songs of Praise

„Heiter bis rauschend“ Der Titel dieser Konzertreihe in der Stadtkirche Durlach, die ich auch heute wieder besuchen werde, scheint sich inzwischen regional durchgesetzt zu haben. So bekam ich the day after Weiberfastnacht den Gottesdienstablauf mit dem Hinweis, Vor und Nachspiel mögen doch “heiter bis rauschend!” (Ausrufungszeichen = Dienstanweisung?) sein. Dieser Wunsch korrespondiert konsequent mit der Textdarreichungsform der Predigt, die am Faschingssonntag in Hohenwettersbach – inzwischen traditionell – in Reimen abgehalten wird.

Das Dilemma

Der Karneval – nicht nur der Tiere – ist ein in der klassischen Musik immer wieder gern bearbeitetes Motiv. Ich versuchte mich als Klavierschüler dereinst an Schumanns Version und das – trotz aller Bescheidenheit – mit einigem Erfolg. Dieser wurde indes über Monate erkämpft und so bedürfte auch heute die Aufführung eines der Sätze geflissentlicher Vorbereitung, was natürlich bis Sonntag schwer zu leisten ist (auch aus Rücksicht vor den Nachbarn). Doch was bleiben für Alternativen? Mozarts “Alla Turca”, irgendeine von Chopins Etüden? Die enharmonische Verwechslung zu “heiter bis rauschend” könnte gut “graziös und geschwinde” lauten, also ein Abendteuer, in das sich kein Musiker unvorbereitet stürzen sollte.
Ein Dilemma: Einerseits mein Wille zum musikalischen Schabernack, andererseits mein musikalisches Unvermögen ob der kurzen Vorbereitungszeit. Dabei hätte ich ja Großteile des ersten Satzes durchaus aus dem Stand parat, andere müssten nur kurz rekapituliert werden. Nur der Rest in drei Tagen, aber ich wiederhole mich … Von Götz Alsmann lernen heißt Easy Listening machen lernen. So äußerte der Unterhaltungskünstler einmal in einem Interview, auf welchem Sender auch immer, bei der Aufführung klassischer Musik müssten die Interpreten von Methoden der Popmusik lernen. Wenn ich mich recht erinnere, forderte er sogar zum Mut zur Lücke auf. Kann aber auch sein, dass ich mir das gerade schönschreibe. Im Gegensatz zu siebzehnjährigen Autorinnen halte ich es nämlich nicht für notwendig, die geklauten Sätze wortwörtlich abzuschreiben. Folglich werden Fremdaussagen auf keinen Fall recherchiert. Zurück zum Thema:
Wenn ich also Götz Alsmann in Bezug auf den ersten Satz des Faschingsschwanks weiterdenke, heißt das, ich lasse alles weg, was ich nicht kann und ordne den Rest derart an, das daraus ein ganzes Stück Musik in passabler Aufführungslänge wird.
Gesägt, getun getan! (Onkel Hotte, alias Oliver Kalkofe) Das Ergebnis gibt es am Faschingssonntag als Präludium.

Rasantes zum Schluss

Beim Nachspiel halte ich mich an das Motto “In der Kürze liegt die Würze”. Außerdem haben ja auch schon alle den Sonntagsbraten im Rohr. Da will man sich nicht noch ein minutenlanges Nachspiel anhören, zumal es im Gemeindezentrum Bergwald ja nur ein Klavier und keine Orgel gibt. Somit kann mit dem “Ritter vom Steckenpferd” dem kulinarischen Vergnügen am heimischen Herd im Galopp entgegen geritten werden.

Wohlbekanntes sub communione

Da ich die “Kinderszenen” (Opus 15) schon einmal aufgeschlagen habe und vom Komponisten noch einmal freundlich darauf hingewiesen werde, was für ein Dilettant ich bin (“Kinderszenen. Leichte Stücke für das Pianoforte”), blättere ich das Album einmal so durch und stelle fest, dass sich die Schlager “Von fremden Ländern und Menschen” und die weltberühmte “Träumerei” prima als leise Begleitmusik zum Abendmahl eigenen würden. Und weil ja Faschingssonntag ist, muss soviel Schlager einmal sein dürfen.

