Die Durlacher Orgelnacht, die seit geraumer Zeit alljährlich in der Stadtkirche an der Stumm/Goll-Orgel stattfindet, bringt Orgelmusik unterschiedlichster Couleur zu Gehör. Vom Frühbarock bis zur Gegenwart erklangen hier vermutlich schon fast alle erdenklichen Genres. Mal Orgel solo, mal als Begleitinstrument mit den kuriosesten Partnern wie Saxophon oder Schlagzeug. Dieses Veranstaltung nahmen sich die Organisten der Johanniskirche vermutlich zum Vorbild und luden unter dem Motto OK! – Orgel Kreativ alle nebenamtlichen KollegInnen auf den 23. September zur Langen Nacht der Nebenamtlichen Organisten und ihrer Gäste ein.

Jede und jeder, die oder der Lust hat mitzumachen, soll knapp eine halbe Stunde musizieren. Die Programmgestaltung liegt dabei ganz bei den Ausführenden. Dabei sei alles, was sich abseits der Pfade gängiger Orgelliteratur bewege, sowie Eigenkompositionen, Arrangements und Improvisationen besonders willkommen, schreiben die Initiatoren in ihrer Einladung.
Wie viele andere habe auch ich für diesen Abend ein Programm mit Unterhaltungsmusik zusammengestellt. Die Pfade der Orgelliteratur verlasse ich dabei allerdings nicht. Im Gegenteil: Mit den gewählten Stücken möchte ich wieder einmal dem Klischee entgegentreten, Kirchenmusik sei, steif, ernst bis unzugänglich. Unzählige kirchenmusikalische Werke wurden mit der Absicht komponiert, Freude zu stiften. „Der Gottesdienst soll fröhlich sein” lautet der Titel eines der Eingangslieder im Evangelischen Gesangbuch. Einer dieser immer wieder fröhlichen Gottesdienste ist der Traugottesdienst. Das Eingangsstück zu Fanny Hensels Hochzeit sollte eigentlich ihr Bruder Felix Mendelssohn komponieren, der zu dieser Zeit in England weilte. Da der Herr allerdings bis zum Vorabend der Hochzeit nicht geliefert hatte, verfasste sie am Polterabend selbst ein Präludium. Mit diesem werde ich mein Programm eröffnen.
Einen wichtigen Teilbereich der kirchlichen Orgelmusik bilden Stücke, die Kirchenlieder verarbeiten. Ob es nun ein Marsch, ein Blues, eine Toccata, eine Fuge oder weiß der Kuckuck ist, aus einer simplen Melodie entstehen höchst unterschiedliche Musikstücke. Ein Komponist, dem gefühlt keine Spielart fremd zu sein scheint, ist Carsten Klomp, Als Bearbeitungsvarianten wählt er musikalische Formen vom Barock bis zur Gegenwart, konzentriert sich dabei allerdings auf die Spielarten, die in der Kirchenmusik im deutschsprachigen Raum eher untypisch sind. So klingt eine seiner Bearbeitungen wie ein Blues, eine andere wie ein Abschnitt aus einem Ballett von Tschaikowsky. Seine Bearbeitung zu „Herr Jesu Christ, Dich zu uns wend” kommt daher wie der Eröffnungs- oder Schlusssatz aus einem Concerto grosso.Ähnliche kompositorische Wege beschreitet Susanne Kugelmeier, vielleicht nur etwas konservativer. Der vielleicht stereotypste Popsong, der derzeit im Evangelischen Gesangbuch steht, ist Martin Gotthard Schneiders „Danke für diesen guten Morgen.” In ihren Variationen über das Lied geht die Komponistin über die Formensprache des frühen 19. Jahrhunderts nicht hinaus. Dieser restriktive Ansatz macht das Lied wieder neu und gut hörbar.
Theiresias spielt ab ca. 22:45 Uhr folgendes Programm:
Fanny Hensel, geb. Mendelssohn-Bartholdy (1805-1847)
Präludium in F-Dur
Carsten Klomp (* 1965)
Herr Jesu Christ, dich zu uns wend
Fanny Hensel (1805-1847)
Präludium in G-Dur
Johann Sebastian Bach (1685-1750)zugeschrieben
Fuga in G, BWV 577
William Wolstenholme (1865-1931)
Allegretto
Susanne Kugelmeier (* 1962)
Variationen über „Danke für diesen guten Morgen“
Das komplette Programm und alle Beteiligten finden Sie unter www.orgelkreativ.de.