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Humorgelkonzert

Geschrieben von theiresias am 12. Februar 2010

Am Faschingssamstag flüchtet Theiresias erneut vor dem realen in den konzertanten Karneval. Bezirkskantor Johannes Blomenkamp läd zum wiederholten Mal um 20:00 Uhr zu heiterer und rauschender Orgelmusik in die Stadtkirche Durlach. Neben „DER Toccata“, wie Blomenkamp in seiner Einladung schreibt und erklärend die Worte „dadada – dadadadadaaaa daaa“ hinzufügt, erklingt mit den Variationen über “Frère Jacques” erneut ein Werk des hörbar mit Humor begabten Komponisten Hans Uwe Hielscher. Dazu gibt es Pop, Rock, Ragtime und so manchen Ohrwurm, bevor das musikalische Spektakel mit einer Bearbeitung des “Boleros” sein Finale erreicht.

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Musik nicht kaufen

Geschrieben von theiresias am 31. Januar 2010

Kürzlich im Multimediadiscounter: Theiresias, der seine Geschenke grundsätzlich auf den letzten Drücker besorgt, versucht energisch innerhalb von zwei Tagen zwei bei einem kleinen Label in geringer Zahl verlegte Alben zu kaufen. Er nennt dem geschulten Fachverkäufer die Titel Nichtarische Arien und Seltsame Liebeslieder und muss beobachten, wie dieser angesichts des ihm unbekannten Interpreten und der gehörten Titel in tippende Bedrängnis gerät. Der beistehende Kollege sekundiert vorgeblich kenntnisreich, indem er sofort ein Label zu nennen weiß und dem Verzweifelten eine Wegbeschreibung durch die EDV der Form “da musst Du da und da kucken” liefert.
Der Deal scheitert auf Grund Zeitmangels seitens Theiresias (siehe oben).

Derweil sich die beiden Spezialisten durch den Datendschungel kämpfen, fällt der getrübte Blick des Sehers auf eine schwarze und eine weiße Box. Beatles steht darauf. Ob es sich dabei um die Neuüberspielung der Alben handle fragt er. “Ja.” Die Neugier erwacht: Worin sich die Boxen denn unterschieden, immerhin gäbe es ja verschiedene Pakete mit teilweise den gleichen Alben. Hier erreichen wir nun das Ende der Fachkudnigkeit. Das wisse er nicht, meint der vorgeblich Fachkundigere. Die seien ihm eh zu teuer. Wenn er sie haben wollte, würde er sie sich irgendwann auf Platte ziehen.

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ÖPNV 2.0

Geschrieben von theiresias am 16. Dezember 2009

Zwei-Punkt-Null: Dieses Kürzel steht für die flotte kulturelle, politische und gesellschaftliche Integration hipper technologischer Innovationen und solcher, die dies vorgeben zu sein. Das Wichtige an Zwei-Punkt-Null-Technologien ist, dass sie sui generis anwendbar sind und falls nicht, dann findet man im Social-Web via elgooG bestimmt eine Menge anderer Leute, die da auch irgend etwas nicht verstanden haben und auch nur einfach wissen wollen „wie das Gerät geht“. (Hinweis des Autors: Gerät wird hier in seiner denkbar abstraktesten Variante verwendet und bezeichnet quasi alles und nichts, wie üblich in der Zwei-Punkt-Null-Welt). Als nächstes richtet man sich dann mit der Tatsache ein, dass das Gerät nicht so funktioniert, wie von der Werbung oder der Dokumentation (früher Bedienungsanleitung) behauptet. Dem beugen emsige Entwickler inzwischen dadurch vor, dass sie ihren Produkten keine Dokumentation mehr beifügen oder es einfach als Betaversion auf den Markt knallen. Du kriegst es umsonst, dafür musst Du damit rechnen, dass irgendwas vorn und hinten nicht funktioniert. Ungekrönter König in dieser Disziplin dürfte inzwischen ein Konzern sein, der seinen Hauptsitz in Mountain View (Kalifornien, USA) hat.
Kurz und gut: Der/die VerbraucherIn nimmt hin, dass viele technische Geräte irgendwie nicht funktionieren oder von ihm/ihr falsch bedient werden, solange sie noch irgendwie funktionieren. Nach Ursachen forscht sie/er nicht, so lange das Problem „weggeklickt“ werden kann.

Am vergangenen Sonntag fuhr ein Bus die Haltestelle an, dessen Anzeigen sämtlichst schwarz waren. Ich fragte also die Fahrerin, ob es sich um die von mir gewünschte Linie handele und wies darauf hin, dass die Anzeigen nicht funktionierten. „Na ja“, entgegnete die Dame freundlich, „das ist halt noch ein nagelneuer Bus.“ Das Argument leuchtete mir sofort ein. Als ich mich dem Fahrziel näherte, stellte ich erschrocken fest, dass ich meinen Haltewunsch durch Drücken des Knopfes, der in der analogen Welt Klingel hieß, noch nicht kundgetan hatte. Ich drückte also auf verschiedenen Touch-Oberflächen herum und als nichts piepte und leuchtete rief ich panisch: „Ich will an dieser Haltestelle raus. Die Klingel funktioniert nicht.“ Nun war die Freundlichkeit meiner Chauffeurin dahin: „Die funktioniert. Sie müssen nur den richtigen Knopf drücken. Die Knöpfe an der Tür sind nur dafür da, die Türen zu öffnen, wenn der Bus schon steht.“ So ungefähr stelle ich mir die Leute vor, deren Lebensinhalt es zu sein scheint, anderen Leuten in Netzforen um die Ohren zu hauen, sie sollen doch gefälligst mal anständig hinschauen, lesen, oder: „Schon mal was von Google gehört?“

Auf jeden Fall überkam mich nach dem Verlassen des Busses eine ungeheure Erleichterung, denn was wäre gewesen, wenn die Bremsen so gut funktioniert hätten wie die Anzeige oder die Bedienung des Bremspedals äquivalent zur Bedienung der Haltewunschanlage überarbeitet worden wäre.

Diese Überlegungen wollte mein Bruder während eines Telefonats nicht gelten lassen, schließlich ginge die Strecke nur bergauf.

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Die Ehre Gottes aus der Natur

Geschrieben von theiresias am 16. September 2009

Mit diesem Titel eines Liedes nach Texten Christian Fürchtegott Gellerts von Ludwig van Beethoven ließe sich das am 20. September um 18:00 Uhr im Ökumenischen Gemeindezentrum Bergwald stattfindende Benefizkonzert wohl am trefflichsten überschreiben.

Matthias Widmaier (Tenor) und sein Bruder Martin Widmaier (Professor für Klavier) werden ein facettenreiches Programm aus geistlichen und weltlichen Liedern von Haydn, Beethoven und Schubert präsentieren. Zudem wird Martin Widmaier zwei Klavierstücke zu Gehör bringen, die – in Anlehnung an ein rennomiertes Festival – mit Fug und Recht als Raritäten der Klaviermusik bezeichnet werden dürfen. So führen Schuberts Impromptus aus dem Nachlass noch immer ein Schattendasein. Erklingen wird das zweite in Es-Dur. Mit dem zweiten Klavierstück greift Martin Widmaier das bereits vorher vorgetragene Schubertlied Du bist die Ruh erneut auf und lässt es in einer Transkription für Klavier (solo) von Franz Liszt erneut erklingen.

Benefizkonzert
zugunsten neuer Musikinstrumente für den Kindergarten Schalom, Bergwald
Sonntag, 20. September 2009, 18:00 Uhr
Im Ökumenischen Gemeindezentrum Karlsruhe-Bergwald

Matthias Widmaier, Tenor
Martin Widmaier, am neun Bechstein-Klavier des Gemeindezentrums

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Die Spinne im Netz

Geschrieben von theiresias am 24. August 2009

Während des NS-Rgimes war er einer der Kommentatoren der Nürnberger Rassengesetze. Ein paar Jahre später saß er auf einem der bedeutendsten Posten in der jungen Bundesrepublik. Hans Werner Globke war Staatssekretär im Bundeskanzleramt und die rechte Hand Kanzler Adenauers. Wie war es möglich, dass jemand, der damit unzweifelhaft der Ermordung und Deportation unzähliger Menschen den Weg bereitete, bereits wenige Jahr nach der Bankrotterklärung des menschenverachtenden Staates wieder oben auf war?
Die Autoren Jürgen Bevers und Bernhard Pfletschinger begeben sich in ihrem Feature Die Spinne im Netz auf eine biographische Spurensuche. Ihre sorgfältig audiocollagierten Recherchen beantworten jedoch mehr als die oben skizzierte Frage. Das Faszinierende ist, dass die beiden Autoren so wenig wie möglich als gegeben voraussetzen und ihr biographisches Feature am Punkt Null beginnen. Mit akribischer Genauigkeit, sprachlicher Prägnanz und punktgenauem O-Ton-Einsatz legen sie nicht nur dar, dass Globke Mitautor des Kommentars der Rassegesetze war, sondern klären auch, welche Aufgaben er in dieser Funktion genau übernahm. Dabei wird die historische Bedeutung des Kommentars nicht nur auf irgendeine Weise behauptet, sondern kontrovers vermessen.
Mit gängigen Erklärungsmustern geben sich Bevers und Pfletschinger nicht zu frieden. Weder wenn sie detailversessen den Weg Globkes ins NS-Innenministerium beschreiben, noch bei der Markierung seines Weges ins Bundeskanzleramt. So erzählen sie ganz nebenbei einen Teil der Geschichte der konservativen Parteienlandschaft vor 1933 und nach 1945.

Doch Lob gebührt nicht nur der journalistischen Recherche und der Konzeption des Featuretextes, sondern auch dessen radiophoner Umsetzung durch den Regisseur und Redakteur des Westdeutschen Rundfunk Wolfgang Bauernfeind.
Dabei beginnt das Feature kurios und nahezu verharmlosend. Während die Sprecher beschrieben, wie ein Mann ins Bundeskanzleramt einzieht, den einige seiner Zeitgenossen für einen der schlimmsten Nazis halten, erklingt dazwischen leichtfüßige Easy-Listening-Musik, der typische Klang der 1950er Jahre. Ausdruck einer politisch-öffentlichen Scheißegal-Haltung?
Der Featuretext verfolgt die These, dass Globke insbesondere durch sein Wirken im Hintergrund enorme Bedeutung zukommt. Diese These wird 1:1 akustisch umgesetzt. Ob Adenauer, zeitgenössische Radiobeiträge oder andere Teilnehmer des öffentlich-plitischen Geschehens. Ihre Stimmen treten mit seltenen Ausnahmen hörbar hinter der Person Globkes zurück und verhallen.

Dieses Feature gehört sicher zu den hervorragendsten Produktionen des Jahres 2009.

Jürgen Bevers und Bernhard Pfletschinger

Die Spinne im Netz

Adenauers Staatssekretär Hans Maria Globke

Regie: Wolfgang Bauernfeind

Produktion: Westdeutscher Rundfunk, 2009

Ausstrahlung: Montag, 24. August 2009, 20:05 Uhr, WDR 5

Danach hier für eine Woche zum Download

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Musikwarnung: Hochzeit in Moll

Geschrieben von theiresias am 12. August 2009

Frage: Wie viele der Ehen, deren kirchliche Schließung Theiresias musisch betreute, wurden bereits wieder geschieden? Erhebungen konnte Theiresias bis jetzt nicht anstellen, die Frage scheint ihm jedoch berechtigt. Eine Musikerin bzw. ein Musiker muss sich unbedingt fragen, ob das Erzeugnis seines Handwerks denn wirklich erfreut, wie ja bei solchen Anlässen beabsichtigt.
Zumal die musikalische Gestaltung einer kirlichen Trauung wiederum den Kirchenmusiker, vermutlich auch die Kirchenmusikerin, überhaupt nicht erfreut. Deutsche Paare sind was die Musikauswahl bei Ihrer Trauung angeht stereotyp fixiert. Wenn es ganz schlimm kommt, sind beide Hochzeitsmärsche (Wagner und Mendelssohn) zu spielen. Gesungen werden in der Regel folgende Lieder: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, Großer Klotz wir hobeln Dich, Herr Deine Liebe ist wie Gras und Mäusespeck und Danke für diesen guten Morgen (in diversen Umdichtungen, die dann schonmal bis zu sieben Strophen umfassen). Lieder, die nicht generell schrecklich oder schön sind, deren Text aber immerhin etwas schönes freudiges beinhaltet, so dass die Melodien recht schmissig dahinzuspielen sind. Es ist ihnen durchaus nicht abzusprechen, dass sie sämtlichst die Qualitäten gut gearbeiteter Gassenhauer aufweisen. Dies wissend, hat die geneigte Kirchenmusikerin bzw. der geneigte Kirchenmusiker den status quo zu akzeptieren.

Nun erfreuen sich aber seit gefühlten Ewigkeiten auch die Gesänge der Bruderschaft in Taizé ungebremster Beliebtheit. Einfach gehaltene 4stimmige Gesänge, deren Harmonik mal abgesehen von einigen effektvollen Doppeldominanten gepaart mit so manchen Vorhalten und gewürzt mit schwülstigen Quartsechstakkorden grundständige Kadenzmuster nicht überwinden. Viele dieser Gesänge wirken meditativ bis einschläfernd (sicherlich eine Geschmacksfrage), was dadurch bestärkt wird, dass sie so lange zu wiederholen sind, bis sie sich den Singenden in die Synapsen eingebrannt haben. Doch auch diesen Gesängen will Theiresias ihren effektvolle Schnulzigkeit zugestehen, ja sie sind dafür sogar zu loben. Die Musiker in Taizé sind gewissermassen the kings of Spiritual Easy Listening in Europe. Nun gehört ja Theiresias zu den RadiohörerInnen, „die Easy Listening nicht auf die leichte Schulter nehmen“. Folglich lauscht er, wann immer möglich, Götz Alsmanns allmontäglicher Radiosendung (20:05 Uhr, WDR 4, Go Götz Go). Somit ist es für ihn natürlich eine Binsenweisheit, dass Moll die besser Easy-Listening-Tonart ist. Überrascht es da, dass etliche der von den Kings of Spiritual Easy Listening verfassten Songs, sich dieses Modus und seiner reichhaltigen Möglichkeiten bedienen? Man sollte es diesen Meistern nicht vorwerfen.

Ist aber nun Moll die geeignete Klangfarbe für eine Kirchliche Trauung? Was bedeutet dies für die Ehe. Langeweile schon vor dem verflixten siebten Jahr? Scheidung durch musisch intendierte Traurigkeit vorausbestimmt?

Verstehen Sie Theiresias nicht falsch: Natürlich darf es auch in einem Traugottesdienst ruhige und meditative Momente geben, die durchaus mit den Gesängen aus Taizé gestaltet werden können.
Solange jedoch die Frage ungeklärt ist, welchen Einfluss die Kirchenmusik auf die Beständigkeit der Ehe hat, rate ich von Taizé am laufenden Meter ab. Es ist nicht auszuschließen, dass diese Art der musikalischen Gestaltung zu nachhaltigen, bleibenden, trennenden und somit teuren Umständen führen kann.

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